Partner von
Partner von

Dein bester Freund

Seid ihr.




Der Kleine war fünf und ging in den Kindergarten, als er Hans kennen lernte. Bald waren die beiden dicke Freunde, und natürlicher erzählte der Kleine seinen Eltern von ihm. Die Eltern freuten sich, dass ihr Sohn einen guten Freund gefunden hatte, und fragten regelmäßig, wie es Hans ginge, stellten aber auch fest, dass der neue Kumpan Schattenseiten hatte. Besonders schwierig fanden sie, dass Hans dem Kleinen Sachen erlaubte, die er eigentlich nicht durfte, etwa allein auf den Spielplatz zu gehen. Wenn der Kleine etwas Verbotenes getan hatte, hörten sie oft: "Hans hat gesagt, ich darf das." Es dauerte lange, bis sie begriffen, dass es Hans gar nicht gab.

Etwa ein Jahr lang hatte der Kleine diesen Freund, der nicht existierte, aber auch wenn es etwas befremdlich war, machte sich niemand Sorgen - Kinder haben eben viel Fantasie. Das Ende von Hans kam abrupt: Auf einer Reise hatte der Vater die Idee, seinem Sohn eine Karte zu schicken. Er schrieb: "Hier ist es toll, die Sonne scheint, und ich habe viel Spaß. Viele Grüße, dein Hans." Der Kleine konnte noch nicht lesen, also las ihm die Mutter die Karte vor. Danach rannte der Kleine in sein Zimmer. Noch nach Stunden saß er auf dem Teppich und murmelte: "Es gibt ihn wirklich, es gibt ihn wirklich, es gibt ihn wirklich ..." Keine Sorge, dem Kleinen ist nichts passiert: Hans verschwand, und er wurde erwachsen. Eine seiner Nichten hatte vor ein paar Jahren für einige Zeit ebenfalls eine imaginäre Freundin, aber auch die löste sich schließlich auf. Vermutlich haben alle Kinder solche Freunde, und sei es nur für einen Nachmittag in der Sandkiste oder für die Nacht, wenn es im Schrank rumort. Und wahrscheinlich können Eltern nichts Klügeres tun, als das zu akzeptieren und ihren Kindern ihr Leben zu lassen. Mit der Zeit werden sie sich echten Freunden zuwenden oder denen, die sie für echte Freunde halten - in der Pubertät also vor allem den Stars.

Robbie Williams, Shakira oder Justin Timberlake sind die imaginären Freunde der Generation 12+, und sie tun genau das, was man von Freunden erwarten kann: Sie geben Ratschläge, sind immer für einen da und wissen in jeder Situation, wie das Leben geht. Allerdings ist die Beziehung zu ihnen ähnlich zerbrechlich wie die Freundschaft zu Hans: Robbie Williams im Konzert zu sehen ist kein Problem, denn da erlebt man nur den imaginären Star: eine Idee, die zwei Stunden singt, tanzt und guter Laune ist. Aber wehe, man trifft den Menschen, der möglicherweise sogar schlecht gelaunt ist, depressiv oder verzweifelt angesichts irgendeiner idiotischen Kleinigkeit. Es wäre das Ende einer schönen Freundschaft, der Fan würde erwachsen werden -und für Erwachsene sind imaginäre Freunde verboten.

Es ist wohl kein Zufall, dass die moderne Psychologie sich parallel zur Industriegesellschaft entwickelt hat, denn wie die Kirche und die bürgerliche Moral hat auch sie bei der Normierung der Welt kräftig mitgeholfen: Menschen, die in ihrem Leben nur einen Beruf haben, einen Arbeitsplatz wollen und eine Rente erwarten, finden es vermutlich vollkommen normal, wenn sie auch nur einen Gott, einen Ehepartner und eine Persönlichkeit haben dürfen. Aber möglicherweise sind wir Menschen nicht so simpel. Wir haben Bedürfnisse, die nicht nur über Jahre, sondern auch von Moment zu Moment wechseln, wir haben Gefühle, die sich widersprechen, und wenn man unsere Freunde fragen würde, käme ein wirres Bild heraus: Sie ist schüchtern, nein, sie ist frech. Er ist schweigsam, nein, er ist redselig. Sie ist ängstlich, nein, total mutig. Wir ändern uns mit jedem Gegenüber, unsere Persönlichkeiten sind im Fluss, und das ist auch nicht schlimm, solange wir diesem Fluss ungehindert folgen dürfen.

Ich will nicht behaupten, dass die Psychologie einen Teil der Geisteskrankheiten geschaffen hat, weil sie die Norm erfand, die erst die Abweichung, die Krankheit, möglich machte. Es gibt Menschen, die wirklich leiden. Gabriele Goettle erzählt in ihrem Buch "Deutsche Bräuche" über eine Frau, die mit Fremden am Telefon Dramen inszenierte: Die Betroffenen bekamen am Anfang alle einen Anruf eines ängstlichen Kindes, sie redeten mit ihm, später bedankte sich die Mutter, dann rief das Kind wieder an, eine Beziehung entwickelte sich, bis das Kind krank wurde und starb.

Später stellte sich heraus, dass es kein Kind gab, nicht die angegebene Adresse, keine Beerdigung. In einem Fall hat zumindest jemand die Mutter getroffen, sonst gab es nur Telefongespräche - vermutlich mit verschiedenen Teilen dieser Frau. Und nein, ich glaube nicht, dass die Frau Spaß dabei hatte.

Zum Glück gibt es für die ganz normale Vielfalt des Selbst inzwischen eine neue Welt: das Internet. Im Chat darf man sein, wer man will, und ich vermute, ein Teil des Erfolges liegt darin begründet, dass man gefahrlos zeigen kann, was alles in einem steckt. Eine ähnliche Anziehungskraft haben vermutlich Rollenspiele: Die Annahme, eine blasse Sekretärin würde eine Elfe bloß spielen oder ein Chemiefacharbeiter einen Krieger, ist ebenso fantasie- wie lieblos: Manche Menschen sind auch Elfen oder Krieger, haben aber nie die Gelegenheit, das auszuleben.

Schade ist nur, dass sich die vielen bunten Personen in uns bisher nur im Internet zeigen. Aber das muss nicht für immer so bleiben. In seinem Science-Fiction-Roman "Kleiner Mond für Psychopathen" skizziert der US-Autor Philip K. Dick sehr überzeugend eine Gesellschaft, die auf Geisteskrankheiten aufgebaut ist: Es gibt die manischen Kämpfer, die depressiven Fummler, die hellseherisch veranlagten Schizophrenen und so weiter, und jeder trägt seinen Teil zum gemeinsamen Leben bei. Wenn das geht, geht alles. Ich freue mich besonders auf die Elfen. Toll zu haben, toll zu verschenken: CDs: Jason Forrest - Shamelessly Exciting (Sonig). Aus Kleinst-Samplern zusammengesetzte Hochenergie-Tracks für Leute, die sich schnell langweilen. Dan Hicks - Selected Shorts (Surfdog Records) Das beste Album des Country-Swing-Hippies seit 30 Jahren, gute Laune auf höchstem Niveau. Fiery Furnaces - Rehearsing my Choir (Rough Trade). Sehr eigenwilliges Avantgarde-Pop-Hörspiel für diejenigen, die alles schon mal gehört haben. DVD: Ernst Lubitsch - Ein himmlischer Sünder (20th Century Fox). Ein alter Mann erzählt nach seinem Tod dem Teufel sein Leben, weil er glaubt, er gehöre in die Hölle - aber tatsächlich ist seine gesamte Existenz von der unendlichen Liebe zu seiner Frau geprägt gewesen. Ein Klassiker von 1942, rührender geht es nicht.