Partner von
Partner von

Der End-Effekt

Wer nicht aufhören kann, mit dem ist nichts anzufangen. Doch wo liegen Anfang und Ende in Zeiten, in denen scheinbar alles ineinander rast? Die Geschichte eines Grenzfalls.




Sie litten alle unter der Angst, keine Zeit für alles zu haben, und wussten nicht, dass Zeit haben nichts anderes heißt, als keine Zeit für alles zu haben.
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

I. Ein Anfang vom Ende Angenommen, wir hätten einen Wunsch frei, und seine Erfüllung versetzte uns in die Lage, alles zu tun, was wir für richtig halten, was wäre dann wohl der Wunsch? Natürlich: die Unsterblichkeit. Ewigkeit statt Beschränktheit, ausprobieren, was das Zeug hält, ohne von stets zu knapper Zeit gehetzt zu werden. Möglichkeiten gibt es ohne Ende. Zeit nicht. Wie praktisch wäre es, wenn nicht immer alles so schnell dem Ende zuginge? Was könnten wir nicht alles Großartiges anfangen mit unserer Zeit!

No Limit! So weit die Theorie.

Jetzt zur Literatur.

In ihrem 1946 erschienenen Roman "Alle Menschen sind sterblich" beschreibt Simone de Beauvoir die Praxis solcher Wunschvorstellungen. Es ist eine Geschichte, die im 13. Jahrhundert in einer italienischen Stadt beginnt, deren junger, dynamischer Herrscher namens Raimondo Fosca sich nichts sehnlicher wünscht, als dem Elend und der Ungerechtigkeit auf dieser Welt durch ein ewiges Leben ein Ende zu machen.

Ein Alchemist besorgt ihm - ein bisschen Wunder muss schon sein - eine Wunderdroge, die ihn dazu in die Lage versetzt. Ein paar Tropfen von der Ewigkeits-Perle, und für den Romanhelden gilt, was die Margarine-Werbung bis heute verspricht: Ich kann so bleiben, wie ich bin.

Kein Ende, nie.

Am Anfang ist so etwas immer spannend.

Fosca durchlebt den Aufstieg des Kapitalismus und die Eroberung der neuen Welt. Er ist Berater des Kaisers, gegen dessen Urenkel er später in den Krieg zieht. Doch was immer unser Held auch anstellt, um die Welt besser zu machen, die Dinge nehmen ihren Lauf. Er, der sich überall und immer für das Gute einsetzt, erreicht gar nichts. Er muss zusehen, wie die Menschen, die er liebt, vor ihm sterben. Er kann sich nicht für und nicht gegen sie entscheiden. Nichts von dem, was er tut, ist endgültig. Zeitlos unglücklich und auf ewig zur Inkonsequenz verdammt, sehnt er sich schon nach wenigen Jahrhunderten nach dem Tod.

II. Das ewige Licht Nun ja, Drogen sind keine Lösung - und dass das lux aeterna, das ewige Licht, nur schlichten Gemütern leuchtet, ist nicht neu. Bis heute gilt, was Friedrich Schiller in seinem Revolutionsdrama "Die Räuber" seinem Franz Moor in den Mund legte: " Ich weiß wohl, dass derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist." Als 1782 in Mannheim dieser Satz auf der Bühne ausgesprochen wurde, drehte das Publikum durch. Es war, vorsichtig gesagt, verärgert, Zeitzeugen berichteten, "das Foyer glich einem Irrenhause". Das Endlose als letzte Hoffnung für die, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen - so etwas zu sagen bedeutete damals wie heute: Schluss mit lustig. Das Publikum, bedrängt vom Wandel, will lieber anderes hören, beispielsweise den Gassenhauer vom "Leben als langem, ruhigen Fluss", das Volksmärchen vom Dauerhaften, das Märchen von der Stetigkeit.

Sie alle haben eines gemein: Die Zeit, was immer das auch ist, wird schon richten, was wir nicht zu Stande bringen. Wird schon, bald, im Irgendwann.

Mit Leuten, die nicht aufhören können, ist nichts anzufangen. Denn statt der Ewigkeit wartet auf sie nur die Endlos-Schleife. Die ist in vielen Gesellschaften heute bereits zur Leitkultur geworden. Früher war ein Menschenleben in klare Abschnitte eingeteilt, Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter waren Einheiten, die Orientierung boten. An dieser Zeitfolge, in der alles seinen Anfang und sein Ende hat, hat sich zwar biologisch nichts geändert, doch das will niemand mehr hören.

Genervte Teenager genieren sich für ihre peinlichen Eltern, die mit den gleichen Klamotten rumlaufen wie sie. Wo früher Kerzchen und fromme Gebete die Ewigkeit beschworen, werden heute Viagra eingenommen und Faltencreme aufgetragen - je dicker, desto endloser. Wer jenseits der 60 ist, darf auf gar keinen Fall als alt oder auch nur als Senior angesprochen werden: " Generation plus" heißt die dümmliche Bezeichnung für die zeit- wie bewusstlosen Nimmersatts, die keine Grenzen mehr kennen. Wo Biologie und Physik dennoch, wie sollte es anders sein, gnadenlos zulangen und die Zeit auf sich aufmerksam macht, bleibt immer noch die Esoterik, ein Wort, das übersetzt so viel bedeutet wie "zum inneren Kreis gehörend", was der Sache ziemlich nahe kommt: Lieber sich im dubiosen Kreis drehen, als einmal ein Ende machen. Grenzen verdrängen, zumal die eigenen, ist zum Volkssport Nummer eins geworden. Was bliebe vielen auch anderes übrig? Nach der Rente wartet der Tod, ein wenig attraktives Angebot also. Zwischen Arbeitswelt und Exitus gelten Alte nur als Störfaktor. So laufen viele um ihr Leben, immer weiter, ohne aufzuhören. Der Heidelberger Psychologieprofessor Helm Stierlin weiß, dass nur wenige diesem Druck widerstehen können: "Gut aufhören, ein gutes Ende finden können eben nur die, die eine starke Persönlichkeit entwickelt haben, die es geschafft haben, eine eigene Struktur in ihr Leben zu bringen. Wer mit sich und dem, was er ist und geschaffen hat, zufrieden ist, der sieht dem Ende gelassen entgegen." Doch wie viele können das? Die meisten setzen dann schon lieber auf Verdrängung. Sie laufen wie Hamster im Rad, und während sie das tun, träumen sie von der unendlichen Weite der Steppe. Wenn davon viele Hamster träumen, sind wahre Wunder möglich, selbst politische.

III. Stillstand Vor einigen Monaten tauchte in amerikanischen Zeitschriften-Artikeln über Deutschland ein Wort auf, das es in der amerikanischen Sprache nicht gibt. Das geschieht immer dann, wenn die kulturelle Vorstellungskraft nicht reicht, um in eigenen Worten zu beschreiben, was da passiert. So kam es, dass für die aktuelle politische Lage der Bundesrepublik allmählich das Wort Stillstand geprägt wurde. Nun ist das an sich keine Riesenüberraschung. Dass von der politischen Allianz der Volksparteien keine Revolution ausginge, war vorhersehbar. Doch die Art und Weise, wie in den vergangenen Monaten nichts geschah, ist bemerkenswert. Es tut sich zwar nichts, aber das wird ganz allgemein als angenehm empfunden. Die Menschen fühlen sich wohl dabei.

Es herrscht zwar keine Euphorie, aber doch eine deutliche Stimmungsaufhellung. Sie zeigt sich nicht nur in kurzweiligen "Barometer-Umfragen" wie denen des Münchener Ifo Instituts, das regelmäßig die Befindlichkeit von Unternehmen abfragt. Wurde etwa, klammheimlich, der Bürokratie der Giftzahn gezogen, sind Landplagen wie dreiste Besitzstandswahrung und Verbandsherrschaft insgeheim gebrochen worden? Ist die jahrelange Inkonsequenz, ein altes, nicht funktionierendes Sozialsystem auf Teufel komm raus erhalten zu wollen, beendet? Nicht, dass wer wüsste. Bei Landtagswahlen gehen gerade mal noch die Hälfte der Wahlberechtigten aus dem Haus. Wer verdrängt, lebt besser. Ein Weilchen. Die Politik des Stillstands ist, vom Standpunkt der Regierung aus, durchaus konsequent. Wer kein Ziel hat, kann auch gleich die Klappe halten.

Nur manche Teenager und notorisch Unzufriedene finden das peinlich.

Man trägt wieder Zeitlos.

Natürlich ist dieser Stillstand ein bloßer Eindruck. Zeit und Beschleunigung sind Dynamik - da lässt sich nicht dran drehen. Man kann nur einen falschen Eindruck davon haben. Man soll Menschen nicht mit Maschinen vergleichen, einerseits, andererseits drängt sich angesichts des endlosen Weiterwurstelns, das nun in Mode kommt, doch ein Vergleich mit Computern auf: Die wurden entwickelt und errunden, weil man mit ihnen sehr schnell rechnen kann, allerdings nicht, wie sich zeigen sollte, in allen Fällen, immer und überall. Überfordern wir das System durch zu viel Input, dann macht die Kiste dicht. Der Computer "stürzt" ab. Das bemerken wir daran, dass sich auf dem Monitor nichts mehr bewegt. Alles ist eingefroren, nichts geht mehr. Doch das ist nur unsere Wahrnehmung, denn in Wirklichkeit ist der Rechner zu hundert Prozent ausgelastet, vollauf beschäftigt, läuft also wie ein Irrer. Das führt dazu, dass er mit nichts anderem mehr beschäftigt ist als sich selbst. Er tut nichts mehr, was für seinen Besitzer nützlich wäre. Die Zeit steht still, während sich alles rasend bewegt.

Erfahrene Benutzer wissen, dass es wenig bringt, darauf zu warten, dass sich der Blechtrottel von selbst wieder erholt. Das Mittel der Wahl in einer solchen Situation heißt: runterfahren. Mit einigem Glück läuft, nach dem Neustart, das Ding wieder wie geschmiert (bis zum nächsten Mal). Anfang und Ende sind eben auch hier nur eine Frage der Zeit.

Gesellschaften, Unternehmen und Organisationen müssten das eigentlich wissen - aus ihrer eigenen Geschichte. Im Laufe der vergangenen hundert Jahre gab es wenigstens vier totale Endstationen, das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, das Ende der Weimarer Republik 1933, den Untergang des Nationalsozialismus 1945 und, zumindest für 16 Millionen Bürger der DDR, die Jahre 1989/1990. Die Vorstellung, dass das System, in dem wir leben, ganz ohne Zutun so weitergeht, verdrängt diese Wendepunkte. Doch diese Verdrängung des Endes - und damit der Ausschluss eines Neuanfangs - resultiert nicht nur aus den schlechten Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit. Es ist eine sehr gegenwärtige Kraft, die viele die Flucht in die Endlos-Schleife als bessere Option erscheinen lässt. Es ist die enorme Beschleunigung, mit der sich der Wandel bereits vollzieht.

IV. Zeitlupe So haltbar wie der Aberglaube an die Ewigkeit ist das Vorurteil, das Menschen, die in eine enorme Drucksituation geraten, irgendwann mal mit Gegendruck reagieren. Wie bei einem Schnellkochtopf würde dann das Ventil rausfliegen, Dampf abgelassen werden, und das wiederum, so die grundlegendste aller Revolutionstheorien, würde die Verhältnisse schon ändern. Das klingt plausibel, ist es aber nicht.

Anfang der dreißiger Jahre machten sich die jungen österreichischen Sozialforscher Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel in ein kleines Dorf namens Marienthal auf, einige Kilometer südöstlich von Wien. Die kleine Gemeinde zeichnete sich in dieser Zeit der Weltwirtschaftskrise durch eine besonders hohe Arbeitslosenquote aus. Mehr als 80 Prozent der Einwohner waren davon betroffen. Die jungen Wissenschaftler suchten einen Beweis für die Schnellkochtopf-Theorie. In Marienthal, so meinten sie, müsste durch die dramatische und lange andauernde Arbeitslosigkeit ein besonders hohes "revolutionäres", also veränderungswilliges Potenzial leben.

Was sie allerdings unter den "Arbeitslosen von Marienthal", so der Name der zum Klassiker der Sozialforschung gewordenen Studie, fanden, war das genaue Gegenteil.

Lazarsfeld, Jahoda und Zeisel, die später in Großbritannien und den USA zu den wichtigsten Wegbereitern moderner Sozialforschung wurden, katalogisierten vier große Gruppen: die " Ungebrochenen", die erst seit kurzem Arbeitslosen, die noch einigermaßen gut finanziell versorgt waren und die erwarteten, dass sie sehr bald schon wieder ins Arbeitsleben zurückfinden.

Ihnen folgten die "Resignierten", die, was ihren Tagesablauf anging, noch diszipliniert und nach einem klaren Zeitschema lebten, die allerdings die Hoffnung auf eine nur vorübergehende Arbeitslosigkeit allmählich zu verlieren begannen. Die dritte Gruppe nannten die Forscher die "Verzweifelten". Es waren die über lange Monate oder Jahre arbeitslosen Marienthaler, die verzweifelt versuchten, nach außen hin den Eindruck eines geordneten Lebens zu vermitteln, was ihnen aber immer wieder misslang. Ein Viertel der Bevölkerung schließlich wurde von Lazarsfeld, Jahoda und Zeisel der Gruppe der "Apathischen" zugerechnet, jene Menschen also, die verwahrlost und ohne Hoffnung dahinvegetierten. Von zunehmendem revolutionärem Elan war nichts zu bemerken.

Aber etwas anderes registrierten die Forscher ohne jeden Zweifel: je länger und miserabler die Lage der Betroffenen war, desto weniger Zeitgefühl hatten sie. Bereits die Gruppe der "Ungebrochenen" schien unter einer Art Schockeinwirkung zu leiden. Die " Resignierten" und "Apathischen" bewegten sich praktisch im Zeitlupentempo durchs Leben. Für einfache Tätigkeiten, die sie früher in fünf Minuten erledigt hatten, brauchten sie nun eine Stunde oder mehr, wenn sie sich überhaupt aufraffen konnten, etwas zu tun. Apathie bedeutet übersetzt sowohl Teilnahmslosigkeit wie auch Unempfindlichkeit, eine Gleichgültigkeit gegenüber einem Leben, das keine Veränderung mehr bietet - mit anderen Worten: kein Ende nimmt.

Was Lazarsfeld, Jahoda und Zeisel registrierten, ist seither vielfach und in allen Kulturen bestätigt worden. Die Zeitlosigkeit als Merkmal zu hohen Drucks, der Ausstieg aus der Realität findet sich in afrikanischen Bürgerkriegsregionen ebenso wie unter den noch wohl versorgten Couch Potatoes der ehemaligen westlichen Industrienationen. Zu viel Neues, nicht zu Bewältigendes erzeugt Gleichgültigkeit ohne Ende.

V. Das Ende der Dauer Vor 35 Jahren veröffentlichte der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler sein Buch "Future Shock", eine minutiöse Beschreibung der Zustände, in die Menschen und Gesellschaften geraten, die unter zu schnellem Wandel leiden. Toffler nannte das Kind beim Namen - eine Krankheit, ein Schock, ein Zustand, in dem "die Zukunft zu schnell Gegenwart wird". Um das Ausmaß der Beschleunigung, die diesen Schock verursacht, zu illustrieren, erstellte Toffler eine bemerkenswerte Rechnung über die vergangenen 50 000 Jahre der Menschheitsgeschichte, die er in Abschnitte unterteilte: 800 Lebensspannen zu 62 Jahren.

Davon hat die Menschheit 650 Lebensspannen in Höhlen verbracht, bis zu dem Zeitpunkt also, wo die neolithische Revolution - der Anfang des Ackerbaus und der Viehzucht - die erste große technische Revolution auslöste. Nur 70 Lebensspannen ist es her, dass die erste Schrift auftauchte, gedruckte Bücher gab es vor etwas mehr als sieben Lebensspannen: "Der überwiegende Teil aller Güter unseres Alltagslebens wurde erst in der letzten, der von uns heute erlebten achthundertsten Spanne, entwickelt." Diese Güter - Produkte, Waren, Dienstleistungen - bestimmen aber ganz wesentlich unsere Sicht auf die Welt. Sie bilden den allergrößten Teil unserer Umwelt. Zum Zukunftsschock kommt es, wenn " zwischen dem Tempo der Umweltveränderung und dem Tempo, mit dem der Mensch darauf reagiert -und das zumeist begrenzt ist -, keine Harmonie mehr besteht".

Je mehr Neuerungen auf uns einwirken, also je intensiver der Wandel ist, desto untauglicher sei es, schreibt Toffler, darauf mit der zentralen Haltung der Vergangenheit zu reagieren: "Die Dauer war das Ideal der Vergangenheit. Ob nun ein Mensch ein Paar Schuhe fertigte oder eine Kathedrale baute - in jedem Fall setzte er alle seine Fähigkeiten daran, seiner Schöpfung größtmögliche Dauer zu verleihen. Seine Bauten sollten von Bestand sein. Dazu zwangen ihn die Gegebenheiten. Solange die Gesellschaft, der er angehörte, verhältnismäßig statisch war, hatte jedes Ding eine klar umrissene Funktion, und die wirtschaftliche Logik diktierte Dauerhaftigkeit." Doch das ist nun nicht länger der Fall. Schon mit der Industrialisierung hatte es keinen Sinn mehr, Schuhe für 50 Dollar per Hand zu fertigen, die im Prinzip ewig halten sollten, wenn ein neues Paar Schuhe aus der Fabrik für fünf Dollar zu haben war. Je schneller sich die Gesellschaft in der "achthundertsten Lebensspanne" veränderte, desto mehr wurde deutlich: "Vergänglichkeit wird zum Wirtschaftsprinzip." Wir verfügen längst über eine Ökonomie der Vielfalt - und die ist eben nicht dauerhaft. Stephan Jansen, Präsident und Professor an der Zeppelin University in Friedrichshafen, ist das klar: "Ich bitte Gründer immer, am Anfang an das Ende zu denken - das tut man bei jedem x-beliebigen Ehevertrag auch. Pragmatisch darüber nachzudenken, in welchen Systemen wir denken. Es wird immer wichtiger, ein gutes Ende zu managen." Doch das, sagt Jansen, lässt viele einfach kalt. Auch der Umstand, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines Unternehmens auf weniger als 20 Jahre gesunken ist - und, wie Jansen sagt, "weiterhin nach unten abdriftet" - ist kein Argument, das die Mehrheit von der Dauerhaftigkeit ihrer Bemühungen abbringen kann.

Paradox ist fast alles, was damit zu tun hat. In der scheinbaren Dauerhaftigkeit werden die Produktzyklen immer kürzer. Neue Produkte müssen sich auf einem Markt bewähren, der kaum mehr eine Chance hat, die Innovation wahrzunehmen - nach zwei, drei Monaten ist die nächste Generation fällig. Die Steigerung der Qualität ist Nebensache. Doch das Neue nützt nur, wenn es besser ist, wenn es das Vergängliche eindeutig und klar überholt. Das Neue ist kein Ramsch. Es ist das Bessere.

Neue Computer, Maschinen, Autos und Häuser sind besser als ihre Vorgänger - jedenfalls potenziell. Sie sind nicht perfekt, ohne Zweifel, aber das war das so genannte Dauerhafte auch nicht. Und der Mythos der Dauer, des Endlosen, hat bereits grobe Risse abbekommen. Wer sich, noch vor zwei Generationen, scheiden lassen wollte, musste dies gegen die Wertvorstellung einer ganzen Gesellschaft tun. Heute sind Trennungen, wenngleich schmerzlich, das geworden, was sie sind: die Entscheidung, lieber konsequent ein Ende zu setzen, als sich dauerhaft inkonsequent zu verhalten. Noch vor einer Generation galt es als richtig, dass man sich ein Leben lang in einem Beruf, wenn möglich bei einem Arbeitgeber, verdingen sollte. Verschämt nennt man heute die neue Realität, in der eine durchgängige Berufsbiografie zur Seltenheit geworden ist, einen "brüchigen Lebenslauf". Die Sprache verrät die ewigen Bewahrer: Veränderung kann für sie nur zerstören, zerbrechen, destruktiv sein. Doch wer wird heute noch an einem Ort geboren, um dort zu leben und zu sterben? Diese Mobilität wird ebenfalls als Elend dargestellt - auch weil die Ewig-Gestrigen gern vergessen, dass die Verbundenheit von Menschen mit einem Ort fürs ganze Leben früher in der Regel erzwungen war. Sie konnten dem, was heute idyllisch "Heimat" genannt wird so wenig entfliehen wie seinem Herrn und einer Ehe, die "ewig", also das ganze Leben, dauern musste. Das Vergängliche trägt hingegen die Freiheit in sich. Das gilt auch für die Dinge, die uns umgeben. Leasing und Miete ersetzen immer starker den Erwerb von Eigentum. Das ganze Leben ist zu einer Reihe von Anfängen und Enden geworden. Nichts ist von Dauer.

VI. Projekte Der amerikanische Autor Jeremy Rifkin nennt diese Phase das Zeitalter des Zugriffs, des " Access", in dem es immer weniger darum geht, dauerhafte Verhältnisse einzugehen, sondern seine Bedürfnisse auf "Zeit" zu befriedigen. " On Demand", nach Bedarf, werden heute Musik und Videos, Software und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt. All diese Produkte, Dienstleistungen und Ideen, die dazugehörigen Verfahren und Methoden unterliegen dem Prinzip der Vergänglichkeit.

Wo sich aber diese Welten - das Endlose, Dauerhafte und das Neue, Vergängliche -begegnen, brennt die Luft. Es tobt ein heftiger Kulturkampf: Radikale Entschleunigung gilt vielen als die einzige Rettung. Es ist ein alter Aberglaube, die Uhr anhalten zu können.

Nicht weniger seltsam aber ist das Verhalten jener, die Produktzyklen um ihrer selbst willen immer schneller laufen lassen. Warum werden Produkte so schnell ausgewechselt? "Weil es die anderen auch machen" , lautet die vorhersehbare Antwort.

Zu viele Funktionen, die niemand braucht? "Die Konkurrenz hat das auch." Statt auf qualitative Unterscheidbarkeit zu setzen, wird - in alter industrieller Manier - auf reine Quantität gesetzt. Endlose Materialschlachten, die niemandem mehr die Zeit lassen, sich an die Produkte zu gewöhnen und ihre Nützlichkeit zu erfahren. Der Kunde nimmt das irgendwann nicht mehr ernst. Wir leben bereits in solchen Zeiten, der Discountismus ist der Ausdruck eines Werteverfalls im umfassenden Sinn.

Für den Umgang mit dem Vergänglichen, dem sinnvollen Aneinanderreihen von Gutem und Besserem, müssen Produzenten und Märkte noch üben.

VII. Rauschfaktor Der Abschied vom Dauerhaften vollzieht sich eben nicht von heute auf morgen. Es gibt auch leider keinen Tag X, an dem die Systeme umgestellt werden könnten, so wie man die Winter- auf die Sommerzeit umstellt. Der Tag der Wende dauert lange. Das ist sehr anstrengend: Die meisten müssen sowohl mit der alten wie auch der neuen Welt zurechtkommen. Die Reaktion auf diese Überforderung ist, dass immer weniger von immer mehr Informationen und Wissen, die uns heute umgeben, durchdringt.

Die erste Schockwelle lösten die Massenmedien aus. Sie sind die Vorreiter der Vergänglichkeits-Industrie. Medien produzieren eine gewaltige Menge an Nachrichten und anderen Inhalten, die in so kurzer Zeitspanne aufeinander folgen, dass die Empfänger deren Informationsgehalt gar nicht mehr erfassen können. Ihr Zweck, Menschen über die Welt und ihre Details zu orientieren, also Ereignisse inhaltlich und zeitlich zuordnen zu können, verliert sich. Der Nutzen der Inhalte verrauscht. Bald kann niemand mehr den Weizen von der Spreu trennen, das Wichtige nicht vom Nebensächlichen. Dieser Effekt führt dazu, dass trotz eines gewaltigen Angebots eine Informationsflut entsteht, also eine endlose Schlange an Daten, die inhaltlich immer irrelevanter werden. Damit verlieren sie ihre eigentliche Funktion, die darin besteht, dass sich der Einzelne in seiner Umwelt besser zurechtfindet, und verkehren sie vielfach ins Gegenteil: Die endlose Informationsflut irritiert zusätzlich, macht das Leben schwieriger und undurchsichtiger. Das Gehirn ist nicht endlos aufnahmebereit. Nur eine einzige Ausnahme ist bekannt, bei der sich die Aufnahmebereitschaft des Menschen so austricksen lässt, dass er den Unterschied zwischen endlosem Datenfluss und einzelner Information nicht nur nicht bemerkt, sondern sogar als Vorteil empfindet: der Film. Wenn mehr als ungefähr 25 einzelne Bilder mit einem klaren Anfang und Ende in einer einzigen Sekunde hintereinander abgespielt werden, dann glauben wir, eine kontinuierliche Bewegung zu erleben. Dieser Phi-Effekt baut auf die Trägheit des Auges, das wiederum von der Verarbeitungsgeschwindigkeit unseres Gehirns abhängig ist.

Im Kino ist das super. Lässt man stattdessen Waren, Dienstleistungen, Verhältnisse und Gesetze in Höchstgeschwindigkeit rotieren, kommt nichts weiter dabei heraus als Chaos, ein Zustand, in dem Anfang und Ende zwar irgendwo existieren, aber verborgen bleiben.

VIII. Radiorekorder Damit beschäftigt sich der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, der mit seinem Buch "Soziale Beschleunigung" so manchem, der zwischen dem Ideal der Dauer und dem Vergänglichen steht, aus der Seele redet. Die auf allen Ebenen zunehmende Beschleunigung, so seine These, sorgt nicht allein für eine grenzenlose Überlastung, der der Einzelne mit Verdrängung begegnet: "Das rasende Tempo fuhrt zum Stillstand." Um das zu illustrieren, erzählt Rosa die Geschichte von seinem ersten Radiorekorder: "Den hatte ich mir mit der Sorgfalt einer lebenswichtigen Entscheidung im Quelle-Katalog ausgesucht. Bald kannte ich all seine Funktionen, ich wusste, was er konnte und was er nicht konnte. Dann begann ich an ihm rumzubasteln, etwa ausgediente Autolautsprecher anzuhängen. Und schließlich hatte auch er seine Macken: Die Aufnahme funktionierte nur, wenn man den Aufnahmeknopf zweimal hintereinander in einem ganz bestimmten Winkel drückte und eine Zeit lang festhielt, manchen Sender bekam ich nur dann ohne Rauschen, wenn ich die Antenne manipulierte, und das Kassettendeck war mehrfach überklebt." Aber, so fährt Rosa fort, "ich war mit dem Ding regelrecht verwachsen. Inzwischen schaue ich die Abspielgeräte kaum mehr richtig an. Die Uhr auf meinem neuen Rekorder blinkt immer noch 00:00, und ich habe ein schlechtes Gewissen. Das geht mir so mit meinem PC und mit meinem Handy. Ich sehe die Geräte an und denke, ich tue ihnen Unrecht: Sie sind so toll, und ich verstehe sie gar nicht." Diese Geschichte des Kritikers der unkontrollierten Beschleunigung, die kein Ende kennt, ist sympathisch, und gewiss teilen viele das Schicksal des Professors. In solchen Fällen ist schnell die Rede vom Zurück zum Guten, was immer das angesichts des Rosaschen Radiorekorders auch bedeuten mag, von einer Renaissance des "ehrlichen Produktes", der Entschleunigung und anderer Notlügen, mit denen man sich aus Zeit, Raum und Verwirrung fortstehlen möchte. Doch Rosa fügt seiner Beschreibung noch etwas hinzu, und das ist mindestens so wichtig wie die Geschichte seines Radiorekorders, "mit dem ich richtig verwachsen war". Wenn er all die neuen Produkte sieht, deren Nutzen er nicht ausschöpft und er deswegen ein schlechtes Gewissen kriegt, dann denkt er auch an Folgendes: "Eigentlich kann ich es kaum erwarten, bis sie eine kleine Macke haben, damit ich sie wegwerfen kann." Um sie durch ein neues Gerät zu ersetzen.

IX. Anfänger Rosa bringt die Paradoxie auf den Punkt. Menschen sehnen sich nach Ordnung und Sicherheit, sind aber gleichsam ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Kontinuität und Wandel gehören also zusammen, und sie sind nicht, wie lange behauptet, feindliche Brüder. Es gehe darum, sagt Hartmut Rosa, den Dingen einen festen Platz zu geben, also Entscheidungen zu treffen, Konsequenzen zu ziehen. "Das ist auch kein Widerspruch zur Entwicklung. Im Wort Ende steckt zweierlei: einerseits das Aufhören, also das Bewusstsein darüber, dass nichts für die Ewigkeit bestimmt ist. Andererseits aber auch die Idee eines zu verwirklichenden Ziels, eines Endzwecks, des Endpunktes einer Entwicklung, in der englischen Sprache bedeutet die Endsilbe ,end' ja in genau diesem Sinne ,Zweck'." Das ist nun der Wendepunkt: Am ganzen Trubel und Tempo stört uns vor allem eines, seine Zwecklosigkeit. Wer nicht weiß, wo er hinwill, weiß meist auch nicht, wo er ist. Und das führt zu nichts. Zu wissen, wo man hinwill, unterscheidet aber nun die Anfänger von den Profis. Profis sind in der Lage, Projekte zu organisieren, in Etappen zu denken, einen Anfang und ein Ende unterscheiden zu können.

Die schnelle Zwecklosigkeit erklärt auch den German Stillstand - die keineswegs eine deutsche Untugend ist. Niemand sagt, wohin die Reformen führen, wohin es geht, wer was zu tun hat und wann damit Schluss ist.

X. Hunde, Hasen und Ziele Es geht auch anders. Der ehemalige neuseeländische Finanzminister Roger Douglas war die treibende Kraft hinter der Anpassung seines Landes von einem starren System hin zu einer beweglichen Gesellschaft und Ökonomie (vgl. brand eins 06/2003, "Das Experiment"). Neuseeland ist zu einem Musterland, einer dynamischen und anpassungsfähigen Gesellschaft geworden.

Das ist nicht das Resultat der hier zu Lande gern verordneten "Politik der kleinen Schritte", der Salami-Taktik also, die wegschneidet, ohne dass jemand irgendwann Aussicht auf ein Wurstbrot hat. Statt vager Drohungen und einer Politik des moralischen Zeigefingers spannte Douglas die Nation in ein Projekt ein: Es war zeitlich klar umrissen, wie lange die Reformen dauern sollten, was konkret gemacht werden musste und wer daran beteiligt war. Und niemand redete von allmählich oder irgendwann. "Das Reformtempo kann nicht hoch genug sein, man muss große Sprünge machen, keine kleinen Schritte, alle müssen gleichmäßig mitmachen, keine Gruppe darf ausgenommen werden", beschreibt Douglas seine "Lektionen" aus der Reform. So schnell wie möglich müsse man bei der Veränderung laufen und gleichsam immer die Ziele und Vorhaben " buchstabieren", einen klaren Anfang, ein klares, verbindliches Ende - also ein Ziel nennen: "Der Hund muss den Hasen sehen - Menschen werden bei Veränderungen nicht kooperieren, wenn nicht eine klare Richtung und ein klarer Zweck vorgegeben wird." Das ging so weit, dass Douglas die einzelnen Reformschritte in Form eines Zeitplans veröffentlichen ließ, über alle verfügbaren Kanäle. Die Abschnitte waren klar erkennbar und nachvollziehbar. Am Ende winkte nicht die Erhaltung des Status quo, sondern fette Beute: ein sehr guter Platz in einer globalisierten, leistungsfähigen, auf Hightech und Bildung basierenden Gesellschaft. Auf dieser Grundlage beendeten die Neuseeländer ihre alte Zeit und fingen etwas Neues, höchst Erfolgreiches an.

Ein hohes Reformtempo, maximale Offenheit und klare Ziele sind nicht allein für den Erfolg der Aktion verantwortlich. Sie sind auch menschlich richtig.

XI. Verbindlichkeit Wer Ende meint, muss Ziel sagen. Lässt man den Menschen die Wahl zwischen der vagen Ewigkeit und der Klarheit der Endlichkeit, dann werden sie sich für das Zweite entscheiden. Das Dauerhafte ist nur ein Ersatz dafür. Der größte Feind des guten Endes ist die Unverbindlichkeit.

Im Zeitalter der Dauer war Verbindlichkeit eine Tugend, im Zeitalter des Vergänglichen wird daraus eine Notwendigkeit, ohne die nichts mehr geht. Verbindlichkeit schafft Vertrauen in Produkte, Ideen und die Menschen, die dahinter stehen. Wer diese Entscheidung nicht treffen will, sich auf zu hohes Tempo und verwirrende Zeiten des Wandels beruft, ist nichts weiter als abergläubisch. Der Wandel fiel nicht vom Himmel. Die Entscheidung darüber, ob man ein klares Ende setzt und auch, ob es danach einen Neuanfang gibt, nimmt uns niemand ab.

Simone de Beauvoirs Kollege und Freund Albert Camus hat das in seinem Gleichnis vom Sisyphos erzählt, der Figur aus der griechischen Mythologie, die zu nie enden wollender, sinnloser Arbeit verurteilt wurde. Auf ewig soll er seinen Felsbrocken nach oben rollen, um immer wieder von vorn anrangen zu müssen. Im Zeitalter der Dauer hat man das als Verdammnis verstanden. Camus aber sieht das mit den Augen des neuen Menschen. Sisyphos erscheine uns nur unglücklich, denn die Entscheidung darüber, ob er seinen Stein nach oben bewege, liege an ihm selbst. Solange sich Sisyphos an die Regeln der alten Götterwelt hält, wird alles bleiben, wie es ist. Camus glaubt, dass Sisyphus darum weiß: "Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache." Er kann aufhören, wann er will. Am Schluss steht unsere Entscheidung. Und das ist es, was im Endeffekt zählt.