Schön gescheitert

1621 wurde Friedrichstadt als künftige Welthandelsmetropole gegründet. Aber irgendwie wurde nichts daraus.




Die Straßen auf dem eng bebauten, ringsum von Wasser begrenztem Terrain sind im Schachbrettmuster angelegt. Holländer haben den Grundriss entworfen und sich als Erste angesiedelt. 1624 wohnten dort noch keine 30 Familien. Heute heißt der Ort, der damals New Amsterdam genannt wurde, New York.

Was hat New York, was Friedrichstadt nicht hat? 1621 wurde die Kleinstadt in Ostfriesland als Retortenstadt geplant, im Schachbrettmuster wie New York, umgeben von Wasser. Das an keiner Stelle mehr als zehn Häuserblöcke breite Areal mit Marktplatz, Fußgängerzone und schmucken Sträßchen wäre als Innenstadt einer mittelgroßen Kleinstadt nicht weiter erwähnenswert. Nur gibt es hier weder Randbezirke noch einen Speckgürtel. Entworfen als repräsentatives Zentrum für eine Stadt, die eigentlich eine internationale Handelsmetropole wie New York werden sollte, steht die Friedrichstädter City buchstäblich auf der grünen Wiese. Einige Straßenblöcke vom Marktplatz entfernt stößt man nach allen Seiten auf ein Flüsschen oder einen Kanal. Dahinter erstrecken sich Feuchtwiesen und Weideland. Denn Friedrichstadt ist eine gigantische Investitionsmine: eine Start-up-City, die mit wahnwitzigen Plänen gegründet wurde - und scheiterte.

Die tolle Idee Am Anfang gibt es nur Sumpfwiesen, die dummerweise keine Steuern zahlen. Menschen dagegen schon - aber wie soll man Industrie und Handel dorthin bekommen, wo bislang nur Schafe weiden? Ganz einfach: "Wir bauen eine neue Stadt!" Das hat sich Herzog Friedrich ausgedacht. Der Herzog ist ein junger Mann mit einer Lockenmähne, gezwirbeltem Schnäuzer und von Wohlgenährtheit zeugenden Gesichtszügen. Mit vollem Namen heißt er: Friedrich der Dritte, Erbe von Norwegen, Herzog von Schleswig, Holstein, Stormarn und Dithmarschen, Graf von Oldenburg und Delmenhorst. Er ist also der Herrscher eines unübersichtlichen und zerstückelten Reiches zwischen Nord- und Ostsee.

Als Bürger der neuen Stadt hat er die Anhänger der in den benachbarten Niederlanden verfolgten Religionsgemeinschaft der Remonstranten ausgesucht, die kaufmännisches Know-how, Kontakte, Schiffe und Investitionskapital mitbringen. Als Siedlungsgelände bietet sich der Seebüll an: ein von den Flüssen Eider und Treene umgrenztes Gelände, das schon geraume Zeit vorher durch zwei Entwässerungskanäle urbar gemacht worden ist.

Standortwettbewerb gibt es auch schon im 17. Jahrhundert, man muss den künftigen Bürgern also etwas bieten. Als Starthilfe verspricht Friedrich den Remonstranten Steuerfreiheit für 20 Jahre, freie Holzlieferungen und Kredite, die Genehmigung zur Gründung einer Schifffahrtskompanie, das Marktrecht und die freie Ausübung ihrer Religion. Letzteres ist eine kleine Sensation, denn religiöse Toleranz, auch wenn sie ausschließlich aus ökonomischen Kalkül gewährt wird, ist damals selten.

Es gibt aber noch ein wichtigeres Detail des Businessplans: Die Holländer sind zu jener Zeit Opfer eines spanischen Handelsboykotts. Wegen religiöser Fehden ist es holländischen Schiffen untersagt, spanische Häfen anzusteuern. So haben die Holländer zusehen müssen, wie Hamburg, zuvor auf das Geschäft mit Bier spezialisiert, den lukrativen Import von Getreide, Holz und Milchprodukten auf die iberische Halbinsel übernommen hat und von dort im Gegenzug Salz einführt. Doch was passiert, wenn die Holländer in das Herzogtum Friedrichs übersiedeln? Als Friedrichstädtern wird Spanien ihnen kaum den Besuch seiner Häfen verweigern können. Darauf setzt der Herzog - Friedrichstadt soll zu einer Macht im Welthandel werden.

Der Handel mit Spanien ist nicht der einzige Plan. Um 1630, wenige Jahre nach der Gründung der jungen Stadt, tritt der Hamburger Kaufmann Otto Brüggemann an Herzog Friedrich heran. Er unterbreitet ihm eine zwingende Idee: das Persienprojekt. Seitdem Portugal 1580 mit Spanien vereinigt und die Portugiesen in die spanisch-niederländischen Auseinandersetzungen hineingezogen wurden, ist der Handel mit Gewürzen und Seide, die die Portugiesen zuvor auf dem Seeweg aus Indien importiert und in Lissabon verkauft hatten, aufwändiger geworden. Die niederländischen Händler müssen nun selbst nach Indien fahren. Zu diesem Zweck ist in den Niederlanden eine eigene Handelsgesellschaft gegründet worden, die sich, auch aufgrund der von der Regierung zugesicherten Monopolstellung, sehr profitabel entwickelt hat.

Dieses Monopol will Otto Brüggemann knacken. Niederländische Geschäftsleute sollen für die Gründung einer neuen Kompanie gewonnen werden, welche, unbehelligt von den Monopolgesetzen, den Handel über den Landweg betreiben soll. Von Kiel nach Reval (Talinn), dann über Land weiter bis nach Jaroslawl an der Wolga soll die Reise gehen, von dort dem Fluss folgend nach Astrachan und über das Kaspische Meer nach Persien. Um ein Viertel billiger als die Holländer will man die importierten Waren anbieten können. Hundert Prozent Dividende, rechnet Brüggemann aus, soll das Unternehmen den beteiligten Investoren bringen. Der Herzog schickt Brüggemann nach Moskau, um die Konditionen für den Durchtransport der Waren auszuhandeln, die weitere Route des geplanten Handelsweges auszukundschaften und beim Schah von Persien vorzusprechen.

Schließlich gibt es noch Herrn van de Wedde, einen Geschäftsmann mit einer etwas direkten Art, die bei vielen Anstoß erregt, der aber zugleich überaus empfindsam ist, wenn es um ihn selbst geht. Er ist ein Mann mit vielen Ideen, aber auch jemand, dem es ins Gesicht geschrieben steht, dass er die Welt gegen sich verschworen wähnt. Van de Wedde ist der bedeutendste Investor der neuen Stadt. Er hat im Auftrag des Herzogs in den Niederlanden für den Umzug in die neue Stadt geworben und diese in den schillerndsten Farben beschrieben. Dafür erbittet er nun vom Herzog einen Teil dessen, was die Einwanderer für die Ansiedelung zahlen. Außerdem erhält er ein Monopol auf die Herstellung und den Verkauf von Ziegelsteinen sowie die Genehmigung, eine Salzsiederei zu führen und den Salzhandel für Eiderstedt, Dithmarschen, Stapelhom und Nordstrand allein zu betreiben. Van de Wedde stellt Bürgschaften für Schiffer, die Baugrundstücke erwerben wollen, baut eine eigene Schiffswerft und betreibt Seehandel.

Eines seiner größten Projekte ist die Gründung einer Salzhandelsgesellschaft. Zehn bis zwölf Personen, stellt er sich vor, müssten gemeinsam an die 10000 Reichstaler aufbringen, um eine Flotte von 60 bis 70 Schiffen teils zu erwerben, teils zu mieten, mit denen Salz aus Spanien importiert werden soll, das vor Ort verfeinert wird. Für den Fall, dass die Verhandlungen mit Spanien scheitern, hat van de Wedde noch einen Plan: Er will das Salz mittels eines neuen Verfahrens aus dem Nordseewasser gewinnen. Die neue Technik, behauptet er, sei bereits getestet.

Alles in allem könnten die Bedingungen nicht besser sein: Der Hafen ist groß genug für alles, was auf den Meeren zu dieser Zeit unterwegs ist. Und durch Wasserstraßen ist Friedrichstadt hervorragend mit dem umliegenden Binnenland verbunden, das einen lukrativen Absatzmarkt darstellt, aber auch eine Bezugsquelle für Exportgüter wie Milch, Käse, Butter, Salzfisch und Fleisch. So ein Angebot hat selbst Hamburg nicht zu bieten.

Das große Scheitern "Es war fein ausgedacht. Es sollte jämmerlich misslingen", schreibt der Friedrichstädter Historiker Ferdinand Pont in seiner 1913 erschienenen Abhandlung über die Gründerjahre seiner Heimatstadt. Vier Jahre lang schleppen sich die Verhandlungen zwischen der neuen Stadt und dem spanischen Königshaus hin. Immer wieder werden zugesicherte Abkommen von spanischer Seite nicht eingehalten, in Aussicht gestellte Vereinbarungen nicht geschlossen. Zu sehr wird von spanischer Seite - nicht zu Unrecht - befürchtet, dass niederländische Kaufleute in Friedrichstadt lediglich eine Briefkastenfirma betreiben wollen, um das Handelsembargo zu umgehen. Das Hin und Her zwischen dem Schloss des Herzogs Friedrich in Gottorf, dem spanischen Hof in Madrid und den Vertretern des spanischen Königshauses in Brüssel zieht sich bis Dezember 1627. Dann wird das lang ersehnte Handelsabkommen endlich von der spanischen Statthalterin Isabella ratifiziert.

Das Abkommen ist das Werk des Dominikaners Nicolaus Janssenius, der im Auftrag der katholischen Gegenreformation bestrebt ist, dem Katholizismus zu helfen, in Friedrichstadt Fuß zu fassen. In einem Brief an Friedrich III. macht Janssenius, ähnlich wie van de Wedde und Brüggemann, dem Herzog großartige Hoffnungen: Innerhalb von vier Jahren, verspricht er, würde das winzige Friedrichstadt so groß wie Hamburg sein. Seinen Vorgesetzten im Klerus erzählt er allerdings eine andere Geschichte. Friedrichstadt ist in seinen Plänen das Zentrum zur Re-Katholizierung der skandinavischen Länder. Der Vertrag koppelt die Handelserlaubnis mit der Zusicherung der freien Religionsausübung für Katholiken in Friedrichstadt.

Doch die Vereinbarung nutzt wenig. Immer wieder werden Friedrichstädter Schiffe von der spanischen Küstenpolizei und den Kaperern vor Dünkirchen, die als eine Art privater Sicherheitsdienst im Auftrag der spanischen Regierung unterwegs sind, aufgehalten, beschlagnahmt oder gar versenkt. Reisedokumente werden nicht akzeptiert. Versiegelte Passierscheine, die der von Madrid in Friedrichstadt eingesetzte spanische Kommissar den Friedrichstädter Kaufleuten für die Überfahrt ausstellt, weisen bei der Kontrolle den Inhaber zu dessen Erstaunen nicht als Friedrichstädter, sondern Niederländer aus. Andere Schiffer haben Mühe, sich zur Wehr zu setzen, wenn behauptet wird, dass ihr Käse nach "gleichnis, apparentz, geschmack oder prove" holländischer sei und somit nicht zur Ausfuhr genehmigt werden könne. Kurz: Mit dem Spanienhandel hakt es. 1648 schließt sich dann jener historische Spalt, den die Weltpolitik für Friedrichstadt geöffnet hatte: Holland und Spanien unterzeichnen ein Friedensabkommen.

Das zweite große Projekt, der Persienhandel, scheitert ebenfalls - das Abkommen mit dem Schah kommt nicht zu Stande. Dabei hatte Brüggemann dem persischen Herrscher eigenmächtig Offerten gemacht, ihn bei einem Angriffskrieg gegen die Türken zu unterstützen. Nun fühlt man sich bei Hofe von den unabgesprochenen diplomatischen Zügen düpiert und wegen des Verlustes der in Aussicht gestellten völlig übertriebenen Gewinne betrogen. Dazu kommen Unregelmäßigkeiten in der Rechnungsführung. Brüggemann wird angeklagt. Vorgeworfen wird ihm "Hochbeschwehrliche und strafwürdige Übertretung seines befehligs", die Fälschung eines fürstlichen Empfehlungsschreibens, Unterschlagung von Briefen des Mitgesandten an den Fürsten, falsche Berichterstattung und die Verschwendung fürstlicher Gelder. Nachdem er gesteht, in Persien angekommen die Fruchtlosigkeit seiner Pläne zwar eingesehen, trotzdem aber beschlossen zu haben, den Fürsten um sein Geld zu bringen, wird er zum Tode verurteilt und am 5. Mai 1640 hingerichtet.

Auch für van de Wedde, den mutigen Investor, entwickelten sich die Dinge unglücklich. Der große Ansturm an Kolonisten bleibt aus. Seine Sondergenehmigung zum Betrieb der Ziegelei wird ihm wieder entzogen, die Salzsiederei erweist sich als nicht einträglich. Nachdem er über Jahre vergeblich auf das vom Herzog versprochene (und mit einem stattlichen Gehalt gekoppelte) Amt des Statthalters gehofft hatte, besitzt er 1634 nicht einmal mehr die 63 Taler, um seine Landpacht zu bezahlen. Van de Wedde muss Konkurs anmelden und verlässt die Stadt. Er versucht es noch mal mit einer Salzsiederei auf der Halbinsel Nordstrand und bittet den Herzog um ein Monopol auf 25 Jahre. 1647 stirbt van de Wedde, verarmt in seine Heimat zurückgekehrt, in Alkmaar bei Amsterdam.

Der späte Erfolg Sieht man davon ab, dass sich die Stadtgründung für Herzog Friedrich III. als Verlustgeschäft erwies, hat Friedrichstadt es auf eine bescheidene Weise doch noch zum Erfolg gebracht. Bis zur Inbetriebnahme des Nord-Ostsee-Kanals 1895, durch den die Haupt-Wasserwege, an denen der Ort liegt, ihre Wichtigkeit verloren, und sogar noch bis zur Verbreitung des Automobils nach dem Zweiten Weltkrieg, war Friedrichstadt ein bedeutendes Handelszentrum der Region. Mit der Bahn weitaus besser zu erreichen als die größere Küstenstadt Husum. An die 5000 Tiere wurden auf dem zweimal im Jahr stattfindenden Pferdemarkt gehandelt. Eine Senf-, Säure- und Knochenmehlfabrik, Gerberei und Wäschemangeln hatten sich angesiedelt.

Aus heutiger Sicht kann man außerdem sagen: Wäre Friedrichstadt tatsächlich eine wichtige Handelsmetropole geworden, wäre es wohl kaum in seiner ursprünglichen Form bis heute erhalten geblieben. Auch wenn die meisten Häuser aus der Gründerzeit im deutsch-dänischen Krieg 1850 zerstört wurden, ist der Gesamteindruck immer noch jener von 1621. Betonklötze für Kaufhäuser und Banken, die Bausünden der Nachkriegszeit, sind in Friedrichstadt selten. Beschaulich geht es zu in dem 2683-Einwohner-Ort. In der Fußgängerzone reihen sich Geschenk- und Souvenirläden aneinander, Damenmodengeschäfte, Eisdielen und Galerien. Für die meisten hat die Saison noch nicht begonnen. Nachdem vor wenigen Jahren die örtliche Getreidemühle erst aufgekauft und dann geschlossen wurde, ist das Hotel "Aquarium" mit 30 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber am Ort.

"Ein kleine Stadt, in der man nicht das Gefühl der Globalisierung hat", sagt Carsten Holz, Anfang 30, Tourismusleiter der Stadt, ein Zugereister aus Ostfriesland, den es zwischendurch nach Berlin verschlagen hatte. Seit Holz da ist, gibt es in Friedrichstadt für Touristen das Angebot einer satellitengestützten Schnitzeljagd mit GPS-Gerät. Er träumt davon, aus Friedrichstadt eine richtige Holländerstadt zu machen: mit einem Kolonialwarenladen, in dem man Karamellwaffeln und Lakritze kaufen kann, einem Fahrradverleih für holländische Räder, vielleicht auch einem Angebot an Käse und Salzheringen. Coffeeshops? Die würden auch passen, "aber so etwas wäre wohl nicht drin".

Zurzeit stellt Friedrichstadt beim Landesamt für Denkmalpflege in Kiel einen Antrag auf Anerkennung als Flächendenkmal. Später soll bei der UNESCO eine Bewerbung auf Anerkennung als Weltkulturerbe folgen. Kommt einer der Anträge durch, wird das Folgen für die Stadtgestaltung haben, die bislang lediglich durch eine Ortsgestaltungssatzung geregelt ist. Darin ist festgelegt, wie sich die Stadt ihren Besuchern gegenüber zu präsentieren hat. So heißt es etwa: "Glasbausteine dürfen in Hausfronten und Fassaden, die von öffentlichen Verkehrsflächen sichtbar sind, nicht eingebaut werden." Oder: "Mehr als vier Farben an einer Fassade sind unzulässig." Das alles, damit auch weiterhin im Sommer die Touristen kommen, die meisten von ihnen Tagesausflügler aus dem nahe gelegenen St. Peter-Ording und den umliegenden Badeorten. Sie schippern mit Schiffchen durch die Kanäle, die man heute Grachten nennt, besichtigen die alte Bibliothek und die hübsche Kirche, und sie fühlen sich wohl. Denn auch wenn Friedrichstadt eine Investitionsruine ist - es ist eine wirklich sehr schöne.