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Was Marken nützt - Meine Dönerbude, mein Computervirus

Die Spielkartenfabrik Altenburg gehört zu den wenigen ostdeutschen Gewinnern der Wiedervereinigung. Das Thüringer Traditionsunternehmen setzt auf eine konjunkturunabhängige Leidenschaft und neue Ideen für ein altes Medium.




Die Altenburger haben Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nur das deutscheste aller Spiele erfunden, sondern ihm in ihrem Städtchen auch ein Denkmal gesetzt: den Skatbrunnen. Auf einem Sockel kämpfen vier bronzene Wenzel (Buben) miteinander. Aus Schweineköpfen, den Glückssymbolen, läuft das Brunnenwasser.

Schwein gehabt haben die Mitarbeiter der Altenburger Spielkartenfabrik. Die 1832 gegründete Firma wechselte nach der Vereinigung mehrfach den Besitzer. Mittlerweile gehört sie zur belgischen Carta-Mundi-Gruppe, einem der größten Spielkartenhersteller weltweit, der der deutschen Tochter viel Freiraum lässt.

Obwohl Skat ein wenig aus der Mode gekommen ist und osteuropäische Billighersteller die Markenware von ASS (Altenburger und Stralsunder Spielkarten) fleißig kopieren, kann sich der Geschäftsführer Peter Warns nicht wirklich beklagen. Flotten Schrittes führt er durch den Betrieb, in den im vergangenen Jahr fünf Millionen Euro für eine neue Druckhalle investiert wurden. 150 000 bis 160 000 Kartensets spucken die Maschinen täglich aus, der Umsatz ist im vergangenen Jahr um rund zehn Prozent gewachsen.

Zum einen, weil der menschliche Spieltrieb ziemlich konjunkturresistent ist; die Leute spielen zwar weniger Skat, dafür mehr Doppelkopf, Bridge und Quartett - es gibt kaum billigere Vergnügen. Zum anderen, weil man sich in Altenburg ständig neue Spielvarianten einfallen lässt. Und mit einem Nischenprodukt auf einen interessanten Markt setzt, den für Werbegeschenke.

Kartenspiele sind in der Herstellung nicht viel teurer als die üblichen Kugelschreiber, Käppis oder Kalender, mit denen Firmen ihre Kundschaft gern beglücken, machen aber mehr her und eignen sich auch zur Übermittlung komplexer Botschaften. Wams rechnet vor, dass ein einziges Kartenspiel inklusive Faltschachtel so viel nutzbare Fläche hat wie sechs DIN-A4-Seiten. Um das kreative Potenzial zu demonstrieren, haben seine Mitarbeiter selbst ein paar Spiele entwickeln lassen und an Werbeagenturen verschickt. Zum Beispiel "Snob Poker" ("Mein Haus, mein Auto, mein Boot"). Oder "Weltliteratur à la Carte". Für das Spiel hat der Autor Frank Goosen von "Berlin Alexanderplatz" bis "Ulysses" 30 Werke auf je einer Karte prägnant zusammengefasst, anhand von Schlüsselwörtern können die Spieler sie gegenseitig erraten (Rosinante + Windmühlen = Don Quijote).

Die Botschaft der Thüringer Kartenmacher kommt an. Renault hat in Altenburg ein Sicherheits-Quartett drucken lassen, um die Vorzüge der eigenen Marke herauszustellen; die Frauenzeitschriften "Cosmopolitan" und "Petra" Tarotkarten, um die Auflage zu steigern. Mittelständler erfreuen ihre Belegschaft gern mit personalisierten Skatspielen, die den Chef als Kreuz-König oder die Firmengeschichte in humoristischer Form zeigen. Weil sich Kartenspiele schon in kleinen Auflagen um die 600 Stück preiswert drucken lassen, haben auch ungewöhnliche Ideen eine Chance. So landete eine Software-Firma mit ihrem Computerviren-Quartett einen Überraschungserfolg, ebenso ein Architekt mit seinem liebevoll gemachten Plattenbauten- und einige Gestalter mit ihrem Berliner Dönerbuden-Quartett.

Das Schöne beim Kartenspiel ist, dass man die komplizierte Welt vergessen - oder zumindest auf eine überschaubare Zahl von Elementen reduzieren kann. Deshalb, so Peter Wams, sei auch das Saddam-Hussein-Pokerspiel, das den Ex-Diktator und seine Spießgesellen zeigt, nicht nur bei den US-Truppen im Irak so prima angekommen. Der Auftrag des Pentagon für das Schurkenspiel ging nicht nach Altenburg, aber die dahinter steckende Idee könnte durchaus aus der Skatstadt stammen: spielen, trumpfen, sammeln, lernen.