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Das Lebensmittel

Geld ist nicht alles. Es kann sogar sehr wenig sein, wenn wir es nicht als Kapital begreifen. Das ist der Unterschied zwischen Schein und Sinn.




I. 10 - 1 = ?

Wenn etwas fehlt, ist es immer einer gewesen.

Der große amerikanische Cartoonist Gary Larson zeichnet vorzugsweise Tiere, die sich verhalten wie Menschen. In einem seiner tiefsinnigsten Cartoons geht es um Eigentum, und die Helden der Geschichte sind zwei Hunde in einer Hütte. Der eine der beiden ist ein offensichtlich einfältiger Vierbeiner mit hängenden Ohren und sichtbarer Zungenspitze, ein Sinnbild der Anspannung, der geistigen Konzentration. Er bemüht sich zu verstehen, was ihm sein Kumpel zu sagen hat. Der ist von der Sorte, die wir einen coolen Hund nennen. Er trägt eine Ray-Ban-Sonnenbrille, sitzt aufrecht und locker in der Hütte. Er weiß Bescheid, und das klingt ungefähr so: "Pass mal auf, mein Guter: Vorher hattest du zehn Knochen. Dann kam dein Freund Bollo vorbei. Jetzt hast du noch neun Knochen. Man muss nicht Lassie heißen, um zu wissen, was da gelaufen ist." Natürlich. Wenn etwas fehlt, hat es jemand geklaut. Der Knochen ist des Hundes wichtigstes Kapital. Und ganz gleich, ob es jemand geklaut hat oder ob es flüchtig ist: Das bringt nicht nur Zwietracht bis in die kleinste Hundehütte, das ruiniert auch unser schönes Land. Freund Bollo, der finstere Kapitalist, hat das Kapital geklaut und es weit weg von der Hundehütte verbuddelt, dort, wo der alte Eigentümer nichts mehr zu melden hat.

Es ist Zeit, Globalisierungsalarm zu blasen.

Oder Fragen zu stellen. Was macht eigentlich ein Hund mit neun Knochen - von einem langen Gesicht abgesehen? Reichen die nicht? Und: War es wirklich Freund Bollo?

Wer ist der Kapitalist?

Wo ist das Kapital?

II. Folklore und Drogen Und noch eine Frage: Was ist das Kapital eigentlich? Auf all diese Fragen gibt es nahezu immer die gleiche Antwort, nämlich keine: Es ist, nun ja, irgendwie nicht gut. Es ist fester Bestandteil der Folklore, dass das Kapital und der Kapitalist an und für sich etwas Fremdes sind, etwas Bedrohliches. Nicht nur in Hundehütten hat das Wort einen schlechten Klang.

Das Kapital ist nicht gemütlich, nicht romantisch, sondern etwas ganz Nüchternes. Stellen wir uns mal folgende Szene vor: Abends, in einer angenehmen Runde, mit durchaus anregenden Menschen, kommt jemand auf die Idee und sagt: "Was macht eigentlich das Kapital? Passt mal auf." Und liest dann folgende Zeilen vor: "Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen." Das klingt sehr, sehr ungemütlich. Und es ist so gar nicht politisch korrekt. Sich und das, was man tut, mit "nüchternen Augen anzusehen", mehr noch, dazu "gezwungen" werden? Das klingt nach neoliberaler Lyrik.

Tatsächlich ist diese Erklärung von Kapital und seiner Wirkung der Feder der Herren Karl Marx und Friedrich Engels entsprungen. Das dazugehörige Buch heißt " Manifest der Kommunistischen Partei" und ist seit fast 160 Jahren auf dem Markt, also ein Longseller. Das Kapital, wussten die Herren, verändert die Welt und die Menschen fundamental. Es setzt sie der Realität aus. Das Kapital ist pure Welt und reale Wirtschaft.

Das wollen viele nicht hören, wollten es nie, auch wenn sie sich einreden, mit Marx und Engels ganz grundsätzlich einig zu sein. Das Kapital macht nüchtern. Und das ist nicht jedermanns Sache. Was wäre echte Folklore ohne Rausch oder zumindest einen kleinen Schwips?

III. Die Bilanz Nun wissen wir: Drogen sind keine Lösung. Und der Tag des Katers danach ist längst angebrochen. Da zeigt sich, dass das Kapital in einer ihm feindlich gesonnenen Umgebung nicht länger bleiben will. Aus zehn Knochen werden neun, und der Rest macht sich Gedanken über die Ausreise. Wo Menschen gehen, folgt ihnen ihr Schatten, das Kapital.

Da hilft kein Alka-Seltzer, da hilft nur Wissen. Was hat das Kapital geleistet? Anders gesagt: Was hat es in der Zeit, die wir Kapitalismus nennen und die vor etwa 200 Jahren mit der Industrialisierung Europas begann, vorzuweisen? Ist das Kapital Feind oder Freund?

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat 2001 die Leistungen des Kapitalismus nüchtern bilanziert. Dabei wurden über eine Zeitspanne von rund 1000 Jahren die volkswirtschaftlichen Daten der Weltregionen und Kontinente miteinander verglichen. Das kann man sehr gut, denn über diesen Zeitraum wissen wir Bescheid. Man kann feststellen, mit wie viel Waren und Geld - umgerechnet auf den Dollar - Menschen vor einem Jahrtausend auskommen mussten. Wir wissen, dass die großen Handelszentren der Welt vor einem Jahrtausend noch in Asien lagen, gefolgt von jenen in Nordafrika und dem Levante-Raum.

Im Jahr 1000 nach Christus verfügte ein durchschnittlicher Bürger Asiens über ein Pro-Kopf-Einkommen, das heute 450 Dollar entspricht. Sein afrikanischer Kollege verfügte über 416, ein Westeuropäer über 400 Dollar. Rund 1000 Jahre später hatte sich das Pro-Kopf-Einkommen eines Afrikaners verdreifacht - in Westeuropa hingegen war das Einkommen pro Kopf auf das 44-fache gestiegen, auf nahezu 18 000 Dollar im Jahr. Diese Entwicklung ging aber nicht allmählich vor sich: Bis zu jener Zeit vor etwa 200 Jahren, zu der die industrielle Revolution und mit ihr der internationale Kapitalismus auf den Plan getreten, war, wie der Berliner Sozialwissenschaftler Hans-Peter Müller schreibt, "der Normalzustand die Stagnation: eine fast stationäre Wirtschaft". Diese im eigenen Saft gärende, jeder Veränderung mit Argwohn begegnende Ökonomie wuchs pro Jahr um nur 0,1 Prozent.

Im Zeitalter des modernen Kapitalismus aber springt der Wachstumsmotor an. In Deutschland beträgt das Wachstum zwischen 1870 und 1989 im Schnitt zwei Prozent pro Jahr, oder anders gesagt: Etwa alle drei Jahrzehnte verdoppelt sich das Volumen und damit der Wohlstand. Diesen " Wohlstand der Nationen", den Adam Smith in seinem gleichnamigen Hauptwerk im Auge hatte, erreichen nur Gesellschaften, in denen kapitalistische Prozesse möglich sind. Und dieser Wohlstand ist keineswegs der Wohlstand weniger.

Am Ende des Beobachtungszeitraums der OECD-Studie sind die 25 rührenden Wirtschaffsnationen der Welt identisch mit den 25 Ländern, in denen das höchste Lohnniveau herrscht. Andererseits hat es im selben Zeitraum kein einziges planwirtschaftlich organisiertes Land in diese Rangliste geschafft. Nicht weniger wichtig ist der Zusammenhang zwischen Demokratie und Kapitalismus: Die Top-25-Wohlstandsnationen sind durchweg stabile Demokratien, die planwirtschaftlichen Nachzügler überwiegend Diktaturen oder halbseidene Regime. Nüchtern betrachtet geht es Menschen im Kapitalismus besser. Es herrscht deutlich mehr Gerechtigkeit, vor allem auch Verteilungsgerechtigkeit. Der Kapitalismus fördert, nüchtern betrachtet, die Demokratie. Das liegt daran, dass das Wesen des Kapitals zutiefst sozial ist.

IV. Schafsköpfe Glauben wir nicht? Dann gehen wir mal kurz auf die Schafsweide.

Dort, auf diesem scheinbar idyllischen Platz, wurde das Kapital geboren. Das Wort Kapital entstammt dem lateinischen caput, was so viel wie Kopf bedeutet, genauer: Schafskopf.

Vor rund 10 000 Jahren begannen unsere Vorfahren, Schafe als Haus- und Nutztiere zu halten. Sie lieferten Milch, Wolle, Fett und Fleisch. Wer darüber verfügte, dem ging es besser als anderen. Allerdings dachte damals noch niemand daran, die Anzahl und Menge der Schafe, die er besaß, zu quantifizieren. Ob 10 oder 22 Schafe halfen, die persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen, war für die frühen Bauern zunächst mal schnuppe. Schließlich war man Selbstversorger, ein Autonomer. Das ist heute wieder ein großes Wort geworden, obwohl es nichts anderes bedeutet, als sich selbst zu genügen. Das Problem mit der Autonomie ist, dass man mit ihr nicht weiter kommt als vor die eigene Nase. Das liegt an den anderen.

Die Zahl der Menschen nahm zu. Autonome begegneten Autonomen, und sie begannen, sich miteinander zu beschäftigen. Sie stellten dabei fest, dass jeder der Selbstversorger ganz besondere Fähigkeiten und Talente hatte, mit denen er eine bestimmte Sache besser machen konnte als sein Nachbar. Diese Einsicht führte zunächst zu Raubüberfallen, die sich aber wiederum im Laufe der Zeit auch für die Ausführenden als mühsam, riskant und gefährlich herausstellten. Es tauchte eine wichtige Frage auf: Wie kam man an das heran, was der Nachbar hatte und man selbst gern hätte - und blieb dabei auch noch am Leben?

Wie wäre es mit Tauschen?

Irgendein Schafsbesitzer muss diese Idee gehabt haben. Er bot seinem Nachbarn statt Prügel einen Haufen Wolle an, dafür erbat er sich vielleicht etwas trockenes Holz. So ungefähr muss das erste Handelsabkommen ausgesehen haben. Der Nutzen sprach sich herum: Jeder bekam, was er wollte, und blieb dabei auch noch unversehrt. Eine Revolution.

Die Entdeckung des Handels hatte aber eine wichtige Konsequenz. Man musste von nun an die Güter, die man tauschte, also Wolle, Holz, Getreide, Fett oder Milch, in zwei Kategorien trennen. Die Menge, die man selbst brauchte, und die, die für den Handel zur Verfügung stand. Einer der ersten Schritte auf diesem Weg bestand darin, die Köpfe der Schafe zu zählen, also das Kapital zu ermitteln. Waren es mehr, als man selbst brauchte, wurden sie zur Ware für den Tausch.

Der zweite Schritt war die Ermittlung des Wertes dieser Ware. Wie viel Fett bekam man für wie viel Wolle? Wer fror, aber Fleisch hatte, der gab für Wolle mehr als ein Schnitzel ab. Wer Durst hatte, dem war ein Beutel Schafsmilch wichtiger als ein Lammsteak. Und schnell lernten die frühen Händler, dass es zwar gut war, einen möglichst hohen Gegenwert für die eigenen Produkte zu erhalten, dass es aber auch schlau war, seinen Handelspartner nicht zu ruinieren. Nüchtern betrachtet war das die richtige Strategie. Wer Wolle oder Schnitzel vorteilhaft tauschte, erhielt mehr dafür, als er an Arbeit, Material und Futter investiert hatte. Er schaffte so Mehrwert. Damit konnte er neu investieren, in das vorhandene Kapital, also die Schafe, oder in nützliche Innovationen, zum Beispiel einen Schäferhund. Das Kapital wird zum Lebensmittel.

V. Die Erfindung des Geldes In dieser Welt war Kapital eine ganz normale Sache. Man tauschte, was man brauchte, und erzielte Mehrwert und gelegentlich auch Verluste. Über Jahrtausende hinweg war dieses Modell vollkommen ausreichend. Damit konnte man vor Ort und in der engeren Umgebung recht ordentlich leben. Doch das genügte nicht allen. Die Entdeckung des Sozialen und des Kapitals hatten eine Erkenntnis mit sich gebracht, die unumkehrlich war: Der Handel war umso sinnvoller, je mehr Menschen man mit ihm erreichen konnte. Die Bedürfnisse stiegen, und nicht alles war vor Ort zu kriegen. Außerdem zeigte sich, dass reines Tauschen seine Grenzen hatte: Der Handel beschränkte sich hauptsächlich auf Waren, die man sofort verbrauchen musste - Nahrungsmittel vor allem. Wer Schnitzel tauschte, musste sie zügig verputzen, Milch wurde sauer, und Wolle, Brennholz und Felle sind auch nicht alles im Leben. Je besser das Kapital die Grundbedürfnisse abdeckte und je mehr sich entwickelte, was wir Kultur nennen, desto klarer wurde den Menschen die Begrenztheit des Tauschhandels.

Der amerikanische Geldforscher und Anthropologe Jack Weatherford hat in seinem Standardwerk "History of Money" den Wendepunkt festgehalten. Er erfolgte vor etwa 2600 Jahren in Lydien, einem Königreich, das auf dem Gebiet der heutigen Türkei lag. Damals führte der lydische Staatschef, ein König namens Krösus, ein einheitliches System mit kleinen runden Silberstücken ein, den Münzen. Um das Problem der Begrenztheit des Tauschhandels zu umgehen, hatte man schon Jahrhunderte vorher immer wieder mit solchen Ersatzinstrumenten für echte Waren experimentiert. Doch erst die Lydier schufen eine echte Währung. Ihre Münzen waren einheitlich gestaltet und nicht leicht zu fälschen. Deshalb akzeptierte man sie weit über die Grenzen des Königreichs hinaus. Nun musste man nicht mehr eine Schafsherde nach Ägypten treiben, um dort Balsam und Geschmeide zu tauschen. Es genügte, ein paar Münzen in die Tasche zu stecken.

Man konnte sich endlich in Ruhe überlegen, was man sich für den Erlös seiner verkauften Waren zulegen wollte. Man konnte Milch kaufen, wenn man Milch brauchte. Das Risiko, dass das Tauschgut verdarb, fiel weg. Das Werkzeug Geld war genial. Es erweiterte den Horizont. Es förderte das Soziale, weil man mit ihm mit noch mehr Menschen Handel treiben konnte und sich damit gegenseitig nützte. Und es verdarb nicht. In nur wenigen Jahren ersetzte in Lydien und von dort aus im gesamten Mittelmeerraum das Geld die alte Tauschwirtschaft. Diese Entwicklung vollzog sich in weniger als 30 Jahren, eine historisch gesehen extrem kurze Zeitspanne. Aber noch viel schneller, so berichtet Weatherford, erhielt das Geld, das als universelles Werkzeug zum Handel geschaffen worden war, eine weitere Rolle: Die Lydier erfanden das Geld, und kurz darauf das Würfelspiel um Geld, das erste Glückspiel.

VI. Der Ruf des Kasinos Zocken und Wirtschaff sind allerdings zwei grundlegend verschiedene Dinge, auch wenn Geld in beiden eine Rolle spielt.

In der einen Variante, in der Geld das Mittel zum Zweck und ein universelles Werkzeug zum Austausch von Bedürfnissen ist, dient es zur Verbesserung eines Systems, das wir Wirtschaft nennen. Es wird benutzt, um unser Handeln zu erleichtern. Geld ist kein Selbstzweck. Es fördert bessere, schönere, nützlichere Produkte, Waren, Ideen und damit eine bessere Welt.

Hier arbeitet das Geld für Menschen.

Beim Zocken sieht das anders aus. Geld macht Geld, und mehr Geld soll mehr Geld machen. Hier ist überhaupt nicht gesagt, dass irgendwann das Mittel seinen Zweck erfüllen soll. Ob damit neue Produkte und Ideen angeschoben werden, ist nebensächlich. Ein Spieler investiert nicht. Ein Spieler spielt und nimmt das gewonnene Geld, um daraus mehr Geld zu machen. Das ist der Zweck des Spiels. Das Geld arbeitet für sich.

Es ist nutzlos und wertlos.

Man muss nicht Lassie heißen, um das zu verstehen.

Man kann auch die Börsennachrichten einschalten. Nicht zufällig ähnelt die Architektur von Kasinos jener von Börsen. Das liegt an der Funktion: Geld soll Geld machen. Nicht Sinn. Und deshalb hören wir von Moderatoren, die den Tagesverlauf von Dax und Dow Jones herunterbeten, Sätze wie diesen: "Die Maßnahme hat das Vertrauen der Anleger gestärkt." Die Maßnahme ist dann etwa die Entlassung von ein paar tausend Angestellten einer Autofabrik oder eine der unzähligen und oft nutzlosen Fusionen, mit denen die "Masters of the Universe" ihre Allmacht unterstreichen.

Die Sprache der Börsenkommentatoren ist die ihrer Herren: Nicht nüchtern, sondern besoffen treten sie dem Publikum gegenüber, oft lallend, oft kaum noch verständlich. Zusammenhänge sind nicht gefragt. Jede Nachricht wird systematisch auf das Unwesentlichste verkürzt. Und wenn doch einmal wer nachfragt, wie es denn sein könne, dass man Geld damit verdient, indem man Kapital vernichtet, hört man, was solche Leute gern sagen: "Na ja, die Börse ist eben reine Psychologie." Selbst das ist falsch.

Das Wort heißt: Psychiatrie.

VII. Die Feinde des Kapitalismus Der Weg von der Zwick- in die Klapsmühle ist nicht weit.

Der amerikanisch-ungarische Finanzinvestor und Philantroph George Soros wurde 1992 schlagartig zur Berühmtheit, als er mit gezielten Spekulationen das britische Pfund aus dem europäischen Währungssystem drängte. Das brachte Soros eine Milliarde Dollar Gewinn ein. Er hat einen großen Teil dieses Geldes in weltweite Stiftungen gesteckt, die der Entwicklung offener, demokratischer Gesellschaften dienen sollen. Doch das Bemerkenswerteste an Soros ist, dass er einer der wenigen Kronzeugen in der Auseinandersetzung zwischen Geld-Geld-Kapitalismus und Realwirtschaft geworden ist.

Er, der mit dem Zocken reich und berühmt wurde, steht heute eindeutig auf der Seite der Realos. Er ist überzeugter Kapitalist. Und deshalb wurde er zum Gegner der Geld-Geld-Wirtschaft: "Das kapitalistische Weltsystem ist durch und durch funktional (...), es dient der Produktion, dem Konsum und dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen." Das ist der Sinn der Realwirtschaft. Aber Soros weiß auch, wie es darum steht: "Unser System begünstigt eindeutig das Finanzkapital, das dorthin fließt, wo es die größten Profitchancen sieht", schreibt Soros in seinem Buch "Die Krise des globalen Kapitalismus" weiter: "Die Geschäftsführung der Unternehmen kümmert sich genauso intensiv um den Markt für ihre Aktien wie um den für ihre Produkte. Muss eine Wahl getroffen werden, zählen die Signale der Finanzmärkte mehr als die der Produktmärkte. Bereitwillig veräußern Manager einen Unternehmensbereich, wenn dies den Shareholder-Value erhöht: Sie maximieren den Gewinn anstelle des Marktanteils." Wo aber nicht mehr die Realwirtschaft, sondern der Ruf aus dem großen Kasino der Finanzwirtschaft das Maß der Dinge sei, wo "der persönliche Verdienst (von Managern) immer enger an den Aktienkurs gekoppelt wird" und es um nichts weiter geht als Gewinne um der Gewinne wegen, wird der Kapitalismus ausgeschaltet - das Kapital landet in der Klapsmühle, aus der es kein Entrinnen gibt. Geld macht Geld macht Geld. Alles, was den Wert eines Unternehmens ausmacht, seine Fähigkeit, gute Produkte herzustellen, brauchbare Dienstleistungen anzubieten, nach vom zu denken, ist in einem solchen System vollkommen überflüssig. In der Zwangsjacke der Geld-Geld-Wirtschaft geht es nur noch um eines: " Manager müssen Firmen übernehmen, oder sie werden übernommen. So oder so brauchen sie einen guten Aktienkurs." Die Grundlage eines guten Aktienkurses sind Gewinne, potenzielles Kapital also, wenn es der Entwicklung des Unternehmens, seiner Produkte und Menschen dient. In dem System, das Soros beschreibt, ist es nichts mehr als Selbstzweck: Mindestens 25 Prozent Gewinn sind deshalb nötig, weil andere auch mindestens 25 Prozent Gewinn machen. Wer 26 Prozent hat, frisst den mit 25 Prozent, bis er von jemandem geschluckt wird, der 27 Prozent macht. Dieser Prozess ist maßlos. Er kennt kein Ziel, und er ist reiner Selbstzweck VIII. Die Lumpenkapitalisten Der Münchener Soziologe Armin Nassehi lächelt freundlich, denn das kommt ihm bekannt vor. Er schlägt ein Buch auf, das auch nicht mehr ganz frisch ist und das wenige Menschen gelesen haben, obwohl es sich stets rasend gut verkauft hat. Darin steht: " Die einfache Warenzirkulation, der Verkauf für den Kauf, dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck: die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Wertes existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals (Anm: des Geldes also) ist deshalb maßlos." Das ist eine feine und bis heute wichtige Unterscheidung, die auf Seite 167 im ersten Band von "Das Kapital" zu lesen ist. Die Realwirtschaft hat einen klaren Sinn und Zweck: Bedürfnisse zu befriedigen und sich den Nutzen der Sachen und Dienstleistungen, die man kauft, zu Eigen zu machen. Wenn aber Geld in Umlauf kommt, das nur mehr Geld machen soll, dann gibt es keine Grenzen mehr.

Für Nassehi ist der Fall klar: "Geld wird erst in den Händen von ganz bestimmten Leuten Kapital, Menschen, die daraus mehr machen wollen als Geld. Das sind, im Sinne Joseph Schumpeters, Menschen, die begeisterungsfähig sind für eine Sache, Unternehmer, die nichts anderes wollen, als Geld möglichst schnell zu Kapital und damit zu einer neuen Handlungsgrundlage zu machen. Unsere Krise heute ist, dass aus Kapital jede Menge Geld gemacht wird, aber nicht umgekehrt." Dem lässt sich wenig entgegenhalten.

Die Dimensionen dieses Wettlaufs um Geld - zu Ungunsten des Kapitals - sind ungeheuer. In den achtziger Jahren wurde weltweit der Handel mit Wertpapieren und Devisen in elektronischen Systemen vereinheitlicht. Mittlerweile genügt ein kleiner Computer mit Internetanschluss, um als Aktionär jederzeit und überall auf der Welt im Rennen um mehr Geld des Geldes wegen mitspielen zu können.

Geld ist längst die wichtigste Ware der Welt geworden. Jack Weatherford schreibt: "Heute ist der Devisenmarkt der größte Markt der Welt. In nur einem Jahr überwacht ein Handelszentrum wie die Handelsbörse von Chicago einen Devisenhandel, dessen Gesamtwert das Bruttosozialprodukt der ganzen Welt übertrifft." Der allgemeine Trend zum Zocken hat ungeheure Mengen an Geld angehäuft. Dieses Geld aber ist kein Kapital, es ist nicht einmal Vermögen, also eine Sache, die etwas ermöglicht. Ohne Kapital kein Kapitalismus, sagt auch Armin Nassehi: "Wenn sich die Güterproduktion und die Wertschöpfung voneinander abkoppeln, dann wird aus Geld kein Kapital mehr. Auf jeden Fall ist das das Ende des Kapitalismus." Joseph Schumpeter, der große Vordenker der Ökonomie, hatte genau diesen Effekt einer zum Selbstzweck gewordenen Geldwirtschaft im Auge, als er in seinem Buch "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" das Ende des Kapitalismus heraufdämmern sah. Und auch Karl Marx, findet Nassehi, würde sich wundem, wer sich heute zum Totengräber des Kapitals macht: "Die internationalen Finanzströme machen aus Geld Geld und sonst nichts. Sie haben keinen übergeordneten Nutzen mehr. Damit bewahrheitet sich die alte Geschichte, dass sich der Kapitalismus von selbst totläuft, auf eine interessante Art und Weise. Marx glaubte ja immer an das Lumpenproletariat, all jene, die ohne Klassenbewusstsein am unteren Rand der Gesellschaft einfach egoistisch mitmachen würden. Das gibt es zwar, aber so wie es aussieht, auch am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala." Nassehi hat einen schönen Namen dafür: "Lumpenkapitalisten." IX. Knochen ausbuddeln Lumpenkapitalisten sind Menschen, die keine Idee haben. Sie denken nur ans Geld und sind genau deshalb, nun ja, das Gegenteil von Kapitalisten, nämlich asozial. Das klingt sehr hart, wird aber verständlich, wenn man mal darüber nachdenkt, wie leicht heute Begriffe wie Wert und Geld verwechselt werden. Kapital dient dazu, Werte zu schaffen, und zwar mithilfe von Geld. Geld hat den Vorteil, dass es auf einen Nenner gebracht werden kann, es ist ein einheitlicher Messwert. Ein Dollar ist nichts weiter als ein Grad Celsius oder ein Meter. Messwerte dienen der Quantifizierung, der Bestimmung einer Menge.

Weltweit gibt es Millionen, vielleicht sogar Milliarden Gebäude, und diese Menge lässt sich umrechnen, zum Beispiel in Euro oder Dollar. Doch was ist damit gesagt? Nichts über die Funktion von Gebäuden, nichts über ihren Nutzen, den sie für Bewohner stiften, kein Wort darüber also, was sie für die Menschen, die in ihnen arbeiten und wohnen, wert sind.

Werte sind in der Realität schwer zu beschreiben, weil sie vielfältig sind. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber die Werte erschließen sich letztlich dem Einzelnen. Vor einem Jahr wählte die Unwort-Jury in Deutschland das Wort "Humankapital" zum Unwort des Jahres 2004. Das Wort Humankapital soll den Geldwert von Menschen in der Ökonomie beziffern. Das ist sicher unzulänglich, ob es - wie die Jury meinte - auch garstig ist, spielt dabei keine Rolle. Ob und wie der Wert des Menschen in Zahlen zu übersetzen ist, hat im Jahr 1991 der Augsburger Volkswirtschafts-Professor Heinz Lampert untersucht. Nach gründlicher Analyse aller Fähigkeiten und einer realistischen Einschätzung der Potenziale kam Lampert zu dem Schluss, dass der Wert der deutschen Bevölkerung im produktionsfähigen Alter bei 21 Billionen D-Mark liegen würde, etwas mehr als zehn Billionen Euro. Man kann sich nun fragen, was diese Berechnung wert ist. An diesem Beispiel werden einem die Grenzen der Weltfeststellung durch Geld sehr schnell klar: Selbst die gierigste und stumpfsinnigste Heuschrecke fragte sich, wofür sie denn nun zehn Billionen Euro hinblättern soll. Was, zum Teufel, wäre der Nutzen? Beschreiben zehn Billionen Euro auch nur annähernd das Kapital, das diese Menschen repräsentieren, das Kapital also, das in ihnen heute so sehr schlummert, dass es schon an Tiefschlaf grenzt?

Selbstverständlich nicht. Die Berechnung zeigt nur, dass sich nicht alles berechnen lässt - das gilt besonders für das übliche Verfahren, bei dem Geld für komplexe, weitreichende Werte steht. "Kapital ist jedes Mittel, das ich einsetze, um einen Wert zu erhöhen. Deshalb ist Bildung Kapital, Menschen sind Kapital, Infrastruktur ist Kapital. Aber das lässt sich nicht in Geld ausdrücken", sagt Nassehi, "da brauchen wir neue Währungen." Das meint er im Wortsinn. In den USA, so Nassehi, beschäftige man sich intensiv - und nicht erst seit George Soros - mit der Frage des Zusammenhangs von Werten und Kapital: "Den Amerikanern hilft der Idealismus, den sie haben und den viele bei uns lächerlich finden, dabei sehr. So wird auch Kapital idealistisch gesehen." Die Praxis zeigt den Unterschied: Megareiche Amerikaner wie Bill Gates stiften große Teile ihres Vermögens, um Bildungs- und Gesundheitsprojekte zu fördern. Good Citizen. Deutsche Milliardäre ziehen es vor, in die Schweiz auszuwandern, um von dort aus gelegentlich beherzte Appelle zur moralischen Erneuerung in die Heimat zu funken. In den USA beginnt die Suche nach den neuen Werten aus Kapital über praktisches Handeln, während es den Europäern zu genügen scheint, nach mehr Moral und Gesetzen zu rufen. So auch im Fall der Finanzströme, die scheinbar nicht mehr kontrollierbar sind. Wo Menschen versagen, muss die Politik ran.

Ein altes Motto der alten Welt. Und ein kapitaler Fehler.

X. Der Sieg des Kapitalismus Wenn ein cooler Hund in Europa seinem weniger coolen Kumpel die Schreckensgeschichte von Freund Bollo erklärt, steht am Ende immer eines: die Forderung nach einschneidenden Gesetzen. Was der Markt nicht regelt, scheinbar nicht regeln kann, also eine Stärkung der Realwirtschaft und ein Ausstieg aus der Geld-macht-Geld-macht-Geld-Schleife, sollen Politiker und Staaten, genauer: starke Nationalstaaten, regeln. Ausgerechnet.

Politiker haben zweifellos eine natürliche Abneigung gegen den Finanzkapitalismus, der von den wenigsten durchschaut und noch weniger kontrolliert werden kann. Da wird auch schon mal geflucht, wie beim Weltwirtschaftsgipfel 1995, als der französische Staatspräsident Jacques Chirac die Devisenspekulation die "Aids-Krankheit unserer Zeit" nannte. Frankreich und Deutschland gehören international zu den emsigsten Verfechtern eines internationalen Rechts zur Kontrolle der Finanzströme.

Eine Forderung, über die der grüne Finanzexperte Oswald Metzger nur milde lächeln kann: "Das ist völlig absurd. In den Finanzmärkten ereignen sich Prozesse in wenigen Tagen, höchstens Wochen. Man stelle sich jetzt mal vor, wie die Politik der Nationalstaaten da reagieren soll, auch wenn sie in internationalen Gremien entsteht: Erst kommt das nationale Parlament, dann das Europäische Parlament, dann kommen die Organisationen der wirtschaftlichen Blöcke. Kurz und gut: Das Geld ist rasend schnell - und auf eine Entscheidung der Politik kann man bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten." Metzger findet das nicht schlimm. Er ist ein klarer Vertreter der Realwirtschaft, des real existierenden und mit Sinn und Zweck versehenen Kapitalismus. Er findet es eher erstaunlich, dass trotz der elektronisch angefeuerten weltweiten Finanzströme, trotz der Tatsache, dass so viel Geld durch die Welt geistert, "das System insgesamt relativ gut funktioniert. Wir sehen das ja immer nur aus unserer engen nationalstaatlichen Sichtweise. Dass viel Kapital in China, in Indien und anderswo investiert wird, ist eine Tatsache. Aber bei uns gibt es eben einen politisch bedingten Ideenstau, der dazu führt, dass das Geld, das wir eigentlich haben, nicht mehr in Kapital umgesetzt wird - nicht der Realwirtschaft nützt." Es liegt also nicht so sehr daran, sagt Metzger, dass sinistre Systeme ohne Namen und Adresse rund um den Globus versuchten, den Kapitalismus und damit die Grundlage des Wohlstands zu beseitigen, sondern dass in deutschen Hundehütten, dem Schauplatz so vieler tränenreicher Dramen, "der Kapitalismus so fremd geworden ist und staatliche Bevormundung wie das Ersticken neuer Ideen so selbstverständlich hingenommen werden, dass das Kapital vielfach keinen Zweck mehr erfüllen kann. Das Neue wird systematisch behindert, und deshalb gibt es auch keinen Grund, dass das Kapital hier Nutzen stiftet." Die Folge dieses Verhaltens heißt Innovationsstau. Innovation, Veränderung, Verbesserung - sie sind der Lebenszweck des Kapitals. Wo diesen menschlichen Zielen der Boden entzogen wird, kann das Kapital nichts tun. So flüchtet es dorthin, wo es Sinn stiften kann - oder es wird in ein sinnloses Geld-macht-Geld-Spiel eingebracht. Das hohe Sparvermögen in Deutschland, die großen Mengen Geld, die nicht investiert werden und in zahllosen Fonds landen, sind ein Zeichen dafür, dass das Kapital auf Stand-by geschaltet ist.

Das ist weniger die Schuld eines sinnentleerten Finanzkapitalismus als die Schuld eines Staates, dem die Bürokratie zum Selbstzweck geworden ist. Er verhält sich, wie sich auch die Geldwirtschaft benimmt: Als gäbe es nichts außer ihm. Um sein System zu sichern, entwirft er Regeln und Vorschriften ohne Ende. Um sein Territorium zu schützen, ist ihm jedes Mittel recht. Dieses " Denken in nationalen Schablonen ist unser größtes Problem. Kapital ist das Gegenteil von Abschottung und Kleingeisterei", sagt Oswald Metzger.

Kapital und national vertragen sich nicht. Aber damit noch ein paar Insassen in brüchigen Hundehütten brav apportieren, wenn ihnen Herrchen den Knochen zuwirft, der mal ein Schinken war, muss es all das geben: das Gespenst des globalen Kapitalismus und die Phantome, die vermeintlich darin herumirren. Das verschreckte Kapital macht dann lieber in Geld statt in Werten.

Das muss und wird nicht so bleiben, sagt Metzger. " Spekulation ist immer eine Flucht aus der Wirklichkeit. Und sie nützt niemandem. Es gibt Phasen der Verwirrung, denen Klarheit folgt. Dann gibt es wieder Fleisch an den Knochen: echte Wirtschaft mit Sinn und Zweck, die nachhaltig ist und die Welt besser hinterlässt, als sie sie vorfindet." Auf Dauer komme niemand an dieser Realwirtschaft vorbei. Egal, wohin man auch flüchtet - in die Scheinwelt der Geldwirtschaft oder in den Nationalstaat.

Am Ende siegt das Kapital, das Lebensmittel, das jede Hütte und jeder Palast braucht.

Man muss nicht Lassie heißen, um zu wissen, dass das gut ist.