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Do The Right Thing

Erfolg will jeder haben. Fragt sich nur, was das ist. Und ob es immer das sein muss, was andere haben. Über den Unterschied von möglich und machbar.




„Jeder ist seines Glückes Schmied." Deutsches Sprichwort „Das Glück ist der Vormund der Dummen." Dänisches Sprichwort

I. Eine Frage Erfolg will jeder haben, ganz klar.

Doch wie hat man Erfolg? Am besten nähert man sich solchen Fragen nach deutscher Hausmacherart, also methodisch. Das Glück mag launisch sein, aber der Erfolg, den alle haben wollen, der muss doch irgendwie zu packen sein, oder?

Am besten mal einen Experten fragen. Wie wär's mit einem Herrn namens Bruno Klumpp? Der ist nicht irgendwer, sondern nach eigenen Angaben „anerkannter Methodenexperte" und in dieser Funktion auch Betreiber einer Website namens Methode.de. Auf der geht es um Erfolg. Der gelernte Diplom-Informatiker sieht sympathisch aus, also gar nicht so wie jene geleckten Erfolgs-Gurus, die auf Provinzbühnen „Tschaka!" rufen und dabei ein paar Dutzend leichtgläubiger Bürger in kurzfristige Ekstase versetzen. Aber vielleicht sollte einem genau das zu denken geben. Der Mann setzt nämlich auf biedere deutsche Tugenden: Planung, Organisation, Methode - kurz: Erfolg ist machbar, wenn der Bauplan stimmt. Klumpp, Autor von Büchern wie „So steuern Sie Ihr Gehirn" oder „Das perfekte Ordnungsmanagement" ist der deutschen Seele nah. Glück, das glauben hier viele, ist letztlich nur eine Frage der Disziplin: „Denken Sie daran, was Erfolg ist: Erfolg ist, wenn durch Planung und Maßnahmen das eintritt, was Sie erreichen wollten", schreibt Klumpp. So einfach ist das - dem Tüchtigen gehört die Welt. Und wo bei allem Streben der Geist mit dem erfolgshungrigen Fleisch nicht mitkann, wird nachgeholfen: Das „Programmieren" von „benachteiligten Gehirnhälften" gehört dazu. Oder die Übung, mittels „Brain Food" Erfolgsdefizite einfach wegzumampfen. Für weniger oral fixierte Erfolgsmenschen eignet sich „Brain Gym", eine Erfolgsprogrammierungs-Unterabteilung, die mit Weisheiten aufwartet wie jener, „dass man beim Jogging intelligenter ist als beim Sitzen". Für den Fall, dass all das dem Leser eigenartig vorkommt, hat Methode.de einen unübersehbaren Hinweis auf seiner Seite: „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen - mit Psycho-Sekten, Esoterik und dergleichen haben wir nichts zu tun." Das, immerhin, ist beruhigend, II. Mäuse, Zauber, fette Kühe Nicht alle, die auf dem Erfolgs-Markt mit dergleichen handeln, grenzen sich so von Aberglauben und Hokuspokus ab. Sie haben es nicht nötig. Sie sind auf den Bestseller-Listen.

Seit Jahrzehnten dominieren dort Bücher zum Thema die Hitlisten, ganz besonders in der Abteilung Wirtschaft. In der vermeintlich trockenen, sachlichen Welt der Ökonomie stehen die Bücher am höchsten im Kurs, die den maximalen materiellen Erfolg versprechen - durch einfaches Lesen, versteht sich. Ein Blick auf die anerkannt glaubwürdige Liste des „Buchreports" des Harenberg-Verlages bestätigt das eindrucksvoll. Dort fanden sich etwa im September 2006 Titel wie „Die Mäuse-Strategie für Manager" von Spencer Johnson oder Joel Greenblatts „Die Börsen-Zauberformel". General-Electric-Rentner Jack Welch versprach „Winning - Das ist Management". Der steinreiche Investor Warren Buffet wiederum teilt sein Erfolgswissen mit der Menschheit in Form seiner „Essays". Aus dem „Schatzkästlein seiner Erfahrungen plaudert" (»Handelsblatt«) auch der ehemalige McKinsey-Manager Herbert Henzler: „Das Auge des Bauern macht die Kühe fett" heißt sein Erfolgs-Titel.

Gewiss, die Buchtitel sind etwas wunderlich, aber sie haben doch eine sehr klare Suggestivkraft: Mäuse, Zauber, fette Kühe, das riecht nach Erfolg, materiellem Zugewinn, Mehrwert und mannigfachem Nutzen durch einfaches Durchlesen und Nachmachen. Es sind vor allem Angestellte und Angehörige des mittleren Managements, die zu den Käufern dieser Titel gehören. Kaum jemand greift zu den Büchern, um sich durch die mehr oder weniger kurzweilige autobiografische Prosa zu unterhalten, was der eigentliche Zweck ist. Gekauft werden die Erfolgs-Titel als Anleitung, als Lehrbuch für den eigenen Erfolg. Wie hat der das gemacht? So mache ich es auch. Strategien, die sich leicht und locker auf das eigene Leben übertragen lassen.

In früheren Zeiten glaubten manche Menschen, dass sich der Geist und das Wissen eines Mitbürgers auf sie übertragen ließe, wenn sie sein Gehirn verspeisten. Der Erfolg dieser Methode, als Kannibalismus in die Geschichte eingegangen, war mäßig - und so ließ man es schließlich bleiben. Ungebrochen aber herrscht die Vorstellung, dass man vom höchst individuellen Erfolg anderer profitieren könne. Doch beim Lesen klappt das nicht besser als beim Essen - auch wenn geschicktes Marketing stets das Gegenteil verspricht. Dass die Autoren von Erfolgsbüchern und Motivationsseminaren Profis sind, merkt man auch daran, wie sie es verstehen, sich gegen allzu hohe Ansprüche ihrer Kunden rückzuversichern. Irgendwo auf den meist mehreren hundert Seiten, die die Erfolgsschwarten haben, findet sich mit Sicherheit auch das Kleingedruckte: dass nämlich Talent, Leistung, Einsatz, harte Arbeit, aber auch glückliches Timing und nicht zuletzt Zufall gemeinsam den Erfolgskuchen backen. Eine Methode, also eine allgemein gültige geistige Grundlage für eigenes planmäßiges, folgerichtiges Handeln, ist hingegen meist nicht mal in Spurenelementen enthalten.

Wer da nicht mitgehen will, könnte sich des eitlen Geschwätzes der allwissenden Herren vielleicht mithilfe des gesunden Menschenverstandes erwehren. Oder einfach in gehobener Unterhaltungsliteratur nachlesen, zum Beispiel in „Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern". Dort gibt es die Figur des notorisch erfolgreichen Gustav Gans, der stets Glück und damit Erfolg hat, was man von seinem Cousin Donald Duck nicht behaupten kann. Während der eine, ganz Schönwetterkapitän, stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, gilt für den anderen das krasse Gegenteil. Die Wahrheit über die Erfolgversprechen auf den Bestseller-Listen spricht der Erfolgreichste der Erfolgreichen aus, Dagobert Duck. Der redet nicht über seinen Erfolg. An die Wand seines Büros in seinem gewaltigen Geldspeicher oberhalb Entenhausens hat er sein Lebensmotto gehängt: „Mir hat auch niemand gesagt, wie man Kapitalist wird!" Warum sollten Buffet & Co ihre Erfolgsgeheimnisse verraten, also tun, was der alte Duck aus gutem Grund nicht tat? Aus Langeweile? Aus Nächstenliebe? So sehen sie aus. Wo es an gesundem Menschenverstand fehlt, klingeln nur die Kassen von Erfolgversprechern, aber nie die Alarmglocken im Oberstübchen der Verbraucher.

III. Das Recht auf Erfolg Das ist auch deshalb so, weil wir uns an einen Erfolgsbegriff gewöhnt haben, der mit dem eigentlichen Sinn des Wortes nichts mehr zu tun hat. Erfolg, das war mal, vor mehr als 200 Jahren, nichts anderes als der Verlauf einer Sache, und zwar im ganz neutralen Sinn.

Sprach etwa der alte Goethe von Erfolg, meinte er nichts weiter als den Ablauf einer Geschichte. Schlau hält die freie Enzyklopädie Wikipedia dazu fest: „Für das, was später mit „Erfolg" bezeichnet wurde, dienten zunächst Begriffe wie Sieg und Glück. Mit dem Geist des Industrialismus nahm die Kategorie des Erfolgs die positiv bewertete Stellung ein, die zuvor mit beiden Begriffen beschrieben wurde." Mit „Glück" konnten die neuen, mächtigen Industrieherren wenig anfangen - das Wort war zu sehr mit dem alten Schicksal verbunden, also dem genauen Gegenteil dessen, was im Industriekapitalismus als Lösung aller Probleme erkannt worden war: eine planvolle Methode. Die braucht kein Glück, die kennt keinen Zufall, und dass sie siegt, ist letztlich unausweichlich. Und doch hat sich der alte Sinn von Erfolg, nämlich der einer neutralen Sache, die sich nur schwerlich berechnen lässt, erhalten, und zwar ausgerechnet dort, wo die Ökonomie ihre Studien beginnt. In kaufmännischen Lehrbüchern findet sich der Begriff Erfolg ganz trocken und ohne Pathos. Erfolg kann positiv sein oder negativ, Gewinn oder Verlust. Das Wort beschreibt nichts weiter als die Wirklichkeit. Um wie viel lebensnaher ist das als die Definition, die man uns im Industrialismus eingebläut hat? Warum war das nötig? Wie kam es zu diesem Erfolgsbild?

Der Industriekapitalismus setzte vor allem auf nachvollziehbare Wege zum Ziel. Um den neuen linearen und monotonen Produktionsprozess schmackhaft zu machen, wurde als Ziel immer stärker der materielle Erfolg hervorgehoben, also der Lohn für die Plackerei und die Mühe der gewaltigen Umbrüche, die der Industrialismus mit sich brachte. Nun galt endlich die alte Volksweisheit, „dass jeder seines Glückes Schmied" sein konnte, wenngleich eben nur auf dem engen Korridor zu mehr Wohlstand. Der neue Erfolgsbegriff erwies sich auch als perfekte Abgrenzungsmöglichkeit zu den alten Eliten. Die Angehörigen von Adel und Kirche bildeten die Führungsschicht, durchweg, ohne dafür eigene Leistungen erbracht zu haben. Dass sie oben standen und andere unten, war reines Glück, Willkür, Zufall.

Das Schicksal hatte sie auf Dauer auf der Sonnenseite des Lebens platziert. Spätestens mit der Aufklärung galt das als ungerecht. Und dort, wo die sich ihren ersten eigenen Staat geschaffen hatte, 1783 in der Neuen Welt, brauchte man völlig andere Erklärungen dafür, weshalb manche oben und manche unten standen im Leben. Die USA hatten erfolgreich ihren Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien gewonnen. Einer der führenden Köpfe des neuen Staates war der Erfinder, Politiker und Autor Benjamin Franklin. Er prägte den neuen Geist des selbst gemachten Erfolgs, der auf festen, berechenbaren Regeln beruhte.

Bereits im Alter von 20 Jahren hatte Franklin sich ein 13 Punkte umfassendes Konzept zurechtgelegt, mit dem er angeblich jede anstehende Lebensentscheidung so treffen konnte, dass sie zum Erfolg führte. Doch das - und vieles mehr an neuen Methoden und aufklärerischem Pathos - änderte nichts daran, dass auch weiterhin die meisten keinen „Erfolg" hatten, also ihre Ziele nicht erreichten oder nicht mal dazu kamen, Ziele zu formulieren. Geld, Reichtum, Wohlstand, damit wurde bürgerlicher Erfolg definiert.

Die neuen Erfolgsmenschen befanden sich rasch in der prekären Lage jener, die sie durch Revolutionen abgelöst hatten: War es nicht ungerecht, dass die einen so viel hatten, die anderen so wenig? Wenn alle Menschen Brüder waren, musste das nicht auch heißen, dass sie alle den gleichen Anteil am Erfolg haben müssten? Gab es nach Jahrhunderten der Willkür nicht ein Recht auf Erfolg für alle? Und hatten die neuen Erfolgreichen nicht die Pflicht, ihr Glück mit allen zu teilen?

IV. Erfolgsgesetze Daraus erwuchs eine große Debatte, die bis heute anhält. Die Glücklosen fordern ihren Teil oder drohen mit Vergeltung: etwa indem sie das Produkt des Erfolgs durch den Staat umverteilt sehen wollen. Der Klassenkampf gilt dem Erfolg. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich dieser Widerspruch in allen Industriestaaten mächtig zugespitzt. Dann hatte ein gewisser Andrew Carnegie eine ausgezeichnete Idee. Carnegie, der sich aus ärmsten Verhältnissen zum bedeutendsten Industriellen der USA hochgearbeitet hatte - er war der uneingeschränkte König der amerikanischen Stahlindustrie - hatte 1889 in seinem Buch „Das Evangelium des Reichtums" die Grundlagen für das neue, tragfähige materielle Erfolgsbild geschaffen. Carnegie war philantropisch bewegt - und stiftete zu Lebzeiten mehr als 350 Millionen Dollar. Das aber genügte ihm nicht. Er war fest davon überzeugt, dass sein persönlicher Lebenserfolg, in eine systematische Methode gegossen, auf das Leben aller Menschen übertragen werden konnte. Niemand würde mehr erfolglos sein. Andrew Carnegie träumte sich zum größten Wohltäter der Menschheit. Als Propheten dieses Erfolgsprogramms für die Welt wählte er im Jahr 1908 einen jungen Journalisten namens Napoleon Hill aus. Hill, 1883 in Virginia in ärmlichen Verhältnissen geboren und bereits im zarten Alter von 13 als Lokalreporter aktiv, sollte das methodische Wissen um den materiellen Erfolg in einem allgemein verständlichen Büchlein zusammenfassen, das in keiner Stube fehlen sollte. Dieses Buch sollte die „Erfolgsformel" enthalten, von deren Existenz Carnegie überzeugt war. Sein Problem bestand bloß darin, dass er nicht in der Lage war, diese vermeintlich auf jede Lebenslage anwendbare Formel in der gebotenen Einfachheit zu präsentieren.

Deshalb schwärmte Hill aus, um „systematische Interviews" mit 500 US-Millionären, darunter Henry Ford, John D. Rockefeller und Thomas Alva Edison zum Thema zu führen. Entscheidend bei der Auswahl war einzig, dass die Erfolg-Reichen ihr Vermögen aus eigener Kraft, als Selfmademen, geschaffen hatten. Das Material, so meinten Carnegie und Hill, müsste sich dann zu einer Art „Erfolgsgesetz" verdichten lassen. Unbestreitbare „wissenschaftliche Fakten" würden anschließend der Menschheit den Weg zum irdischen Glück ebnen. " Denke nach und werde reich" wurde zum Neuen Testament des Erfolgs-Glaubens. Mehr als 60 Millionen Exemplare wurden verkauft, und bis heute schaffen es Neuauflagen - 69 Jahre nach der Erstausgabe - immer noch in die Bestseller-Listen.

Carnegies Absichten einer durchweg erfolgreichen Menschheit wurden aber nicht erfüllt - so viel steht fest. Die Armen schienen wenig Interesse an den Erfolgsgesetzen zu haben. Kein Wunder: Das Bändchen bleibt in allem unkonkret, nebulös und mündet, statt in einer handfesten Erfolgsformel, in der Beschwörung einer „neuen Kraft", einer Art von „sechstem Sinn" für Erfolg, wie Hill schrieb, der sich allerdings „nur durch die systematische Anwendung der hier beschriebenen Schritte erwerben" lasse. Das war im Grunde genommen die Bankrotterklärung der allgemeinen Erfolgsformel. Aber keineswegs ein Misserfolg für Hill. Denn auf dem Fundament von „Denke nach und werde reich" entstand eine gewaltige Industrie, die sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einen Weltmarkt geschaffen hat. Unternehmensberater wie Seminaranbieter, Bestseller-Autoren wie Motivationstrainer, Lebenshilfe-Experten und, nicht immer nur an den Rändern, Psycho-Sekten und Erfolgs-Gurus bauen bis heute ganz wesentlich auf dem allgemein verbindlichen Palaver Napoleon Hills auf, der es in den dreißiger Jahren bis zum Berater des US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt gebracht hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte ein Mann namens Dale Carnegie, der begabteste Hill-Schüler, weltweit Karriere. Der (mit dem Stahlmagnaten nicht verwandte) Autor hatte zunächst als Lehrer, Verkäufer und Schauspieler gearbeitet, drei Berufe, die ihm als künftigem Supertrainer in Sachen Erfolgsbewusstsein eine solide Grundlage boten. Carnegie fügte zu den von Hill vorgegebenen „Gesetzen" eine Vielzahl unterschiedlicher Trainings und Methoden hinzu. Als begabter Vortragender gilt er als Vorreiter der „Tschaka!"-Prediger, die bis heute ihr Unwesen als Motivationstrainer treiben. Vor allem aber erweiterte Carnegie die - auf rein materiellen Erfolg ausgerichtete - „Lehre" Hills um persönliche Erfolgskonzepte. Es ging in der zunehmend wohlhabenderen Nachkriegsgesellschaft der USA nicht mehr allein um materielle Erfolge. Getreu Bertolt Brechts universeller Menschheitsformel „Erst kommt das Fressen, dann die Moral" bedienten die Ratgeber der Carnegie-Generation ihre Leser mit einem erweiterten Erfolgskonzept, das ganz allgemein das Bild von der „Sorglosigkeit" des Lebens als höchstes Ziel anvisierte. Mit „Wie man Freunde gewinnt" und vor allem „Sorge dich nicht, lebe" hatte Carnegie unglaublichen Erfolg. Mehr als 50 Millionen Bücher wurden verkauft, sie wurden zur Pflichtlektüre einer ganzen Generation.

Nach dem Abebben der Fresswelle in Deutschland, der ersten Stufe des heimischen Nachkriegswirtschaftswunders, wurden die nach amerikanischen Erfolgskriterien geschnitzten Ideen eifrig importiert. Spätestens ab den siebziger Jahren wurde das ganze Spektrum menschlichen Erfolgsstrebens fast lückenlos durch dazugehörige Methoden abgebildet. Nichts ist unmöglich: Blitzdiäten, besserer Sex und natürlich nach wie vor Geld ohne Ende. Der Geist Hills und Carnegies schwebt über all den leeren Versprechungen, und all die Zauber- und Glücksformeln verlangen nach Gläubigen und ihrem sechsten Sinn.

V. Hitparaden „Wir leben eben nicht mehr in einer Zeit, in der das Schicksal alles ist - heute glauben wir an etwas anderes: Jeder kann es schaffen", sagt Max Höfer, lange Jahre Wirtschaftsjournalist und heute Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INMS). Höfer gilt als der Experte für Rangordnungen, zu Neudeutsch: Rankings, die Hitlisten des mehr oder weniger messbaren Erfolgs. Und er weiß zwei Dinge darüber; „Erstens interessiert das fast jeden, und zweitens hat es mit Erfolg relativ wenig zu tun." Was wie ein Widerspruch klingt, ist nach Höfer keineswegs einer.

Interessant, so Höfer, sind die Rankings vor allem als grundlegendes demokratisches Vergleichsmittel: „Da kann jeder nach halbwegs nachvollziehbaren Kriterien sehen, wo er steht - und das ist eine gute Sache. Damit fördern wir die Leistungselite, die Idee, dass sich persönliche Anstrengung oder der richtige Kurs eines Unternehmens auch über das Materielle hinaus lohnen." Unternehmen und Manager werden, anders als die Leistungseliten aus Politik, Kultur und Sport, nach wie vor fast ausschließlich nach ihrem materiellen Erfolg bewertet. Doch wem genügt das? Ist es, wie der Industriekapitalismus lehrte, ein Erfolg, reich zu sein, nach Möglichkeit reicher als andere, ganz vom auf den Rankings zu stehen?

Etwa zu dem Zeitpunkt, als der Stahlmagnat Andrew Carnegie diese Frage für sich mit Nein beantwortete, also vor gut hundert Jahren, machte eine Studie des norwegisch-amerikanischen Sozialforschers Thorstein Veblen von sich reden, die er „Theory of the leisure Class" nannte, auf Deutsch: „Die Theorie der feinen Leute". Dabei stellte sich heraus, dass im Klima der vordergründig auf Materielles ausgerichteten Alltagskultur reicher protestantischer Amerikaner, der Upperclass, Reichtum vor allem zum Zweck gesellschaftlichen Ansehens gehäuft wurde. Und wenn es um soziale Anerkennung ging, spielte Geld keine Rolex. Prestige, nicht Profit, so stellte Veblen einwandfrei fest, war das wirkliche Erfolgsziel dieser Klasse. Prestige erlangt man in verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Mitteln. Zu Veblens Zeiten musste man sein Prestige noch nicht unbedingt durch sinnvolles gesellschaftliches Engagement erwerben. Es genügte etwa, wenn man Klaviervirtuosen zu rauschenden Festen lud, um sich damit als Kunstmäzen zu präsentieren. Mittlerweile aber ist der Erfolgsbestandteil Prestige anspruchsvoller geworden. Champagner und Frack reichen nicht mehr aus. Die Frage lautet vielmehr: Wem nützt das Prestige?

Die modernen Nachfahren Andrew Carnegies, Bill Gates und Warren Buffet etwa, geben Antwort auf diese Frage. Sie verschenken gewaltige Teile ihres Vermögens, um die Welt mit konkreten Forschungs- und Entwicklungsprojekten - etwa bei der Aids-Bekämpfung - zu verbessern. Buffet hat angekündigt, mindestens 37 seiner rund 43 Milliarden Dollar an Stiftungen weiterzureichen, Gates und seine Gattin Melinda wollen von ihrem Vermögen nicht mehr als fünf bis zehn Prozent behalten. Ganz sicher versuchen sie damit, ihren Ruf als Angehörige der einsamen Klasse der Erfolgreichen aufzupolieren. Damit sind sie der Tradition Carnegies verhaftet, der seinen Erfolg teilen wollte - und als Boss der US-Stahlindustrie keineswegs ein ausgemachter Freund des kleinen Mannes war. Sein Zeitgenosse Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, galt zu Lebzeiten auch nicht unbedingt als Menschenfreund. Erst seine Preisstiftung hat sein Bild bei kommenden Generationen geändert. Dass Microsoft-Gründer Bill Gates und Finanzinvestor Warren Buffet nicht Everybody's Darling sind, ist bekannt. Aber es geht wohl nicht nur darum, sich beliebt zu machen.

Vor allem der Software-Tycoon Bill Gates hat sich wiederholt als deutlicher Kritiker des gängigen Erfolgsbildes präsentiert, das er in den vergangenen Jahrzehnten wie kein Zweiter geprägt hat: Erfolg, ließ er wissen, sei ein schlechter Ratgeber - „er verführt kluge Leute dazu zu glauben, dass sie nicht verlieren können". Das ist etwas anderes als der Versuch, mit viel Geld die Herzen seiner Mitmenschen zu kaufen. Hier definiert jemand die Regeln für seinen Erfolg selbst, auch gegen den Mainstream, der ihm vorschreibt, wie sein Erfolg auszusehen hat.

VI. Das Richtige tun Der Lübecker Unternehmer Max Schön ist scheinbar in den Erfolg hineingeboren worden. Als Sprössling einer angesehenen Lübecker Stahlhandels-Dynastie übernahm er 1985 die Firma seines Vaters. Der Junior machte die Sache gut, aber da fehlte was: „Ich hatte nicht die geringste Idee davon, was ich mit den ganzen Dingen, die den Begriff Erfolg umschwirrten, anfangen sollte." Klar, es war ein Erfolg, im reinsten kaufmännischen Sinne, dass sein Unternehmen Gewinne machte. Das war zu schaffen. Aber es war längst nicht alles. Schon bemerkte, dass vor allen Dingen „die anderen" bestimmten, wie sein Erfolg auszusehen hatte. Man hielt ihn für umso erfolgreicher, je mehr er sich den gängigen Vorstellungen des Erfolgsmenschen anpasste. „Die Firma muss laufen, das ist klar. Aber du musst auch einen dicken Wagen fahren und ein tolles Haus haben, man muss in der Innung mitmachen. Man muss und muss. Wer das nicht tut, hat für die anderen nicht geschnallt, was wichtig ist." Die meisten Erfolgs-Insignien aber machten Schön gar keinen Spaß. Der ihm abverlangte Habitus des Erfolgreichen erinnerte ihn „mehr und mehr an das römische Imperium - dekadent, aber ein geschlossenes System. Man kann sehr lange dekadent sein, bis das zusammenbricht", sagt er. Und entschied sich für den Übergang vom Nichtigen zum Richtigen. Der Firma ging es prächtig, und dennoch fusionierte er vor elf Jahren die Stahlhandelsgruppe seiner Väter mit einem dänischen Konkurrenten, der Sanistal A/S. „Nach allen Erfolgskriterien, die wir kennen, war das verrückt. Uns ging es nicht schlecht, wir mussten nicht. Ich hatte in der alten Firma alles in der Hand, musste die Macht mit niemandem teilen." Beim neuen Partner wurde er zum kleinen Anteilseigner unter den Gesellschaftern. Nach landläufigen Kriterien kein Erfolg also: „Das war für viele so, wie wenn jemand alles über den Haufen wirft. Aber damals hat mich auch ein alter Freund meines verstorbenen Vaters angerufen und gesagt: Jetzt, mein Junge, wäre der stolz auf dich, jetzt bist du ein richtiger Unternehmer, du hast dich klar und deutlich entschieden." Seither weiß Max Schön, dass Erfolg vor allem heißt, „das Richtige zu tun". Also zu wissen, dass das persönliche Glück mehr zählt als der Vergleich mit dem Erfolg anderer. Das trägt auch geschäftlich weiter. Die Lübecker und die Dänen haben sich erfolgreich auf ihren alten Märkten behauptet und gleichzeitig in den neuen osteuropäischen EU-Staaten eine Menge geschäftlichen Erfolg. Es macht sich also bezahlt, alte Erfolgsmethoden hinter sich zu lassen und selbst zu definieren, was richtig ist und was falsch.

Der 45-jährige Schön gehört zu einer Generation, der man im Allgemeinen die Sensibilität für persönliche Werte abspricht. In den Wohlstand hineingeboren können diese Unternehmer schwer reklamieren, als Selfmademen ihr Glück gefunden zu haben - ganz gleich, mit welchen praktischen Schwierigkeiten sie sich auch herumschlagen mussten.

Weit weniger Widersprüche erzeugen die, die brav den klassischen Erfolgsbildern folgen: die Opportunisten und Karrieristen, denen es an persönlichen Zielen mangelt, was sich aber, zumindest eine Zeit lang, durch die umso stärkere Anpassung an die Erfolgsklischees in Gesellschaft und Wirtschaft übertünchen lässt. Sie finden sich, als C-Promis, neben Seriendarstellern auf Charity-Galas und als aktive Dauerschwätzer auf den Tratschseiten der Boulevard-Medien. Wer diesen Erfolgsklischees folgt, wird aber auch so behandelt. Manager und Unternehmer, die als Yuppies ihre Erfolgssymbole protzig demonstrieren, rangieren in der gleichen Liga wie Schauspieler und Popstars - und zwar jenen, deren Qualität an der aktuell gezahlten Gage gemessen wird. Auf lange Sicht lohnt sich das freilich nicht mal im engeren Sinne. Der Versuch, seinen Erfolg durch andere definieren zu lassen, endet meist in der Bedeutungslosigkeit. Jede Show hat ein Ende.

VII. Der Wettbewerb Die Sache mit dem Erfolg ist also ziemlich kompliziert. Wer bloß den Klischees nachläuft, bleibt auf der Strecke - wer seinen Erfolg aber nur für sich lebt, hat seine Lektion auch nicht gelernt. „Erfolg geht nicht ohne die anderen", sagt Gertrud Höhler, Beraterin und seit vielen Jahren intime Kennerin der Erfolgreichen der Republik: „Für Menschen ist es entscheidend, dazuzugehören und sich zu unterscheiden. Das ist ein ewiger Widerspruch, aber er lässt sich nicht überwinden - das ist der Kern des menschlichen Wesens." Höhlers Beobachtung kann jeder an Teenagern nachvollziehen: Die würden sich lieber ein Bein abschneiden, als sich freiwillig an Konventionen anzupassen, und gleich einen Arm dazu, könnten sie damit verhindern, in ihrer Clique auf zu wenig Anerkennung zu stoßen. Diese Widersprüche, meint Höhler, pflanzen sich bei Erwachsenen fort - aber weil längst nicht alle jenseits der 18 selbstbewusst genug sind, um ihre eigenen Erfolgskriterien definieren zu können, versuchen sie die Widersprüche durch eine extreme Entscheidung aufzulösen: Erfolg ist Geld.

Und das, sagt Gertrud Höhler, „ist einfach verrückt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten diesen Drall, Erfolge nur mehr mit Materiellem gleichzusetzen. Selbst Sportler beurteilt man immer stärker danach, welche Transfersummen sie erzielen oder welche Sponsorenverträge ihnen winken, wenn sie gute Leistungen in ihrem Fach bringen. Wer Kohle zusammenbaggert wie verrückt, ist erfolgreich". Dieses „Übermaß an Kapitalismus", wie die Beraterin es nennt, „verhindert die Auseinandersetzung mit Erfolg jenseits des Materiellen. Fragen Sie mal auf der Straße nach, wen die Menschen zu den Erfolgreichen zählen - mit Sicherheit ist da weder ein Dichter noch ein Philosoph dabei, kein Forscher und kein Denker. Die Leute glauben, dass Geld Erfolg ist und dass Geld mehr Geld schafft, ganz ohne Ideen und Nachdenken. Sie sind vergleichsarm geworden - und das bedeutet, dass sie genau das nicht kriegen werden, wovon sie den ganzen Tag träumen: mehr Geld".

Für Höhler liegt dieser Erfolgsbegriff bleiern auf der Gesellschaft, und weil, ganz wichtig, die meisten Menschen nur aus der Feme auf diesen fantasierten, eintönigen Erfolg des Materiellen starren, wächst auch der Neid: „Die eigentliche Schwierigkeit für erfolgreiche Menschen ist es, ihr Ding machen zu können, ohne dabei den Neid anderer zu wecken", sagt Höhler. Eine perverse Schieflage: Zum einen fordert die herrschende Kultur, Erfolg mit Reichtum gleichzusetzen. Zum anderen nimmt sie das den Reichen übel. Eine Gesellschaft, die sich benimmt wie Teenager: extrem und nicht in der Lage, sich ihren Widersprüchen zu stellen. Genau das, meint Höhler, verhindert aber nachhaltig sowohl persönlichen als auch materiellen Erfolg: „Leistung und Performance werden ohne Respekt behandelt, da wittern die meisten gleich Ausbeutung und Bevormundung. Erfolg aber verlangt immer eines: die Bereitschaft, sich anzustrengen. Die Anstrengungsbereitschaft ist der Weg zum Glück." Der deutsche Volksmund wusste das mal, ganz früher: ohne Fleiß kein Preis. Weder persönlich noch in barer Münze.

VIII. Die Erfolgsfalle Anstrengung ist ein großes Wort - es steht für vieles: Disziplin, Fleiß, Bemühen, Konzentration, Lernen. Vielleicht vor allem für Letzteres. Das alte Erfolgsbild, getragen von Fremdbestimmung und Gier, hat mehr als ein paar Risse abbekommen. Da mögen noch so viele bis heute an die einfältige Geschichte von der Zauberformel des Glücks glauben. Erfolg für alle nach alten Regeln ist nichts weiter als eine große Illusion.

Der Autor und Unternehmer Alexander Dill hat ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben. Es heißt „Die Erfolgsfalle". Die These ist, was so wenige hören wollen, obwohl es ihnen täglich begegnet: „Es gibt Erfolg - manchmal wenigstens. Wir können Erfolg ,haben', weil er plötzlich auftaucht. Willkürlich. Zufällig. Was wir nicht können, ist Erfolg machen oder gar vervielfältigen. Wenn der Erfolg bei uns nicht zu Gast ist, haben wir nichts falsch gemacht. Er kommt nur einfach zu selten. Und wenn er doch kommt, entstehen die kleinen Wundergeschichten der Erfolgsreligionen, in deren Mittelpunkt eine einfache Beschwörungsformel steht: erfolgreich ist, wer an den Erfolg glaubt!' Quatsch!" , schreibt Dill.

Für Alexander Dill ist die Jagd nach dem Phantom Erfolg „ein krankes Leitbild, das noch mehr Unheil anrichten wird, weil insbesondere der materielle Erfolg immer unwahrscheinlicher wird. Nach den gängigen Kriterien verfehlen schon heute 95,3 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft das materielle Erfolgsziel - sie gehören nicht zu den Reichen und Mächtigen. Und das wird sich, weil das Wachstum nicht unendlich in die Höhe schießen kann, noch zuspitzen. Wer Erfolg nur im materiellen Vergleich mit anderen sieht, hat eine sehr hohe Chance zu scheitern." Statt von künftigen Erfolgen zu träumen, wäre es, so der Autor, viel klüger, sich mit den Anforderungen des Alltags auseinanderzusetzen. „Das ist weit besser, als sich was vorzumachen, und heißt: Nimm die Dinge, wie sie sind. Das bedeutet nicht, dass sich die Welt nicht verändert, denn die Gegenwart ist die Realität, die Wirklichkeit, kein Traum - und die Realität braucht kein Erfolgsrezept." Das ist plausibel. Aber noch nicht für jeden, wie Dill weiß. Das neue Bild vom Erfolg braucht Zeit. Nicht alle haben ihre Illusionen verloren.

Als Dill mit seinem Buchmanuskript bei Verlagen und Lektoren vorstellig wurde, reagierten die etwas verzagt. Einerseits fanden sie es ganz Hasse, dass da einer „alle Erfolgsreligionen und -methoden auseinandernimmt. Ich müsste eben dann nur positiv zeigen, wie man auch anders Erfolg haben könnte". Nachdem der Autor verhalten entgegnete, dass er das Streben nach Erfolg an sich wirklich für krank halte, schlug die freundliche Aufnahme in pure Skepsis um: „Ein Autor, der über Erfolg schreibt, aber gegen Erfolg ist? Wie soll denn so ein Buch zum Erfolg werden?" Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn wir nicht mehr versprechen können, was sich garantiert nicht halten lässt? Vielleicht in eine Welt, meint Dill, in der jeder Erfolg als das definiert, was er ganz persönlich für richtig hält. Erfolg wäre dann keine Illusion mehr. Sondern reines Glück Das wäre nicht die schlechteste Nachricht.