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Und jetzt?

Was kommt nach dem Abitur? Vier Schüler vom Ratsgymnasium in Wolfsburg erzählen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Von Arbeit und Leben. Von Träumen und Ängsten. Was geht, wenn alles möglich scheint?




Jona, 20 Ich bin sehr unschlüssig, was ich studieren soll, denn ich habe sehr viele verschiedene Interessen. Mein Schwerpunkt liegt eher im geisteswissenschaftlichen Bereich, ich gehe da stark nach meinem Vater: Er hat sehr viele Fächer studiert, unter anderem Theologie, Philosophie, Germanistik, Politik und Geschichte, insgesamt 40 Semester. Eigentlich wollte er an der Uni bleiben, und als das nicht klappte, hat er sich für den Lehrerberuf entschieden.

Ich könnte mir gut vorstellen, Kunstgeschichte oder auch Politikwissenschaften kombiniert mit Philosophie zu studieren. Aber da wird es nachher wohl ziemlich schwierig, einen Job zu finden, wenn man nicht auf Lehramt studiert. Doch das wäre nichts für mich. Meine Eltern sind beide Lehrer und sehr zufrieden mit ihrem Beruf, aber mir würde der Forschungsaspekt fehlen. Ich habe das Gefühl, man lernt als Lehrer irgendwann nichts Neues mehr.

Ich hätte großes Interesse, nach dem Studium in den Journalismus zu gehen. Ich finde es spannend, Dingen auf den Grund zu gehen, und es ist mir wichtig, dass ich mich kreativ betätigen kann und am Schluss ein Produkt in den Händen halte, das ich selbst geschaffen habe. Toll wäre es natürlich, wenn ich später an der Uni bleiben könnte, aber da besteht wohl nur eine geringe Chance, die Professoren bekommen ja heute häufig nur noch Zeitverträge. Aber auch als Journalist muss man meist freiberuflich arbeiten, da ist die Frage, ob man das möchte. Ich bin schon einer, der sich nach Sicherheit sehnt.

Neben den Geisteswissenschaften interessiert mich zunehmend Psychologie. Man hat in vielen Berufen mit Menschen zu tun, aber in diesem Studium steht der Mensch wirklich im Zentrum. Ich weiß allerdings nicht, ob mein Fell dick genug ist, um in der Psychiatrie tätig zu sein. Im Moment könnte ich mir eher vorstellen, Arbeits-, Organisations- und Betriebspsychologie zu studieren und dann vielleicht ins Personalwesen zu gehen.

Natürlich lässt es mich nicht kalt, wenn ich nach einem Studium mit schlechten Jobchancen rechnen muss. Deswegen überlege ich mir auch, ob ich doch eher Psychologie studieren soll als ein geisteswissenschaftliches Fach. Andererseits ist das, was später passiert, stark von einem selbst abhängig. Ich sehe das auch bei meiner Familie: Meine Eltern und mein Bruder haben viel aus ihrem Leben gemacht, und ich arbeite ebenfalls viel für die Schule, im Moment habe ich einen Notendurchschnitt von 1,8. Ich bin nicht besonders begabt, aber ich gebe mir viel Mühe. Ich bin überzeugt, dass man dadurch viele seiner Ziele erreichen kann.

Ricardo, 20 In ein paar Jahren möchte ich zurück nach Ecuador gehen und dort ins Immobiliengeschäft einsteigen. Seit ich 15 bin, lebe ich in Deutschland. Meine Mutter kam schon etwas früher, um Arbeit zu suchen. Mein Vater hat uns früh verlassen, deshalb musste sie alleine für uns Kinder sorgen. Meine Mutter ist jetzt wieder verheiratet und lebt seit kurzem in Spanien. Dort wohnt auch mein Bruder Mauricio mit seiner Familie. Er ist selbstständig und installiert Computernetzwerke. Pablo, mein anderer Bruder, lebt in Ecuador. Er hat ein kleines Restaurant, Kochen ist seine Leidenschaff. Eigentlich hat er Maschinenbau studiert, aber das hat ihm nicht gefallen. Ich lebe also zurzeit alleine hier in Wolfsburg.

Meine Brüder und ich möchten in Ecuador gemeinsam etwas aufbauen. Wir planen so genannte Cavanas, Ferienhäuser für Touristen, und ein Hotel. In Deutschland wäre das zu teuer, aber dort bekommst du für 40 000 Euro ein Haus mit Schwimmbad und allem Drum und Dran. Dann denken wir noch über eine Autowerkstatt nach. Die Leute in Ecuador sind arm, bevor sie sich ein neues Auto kaufen, reparieren sie lieber das alte. Mein Bruder Mauricio kennt sich in dem Geschäft aus, er hat früher Autos vom Schrottplatz fit gemacht und verkauft. Vielleicht könnten wir auch ins Oldtimer-Geschäft einsteigen, aber darüber habe ich mit meinen Brüdern noch nicht gesprochen.

Unser Ziel ist es letztlich, etwas aufzubauen, von dem auch unsere Kinder und Enkel noch etwas haben. Allerdings fehlt uns bisher das Kapital. Deswegen will ich Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Ich glaube, dass dieser Beruf sehr gefragt ist und dass man da gut verdienen kann. Während meine Brüder anfangen, in Ecuador alles aufzubauen, werde ich wohl erst mal hier bleiben und Geld in unsere Projekte pumpen.

Neben meiner Familie ist auch der Glaube in meinem Leben sehr wichtig. Vor etwa drei Jahren habe ich zu Jesus gefunden. Damals hat mich eine Bekannte meiner Mutter zur Jugendstunde in einer freievangelischen Gemeinde mitgenommen, obwohl ich eigentlich keine große Lust darauf hatte. Aber als ich mir das angeguckt habe, merkte ich, dass das gar nicht mystisch ist und dass die auch nicht den ganzen Tag Ave Maria beten oder so. Ich habe mich dort wirklich wohl gefühlt, und mir war bald klar, dass das Christentum das Richtige für mich ist. Seitdem bin ich Jugendleiter in der Gemeinde. Ich bereite für die Jugendstunde Themen und Lieder vor und organisiere auch Jugendgottesdienste mit.

Ich überlege mir, wie sich meine berufliche Zukunft mit meinem Glauben verbinden lässt. Dass ich Christ bin, heißt nicht, dass ich auf der Straße Leute bekehren muss, aber es kann sein, dass ich einer sein werde, der solche Leute finanziell unterstützt. Mein Vorbild ist Jesus. Er hat einen Beruf gelernt, Zimmermann, und ist dann in die Mission gegangen. Deshalb denke ich auch, dass ich da nichts überstürzen sollte. Ich möchte erst mal einen Beruf haben und dann gucken, ob Gott zu mir sagt, geh hinaus und predige, oder ob er sagt, okay, mach weiter so, erst mal ist das deine Aufgabe.

Milena, 19 Eigentlich würde ich gerne Kommunikations- und Medienwissenschaften studieren. Ich finde es spannend, wie die Medien die Menschen beeinflussen, wie sie sich vom Radio bis zum Internet entwickelt haben und wie sich die Kommunikation in der Gesellschaff dadurch verändert hat. Für das Studium würde ich gerne nach Erfurt gehen, die Universität dort hat einen sehr guten Ruf. Die Zulassungsbedingungen sind ziemlich hart, das wäre eine Herausforderung für mich, aber nach dem Studium stehen einem viele Möglichkeiten offen: Man kann zum Beispiel in den Pressebereich gehen, in den Journalismus oder ins Personalwesen, was mich besonders interessiert.

Andererseits machen mir die vielen Möglichkeiten Angst, man hat nichts Handfestes. Daher habe ich mich für einen dualen Studiengang bei Volkswagen (VW) beworben, als Speditionskauffrau mit Zusatzqualifikation Transport- und Logistikmanagement. Meine beste Freundin hat sich ebenfalls bei VW beworben und macht den dualen Studiengang mit Maschinenbau. Das hat mich darauf gebracht, dass so ein Studium eine Alternative sein kann. Damit habe ich die Sicherheit, dass ich hinterher einen Beruf habe. Und Speditionskauffrau ist nichts, was mir nicht liegen würde. Man hat viel mit Koordination und Organisation zu tun, das gefällt mir. Außerdem würde Transport- und Logistikmanagement zu meinem Leistungskurs Erdkunde passen.

Meine Eltern sind beide bei Volkswagen. Mein Vater ist Konstrukteur, meine Mutter ist Planerin. Meine Eltern würden mich bei jeder Entscheidung unterstützen, aber sie sind froh, dass ich mich für VW entschieden habe. Sie möchten, dass ich später einen richtigen Beruf habe und unabhängig bin. Mit einem guten Abschlusszeugnis hat man bei Volkswagen bestimmt gute Chancen, nachher übernommen zu werden. Ich glaube auch, dass ich dort nicht ganz unten anfangen muss und mehr Aufstiegsmöglichkeiten habe als nach einem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaften. Im Moment reicht mein Notendurchschnitt allerdings noch nicht für VW.

Meine Cousine ist 34 Jahre alt und bekommt bald ihr erstes Kind. Sie war Beamtin und hat sich bis zur Großinspektorin im Gebäudemanagement hochgearbeitet. Jetzt kann sie sagen, ich habe was erreicht, jetzt möchte ich Familie, Ruhe, Kind. Diese Vorstellung habe ich eigentlich auch: Eine Familie gründen liegt sicher irgendwann drin, aber erst mal möchte ich auf eigenen Beinen stehen.

Philipp, 19 Als kleiner Junge wollte ich immer Bauer werden. Bis ich sieben Jahre alt war, haben wir auf dem Hof meiner Großeltern in Bad Sassendorf in Nordrhein-Westfalen gewohnt. Die Eltern meiner Mutter haben die Landwirtschaft aber schon in den siebziger Jahren aufgegeben, als Bad Sassendorf zum Kurort wurde. 1994 sind wir hierher gezogen, weil mein Vater ins Landwirtschaftsministerium in Sachsen-Anhalt gewechselt hat. Er ist dort für die Verpachtung von Ackerflächen zuständig. Wir wohnen hier in einem kleinen Örtchen, Waldhof, zehn Kilometer von Wolfsburg entfernt. Es gibt dort mehr Kühe als Einwohner, glaube ich. Meine Großeltern väterlicherseits haben dort ihren Betrieb gehabt und von der Landwirtschaft gelebt, bis mein Großvater gestorben ist.

Wir betreiben ebenfalls Landwirtschaff, aber nur noch nebenbei. Unser Hof ist 40 Hektar groß, das würde nicht ausreichen, um davon zu leben. Einen größeren Hof zu haben ist ein Traum von mir und meinem Vater gewesen, aber das ist auch eine Frage des Geldes. Meine Mutter ist Lehrerin, die ist in der Landwirtschaft gar nicht so drin, und meine beiden Schwestern interessieren sich auch nicht sehr dafür. Eigentlich kümmern sich nur mein Vater und ich darum.

Wir betreiben Ackerbau, Getreide, Rüben und Raps. Im Sommer bin ich oft draußen mit dem Traktor unterwegs, auch für die Nachbarn. Eigentlich mache ich das die ganzen Ferien über. Ich bin jemand, der nicht Nein sagen kann. Das ist manchmal ein bisschen problematisch mit meinen Freunden, wenn man abends was machen will und nicht weg kann, weil wieder was zu tun ist. Ich war schon oft kurz davor zu sagen, jetzt reicht's mir, jetzt mache ich mal ein paar Wochen Pause. Aber das geht einfach nicht, ich habe da eine Verantwortung. Wenn zum Beispiel mein Vater nicht da ist und die Arbeit nicht gemacht wird, ist das nicht gut. Also sage ich, okay, ich mach' das.

Die Idee, Jura zu studieren, kam mir vor ungefähr zwei Jahren. Mein Vater kennt viele Juristen, und das Thema interessiert mich schon lange. Mir wurde immer wieder gesagt, es gebe schon so viele Juristen, aber da muss man sich halt spezialisieren. Ich überlege, in Richtung Wirtschaftsrecht zu studieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass in den kommenden Jahren mehr Wirtschaftsjuristen gebraucht werden, etwa durch die Globalisierung, weil viele Firmen fusionieren. Ich überlege außerdem, nebenbei Landwirtschaft zu studieren. Bekannte haben mir neulich gesagt, dass es kaum Agrarjuristen gibt, weil viele Leute keinen Bezug zur Landwirtschaft haben. Da der bei mir vorhanden ist, wäre das vielleicht keine schlechte Idee. Ich würde gerne Landwirte vertreten.

Wenn ich studiert habe, würde ich vielleicht in eine Firma gehen, die hier in der Nähe angesiedelt ist, sodass ich später bei uns zu Hause wohnen kann. Deshalb würde ich auch gerne in Göttingen studieren, das ist nicht so weit weg. Dann kann ich, wenn größere Arbeiten anstehen, am Wochenende schnell rüberfahren. Aber die meiste Arbeit, Ernte und Bestellung, fällt ohnehin in die Semesterferien.

Wenn ich mir vorstelle, wie ich während des Studiums in Göttingen wohne und dass ich den ganzen Tag nur in der Wohnung bin und an der Uni, sehe ich für mich vielleicht ein Problem. Wenn ich dann daran denke, dass ich jetzt auch mit dem Traktor rumfahren könnte, wird mir die Aussicht auf die Landwirtschaft am Wochenende noch befreiender vorkommen als heute. Dann ist es vielleicht nicht schlecht, im Sommer aufs Land zu gehen, zur Arbeit und zur Entspannung. Ich glaube, das kann man gut verbinden. Hoffe ich jedenfalls.