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Echter Luxus

Ein Besuch auf der Karibikinsel Dominica.




Dominica ist kein Ort, an dem man Luxus vermutet. Es ist eine arme, fast tragische Insel, um die sich die Kolonialmächte stets eher halbherzig gestritten haben: Bodenschätze gibt es nicht, und für große Plantagen ist das bergige, dicht bewaldete Land ungeeignet. Von 1805 an gehörte die Insel zu Großbritannien, bis sie im November 1978 unabhängig wurde. Nicht mal ein Jahr später, im August 1979, verwüstete ein Wirbelsturm das Land und machte 75 Prozent der Einwohner obdachlos. Derart vom Pech verfolgt ging es weiter, mit einem korrupten Premierminister, einer gebeutelten Landwirtschaft und unzähligen gescheiterten Projekten - das Glück ist auf Dominica selten zu Gast.

Herta kam 1980 zufällig auf die Insel, zu einem Zeitpunkt, als die Einheimischen sie in Massen verließen. Ihr gefielen Landschaft und Menschen, und so gründete sie ihr Hotel "Sister Sea Lodge", das heute aus sechs Apartments besteht. Alles war schwierig, denn irgendwas fehlte immer, einige Zeit gab es nicht mal Steine, sodass Herta ihre Ziegel selbst brennen musste. Noch heute existieren solche Engpässe, erst im vergangenen Jahr stoppte im gesamten Land für drei Wochen jegliche Bautätigkeit, weil es keinen Zement gab. Herta hatte es auch sonst nicht einfach, schließlich verklagte sie sogar ihr ehemaliger Partner, am Ende musste sie ihm nachträglich die Arbeit am gemeinsamen Projekt bezahlen. Doch sie liebt ihre Anlage und ihren riesigen Garten voller Bananen, Mangos und Orangen, und wenn sie hinter dem Tresen ihrer üppig dekorierten Bar steht, vor ihr das Meer und dahinter der Horizont, hinter dem jeden Abend die Sonne mit viel Trara verschwindet, dann kann man sie lachen hören, laut und entschlossen. Das ist ihr Leben. Und so will sie es.

Bis in die sechziger Jahre waren große Teile der Insel schwer zugänglich, sodass die Menschen in den abgelegenen Dorfgemeinschaften extrem aufeinander angewiesen waren. Solidarität war eine selbstverständliche Notwendigkeit, die erst zu bröckeln begann, als dank des Straßenbaus die Mobilität wuchs. An der Küste haben zwei weitere Faktoren die alte Ordnung zerstört: Das US-Kabelfernsehen hat mit seinen Mittelstandsmärchen die Erwartung an den Lebensstandard enorm erhöht. Und der Kreuzfahrttourismus verbreitet die Illusion vom schnellen Dollar. Leider geben Tagestouristen auf der Insel durchschnittlich aber nur zehn Dollar aus, viel weniger als Langzeiturlauber, und so bringen sie nicht, worauf die Regierung ebenso gehofft hat wie die im Hafen herumlungernden Bettler: viel Geld für wenig Aufwand.

Mark kommt aus London. Er ist leise, höflich, sehr zurückhaltend, und so kann man sich leicht vorstellen, warum er sich früher als Songwriter in seiner alten Heimat nicht durchgesetzt hat. Er kam 1999 nach Dominica, um ein Hotel zu bauen, von dem er immer geträumt hat. Sein "Beau Rive" ist im alten Kolonialstil designt, mit Räumen so großzügig, als seien sie gemacht, um darin zu tanzen. Er hat drei Jahre an dem Hotel gearbeitet, ist einem Betrüger in die Hände gefallen, stand schon kurz vor der Pleite, und nun, wo alles läuft, plant jemand direkt gegenüber ein neues Hotel. Doch Mark spricht lächelnd über den Ärger, jeden Tag kocht er für seine Gäste, während er Musik hört, seine 82-jährige Mutter spielt zum Dinner Klavier, und er geht mit Schritten wie auf Samt durch sein Haus. Ein Ort, an dem er sein will.

Die Lebenserwartung auf Dominica ist sehr hoch, die Wasserversorgung sehr gut, Kubuli, das Inselbier, sehr lecker und die Landschaft wunderschön. Doch abgesehen davon, ist die Insel der Albtraum eines Neoliberalen: Das Land lebt seit seiner Unabhängigkeit vor allem von Entwicklungshilfe und ausländischen Finanzierungen, und die Bevölkerung will ebenfalls Almosen. Die Landwirtschaft finden vor allem die Jüngeren viel zu anstrengend, andere Arbeit ist auch nicht besser, und so überlassen sie die lieber illegalen Einwanderern aus Haiti, derweil sie kiffend an der Straße warten, dass jemand Geld verteilt. Und wenn doch mal einer die Initiative ergreift, blockiert ihn die Bürokratie, so gut sie kann - besser es passiert nichts als gegen ihre heiligen Regeln. Und das auf einer Insel, auf der alles fehlt, Handwerker, Geschäfte, Unternehmen, wo man tun könnte, wozu man Lust hat.

Ron ist seit 30 Jahren Koch. Er hat riesige Festsäle bekocht und reiche Leute, Restaurants und Krankenhäuser. Nun führt er seit acht Jahren mit seiner Frau Jean und seiner Tochter Tiana in einem Tal, in dem etwa ein Dutzend Menschen leben, das "Crescent Moon Cabins" mit vier Hütten. Die Familie baut ihr Gemüse an, stellt Käse her, lässt von einem Farmer ihren eigenen Kaffee anpflanzen und Soja für das selbst gemachte Tofu, seine Tochter stellt Aroma-Öle her, natürlich in Handarbeit. Ron kocht ausschließlich für seine Gäste, also für höchstens acht, doch für mehr, sagt er, kann man sowieso nicht anständig kochen. Das Essen ist fantastisch, besseres gibt es nicht auf Dominica. Natürlich ist Ron stolz darauf, aber wichtiger ist ihm, dass er unabhängig ist, Selbstversorger, und dass er in einer Gemeinschaft lebt, mit seiner Familie und anderen Farmern. Es ist ein Spiel, sagen Jean und Ron, sie probieren etwas aus. Und es ist das, was sie wollen.

Ich glaube, das ist echter Luxus. Wir leben in einer Welt, in der es nichts umsonst gibt. Deshalb müssen wir permanent arbeiten, und jede Hoffnung auf Unterstützung ist eine Hoffnung auf die Arbeit anderer. Arbeit ist eine Grundbedingung unseres Lebens. In dieser Situation zu tun, was man will, unter Umständen, die man sich selbst ausgesucht hat, bedeutet eine Notwendigkeit in eine Rarität zu verwandeln. In Luxus. Herta, Mark und Ron haben das sogar auf Dominica geschafft.