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Stiftungen als Soziale Innovation

Wer dem Fortschritt auf die Sprünge helfen will, kann stiften gehen. So wie Siegfried Steiger. Ihm verdanken wir das deutsche Rettungswesen.




Die Leute vom Fernsehen glauben es nicht. Selbstverständlich würde ihnen schnell geholfen, sollten sie einen Unfall haben, irgendwo auf dem Rückweg von Stuttgart nach Mainz, spät in der Nacht. "Dann machen wir mal den Test", sagt der Architekt Siegfried Steiger an jenem Winterabend im Jahr 1971 zu den beiden Reportern und sucht einen Flecken an der Bundesstraße 27 in der Nähe von Heilbronn auf der Landkarte heraus.

"Nehmen wir mal an, Sie hätten den Unfall jetzt genau hier." Steiger sucht aus dem Telefonbuch die Rufnummer vom örtlichen Roten Kreuz und ruft an. Doch die Rotkreuzhelfer, seinerzeit für Krankentransport zuständig, haben längst Feierabend. Steiger versucht es bei der Polizei. Aber die Wache ist - wie viele in der Provinz - ebenfalls nicht besetzt. Der Anruf wird auch nicht zur nächsten Polizeistation weitergeleitet. Das Rathaus dagegen hat eine Rufumleitung zur Wohnung des Bürgermeisters eingerichtet. "Mein Mann ist nicht da", sagt dessen Frau, "doch ich kenne den Fahrer des Rotkreuzwagens. Dem sag' ich Bescheid. Ich muss aber hinlaufen, der hat kein Telefon." Die Frau rennt los. Nach zehn Minuten ist sie wieder da. "Tut mir Leid", keucht sie, "ich kann Ihnen nicht helfen. Der Mann vom Rotkreuzwagen ist nicht zu Hause." "Hätte dieses Fernsehteam tatsächlich einen schweren Unfall gehabt", sagt Siegfried Steiger 35 Jahre später, "wären die Leute wahrscheinlich verblutet. In weiten Teilen des Landes gab es schlicht keine Unfallrettung." So viel zur Situation des deutschen Notfall-Rettungswesens Anfang der siebziger Jahre.

Vermutlich gab es damals in der ganzen Bundesrepublik niemanden, dem die Malaise des deutschen Rettungswesens auch nur annähernd so gut vertraut war wie dem Architekten aus Winnenden bei Stuttgart. Ein Ereignis zwei Jahre zuvor hatte das Leben der Steigers verändert. Am 3. Mai 1969 war ihr achtjähriger Sohn Björn auf dem Heimweg vom Schwimmbad bei plötzlich einsetzendem Regen von einem Auto erfasst worden. Der Junge wurde zwar kaum verletzt, stand aber unter Schock und atmete nicht mehr. Obwohl Passanten sofort die Polizei und das Rote Kreuz benachrichtigten, dauerte es 56 Minuten, bis der Krankenwagen kam. Björn Steiger starb auf dem Transport ins Krankenhaus.

Je mehr die Eltern anschließend nachforschen, desto klarer wird ihnen: Björn hat nicht einfach Pech gehabt, dass der Krankenwagen so spät kam. Es ist der Normalfall. Ein halbes Jahr zuvor war ganz in der Nähe eine Frau mittags von einem Auto angefahren worden. Es dauerte zwei Stunden, bis ärztliche Hilfe kam. Und wenige Tage vor Björns Tod starben nicht weit von Winnenden drei junge Leute bei einem Autounfall - als der Krankenwagen nach vier Stunden kam, war es zu spät.

Allmählich wird den Steigers klar, dass es in weiten Teilen der Bundesrepublik keinen organisierten Rettungsdienst gibt. Es existiert kein zentraler Notruf; 110 und 112 sind nur in wenigen Großstädten wie München, Frankfurt und Köln eingerichtet. Leitstellen, die in der Lage wären, Unfallmeldungen schnell zu erfassen und weiterzuleiten, sind genauso unbekannt wie Rettungswagen und -hubschrauber. Allenfalls der Krankentransport funktioniert einigermaßen, aber auch nicht in der Provinz. Und schon gar nicht nachts. Taxen sind mit Funk ausgerüstet, die meisten Krankenwagen dagegen nicht. Da die Krankenhäuser in der Regel keine eigenen Fahrzeuge haben, sind für den Transport von Verletzten Rettungsorganisationen wie das Rote Kreuz und der Malteser Hilfsdienst zuständig. Deren Krankenwagen werden von freiwilligen Helfern gefahren. "Und wenn die gerade zu einem anderen Notfall unterwegs oder sonst wie verhindert waren", erinnert sich Siegfried Steiger, "dann mussten Sie eben stundenlang auf den Krankenwagen warten." Die Zahl der Verkehrstoten auf bundesdeutschen Straßen hatte um 1970 ihren Höchststand erreicht. Fast 20000 Unfallopfer jährlich waren - vor Einführung von Gurtpflicht, ABS und Airbag - der Preis der Motorisierung, der "Blutzoll" auf dem "Schlachtfeld Straße", wie die Zeitungen damals schrieben.

Seit Anfang der siebziger Jahre ist die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle kontinuierlich zurückgegangen, bezogen auf das alte Bundesgebiet um fast 80 Prozent -und das, obwohl heute fast dreimal so viele Autos unterwegs sind. Aktive und passive Sicherheit am Fahrzeuge haben zweifellos vielen Menschen das Leben gerettet. Seit 1976 ist der Sicherheitsgurt Pflicht, 1978 wurde ABS eingeführt, 1980 der Airbag. Und auch die Steigers haben ihren Teil dazu beigetragen. "Wir wollten, dass anderen Menschen das Schicksal unseres Sohnes erspart bleibt", sagt Siegfried Steiger, "dass sie nicht am Unfallort eingeklemmt im Wrack ihres Autos verbluten müssen, weil der Krankenwagen erst nach Stunden kommt." Sie tippt 6000 Bittbriefe. Er verdoppelt seine Arbeitszeit Zunächst denken die Steigers dabei an jene Menschen, die ihnen am nächsten stehen. An Björns Schwester etwa. An die Kinder aus der Nachbarschaft. An die Menschen aus Winnenden. Zwei Monate nach dem Tod des Sohnes gründen sie mit sieben Freunden der Familie die Björn Steiger Stiftung als gemeinnützigen Verein. Aber schon bald wird ihnen klar, wie wenig es bringt, den Landkreis Winnenden oder den Regierungsbezirk Nordwürttemberg zu einer seligen Insel inmitten der deutschen Notfallrettungswüste zu machen.

"Es ging auch nicht um ein paar Rettungswagen hier und ein paar Funkgeräte dort", sagt Steiger, " sondern um den grundlegenden Aufbau der gesamten Notfallrettung - und zwar überall in der Bundesrepublik." Heutzutage stiften Wohlhabende zunehmend auch für Schöngeistiges wie die Hamburger Elbphilharmonie oder für eher randständige Herzensangelegenheiten wie die Pflege des deutschen Volksliedes, die Gründung einer Lesbenzeitung in der Türkei oder die Katalogisierung von Knöchelchen längst ausgestorbener Tierarten wie dem kurzhörnigen Urrind oder dem kronenlosen Hirsch.

Der Steiger-Stiftung geht es dagegen um das blanke Überleben. Das Ziel: Wir müssen das alles aufbauen: Notrufsystem, Rettungsdienst, Notarztdienst.

Die Arbeit der Aufbaujahre leisten die Eheleute Steiger im Alleingang. Sie haben nicht mal eine Schreibkraft. Die 6000 Bittbriefe an Abgeordnete, Minister und Oberpostdirektoren für die bundesweite Einrichtung der einheitlichen Notrufnummern 110/112 tippt Ute Steiger auf der Maschine, Brief für Brief. Es gibt noch keine Kopierer. Siegfried Steiger, der in dieser Zeit bundesweit mehr als 1000 Reihenhäuser baut und etliche Hochhäuser noch dazu, verdoppelt seine Arbeitszeit. Tagsüber kümmert er sich um die Notfallrettung, nachts arbeitet er an seinen Entwürfen. Der erste Angestellte der Stiftung ist nach sechs Jahren ein Wartungsmonteur für die Notruftelefone, die nun überall im Land aufgestellt werden.

Jener Anruf aus Bonn, am 23. September 1973, markiert den bis heute größten Etappensieg der Stiftung. Horst Ehmke ist am Apparat, der Bundespostminister. "Wir sitzen hier mit den Ministerpräsidenten beim Bundeskanzler" , sagt er zu Siegfried Steiger, "und haben gerade die Einführung der Notrufnummern 110 und 112 beschlossen. Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt." Endlich gibt es einen bundesweit einheitlichen zentralen Notruf. Vier Jahre hat die Stiftung allein darum gerungen.

Fast alle Meilensteine der Notfallhilfe von 1969 bis heute sind von der Steiger-Stiftung initiiert, erarbeitet, erstritten, durchgesetzt und teils aus ihren Mitteln finanziert worden.

Längst nicht überall stößt Steiger auf offene Ohren; oft genug prallt er auf die Front der Bedenkenträger, gilt als lästiger Querulant. In geradezu martialischem Furor arbeitet er sich an Behörden und Rettungsorganisationen ab, streitet mit Oberbürgermeistern, Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten, mit Ehmke, Georg Leber, Hans-Dietrich Genscher und Richard von Weizsäcker. "Erst wenn diese Punkte erfüllt sind", heißt es in seinem offenen Brief an die Innenminister der Länder vom November 1969, "wird man Sie, meine sehr geehrten Herren Minister, von der Verantwortung für den Tod tausender Menschen freisprechen können." Die 15 Punkte des Forderungskatalogs umfassen das heute so selbstverständlich erscheinende Grundgerüst der Notfallrettung.

Das Streitgespräch über die Notruftelefone an Autobahnen zwischen Steiger und dem damaligen Bundesverkehrsminister Georg Leber aus dem Jahr 1971 ist wohl etwa folgendermaßen verlaufen: Steiger (schon im Weggehen): Ach, Herr Minister, wenn Sie in Zukunft neue Autobahnen bauen, dann bitte auch gleich die Notruftelefone aufstellen. Auf der neuen Strecke von Heilbronn zum Walldorfer Kreuz stehen noch keine.

Leber: Herr Steiger, Notruf an Autobahnen, das gab's noch nie, und das wird es auch nie geben.

Steiger: Aber die stehen doch an allen alten Autobahnen!

Leber: Was Sie meinen, sind Autobahnbetriebstelefone, die waren mal für die Streckenposten gedacht, die die Autobahnen kontrollieren.

Steiger: Aber die sind doch auch für den Notruf da.

Leber: Ja, wir haben sie bisher auch für den Notruf zur Verfügung gestellt. Aber jetzt sind unsere Streckenposten mit Funk ausgerüstet, da brauchen wir die Telefone nicht mehr. Die ersten wurden schon abmontiert, und neue gibt es auf keinen Fall.

Steiger: Dann gibt es an den Autobahnen keine Notrufmeldung mehr. Wenn Sie das tun, Herr Minister, zeig' ich Sie an wegen Beihilfe zur unterlassenen Hilfeleistung!

Leber: Das sieht Ihnen ähnlich!

Zwar ist das Ende des Gesprächs nicht überliefert, das Resultat allerdings schon: Die demontierten Geräte wurden wieder aufgestellt, alle neuen Autobahnenabschnitte von vornherein mit Notruftelefonen ausgestattet.

Die von Steiger in die Enge getriebenen Politiker sind längst im Ruhestand, voll gnädiger Milde blicken sie auf das Gewesene. Nur Steiger ist immer noch da. Nichts liegt ihm ferner als der Ruhestand, und gnädig gestimmt ist er trotz seiner 76 Jahre überhaupt nicht. Als die Stiftung kürzlich wieder einmal mit dem Finanzamt im Clinch lag, drohte er: "Wenn die Anweisung des Finanzamts kommt, dass wir zahlen sollen, werden auf 35 000 Kilometern Straße in Deutschland mit einem Schlag alle Notrufmelder stillgelegt." Kurze Pause. " Und ich lege sie still!" Vielleicht rührt die Beharrlichkeit, Sturheit und Kompromisslosigkeit des Stiftungsführers aus seiner sächsischen Kindheit. Der Vater war Zöllner und wurde jedes Jahr versetzt. " Ich bin auf zehn verschiedene Schulen gegangen", sagt Steiger. "Kinder sind oft brutal, wenn ein Neuer in die Klasse kommt. Immer wieder musste ich mich anpassen und durchsetzen. Ich habe sehr schnell gelernt, wie das Spielchen läuft." Wenn es der Sache dient, greift Steiger auch zu den Methoden altgedienter Polit-Schlachtrösser. Gern spannt er die Medien für seine Mission ein, durchaus auch die "Bild" -Zeitung. Dem Stuttgarter Oberbürgermeister schenkt er 1971 den ersten Notarztwagen Deutschlands - mit der Auflage, das Fahrzeug rund um die Uhr mit einem Bereitschafts-Notarzt zu besetzen. Das Stadtoberhaupt nimmt Steiger beiseite. "Wissen Sie, ein Müllwagen kostet das Gleiche, wir brauchen dringend einen, der wär' uns eigentlich lieber." Die Politiker sagen: Alles sehr wichtig. Aber nicht finanzierbar Steiger lobt den Notarztwagen daraufhin in der "Bild" aus: Die Stadt in Deutschland, die das Fahrzeug rund um die Uhr besetzen kann, bekommt es geschenkt. Keiner meldet sich. Aber in Stuttgart löst die peinliche Angelegenheit ein politisches Beben aus, nach dessen Verebben der Oberbürgermeister alle 32 Chefärzte der Stadt zu sich zitiert. "Jeder von Ihnen übernimmt diesen Wagen einen Tag im Monat", lautete die unmissverständliche Ansage, "morgens um sechs wird übergeben." Es ist der Beginn des bundesdeutschen 24-Stunden-Notarztsystems.

Immer wenn es heißt: "Das ist ja alles sehr wichtig, aber leider überhaupt nicht finanzierbar", macht Steiger sich daran, das Gegenteil zu beweisen. So rechnet der Bund Anrang der siebziger Jahre aus, was es kostet, alle Bundesstraßen in Westdeutschland mit Notruftelefonen zu bestücken - und präsentiert als Ergebnis die Summe von fünf Milliarden Mark.

"Damit war das Ding tot", sagt Steiger. Statt aufzugeben, kalkuliert der Stiftungschef selbst. Als Architekt ist so etwas schließlich sein täglich Brot. Sein Ergebnis: durchschnittlich 1200 Mark pro Kilometer Bundesstraße, macht insgesamt 39 Millionen Mark. Das ist weniger als ein Hundertstel der offiziell errechneten Kosten. "Die haben erst mal durchgängig höhere Preise angesetzt und sich dann offensichtlich auch noch um zwei Dezimalstellen vertan", vermutet er.

Selbstverständlich glaubt im Verkehrsministerium niemand, dass Steigers Kalkulation realistisch ist. Also bestückt er selbst aus Mitteln der Stiftung eine Referenzstrecke, die B 14 von Stuttgart nach Nürnberg, mit Notruftelefonen. Kosten: 1200 Euro pro Kilometer. Dann eine zweite Strecke, die B 3 von Basel nach Hamburg, ebenfalls für 1200 Euro pro Kilometer. Fast sämtliche der rund 7000 Notruftelefone, die heute an deutschen Straßen stehen, sind von der Björn Steiger Stiftung bezahlt und aufgestellt worden.

Kauf, Betrieb und Wartung der Telefone haben in dreieinhalb Jahrzehnten etwa 45 Millionen Euro gekostet. Eine Menge Geld für orangefarbene Kästen am Straßenrand. Doch wie viele tausend Menschenleben wurden bisher gerettet, weil diese Geräte dort stehen? Viele Neuentwicklungen in der Notfallrettung wären vermutlich nie in Gang gekommen, hätte die Steiger-Stiftung mit ihrem Geld nicht für die Initialzündung gesorgt. Die Stiftung kaufte für mehr als eine Million Mark Funkgeräte für Krankenwagen, kurz darauf für etwa den gleichen Betrag einen Rettungshubschrauber. Eigentlich war das Geld für die Notruftelefone gedacht, "aber wenn wir den Hubschrauber damals nicht gekauft hätten, wäre die Luftrettung nie in Gang gekommen". Heute stehen 52 Hubschrauber im Dienst der Deutschen Rettungsflugwacht, die durch die Steiger-Stiftung initiiert wurde.

Auch die Einführung moderner Rettungswagen mit voller medizinischer Ausrüstung an Bord, heute eine Selbstverständlichkeit, kam nicht voran. "Da haben wir einfach elf Fahrzeuge gekauft", lässt Siegfried Steiger die Stiftungschronik Revue passieren, "sie in den Landeshauptstädten innerhalb von sechs Tagen den Ministerpräsidenten oder den zuständigen Ministern übergeben und gesagt: Jetzt habt ihr hier einen Rettungswagen, nun macht mal schön Rettungsdienst." Mercedes-Benz müsste der Steiger-Stiftung dafür auf ewig dankbar sein. Der Rettungswagen, vor 35 Jahren eigens für die Stiftung entwickelt, wurde seitdem allein in Deutschland zehntausende Mal verkauft.

Er führt seine Stiftung wie ein Gut. Das finden nicht alle gut Steiger konnte immer nur so viel Geld ausgeben, wie er hereinbekam. Anfangs bettelte er bei den Fabrikanten der Region um Geld, er organisierte Tombolas und Kunstauktionen und entdeckte, dass man selbst alte Zeitungen zu Geld machen kann. "Anfang der Siebziger machte noch keiner Altpapiersammlungen, auch die Kommunen nicht. Wir haben das entdeckt und damit in wenigen Monaten 750 000 Mark reingekriegt." Für Notruftelefone oder Baby-Notarztwagen verzichteten Schlagerstars der siebziger Jahre wie Mireille Mathieu, Michael Holm, Rex Gildo oder Ricky Shayne auf ihre Gage. Allein in einer einzigen Folge der Fernseh-Show "Auf los geht's los" mit Joachim "Blacky" Fuchsberger spendeten die Zuschauer 587 000 Mark für die Notruftelefone der Steiger-Stiftung.

Wie sich die Einnahmen der Stiftung heute zusammensetzen, ist dem sonst so redseligen Siegfried Steiger auch durch beharrliches Nachfragen nicht abzuringen. Möglicherweise spielen die goldglänzenden Namen aus dem Präsidialrat der Stiftung - Liz Mohn, Friede Springer, Jürgen Weber und Willy F. Weber - eine tragende Rolle. Dem Stiftungspräsidenten ist nur so viel zu entlocken: " Das Spendenvolumen aus der Bevölkerung ist im Vergleich zu früher enorm zurückgegangen." Verantwortlich sei der "Tsunami-Effekt: Es geht alles ins Ausland".

Manche Stiftungsgründer, im Berufsleben Kapitalisten reinsten Wassers, schaffen sich eine kleine heile Gegenwelt zur schnöden Geschäftspraxis. Manche verteilen in ihrer Stiftung das Geld mit der Gießkanne. Siegfried Steiger führt die Stiftung genau wie sein Architekturbüro, als sorgsam wirtschaftendes Unternehmen. Immerhin hat die Stiftung in 36 Jahren 139 Millionen Euro verteilt. "So eine Stiftung können Sie doch nicht führen wie einen Hasenzüchterverein." Eher schon wie einen Gutshof. Auch nach 36 Jahren hat Siegfried Steiger noch alle Fäden in der Hand bei der Regie über jene Stiftung, die er nach seinem toten Sohn benannt hat. Sein Wort gilt, er ist die Gallionsfigur, die anderen Mitglieder im Verein scheinen nur Staffage zu sein. Per Satzung ist dafür gesorgt, dass ein Putsch Andersdenkender ausgeschlossen ist.

Der autokratische Führungsstil Steigers und sein unternehmerischer Ehrgeiz rufen Kritiker auf den Plan. Ist die Stiftung im Laufe der Jahrzehnte "so etwas wie ein aufgeblähter, expansiver Rettungsmoloch geworden?", fragt der Internist Eike Uhlich, ein emeritierter Professor, in einer scharfen Internet-Polemik gegen die Stiftung, "ein kühl berechnender Wirtschaftsapparat, freilich mit durchaus publikumswirksamer Helferattitüde?" Aktuell entzündet sich die Kritik an der Aktion "Kampf dem Herztod". Nach Steigers Überzeugung gehören Reanimationsgeräte, so genannte Defibrillatoren, nicht nur in Rathäuser, Turnhallen, Einkaufszentren, Schwimmbäder und Flughäfen, sondern in jedes Haus. "Wir lassen jeden Tag 385 Menschen am plötzlichen Herztod sterben, von denen mehr als 300 gerettet werden könnten, wenn es in jedem Haushalt einen Defi gäbe." Obwohl die Geräte heute mit einem Sprachcomputer ausgerüstet sind, der auch dem Laien erklärt, was er jeweils tun soll, ist der Nutzen der Steiger-Initiative in der Fachwelt zumindest umstritten. Freuen würden sich vor allem die Gerätehersteller, die ihre Defibrillatoren bisher kaum loswerden.

Dass Steiger die Geräte allerdings nicht nur propagiert, sondern auch weiterverkauft, und zwar 3000 Stück mit jenen 50 Prozent Rabatt, die ein Hersteller ihm einräumt, hat ihn jetzt mit dem Fiskus in Clinch gebracht. Das Bundesfinanzministerium sieht darin eine wirtschaftliche Aktivität. Es will den Pionieren der Notfallrettung die Gemeinnützigkeit aberkennen und außerdem nachträglich den vollen Umsatzsteuersatz kassieren, von dem die Stiftung eigentlich befreit ist.

Es geht um 1,4 Millionen Euro, immerhin. Bis die Angelegenheit geklärt ist - und das kann lange dauern - erstattet das Finanzamt der Stiftung keine Vorsteuer mehr. "Das könnte uns schon bald in Liquiditätsengpässe bringen", heißt es aus dem Hause Steiger. Möglicherweise hat Siegfried Steiger sich mit der Herztod-Aktion auf sehr dünnes Eis begeben.

Dabei hat die Björn Steiger Stiftung auf der diesjährigen Cebit eindrucksvoll bewiesen, dass sie in ihrer klassischen Domäne, der Notfallrettung, nach wie vor Innovationsmotor ist. "Life Service" heißt das Notruftelefon für das 21. Jahrhundert, das die Stiftung exklusiv anbietet. Die Zeit der einst von Steiger an den Straßenrand gestellten orangefarbenen Notruftelefone neigt sich dem Ende zu; viele wurden schon abmontiert. Schon heute übernimmt das Handy mehr als die Hälfte der Notfallmeldungen. Allerdings hat sich die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens dadurch wieder erheblich verlängert - weil die Anrufer oft nicht genau wissen, wo sie sich befinden. Die Fahrer der Rettungswagen müssen deshalb häufig lange suchen.

Steigers "Life Services" setzen auf das ortungsfähige Handy mit GPS-Chip, das in zwei, drei Jahren auch bei billigen Modellen Standard sein dürfte. Bei einem Notruf wird das zuvor bei der Steiger-Stiftung registrierte Handy sofort lokalisiert, die mit der Spezial-Software der Steiger-Stiftung ausgestattete Rettungsleitstelle hat dann innerhalb weniger Sekunden die genaue Position des Anrufers.

Siegfried Steiger, der Stratege, hat noch mehr Ideen. Für Mitglieder der Stiftung bietet "Life Services" gegen Gebühr erweiterte Funktionen. " Life Service Kids" erlaubt es dem Handy, beispielsweise den Schulweg der Kinder zu kontrollieren. Sobald das Kind von der vorgegebenen Route abweicht, bekommen die Eltern eine Alarmmeldung und die aktuelle Position. Auch nach entlaufenen Pferden, verlorenen Handys und gestohlenen Baumaschinen lässt sich per GPS fahnden. "Life Service Dementia" ortet Demenzpatienten, die hilflos in der Stadt umherirren. "Und irgendwo ist deine Oma", heißt es instruktiv im Werbetext für diesen Service, " verwirrt und ohne Medikamente."