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Kunst bringt Geld

Kultur als Wirtschaftsfaktor: Wie wäre es, wenn wir das mal ernst nehmen?




"Sage zu dir in der Morgenstunde: Heute werde ich mit unbedachtsamen, undankbaren, unverschämten, betrügerischen, neidischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler sind Folgen ihrer Unwissenheit hinsichtlich des Guten und des Bösen." (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen) Geht man diese Straße nach Einbruch der Dunkelheit hinab, auf der Mitte der Fahrbahn, denn Verkehr gibt es nicht, und sieht sich um, betrachtet die hässlichen Nachkriegsbauten, davor Autos der unteren Preisklasse, dazwischen ein wenig Nutzgrün, aber kein Mensch auf dem Fußweg, keine Kinder, nicht mal Rentner mit Hunden, und das abends um halb acht, dann weiß man eigentlich schon alles. Und es wird bestätigt: Vor zwei Wochen hat ein Anwohner um sechs Uhr morgens laut Musik gehört, ein Nachbar beschwelte sich, und da hat ihn der Musikhörer aufgeschlitzt. Ein paar Tage später stand die Straße voller Polizei- und Feuerwehrwagen, weil ein Betrunkener Flaschen auf die Passanten geworfen und danach ein Zimmer angezündet hat. Und vor zwei Tagen wurde ein toter Rentner in seiner Wohnung gefunden, der lag da aber schon einige Zeit. "Ja", sagt die Kellnerin in der Pizzeria und lacht, "bei uns ist immer was los." Das ist das Zentrum des bayerischen Ortes Neu-Ulm, ein Großstadtghetto ohne Großstadt: Auf der anderen Seite der Donau, bereits in Baden-Württemberg, liegt die käsige Kleinstadt Ulm, während sich hinter der Stadt wohlhabende Dörfer aufreihen, und weil die eingemeindet sind, geht es Neu-Ulm statistisch gesehen nicht schlecht. Nur eben nicht rund um den Bahnhof. Wobei gerade der eine Ausnahme darstellt: Seit Mai 2002 betreibt der Veranstalter Stefan Bausenhart in dem etwas heruntergekommenen, aber schönen Flachbau seinen Club Nubahnhof. Bis zu 300 Zuschauer pro Abend sehen dort Gruppen wie Kinderzimmer Productions, Kante oder Urge Overkill, außerdem gibt es Literatur, in den kommenden Monaten werden Axel Hacke, Harry Rowohlt und Max Goldt auftreten. Bausenhart ist sehr umtriebig: Er hat die Räume eigenhändig renoviert, kümmert sich um das Programm und die Bar, betreut die Künstler, richtet Licht und Ton ein und steht als Pizzabäcker in der Küche. Der gelernte Bürokaufmann bekommt keine staatliche Unterstützung, beschäftigt aber sieben Angestellte - er ist ein Kleinunternehmer, wie man ihn sich wünscht. Theoretisch.

Praktisch soll der Bahnhof 2007 abgerissen werden, denn die Bahn modernisiert hier ihre ICE-Strecke, außerdem wird der Nahverkehr auf eine unterirdische Trasse verlegt, und so entsteht auf dem jetzigen Gleisgelände ein großes freies Areal, auf dem Eigentumswohnungen und Büros gebaut werden sollen. Das ist ein Teil des Stadtentwicklungsplans Neu-Ulm, der bei näherem Hinsehen allerdings etwas optimistisch wirkt: Der Ort ist für Besserverdienende eher unattraktiv, das wissen auch die Investoren, und so liegt eine andere zentrale Planungsfläche, eine ehemalige Kaserne, schon länger teilweise brach. Ende Januar scheiterte außerdem der geplante Bau eines Einkaufszentrums, ebenfalls aus Mangel an Kapital. Bausenhart sieht die Lage realistisch und schlägt deshalb einen Kompromiss vor: Man solle doch erst mal das restliche Bahngelände bebauen, und wenn dann noch Bedarf bestehe, würde er ausweichen - nach dem heutigen Stand würde das die Existenz seines Hauses auf unabsehbare Zeit sichern. Aber vielleicht ist der 36-Jährige zu bescheiden.

Politiker behaupten häufig, man müsse auch die Kultur wirtschaftlich betrachten, doch sie tun es nur selten - und das ist schlecht. Sieht man den Nubahnhof als Unternehmen, ist er ein profitabler Betrieb, der Steuern zahlt und die Stadt nichts kostet - ihn zu vertreiben ist absurd. Doch das ist nicht alles. Die Innenstadt von Neu-Ulm ist ein gutes Beispiel für das weltweit verbreitete Phänomen der Suburbanisierung: Während die Besserverdienenden ins Umland ziehen, leben in den verfallenden Innenstädten zunehmend vor allem sozial Schwache. Inzwischen ist aber allgemein anerkannt, dass kulturelle Aktivitäten diesen Prozess verlangsamen, stoppen oder gar umkehren können. Clubs und Galerien locken junge Leute, die dank günstiger Mieten gern in solche Viertel ziehen, neues Kleingewerbe folgt, und mit der Zeit wird aus dem Ghetto ein gefragter Stadtteil. Solch eine Leuchtfeuerfunktion erfüllt Bausenharts Club kostenlos, und dabei ist er nicht einmal ein reiner Underground-Treffpunkt: Axel Hacke oder Max Goldt gefallen auch modernen Angestellten -und die Region Ulm/Neu-Ulm will sich in Zukunft als Standort für Telekommunikation, Pharma und Biotech profilieren.

Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel behauptete vor rund 1900 Jahren, die Ursache des Falschen sei nicht das Böse, sondern die Unwissenheit - daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Denn Neu-Ulm ist durchaus nicht kulturfeindlich, sein Augus-Theater bekommt in diesem Jahr immerhin 105 000 Euro Förderung - doch hat das vermutlich auch damit zu tun, dass das Programm des Boulevardhauses mit seinen 200 Plätzen dem älteren, gehobenen Mittelstand, aus dem sich der Stadtrat rekrutiert, näher ist als ein junger Club. Und genau deshalb, liebe Kulturfreunde, kann es durchaus sinnvoll sein, Kunst nicht nur als Sinnstifter, sondern auch als Wirtschaftsfaktor zu denken: Fördergelder werden selten wirtschaftlich verteilt, sondern meist nach Geschmack - schnöder Materialismus könnte das ändern. Würde im Sinne der Standortpolitik realistisch gerechnet, müssten nicht die Opernhäuser gefördert werden, sondern die so genannten alternativen Kulturzentren, die heute mit wesentlich geringeren Kosten wesentlich mehr Publikum ziehen als die klassischen Kulturstätten - und das insbesondere aus den jungen, innovativen Zukunftsbranchen.

Stefan Bausenhart will keine Förderung - er will nur bleiben, wo er ist. Und er wird dafür kämpfen. Was soll er auch sonst tun? Marc Aurel schrieb: "Geh immer den kürzesten Weg. Der kürzeste Weg ist der naturgemäße, das heißt in allen Reden und Handlungen der gesunden Vernunft folgen. Ein solcher Entschluss befreit dich von tausend Kümmernissen und Kämpfen, von jeder Verstellung und Eitelkeit." Mein Lieblingsrapper Sido sagt auf seiner neuen Single in "G meinen Weg" Ähnliches: "Nicht mehr umdrehen, einfach weitergehen, nicht mehr zuhören, einfach weiterleben (...) auch wenn mir irgendwann die Scheiße bis zum Kinn steht, Nase zuhalten, und ich geh' meinen Weg." Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen. Reclam Universalbibliothek Nr. 1241; 2003; 4,90 Euro Nubahnhof, Neu-Ulm, www.nubahnhof.de Zur Suburbanisierung: Schrumpfende Städte. Band 1: Internationale Untersuchung. Verlag Hatje Cantz; 32 Euro Sido: Mama ist stolz auf dich. Aggro Berlin