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Wall Street verschwindet

Die Börse. Die Banken. Die Händler. Die Clubs. Einst war die Wall Street in New York das Zentrum der Finanzwelt. Das ist lange her.




Die Zwei-Zimmer-Wohnung des Schneiders Mark Lingley ist rammelvoll. Seine Sekretärin Ronnie sitzt im Wohnzimmer am Telefon und preist die neue Hemdenkollektion an. Assistent Brian klopft in der Küche alte lange Damenhandschuhe aus Leder weich, um sie später bei Ebay als Zwanziger-Jahre-Schmuckstücke zu verhökern. Lingley kümmert sich derweil um einen Kunden, einen in New York nicht unbekannten Schönheits-Zahnarzt, der mit seiner sonnengebräunten Frau und dem einjährigen Sohn zum Einkleiden gekommen ist. "Das sieht großartig aus", ruft Lingley, während er an den Schulterblättern Maß nimmt. Später sagt er: "Bei mir zahlt er 400 Dollar für ein maßgeschneidertes Hemd, das woanders das Doppelte kosten würde." Früher hatte Lingley einen Laden an der Wall Street und einen Showroom im World Trade Center mit 30 Angestellten. Zu seinen Kunden gehörten die Großen der Finanzszene wie die Forbes-Familie oder Berühmtheiten wie Schauspieler Robert de Niro. "Ich habe Wall Street angezogen" , sagt Lingley, zieht an seiner Zigarette und täschelt seinen Highland-Terrier Max. "Ich muss höllisch aufpassen, Max isst gern meine Zigarettenstumpen." Lingley hat beim Terroranschlag 2001 alles verloren. Einen Tag vor dem Anschlag war er in seine heutige Wohnung im New Yorker Stadtviertel Chelsea gezogen - und ist nie wieder richtig rausgekommen. Viele seiner Kunden starben bei dem Angriff, andere zogen weg oder verloren ihre Arbeit. Seinen Laden hat er nie wieder aufgemacht. Wenn es ganz schlecht läuft, vermietet Lingley sein Schlafzimmer als Ferienwohnung und übernachtet mit Max im Wohnzimmer. Noch heute hat er oft den immer gleichen Traum: Er sitzt als Passagier im Flugzeug, fliegt über die beiden World-Trade-Center-Türme hinweg und sieht die Stadt. "Dann wache ich schweißgebadet auf", sagt Lingley.

Lingley ist nicht der Einzige, der nicht mehr im New Yorker Finanzviertel arbeitet. Der Terroranschlag beschleunigte nur einen Trend: Wall Street sitzt nicht mehr an der Wall Street - der ehemalige Ort des Geldes und der Kontakte wandelt sich zu einer Touristenattraktion und Wohngegend. Schon lange verwalten die meisten Fondsgesellschaften wie Fidelity ihre Milliarden in anderen Städten, etwa Boston. Und die seit einigen Jahren aufstrebenden Hedge Fonds schlagen ihre Zelte lieber auf dem Lande im zwei Autostunden entfernten Connecticut auf und meiden die Hochhausschluchten zwischen Fulton Street und Exchange Plaza.

Die Investmentbanken ziehen ebenfalls fort. Morgan Stanley sitzt am Times Square und JP Morgan Chase an der Park Avenue. Um ein Haar hätte vor kurzem Goldman Sachs die Stadt verlassen, in letzter Sekunde hielt New York die Finanzexperten mit einem lukrativen Deal in der Nähe von Ground Zero. Auch wenn die Chefs bleiben, das Fußvolk wie Buchhalter und andere Mitarbeiter musste schon lange auf die andere Seite des Hudson Rivers ins steuergünstige New Jersey ziehen. Dort schießen die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden, die Türme von Wall Street sind nur noch unwesentlich höher als die auf der anderen Flussseite - als ob sich die Spitze Manhattans wie ein Kaugummi in die Breite gezogen hätte.

Einige Investoren meiden Wall Street aus Prinzip schon immer: So flüchtete der Börsenguru Warren Buffett bereits in den fünfziger Jahren von New York ins ferne Omaha im US-Bundesstaat Nebraska, um den Blick für das Wesentliche nicht durch das Geschrei auf dem Parkett zu verlieren. Jetzt könnte er zurückkehren, denn es ist stiller geworden. Der technische Wandel treibt einen Keil in die frühere Gemeinschaft: Informationen sind zugänglicher und verbreiten sich rascher. Ein Fondsmanager oder Broker kann seinen Job per Computer überall in der Welt genauso gut ausüben wie an der Bowling Green in Manhattan.

Um halb acht geht es für Lingley los: Er verstaut die Stoffproben und Hemden sorgfältig in einem Rucksack und stopft seine Hosenbeine in seine Socken. Dann steigt er auf sein Mountainbike, mit dem er schneller durch die Stadt kommt als mit der U-Bahn. Er fährt am Fluss, dem Hudson River, entlang und ist in 20 Minuten bei einem Kunden, der bei der Deutschen Bank in der Wall Street 60 arbeitet. "Fahrradfahren ist meine Freiheit", sagt Lingley. "Der Wind bläst mir ins Gesicht, als ob ich mit einem Pferd durch New York galoppieren würde." Noch lange Zeit nach dem Terroranschlag wagte sich Lingley nicht mehr in dieses Gebiet. "Ich spüre die Seelen der Toten in dem Loch", sagt der Schneider. Erst im August 2003 fuhr er wieder dorthin. Genau an diesem Tag fiel der Strom aus - der große Black-out von New York. "Ist das nicht seltsam?" , sagt Lingley. Vor dem Eingang der Deutschen Bank schließt er das Fahrrad an, zupft die Hosenbeine zurecht und fährt sich mit den Händen durchs Haar. "Fast alle meine Kunden sind Mitte 40 und kennen mich schon lange", sagt er. "Und sie alle sind die zukünftigen Chefs in ihren Unternehmen. Irgendwann mach' ich wieder einen Laden auf, aber nicht an der Wall Street." Das Internet verändert die Finanzwelt, da muss sich auch American Express Sorgen machen Sean Hastings trägt nur Bargeld mit sich herum, frisch gedruckte Hundert-Dollar-Scheine, die er beim Bezahlen gern wie ein Kartenspiel auffächert. Wenn er sich mit seinem Geschäftspartner besprechen will, trifft er ihn in der Kneipe "Ginger Man" auf der 36. Straße oder gegenüber in der Bar "Under the Volcano". "Was mir gefällt: Beide sind nach Romanen benannt", sagt Hastings. "Und was mir noch mehr gefällt: Sowohl in Malcom Lowrys ,Unter dem Vulkan' als auch in ,Ginger Man' von J. P. Donleavy trinkt sich der Held zu Tode." Das ist typisch für Hastings. Der Programmierer redet wie aufgedreht, ununterbrochen sprudelt ein Gemisch aus Kuriositäten, Fakten und logischen Ableitungen aus ihm heraus. Sein Unternehmen Wagex ist illegal, sein Partner will nicht mit Namen genannt werden. "Ich mache mir da weniger Sorgen, die amerikanische Polizei liest keine deutschen Magazine", sagt Hastings. Wagex ist eine Risiko-Börse im Internet, auf der Online-Glücksspielunternehmen ihre offenen Wetten an andere Firmen oder Banken weiterverkaufen können - also eine Börse zur Absicherung gegen hohe Wettrisiken.

Hastings passt ungefähr so gut zur Wall Street wie ein Banker in eine Kifferkneipe. Er wohnt in Westchester, einem Pendlerdorf in der Nähe von New York. Wenn seine Frau Jo, eine Immobilienmaklerin, um sechs Uhr morgens zur Arbeit aufsteht, dreht sich Hastings noch einmal im Bett um. So ab zehn Uhr steht er auf und setzt sich im Schlafanzug an den PC, um zu arbeiten. Seitdem er acht Jahre alt ist, arbeitet Hastings am Computer. "Lange versuchte ich an der Universität einen Abschluss zu machen", sagt er. "Aber meistens spielte ich lieber Poker und verdiente mein Geld mit Computer-Consulting." Typen wie Hastings sind Pioniere, die die Finanzwelt revolutionieren. So programmierte er Ende der neunziger Jahre ein Bezahlsystem per E-Mail, mit dem Online-Kasinos ihr Geld transferieren. Internet-Glücksspiel ist in den USA verboten. "Eine scheinheilige Sache, wenn man sich Las Vegas anschaut", sagt Hastings, der sein Programm auf der Karibikinsel Antigua entwarf.

Das Resultat solcher Entwicklungen: die Virtualisierung des Geldes - und ein Verteilungskampf um neue Märkte. So erwächst dem Kreditkaltenanbieter American Express, der im World Financial Center gleich neben Ground Zero sitzt, derzeit ein Konkurrent ersten Ranges: Paypal. Die Ebay-Tochter baut auf das gleiche simple Prinzip wie das von Hastings entworfene System: Kunden lassen sich mit ihren Kontodaten bei Paypal registrieren, Paypal bucht bei einer Bezahlung das Geld ab, schreibt es dem Empfänger auf seinem Paypal-Konto gut und informiert beide Seiten per E-Mail über die Transaktion. Die Kosten trägt der Empfänger. Er zahlt eine Gebühr von bis zu 2,9 Prozent der Gesamtsumme. Er kann das Geld auf sein Bankkonto transferieren oder es auf seinem Paypal-Konto verzinsen lassen und später selbst damit bezahlen. Den Service gibt es bereits in 56 Ländern, in Deutschland ist er allerdings nicht sehr verbreitet - weil hier zu Lande preiswerte Überweisungen üblich sind. Bislang begleichen vor allem Ebay-Kunden ihre Einkäufe per E-Mail. Doch Ebay und Apple, auf dessen iTune-Seite man Musik für den iPod mit Paypal zahlen kann, geben die Richtung vor: Hier entwickelt sich eine internationale Cyber-Währung. Mit 96 Millionen registrierten Nutzem übertrifft Paypal bereits den Kundenstamm von American Express.

Staunend stehen die Touristen an der Ecke Wall Street und Broad Street vor der ehemaligen Konzernzentrale von JP Morgan, gebaut 1914 von dem legendären Finanzier gleichen Namens, und schauen sich die Einschläge an deren Mauer an. Die stammen von einem Bombenattentat 1920. Damals starben 33 Menschen, es gab viele Verletzte, als die vor dem Gebäude abgestellte Pferdekutsche in die Luft ging. Die Attentäter wurden nie gefasst. Die faustgroßen Löcher in der Fassade besserte die Bank damals absichtlich nicht aus, um ihre Unerschütterlichkeit und Unbesiegbarkeit zu demonstrieren. Heute hängt ganz in der Nähe ein Plakat: "Luxuswohnungen zu kaufen" - die von Stardesigner Philippe Starck entworfenen Apartments kosten ein paar Millionen Dollar. Das Gebäude verkaufte JP Morgan Chase vor wenigen Jahren für geschätzte hundert Millionen Dollar.

Es gibt hier immer weniger Büros. Überall dokumentieren Kräne, Bauzäune und Schuttcontainer den Wandel des Finanzzentrums zu einem Wohnviertel. "Alles verkauft sich wie warme Semmeln", sagt Sharon Katzoff, Immobilienmakler von der Corcoran Group. Bei ihren Kollegen heißt das Viertel nicht mehr Wall Street, sondern "Tribeca Ost", in Anspielung auf den nahe liegenden teuren Stadtteil Tribeca, in dessen früheren Warenhäusern Galeristen, Banker und Prominente wohnen.

Familien ziehen in die Wall Street, nicht aber Unternehmen. Ein Grund ist die Angst vor neuen Anschlägen. Außerdem gilt Downtown Manhattan mit seinen mäßigen Restaurants und fehlenden Geschäften als wenig attraktiv für Manager. Daran krankt auch der Wiederaufbau des World Trade Centers: Obwohl die Büromieten weniger als halb so teuer sind wie in Midtown, stehen die Interessenten keineswegs Schlange. Das bereits fertig gestellte World Trade Center Nr. 7 wird nur schleppend vermietet.

Die Händler an der Börse sind ein Relikt - ihre Clubs sind schon fast alle verschwunden Ted Weisberg liebt die Stille und das Meer. Jeden Morgen vor Börsenöffnung sitzt der Aktienhändler in seinem Büro im 35. Stock neben der Börse und schaut auf den Hafen. "Das ist wie ein Gemälde, das sich ständig verändert", sagt der 65-Jährige. An den Wolken am Horizont und der Flagge auf Ellis Island erkennt Weisberg früh, wenn sich der Wind dreht. Manchmal ruft er Segelfreunde an, wenn eine günstige Süd-West-Brise aufkommt. Am Wochenende fährt er mit seiner Yacht gern aufs Meer. "Niemand redet da ein Wort über Aktien", sagt Weisberg, der seine Firma nicht zufällig Seaport Securities genannt hat.

Tag für Tag geht Weisberg in die New York Stock Exchange. Die gigantische Aktienbörse an der Broad Street ist das Zentrum des Finanzviertels. Das an den riesigen Säulen leicht zu erkennende Gebäude wird seit 1865 genutzt, Weisberg arbeitet dort seit 37 Jahren für institutionelle Anleger aus der ganzen Welt. In der Börse kennen alle den runden grauhaarigen freundlichen Mann, der von einer Händlergruppe zur anderen eilt, um nach den besten Kursen zu fahnden. "Ich bin Augen und Ohren für meine Kunden", sagt Weisberg, der an einem ruhigen Tag rund eine Million Anteilsscheine handelt.

Zehn Mitarbeiter arbeiten für Weisberg, darunter seine Tochter Rebecca und sein Sohn Jason. Rebecca kümmert sich im Büro um die Abwicklung, Jason vor Ort um den elektronischen Handel. "Mein Vater wehrt sich gegen Technologie", sagt Jason. "Das stimmt nicht", sagt Weisberg und verweist auf den kleinen flachen PC, den er den ganzen Tag mit sich trägt und auf dem er alle Orders von Seaport Securities überwachen und abwickeln kann. "Aber für Jason ist der Umgang mit dem Computer natürlich einfacher, weil er mit dem Gameboy aufgewachsen ist." Die Zukunft von Weisbergs Job steht in den Sternen. Während in Frankfurt oder Tokio seit Jahren so gut wie kein Mensch mehr auf dem Parkett zu sehen ist, drängeln sich in der weltweit größten Börse noch heute die Händler. Das ist sympathisch und sehenswert, aber antiquiert. Lange Zeit wehrte sich die New York Stock Exchange gegen Veränderungen, allen voran der frühere Börsenchef Richard Grasso. Doch der flog Ende 2003 aufgrund eines Skandals um sein dreistelliges Millionengehalt. Der neue Chef John Thain nimmt weniger Rücksicht auf Traditionen. Im April 2005 kaufte er die elektronische Handelsplattform Archipelago - was den Veränderungen nun Tür und Tor öffnet.

Was die Zukunft bringt, kann man gut am Stock Exchange Luncheon Club im vierten Stock der Börse ablesen. Früher durften die Händler nicht auf dem Parkett essen, und so lief um 12.30 Uhr ein Botenjunge durch die Menge und rief: "Zum Mittagessen! Zum Mittagessen!" Regelmäßig löste das ein Drängeln unter den Brokern aus, die noch einen Platz im Club erwischen wollten. Der Club war die "letzte Bastion des Kapitalismus", wie es in der Eigenwerbung hieß, als er 1898 von Aktienhändlern, Investoren und Industriellen gegründet wurde und als "ruhiger, würdevoller Rückzugsort" dienen sollte.

Wer keinen Anzug und Krawatte trug, kam nicht hinein, wie auch Frauen mit "nackten Armen" von livrierten Kellnern abgewiesen wurden. Im Club tafelten Finanzgrößen wie John P. Morgan, Andrew Carnegie oder Aktienhändler wie John "Black Jack" Bouvier, der Vater von Jacqueline Kennedy Onassis. Dutzende Kellner balancierten Tabletts mit Austern, Champagner oder Tomaten-Klaffmuschel-Saft durch den mit 350 Menschen voll gepackten Raum. Nachmittags stahlen sich Händler vom Parkett hierher, um einen Martini zu trinken oder sich kurz hinzulegen. "Der Klub hatte die besten Eclairs und den besten Fisch in der Stadt", erinnert sich Parketthändler Peter Yahr, der hier 25 Jahre lang jeden Tag zu Mittag aß.

Heute sitzt hier niemand mehr. Wie ein Denkmal steht ein antiquierter Aktienhandelsposten aus Messing im leeren Speiseraum. Das feine Porzellan bleibt im Schrank. Die Rezession und die verschärften Sicherheitsvorschriften nach dem Terroranschlag am 11. September, aber auch die strikte Kleiderordnung halten die Gäste fern. Angetrieben durch Computer und das Internet, beschleunigte sich der Handel zudem in den vergangenen Jahrzehnten enorm. "Ich kann keine Minute vom Parkett weggehen", sagt Yahr. "In dieser Zeit kann sich die ganze Welt verändern." Der Fall von Grasso raubte dem Luncheon Club schließlich den größten Kunden: Der glatzköpfige Börsen-Chef tafelte gern mit Vorständen oder Prominenz wie Cindy Crawford und Michael Douglas - die in die Börse kamen, um den Handel mit einem Schlag auf die Glocke zu eröffnen oder zu beenden. Nach Grassos Rausschmiss strich der Luncheon Club zum ersten Mal in seiner Geschichte die extravagante Speisekarte zusammen und kündigte einigen Kellnern und Köchen. "Der Klub ist eine Einrichtung von gestern", sagt ein einflussreicher Banker und Freund des neuen Börsen-Chefs Thain.

Der Club versucht trotzdem sein Bestes. Aber ob Baseball-Partys oder Weinproben, es ist immer das Gleiche: Die Besucher bleiben aus. Der Klub heuerte einen Ernährungswissenschaftler an, um in Zusammenarbeit mit den Händlern ein neues Mittags-Menü zusammenzustellen. Seitdem gibt es mittags im Bar Room auf Plastiktellern Liquid Assets (Suppe), Opening Bell (Vorspeisen), A Light Trading Day (Salate), Preferred Stock (Fleisch), Offshore (Fisch), Dividends (Nachtisch) und Commodities (Früchte). Alles umsonst: Nach Angaben des "Wall Street Journals" fiel die Mitgliederzahl von 1450 in 1999 auf derzeit 1225.

Das ist der Lauf der Dinge. Ob der Lawyer Club, Bankers Club, City Midday Club oder Harbor View Club - an jeder Ecke von Wall Street zeugten früher die Geschäfts- und Zigarrenklubs von Macht und Einfluss des Finanzviertels. Heute gibt es nur noch drei Clubs. Und trotz der zahlreichen Schließungen hat beispielsweise der feine India House Club am Hanover Square nur 500 Mitglieder: "Es ist noch Platz für 150 bis 200", lässt der Präsident George Gregor elegant ins Gespräch einfließen. Um zu überleben, wandelte der Club 1999 seinen Speiseraum in das Restaurant "Bayard" um. Früher undenkbar, kann heute jedermann abends die Köstlichkeiten des deutschen Spitzenkochs Eberhard Müller genießen, in Clubräumen, die früher Schiffs- und Finanzmagnaten vorbehalten waren.

Ted Weisberg isst jeden Mittag in der Börse ein Sandwich im Stehen. Während er eines mit Erdnussbutter und Marmelade verzehrt, erklärt er: "Für etwas anderes ist keine Zeit." Weisberg ist schon lange nicht mehr im Luncheon Club gewesen. "Natürlich ging es in den achtziger Jahren gemütlicher zu", sagt er, " aber ich will mich nicht beklagen." Weisberg ist kein sentimentaler Typ, als Parketthändler kommt man damit nicht weit. Die Veränderungen an der New Yorker Börse nimmt er gelassen auf. Die Misere des Klubs trifft ihn nicht sonderlich, sagt er und fasst dann die Lage drastischer zusammen, als er vielleicht will: "Es ist das Ende einer Ära."