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Auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Ein Selbstversuch.

Aller Anfang ist schwer. Das habe ich gewusst. Auch dass man heutzutage nichts mehr geschenkt bekommt, dass nach dem Studium der Ernst des Lebens beginnt und dass der Arbeitsmarkt wirklich ein rauer Acker ist. Was ich nicht wusste: DASS ICH ES MIR VIELLEICHT GAR NICHT LEISTEN KÖNNEN WÜRDE ZU ARBEITEN.




TAG 1 Endlich! Die Diplomprüfungen sind geschafft. In wenigen Tagen werde ich das Diplomzeugnis in Händen halten. Auf geht's! Sofort hinein ins Arbeitsleben. Ich bin hoch motiviert, fühle mich frei und stark. Ich bin Deutschland!

Zwar habe ich noch keinen festen Job, aber einige Erfahrung: Ich habe bereits unterschiedliche Artikel veröffentlicht, einen Projektvertrag für eine Großveranstaltung sowie zwei weitere Aufträge in der Tasche. Nichts Riesiges, aber immerhin ein Anfang. Also werde ich erst einmal freiberuflich arbeiten. Mich selbstständig machen. Ich werde Geld verdienen, mich selbst finanzieren. Schließlich soll man sein Land behandeln wie einen guten Freund -und seinen Kumpels liegt man nicht auf der Tasche. Doch was in der Theorie simpel klingt, ist in der Praxis höchst kompliziert. Einfach so arbeiten - das geht nicht. Nicht in Deutschland.

Diese Erfahrung mache ich bereits am ersten Tag bei meiner zuständigen Gemeinde. Hier melde ich zunächst für 30 Euro mein Gewerbe an. Während ich noch versuche zu verstehen, wofür die Bearbeitungsgebühr anfällt, obwohl ich alles allein ausfülle, drückt mir eine Sachbearbeiterin Formulare in die Hand, mit denen ich eine Befreiung von der Abfallgebühr beantragen kann. Ganz einfach, gleich beim Kollegen im zweiten Stock. Beeindruckend. Mein Gewerbe existiert noch keine fünf Minuten, und schon habe ich einen Kostenbescheid erhalten und einen Antrag zur Befreiung von einer Gebühr, deren Existenz ich bis dahin nicht einmal erahnt hatte. " Tja, modernes Raubrittertum", schmunzelt der Kollege im zweiten Stock, der mir zur Befreiung von der Gebühr verhelfen soll - und dies auch voller Hingabe tut. Nach einigen Umständen ist der Antrag in der Post. Jetzt heißt es erst einmal abwarten.

TAG 2 Schon am nächsten Tag kommt die nächste Hürde. Meine Krankenversicherung lässt mich wissen, dass die Zeit der Studententarife vorbei ist. War ich bisher für rund 56 Euro versichert, soll die exakt gleiche Leistung nun 276 Euro kosten. Das sei der absolute Mindesttarif für Selbstständige. Ich versuche dem Sachbearbeiter geduldig zu erklären, dass ich mir - neben Miete, Nebenkosten, Telefonrechnung und neuerdings der Abfallgebühr - zumindest zum beruflichen Start eine so teure Versicherung nicht leisten kann. Er versteht mich. Helfen kann er nicht. Ich versuche, guten Willen zu demonstrieren und biete ihm an, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Sachbearbeiter lacht.

TAG 5 Die vergangenen Tage habe ich fast ausschließlich mit Vertretern unterschiedlicher Versicherungen verbracht. Versichert bin ich zwar immer noch nicht, habe aber begriffen, dass eine Krankenversicherung ein echter Luxus ist. Ich werde belehrt, dass die Kosten - verglichen mit dem, was man an Leistungen geboten bekommt -günstig sind, wenn nicht gar spottbillig. Und was man alles geboten bekommt: Heilpraktikerbehandlung, Massagen, sogar die Kostenübernahme der Psychotherapie. Versicherungen mit allem Zipp und Zapp. Das Einzige, was ich nicht angeboten bekomme, ist eine Krankenversicherung, die zu mir passt: ausgestattet mit bezahlbaren Basisleistungen.

Wenn Deutschland mein guter Freund ist, ist dort vielleicht Hilfe zu erwarten? Durch meine Arbeit, meinen Verzicht auf Arbeitslosengeld verhelfe ich Deutschland schließlich zu Kosteneinsparungen und dem Land zu einer geringeren Arbeitslosenquote. Also rufe ich beim Arbeitsamt an, das sich nun Bundesagentur für Arbeit nennt und sich der "intensiven und individuellen Betreuung" seiner "Kunden" verschrieben hat.

Nach einigen Versuchen am Telefon gerate ich im modernisierten Amt an meinen ersten Kundenberater. Geschätzte 15 Minuten später kenne ich schon fünf weitere Kollegen. Trotz dieses beeindruckenden Personalaufgebotes halten sich die Antworten zu meinem Start in die Selbstständigkeit in einem recht überschaubaren Rahmen: Ich solle mich doch einfach arbeitslos melden, schließlich sei ich berechtigt! Ich bin sprachlos, glaube aber allmählich besser zu verstehen, wie dieses Land tickt und wie wir zu knapp fünf Millionen Arbeitslosen gekommen sind.

TAG 6 Die Abfallgebühr ist amtlich! Ich erhalte einen Brief des Zweckverbandes Abfallwirtschaft, der so kompliziert formuliert ist, dass ich nur grob erahnen kann, worum es geht. Was ich verstehe: Meine Gebühr wurde auf monatlich 2,80 Euro ermäßigt. Immerhin!

Bleibt die Frage, wie diese Summe den Aufwand rechtfertigt, der bisher getrieben wurde und vermutlich noch getrieben werden wird. Eine komplette Befreiung von der Gebühr sei allerdings nicht möglich, wird mir beschieden, denn die Gebühr sei unabhängig von der konkreten Abfallmenge aufzubringen, ja sogar unabhängig vom konkreten Ort der Ausübung meiner Selbstständigkeit. Ich frage mich ernsthaft, warum ich dann überhaupt eine Abfallgebühr zahlen soll und bitte um Aufklärung. Allerdings per Fax, denn das spart - ganz im Sinne des Zweckverbandes Abfallwirtschaft - Zeit und Kosten. Die muss man als amtliche Abfallgebühr-Zahlungspflichtige schließlich im Blick haben.

Ich nutze die Wartezeit, um meine Gewerbeanmeldung beim Finanzamt voranzutreiben. Da ich bereits begonnen habe zu arbeiten, benötige ich schnell meine Steuernummer, um Rechnungen schreiben zu können. Beim Finanzamt erklärt man mir, dass ich einen zusätzlichen Antrag auszufüllen habe. Immerhin - beim Finanzamt gibt es den Papierkrieg für lau. Aber er hat es in sich. Ich muss meine voraussichtlichen Einkünfte und die Sonderausgaben für mich und meinen nicht vorhandenen Ehemann schätzen und angeben, ob ich den künftigen Gewinn lieber durch eine Einnahmeüberschussrechnung oder durch einen Vermögensvergleich ermitteln will. Des Weiteren habe ich die Wahl zwischen einer Soll- und einer Ist-Versteuerung. Obwohl ich über eine kaufmännische Ausbildung und bestandene Scheine in BWL und Rechnungswesen verfüge, fühle ich mich überfordert. Auch die so genannte Ausfüllhilfe trägt kaum zu meiner Aufklärung bei. Dafür aber zu der Erkenntnis, dass man ohne fortgeschrittene Kenntnisse in Amtsdeutsch keine Chance hat. Für heute gebe ich auf.

ICH BIN DEUTSCHLAND. ABER ICH FÜHLE MICH BERUFS UNFÄHIG. ICH WURDE DAZU GEMACHT.

TAG 7 Ich ertappe mich dabei, wie ich allmählich mein Ziel, schnell selbstständig zu arbeiten, über Bord werfe und über Alternativen nachdenke. Eine weitere Einschreibung als Studentin mit ein paar Jobs nebenbei kommt mir so falsch nun doch nicht mehr vor. Okay, das wäre ein kleiner Betrug, aber die Vorteile? Weiterhin eine günstige Krankenversicherung, Studentenrabatte, Steuerfreibeträge und vieles andere mehr. Und noch was fällt mir ein: Wie wär's mit Schwarzarbeit? Wie viel Zeit allein bliebe, wenn ich nicht ständig diese Formulare ausfüllen müsste! In dieser Zeit könnte ich glatt einen weiteren Auftrag bearbeiten oder das verdiente Geld auf den Kopf hauen.

Letzte Alternative: die Arbeitslosigkeit. Immerhin hat die Bundesagentur mir quasi dazu geraten. Außerdem ist Arbeitslosigkeit direkt nach dem Studium längst gesellschaftsfähig. Nebenbei könnte ich dies in ein paar längeren Artikeln rechtfertigen, anschließend damit durch Talkshows tingeln, Beckmann, Kerner, am Ende Christiansen, und wieder erklären: Ich bin Deutschland!

Nichts da! Zurück zu den Jungs von der Krankenkasse. Das günstigste Angebot liegt immer noch bei 276 Euro. Drunter geht es wirklich nicht, ehrlich, nein also, da könne man nichts machen. Langsam verlässt mich doch der Mut. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich es mir nur leisten können würde, versichert zu sein, wenn ich arbeitslos bin.

Ich rufe noch einmal bei der Arbeitsagentur an und frage nach Zuschüssen, Starthilfen oder Förderung. Keine Chance. Auch die neue Kundenberaterin raubt mir alle Illusionen. Schließlich schlägt sie mir vor, als Selbstständige könnte ich eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abschließen.

Ich bin fassungslos.

Mir ist danach, sofort bei der Bundesregierung, der Kanzlerin oder dem neuen Wirtschaftsminister vorzusprechen und sie aufzufordern, mich nur für einen Tag auf meiner Odyssee zu begleiten. Apropos Bundesregierung. Was ist überhaupt mit der viel gepriesenen Ich-AG? Könnte ich nicht eine Ich-AG werden? Die Dame von der Bundesagentur erklärt mir, dass eine Ich-AG nur von Arbeitslosen angemeldet werden kann und ich diese Anforderung ja wohl nicht erfülle. Allmählich dämmert mir, dass Arbeitslosigkeit einfach eine Voraussetzung für eine berufliche Existenz ist.

Aber die Beamtin lässt mich nicht im Stich. Sie bemerkt offensichtlich, dass ich nicht ganz glücklich bin und gibt mir noch einen tollen Tipp mit auf den Weg. In Sachen Förderung könne ich doch mal bei Banken wegen eines Kredits nachfragen. Für mich ist die Vorstellung, wie ich einen Banker - ohne Sicherheiten und mit meinen zwei ersten Aufträgen in der Tasche - um Geld anpumpe, damit ich meine Krankenversicherung und die Abfallgebühren bezahlen kann, herrlich absurd. Oder tragisch?

TAG 8 Kurze Zwischenbilanz: Mit fachkundiger Hilfe eines Unternehmensberaters habe ich mittlerweile alle Anträge ausgefüllt. Aber mir geht langsam das Geld aus. Noch immer habe ich keine Steuernummer erhalten und kann immer noch keine Rechnung für die erste Rate schreiben. Ich bin immer noch nicht versichert, habe aber tatsächlich mit dem Rauchen aufgehört. Irgendwo zwischen Vorschriften und Paragrafen verflüchtigt sich mein Unternehmergeist. Was ich wollte, war, rasch zu arbeiten, die Akquise voranzutreiben und alle Kraft den ersten Aufträgen zu widmen. Das Einzige, was ich nach vielen gefahrenen Kilometern und unzähligen Telefonaten bisher erreicht habe, ist als Antwort auf mein Fax die jetzt endgültige Festsetzung der Abfallgebühr auf 2,80 Euro. Sie ist zu entrichten für das Bereitstellen von Einrichtungen wie Deponien etc., nicht etwa für die konkrete Benutzung dieser, werde ich schriftlich belehrt. Es handele sich um eine Gebühr für den " rechtlichen Vorteil eine öffentliche Einrichtung nutzen zu können". Ich rede mir ein, dass ich mich nicht aufregen darf. Die komplette Kostenübernahme im Falle einer Psychotherapie kommt mir nun allerdings doch verlockend vor.

Ich bin Deutschland. Aber ich fühle mich berufsunfähig. Ich wurde dazu gemacht. Immerhin habe ich schon ganz viele Tipps bekommen, wie man sich dagegen versichern kann.