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Die Woche hat zwei Tage

Warum ist eigentlich Montag »Spiegel«-Tag? Und warum kommt der »Stern« nicht am Freitag heraus und die »Zeit« mittwochs? Fragen, die sich Leser selten stellen. Für Verleger sind sie existenziell.




Am späten Freitagabend ist der "Spiegel" fertig, sind alle Geschichten geschrieben, das Titelbild ausgesucht, die Texte korrigiert. Gedruckt wird in der Nacht zum Sonnabend, spätestens Sonntag könnte der "Spiegel" theoretisch bei allen Abonnenten im Briefkasten stecken. Und man hätte den ganzen Tag Zeit, ihn zu lesen. Stattdessen kommt der "Spiegel" am Montag heraus. Wenn die Arbeit beginnt und die meisten Menschen nicht mehr allzu viel Muße haben, die Artikel zu lesen. Das war immer so, denn Montag ist " Spiegel"-Tag.

Aber warum eigentlich?

Rudolf Augstein kann man nicht mehr fragen, aber wenn man mit den Verwaltern seines publizistischen Erbes spricht, hört man folgende Erklärung: Montag geht die Arbeitswoche los, und der Berufstätige will im Büro mitreden können, wenn es um Politik und Wirtschart geht. Mit dem "Spiegel" besorgt er sich gleich zu Wochenanfang nicht nur eine Unmenge an Informationen zu aktuellen Themen, sondern dazu noch eine Meinung, die vielleicht am Montag darauf selbst der "Spiegel" schon wieder geändert hat - für die Fünf-Tage-Woche aber locker ausreicht.

Die meisten Leser kaufen den "Spiegel" am Montag, schon viel weniger am Dienstag, am Mittwoch dann kaum noch welche. 80 Prozent der verkauften Auflage gehen in den ersten beiden Tagen weg, der Rest läppert sich so hin. Schon am Mittwoch denken die Leser, dass sie vielleicht nicht mehr alles schaffen, was im " Spiegel" steht, und dass am kommenden Tag, am Donnerstag, ja auch schon wieder der "Stern" kommt. Oder die "Zeit". Denn im Grunde gibt es in Deutschland nur zwei Erscheinungstage für Zeitschriften und Wochenblätter: Montag und Donnerstag.

Bis auf den "Freitag". Die als ost-westdeutsches Joint Venture aus dem " Sonntag" und der "Volkszeitung" hervorgegangene Zeitschrift trägt den Erscheinungstag im Namen - möglicherweise, damit es sich der Leser besser merken kann. Heinrich Eckhoff, der Geschäftsführer, sieht im Titel auch ein Wortspiel -eine Empfehlung an die Leser, wann die Wochenzeitung am besten zu lesen ist. Nämlich am Frei-Tag, also an den freien Tagen Samstag und Sonntag. Schon die DDR-Zeitung "Sonntag" kam am Sonnabend heraus und hieß nur "Sonntag", weil sich ihre langen, hintergründigen Artikeln am besten sonntags lesen ließen. Die Redaktionsleiterin Andrea Roedig hätte manchmal lieber den Montag als Erscheinungstag, weil der "Freitag" schon am Dienstagabend fertig sein muss. Drei Tage zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen seien zu lange, um einigermaßen aktuell zu sein. "Das ist journalistisch schwierig", so Roedig.

Bei Hubert Burda Media, wo die "Bunte" donnerstags und "Focus" montags erscheint, denkt man sich die typische Woche des Medien-Rezipienten so: Sie beginnt nicht am Montag, sondern am Sonntagabend mit Sabine Christiansen. Die ARD-Talkshow gehöre mit ihrer ostentativen Sorge um den Zustand des Landes bereits nicht mehr zum erholsamen Wochenende, sondern schon zur stressigen Arbeitswoche, in der es allenthalben um Problemlösungen geht. Der "Focus" sorgt dann am Tag darauf gemeinsam mit dem "Spiegel" für politische Weiterbildung, und tatsächlich stehen die Themen von Sabine Christiansen auch in den beiden Nachrichtenmagazinen. Dann komme mit Dienstag und Mittwoch eine Zeit des Verdauens, in der die Gesellschaftsdiagnosen verarbeitet werden, und am Donnerstag schließlich erscheinen mit "Bunte" und "Stern" die großen Illustrierten, die daran erinnern, dass das Wochenende naht und es doch auch Schöneres im Leben gibt als die Diskussion über den Arbeitsmarkt im Allgemeinen und die eigene Arbeit im Speziellen. Mit bunten Bildern und Klatschgeschichten ist dann auch kognitiv Feierabend. Die Woche endet in der Burda-Theorie mit dem Abspann der "Wetten, dass...?"-Sendung, einem anderen großen Unterhaltungsdampfer.

Der Sonntag gehört der Axel Springer AG Allerdings erscheinen am Donnerstag nicht nur der "Stern" und die "Bunte", sondern auch die " Zeit", die zwar schon bunter geworden ist, aber dennoch nicht zu den Illustrierten gehört, sondern von vielen statt des "Spiegels" gelesen wird. Den Unterschied macht, dem ehemaligen Gruner+Jahr-Vorstandsvorsitzenden Gert Schulte-Hillen zufolge, die Länge der Artikel: Während der " Spiegel" abgesehen von der vielseitigen Titel-Geschichte noch so eben nebenbei konsumierbar sei, mache die "Zeit" den Eindruck, als brauche man für ihre Artikel einen langen Atem und Muße. Vom " Bleiwüsten-Effekt" spricht Schulte-Hillen, obwohl die Artikel schon deutlich kürzer geworden sind, es viel mehr Bilder gibt und die Titelseite wahrlich nicht mehr an die "Grabplatte" erinnert, als die sie verspottet wurde, als dort noch die Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff viele hundert Zeilen Meinung abließ. Aber dennoch durchweht die Artikel der "Zeit" nach wie vor ein kontemplativer Geist, der weniger zum hektischen Alltag passt als zum Wochenende.

Als Zwischenbilanz kann man sagen: Was den Unterhaltungswert anbelangt, hat sich die "Zeit" ihrem Erscheinungstag angepasst, der "Stern" hat sich ihm eher entfremdet, weil er politischer geworden ist. Explizit möchte er in Fragen des politischen Journalismus mit dem "Spiegel" konkurrieren - zumindest die Kolumne des stellvertretenden Chefredakteurs Hans-Ulrich Jörges müsste eigentlich am Montag erscheinen. Warum nun der "Stern" am Donnerstag erscheint, weiß bei Gruner+Jahr niemand mehr so recht. Vermutet wird zunächst, dass sich die Gründer Rudolf Augstein und Henri Nannen, von ihrer politischen Ausrichtung und ihrem Missionarseifer her ähnlich, so sehr schätzten, dass sie nicht miteinander konkurrieren wollten. So sei der "Spiegel" auf den Montag und der " Stern" auf den Donnerstag gekommen. Doch dann stellt sich heraus, dass der so genannte Erstverkaufstag des "Stern" bis 1972 der Sonntag war und erst danach der Donnerstag. Die Gründe dafür lassen sich nicht mehr recherchieren. Auch der "Spiegel" erschien nicht immer montags, sondern vor 1962 recht unzuverlässig - die ersten zwei Jahre am Sonnabend, dann am Donnerstag und schließlich bis 1965 mittwochs. Erst seit Mitte 1966 kommt er montags heraus.

Nun sehnt man sich zumindest beim "Spiegel" zuweilen schon wieder nach einem anderen Tag und kommt in drei Test-Städten (Berlin, Lübeck und Frankfurt) bereits am Sonntag heraus - mit gutem Erfolg. Nicht nur, weil die Leser sonntags mehr Ruhe und Zeit für die Lektüre haben, sondern auch, weil sie sich dem Rest der "Spiegel-Käufer überlegen fühlen. Der 24-stündige Wissensvorsprung ist einigen sogar Geld wert.

Doch so gern der "Spiegel" sonntags erschiene - schließlich liegt er einen Tag herum und wartet auf die Auslieferung: Die sonntägliche Auslieferung für alle Abonnenten wäre schlichtweg zu teuer. Denn am Sonntag hat die Axel Springer AG eine Art Vertriebsmonopol und lässt es sich teuer bezahlen, die Produkte eines Konkurrenten mit auszuliefern. Einen eigenen Vertrieb daneben auszubauen hat wirtschaftlich wenig Sinn.

Also bleibt es für den "Spiegel" beim Montag, an dem er nun noch einen weiteren Konkurrenten hat - die "Wirtschaftswoche". Spät kam man dort auf den Gedanken, dass Neuigkeiten aus Unternehmen womöglich am Wochenanfang auf mehr Interesse stoßen als am Ende der Woche.

Die Frage, ob dieser Tag Auflage bringt, ist allerdings noch offen. Zwar ging der Kioskverkauf der " Wirtschaftswoche" unmittelbar nach der von großem Werbeaufwand begleiteten Umstellung von Donnerstag auf Montag merklich nach oben -nähert sich seither allerdings im Wochenschritt wieder gefährlich der alten Marke. Doch neben der Auflage zählt schließlich auch das Leserglück. Und dass die von der " Wirtschaftswoche" als Kernzielgruppe anvisierten "Entscheider in Wirtschaft und Politik" am Montag empfänglicher sind, ist evident.

Mehr Variation ergibt sich durch die "WiWo" -Rochade für den Leser nicht. Für ihn bleibt es dabei, dass er nur montags oder donnerstags zum Kiosk muss. Dass es in Deutschland nur zwei Erscheinungstage für Wochenmagazine gibt, verweist auch auf eine inhaltliche Enge. Entweder man wendet sich vor allem den politischen Nachrichten zu oder der Unterhaltung. Ein Blatt, das sich nicht so einfach einordnen lässt, gibt es nicht. Der Mittwoch würde sich darüber aber wohl sehr freuen.