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Rauchzeichen

Eine Lach- und Sachgeschichte aus der Steinzeit, erzählt von einem Augenzeugen.




Das muss ich gleich mal sagen, von wegen: "Am Anfang war das Feuer." Das ist Quatsch. Das ist ein Slogan, den sich Kollege B. ausgedacht hat. Und der ist auch gut, das muss ich zugeben, den kennt heute jeder, der hat funktioniert. Aber am Anfang war natürlich nicht das Feuer, sonst wäre das alles nicht möglich gewesen. Sondern genau das Gegenteil: die Kälte. Die Dunkelheit. Und in der Dunkelheit Tiere, groß wie Häuser. Nur dass es noch keine Häuser gab. Ist doch klar, in der Steinzeit. Es gab nur eine gigantische kahle Ebene, über die die Menschen krabbelten wie Ameisen über einen Tisch. Tische gab es allerdings auch noch nicht. Ameisen dagegen schon. Na, egal. Jedenfalls hat irgendwann einer damit angefangen.

Ich war damals nicht dabei. Ich kenne auch niemanden, der dabei war. Von wegen: "Und ich sprach: Es werde Licht." Noch so ein Spruch des Kollegen B. Aber wir hatten nichts damit zu tun. Es war einer, an den sich heute niemand mehr erinnert. Der hat sich da draußen hingesetzt, und, keine Ahnung, irgendwie ein Feuer gemacht. Klein natürlich, für eine Person oder vielleicht zwei. Doch damit war plötzlich alles anders. Die Dunkelheit war verschwunden. Und die Kälte. Es war Nacht, irgendwo froren Menschen, irgendwo fürchteten sie sich vor den Geräuschen, dem Unsichtbaren. Aber nicht rund um das Feuer. Kollege B. textete später: "Ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer Schritt für die Menschheit." Zumindest der zweite Teil des Satzes ist richtig. Und natürlich blieb das nicht lange unbemerkt.

Das muss am Anfang sehr schnell gegangen sein, das kann man sich auch vorstellen, oder? Überall Dunkelheit und plötzlich ein Licht. Klar, dass die Leute sich dort treffen. Aber bald gibt es Probleme. Das Feuer ist so klein, dass nicht alle drum herum sitzen können, also wird es vergrößert. Doch dafür braucht man mehr Holz, und so wird eine Gruppe gebildet, die das holt. Eine zweite Gruppe hält das Feuer am Brennen, und eine dritte versorgt beide, weil die das selbst nicht mehr schaffen. Ja, das ist der Beginn der Wirtschaft, der Beziehung von Aufwand und Ertrag. Und da gibt es nun mal Grenzen. Irgendwann lässt sich ein Feuer nicht mehr vergrößern, irgendwann sind die einzelnen Arbeitsgruppen kaum noch zu koordinieren. Und dann kommt eben einer, der immer nur in der zweiten oder dritten Reihe sitzt, der das Feuer immer nur von weitem sieht, auf eine Idee, und die ist ganz einfach: Ich mache selbst ein Feuer! Also gibt es plötzlich zwei Feuer. Aber dabei bleibt es natürlich nicht.

Hat erst mal einer eine Idee, haben sie andere auch ganz schnell. So war nach kurzer Zeit die gesamte Ebene von Feuern übersät. In dieser Phase ist auch unser Feuer entstanden. Und ganz ehrlich: Es war ein gutes Feuer. Wir hatten eine bestimmte Art, das Holz zu schichten, die sehr effizient war, dabei aber dekorativ und wärmend. Alle liebten es, und deswegen wollten wir es auf keinen Fall aufgeben. Nur dachten alle so, jeder wollte sein Feuer erhalten: weil er es selbst geschaffen hat, weil viele Menschen davon abhingen oder weil er als Gründer andere für sich arbeiten lassen konnte. Doch mit dem riesigen Angebot entstand ein neues Problem: Wie lockt man genug Menschen an sein Feuer, um es erhalten zu können? Wir wussten es nicht und waren schnell in der Krise. Bis Kollege B. kam.

Kollege B. ist natürlich nur ein Künstlername. Er ist ein manchmal etwas wirrer Exzentriker, aber er hatte die richtige Idee. Er sagte: "Die Leute müssen uns finden und unterscheiden können, und zwar schon von weitem. Wir brauchen eine Markierung, so wie Tiere, die ihre Marken rund um ihr Revier setzen, sodass man weiß, wo ein Bär lebt, lange bevor man ihn sieht. Die Leute müssen unser Feuer von weitem wahrnehmen können. Und sie müssen erkennen können, dass es ein gutes Feuer ist, ein großes und warmes. Woran aber können sie das schon aus vielen Kilometern Entfernung sehen? Natürlich am Rauch! Wir brauchen mehr Rauch. Denn wo Rauch ist, ist auch Feuer." Das war dann auch unser erster Slogan. Und die Taktik funktionierte. Anfangs.

Ich weiß nicht genau, was die neu gebildete Rauchgruppe, die Kollege B. leitete, unter das Holz mischte. Anfangs nahm sie feuchtes Laub, doch da konnte keiner mehr atmen, und das war auch nicht die Lösung. Doch irgendwann stieg eine schöne, fette Rauchsäule in den Himmel empor, die man bereits aus weiter Feme sehen konnte, und tatsächlich strömten bald die Massen an unser Feuer. Kollege B. war noch lange nicht zufrieden, er rief " Kampagnen, wir brauchen Kampagnen", und er bekam dazu bald Gelegenheit, denn kurz darauf gab es ein neues Problem: Die anderen Feuer hatten unsere Idee kopiert, nach wenigen Wochen stiegen unzählige Rauchsäulen über der Ebene auf. Und niemand konnte sie unterscheiden.

Das war die Stunde von Kollege B., er lief zur Bestform auf. Unser Rauch wurde dichter, die Rauchsäule höher und die Rauchgruppe immer größer. Doch die Konkurrenz war auch nicht faul, sie produzierte ebenfalls mehr Rauch, und so konnte man nach einiger Zeit gar nichts mehr sehen: Die Ebene lag unter einer einzigen dicken Rauchschwade. Damals meinten die ersten Kritiker, zu viel Rauch sei nicht gut für die Menschen, aber von denen ließ sich niemand beirren. Schon gar nicht Kollege B., der uns erklärte: "Was man nicht sehen kann, muss man riechen." Anfangs versetzte er das Holz mit Kiefernnadeln, später, als die anderen ebenfalls Kräuter ins Feuer schmissen, benutzte er Weihrauch.

Der Aufwand, um das Feuer populär zu halten, wurde immer größer. Wir produzierten Rauch, wir parfümierten ihn, und als auch das nichts mehr half, erklärte Kollege B.: "Was man nicht sehen oder riechen kann, muss man hören." Bald prasselte unser Feuer lauter als alle anderen, und natürlich machte auch das die Konkurrenz nach. Es war ohrenbetäubend. Wir saßen also in dieser Ebene, in der es nur noch um die Feuer herum hell war, denn die Sonne konnte man wegen des Rauchs nicht mehr sehen, in der es roch wie in einer schlecht gelüfteten Kirche, und in der es lauter war als direkt neben der Autobahn - und dabei war noch nicht mal das Rad erfunden! Außerdem war die Rauchgruppe inzwischen größer als alle anderen Gruppen, denn Kollege B. machte unser Feuer mit allen Mitteln, seine Leute verbreiteten überall seine Slogans. Während wir sie versorgten.

Zu dieser Zeit fragten sich viele Leute, ob die Kritiker des Rauchs vielleicht doch Recht gehabt hatten. Und einige Menschen verließen sogar die Feuer: Sie hatten vergessen, wie elend das Leben früher war, sie wollten nur fort vom Rauch. Kollege B. sah das aber bloß als eine neue Herausforderung: Er entwickelte für die Flüchtigen ein Kleinstfeuer zum Mitnehmen, eine Rolle, gefüllt mit feinen Rauchzutaten, die er Zigarette nannte. An diesem Punkt begann allerdings sogar ich zu zweifeln: Es war uns ursprünglich um ein besseres Leben gegangen, um Wärme, Licht und Sicherheit, doch der Zigarette fehlt alles - sie ist nichts als Rauch. Da war für mich Schluss.

Ich weiß nicht, wie es heute in der Ebene aussieht. Ich bin damals weggegangen, wie so viele. Ich mache jetzt ein eigenes Feuer, zusammen mit einigen Freunden. Es ist klein, aber fein, und wer vorbeikommt, darf sich gern beteiligen. Um den Rauch kümmern wir uns nicht. Kollege B. hatte vollkommen Recht, als er sagte: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Aber umgekehrt gilt dasselbe: Wo Feuer ist, ist auch Rauch. Wir kümmern uns jetzt vor allem um unser Feuer. Der Rauch entsteht von selbst.