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Kapitalismus für alle!

Für den US-Staatsrechtler Bruce Ackerman ist die Chancengleichheit in der Zivilgesellschaft auch eine Frage des Geldes. Deshalb soll der Staat alle Bürger zu Erben machen. Mit 80 000 Dollar Startkapital zur Volljährigkeit.


brand eins: Herr Ackerman, Sie wollen den Sozialstaat dadurch revolutionieren, dass Sie eine so genannte Teilhaber-Gesellschaft errichten. Darin erhält jeder Bürger mit Erreichen der Volljährigkeit 80000 Dollar. Wie soll das funktionieren?

Bruce Ackerman: Mein Ausgangspunkt bei allen Überlegungen ist die Chancengleichheit am Start. Jeder Bürger erhält mit der Volljährigkeit ein Stückchen ökonomische Handlungsfreiheit. Ich habe dafür 80000 Dollar angesetzt, aber über die genaue Summe kann man natürlich reden.

Was soll daran fair sein, dass der Millionärssohn ebenso Geld vom Staat erhält wie die Arbeitertochter? Jeder Bürger heißt jeder Bürger. Millionäre tragen durch eine Vermögenssteuer zur Finanzierung des Programms bei. Während ihre Kinder 80 000 Euro bekommen, werden sie ein Mehrfaches in den Fonds einzahlen. Millionärskinder sind Bürger wie alle anderen, deswegen sollten sie ihren fairen Anteil am nationalen Wohlstand haben. Im Gegensatz zur Fürsorge ist der Gedanke hier ein fundamental anderer: Es geht nicht um Hilfe in einer Notlage, sondern um eine faire und gerechte Ausgangsposition.

Die meisten Industriegesellschaften bieten doch bereits gute Startbedingungen, etwa kostenlose Schulbildung. Es gibt Gesetze und Programme, um die schlimmsten Ungleichheiten und Notlagen auszubügeln. Wie weit muss der Sozialstaat noch gehen, um Fairness zu garantieren?

Wir erkennen unsere Verantwortung für Kinder, Behinderte oder Minderheiten an. Aber bei der materiellen Chancengleichheit klafft eine große Lücke. Deswegen der Gedanke einer Teilhaber-Gesellschaft, in der jeder volljährige Bürger vom Staat seinen Anteil über vier Jahre ausbezahlt bekommt. Die einzige Voraussetzung ist, dass man seine Schulausbildung abschließt.

Sonst wollen Sie keine Bedingungen an den Zahltag knüpfen?

Genau. Man kann man mit dem Geld machen, was man für richtig hält: es investieren, sich selbstständig machen, eine Ausbildung finanzieren, ein Haus kaufen, eine Familie gründen - oder es für Reisen ausgeben. Nur bei bestimmten Straftaten sollte man darüber nachdenken, ob man einen Teil als Sanktion abzieht - als Alternative zu einer Gefängnisstrafe etwa.

Überfordert das nicht junge Menschen, die wahrscheinlich von allen Seiten mit Vorschlägen umworben werden, das Startkapital anzulegen oder auszugeben?

Das Problem der fehlenden Reife löst sich von allein. Und die Schulen sollten einen Pflichtkurs einrichten, in dem man lernt, wie man seinen Anteil am besten verwaltet. Das wäre ein Meilenstein in der Entwicklung zum Erwachsenen wie heute der Führerschein. Außerdem wäre es vielleicht sinnvoll, Investitionen am Aktienmarkt auf eine Reihe von Fonds zu beschränken, die der Staat beaufsichtigt. Und schließlich wird der in Aussicht stehende Anteil von Kindesbeinen an zum Mittelpunkt zahlloser Gespräche mit Verwandten und Bekannten werden. Wir sollten den Einfluss von Eltern nicht unterschätzen, ihren Kindern das nötige Verantwortungsgefühl einzuschärfen. Außerdem kann man solchen Einwänden begegnen, indem man das Bezugsalter nach hinten schiebt. Wir könnten die 80000 nicht auf einen Schlag auszahlen, sondern ab Erreichen der Volljährigkeit in vier Raten oder anfangs sogar erst ab dem 25. Geburtstag - sodass man vorher ein paar Jahre Gelegenheit hat, sich darauf vorzubereiten und beraten zu lassen. Gerade Jugendliche aus armen Familien werden vorsichtig mit ihrem Anteil umgehen - weil sie wissen, dass das die Chance ihres Lebens ist.

Wieso sollte der Staat ausgerechnet jungen, gesunden, arbeitsfähigen Bürgern so viel Geld schenken, statt es für wirklich Bedürftige auszugeben?

Gegenfrage: Welche Funktionen erfüllt der so genannte Wohlfahrtsstaat eigentlich? Einige Programme konzentrieren sich bereits auf die Chancengleichheit, vor allem im Bildungswesen. Später greifen wir in das Leben von Erwachsenen ein, etwa durch Gesetze, die sicherstellen, dass Marktkräfte wirken können. Ebenso handelt der Staat fürsorglich, wenn er Marktversagen wie Umweltschäden verhindert, ahndet oder korrigiert. Wenn jemand Pech hat oder scheitert, helfen wir mit Sozialprogrammen. Das ist das altbekannte Sicherheitsnetz - aber wo ist die Chancengleichheit, wenn man als tatendurstiger Bürger ins Erwachsenenleben tritt?

Wer seine 80 000 verliert, darf trotzdem auf Sozialhilfe hoffen?

Sicher. Ich bin nicht gegen den Sozialstaat. Wir müssen nur die Fürsorge-Mentalität hinter uns lassen und eine Güterabwägung treffen zwischen einer Gesellschaft, die Hilfe verspricht, und einer Gesellschaft, die Chancen bietet. Was ich dann aus dieser Gelegenheit mache, ist im wahrsten Sinne des Wortes meine persönliche Verantwortung. In einem Bereich gibt es die Bezuschussung für gleiche Startbedingungen bereits. Wir geben ungefähr 80 000 Dollar pro Kopf für die Hochschulausbildung von Millionen junger Leute aus. Eine Minderheit kann auf Staatskosten Erfahrungen sammeln, während die Mehrzahl ihrer Altersgenossen nicht studiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Uni-Absolventen später besser gestellt sein und weniger unter möglichen negativen Folgen der Globalisierung zu leiden haben als jemand, der nach der Schule gleich in die Werkshalle gegangen ist.

Ich will die Eigentums- und Bürgerrechte wieder miteinander verbinden - wie bei einer postindustriellen Landreform, bei der jeder ein Stückchen Freiheit übereignet bekommt, das er beackern kann.

Ihre Pläne würden den Sozialstaat also stärker machen?

Traditionelle Wohlfahrt bedeutet: Hilfe und Bevormundung, aber kein Ansporn, auf den man sich freuen kann, um neue Ideen auszuprobieren oder Träume zu verwirklichen. Was tun wir als Gesellschaft für die Heerscharen jener, die arbeiten, sich anstrengen und ihre Möglichkeiten ausloten wollen, aber von einer Gehaltszahlung zur nächsten leben? Bislang unterteilen wir das Leben in drei Abschnitte: Kindheit, Erwachsensein und Alter. In der Kindheit erkennt der Staat das Gleichheitsprinzip an und bietet öffentliche Bildung, im Alter zahlen wir fast allen Senioren Rente und medizinische Versorgung. Aber wieso ist ein 16-jähriger Hauptschulabgänger auf sich gestellt, während ein Student bis 32 oder noch länger subventioniert wird? Wir sollten einen weiteren Lebensabschnitt betrachten - das junge Erwachsenenleben, in dem man seinen Weg ins Leben sucht.

Aber wie kann sich die Teilhaber-Gesellschaft und die Beibehaltung des sozialen Netzes rechnen? Schon die alte Version des Sozialstaates hat enorme Finanzierungsprobleme.

Ich habe in meinem Buch genau beschrieben, wie sich die Teilhaber-Gesellschaft rechnen kann. Für das Jahr 1997 etwa hätte dieses Programm 255 Milliarden Dollar gekostet - weniger als die Bildungsausgaben und deutlich weniger als das Verteidigungsbudget der USA in diesem Jahr. Eine Vermögensteuer von zwei Prozent jenseits eines Freibetrags sowie eine Erbschaftsteuerzahlung von 250 000 Dollar, die beim Tod eines Empfängers, der sein Startkapital vermehrt hat, als verzinste Rückzahlung des ursprünglichen Anteils fällig ist, würden das Vorhaben bereits tragen.

Die 80 000 Dollar müssen also doch zurückgezahlt werden: von den Erben?

Für mich sind diese Anteile eine Bürger-Erbschaft. Heute verlassen wir uns immer noch auf private Erbschaften, um Vermögen von einer Generation an die nächste weiterzugeben, aber dieser Mechanismus ist überholt. Früher starben Eltern mit 50 oder 60 und gaben ihr Erspartes an Kinder um die 20 oder 30 weiter. Heute beerben 60-Jährige ihre 90-jährigen Eltern! Das ist lachhaft. Wie wohlhabend etwa ein Deutscher ist, hat wenig mit den eigenen Fähigkeiten oder denen der Eltern zu tun, sondern damit, ob man zwischen 1949 und 2000 in Dresden oder Hamburg lebte. Das ist keine Folge harter Arbeit, sondern von Unwägbarkeiten der Politik. Ich möchte Erbscharten demokratisieren - als Anrecht jeden Bürgers auf einen fairen Start.

Welches Land würde sich diese Milliardenbürde aufhalsen und noch dazu die Steuern erhöhen?

Sehen Sie sich England an! Dort hat Tony Blair seine Wiederwahl 2001 auch dank der Child Trust Funds oder Baby Bonds gewonnen. In ihrer gegenwärtigen Phase bekommt jede Familie für ein Kind, das ab dem 1. September 2002 geboren wurde, 250 Pfund geschenkt, arme Familien sogar 500 Pfund. Ab April starten die Baby Bonds offiziell und akkumulieren Zins und Zinseszins bis zum 18. Geburtstag. Das Ganze kostet rund 350 Millionen Pfund im Jahr und lässt sich leicht finanzieren. Es ist ein Schritt hin zur Teilhaber-Gesellschaft.

Ein kleines Sparbuch für Neugeborene ist nicht der große Wurf, aber vermutlich ist politisch nicht mehr durchsetzbar?

Wir haben bis heute nicht durchdacht, wie man Chancen-Gesellschaft und Fürsorge austariert. Das ist das leidige Erbe des Marxismus, der uns eine scheinbar einfache Antwort gab. Lasst uns einfach die Produktionsmittel verstaatlichen! Das hat uns nachweislich nicht weitergebracht, und für einen liberalen Denker wie mich bleibt die Frage: Was tun mit immer größeren Vermögen, die über mehrere Generationen angehäuft werden?

Ich weiß, dass meine Vorstellung an die ursprünglichen amerikanischen Ideale appelliert und von jenen Millionen Bürgern verstanden werden würde, die sich in einer Marktwirtschaft ohne ein Vermögen im Rücken zurechtfinden müssen. Ich bin keineswegs der Erste, der eine Teilhaber-Gesellschaft fordert. Tom Paine war 1797 der Vordenker, der nicht nur das allgemeine Wahlrecht, sondern auch ökonomische Teilhabe für alle Bürger verlangte. Dann entwickelten französische Theoretiker die Idee weiter, bis der Marxismus dem Ganzen als vermeintlich kleinbürgerlicher Utopie den Garaus machte. Jetzt stehen wir vor der Frage: Wie ordnen wir eine Gesellschaft der Eigentümer fair und gerecht?

Auch Deutschland ändert langsam seine Gesellschaftsordnung und das Sozialgefüge. Wäre dort eine Teilhaber-Gesellschaft aus Ihrer Sicht realistisch?

Anstatt über mikropolitische Korrekturen wie die von Gerhard Schröders Regierung zu sprechen, sollten wir besser über die fundamentalen Prinzipien reden, darüber, was soziale Gerechtigkeit im kommenden Jahrhundert bedeutet. Zurzeit ist die Lage alles andere als befriedigend. Wir müssen neu definieren, was Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft heißt. Mehr als hundert Jahre lang befanden sich die Liberalen in der Defensive, die Marxisten in der Offensive. Jetzt haben die Laisser-faire-Verfechter die Führung übernommen - die Sozialdemokraten müssen dagegenhalten. Gerhard Schröders Reformen und Tony Blairs Wahlgeschenk an alle Eltern sind Indizien dafür, dass wir ein zeitgemäßes Konzept der sozialen Gerechtigkeit benötigen, das effiziente Märkte als einen fundamentalen Mechanismus auf dem Weg zu mehr menschlicher Freiheit akzeptiert. Wir müssen etwas für die breite Mittelschicht tun, damit sie sich in einer globalen Wirtschaft zurechtfindet, die viele ihrer Jobs und damit Entfaltungschancen exportiert. Wenn der Staat wirtschaftliche Unabhängigkeit als Bürgerrecht garantiert, können sich alle dem Arbeitsmarkt mit aufrechtem statt gesenktem Blick nähern.

Ein Kerngedanke Ihres Modells besagt, die Arbeitsleistung vom Anrecht auf den Bürgererbteil abzukoppeln. Das ist ein Bruch mit den meisten bestehenden sozialen Sicherungssystemen.

Es ist klar, dass Arbeit im 21. Jahrhundert eine geringere Rolle spielen wird als früher - von den Workaholics einmal abgesehen. Ich möchte Fürsorge und staatliche Leistungen deswegen von der Arbeit abkoppeln. Jeder Bürger als Teil der Gesellschaft hat gleiche Rechte und Ansprüche - das hat auch Vorteile im internationalen Wettbewerb.

Sozialansprüche ohne Arbeit - wie soll das einer Volkswirtschaft helfen?

Wenn Leistungen wie Krankenversicherung nicht mehr an den Arbeitsplatz gebunden sind, sinken die Lohnnebenkosten. Das erleichtert einem Unternehmen, Leute einzustellen. Sozialleistungen für alle können durch das nationale Steuersystem finanziert werden.

In Ihrem jüngsten Buch "Deliberation Day" wollen Sie einen neuen nationalen Feiertag in den USA einführen, an dem sich Bürger mit Politikern treffen und diskutieren sollen. Dafür gibt's wieder Geld, 150 Dollar für alle, die mitmachen. Muss man sich gesellschaftliches Engagement bezahlen lassen?

Für mich ist Staatsbürgerschaft kein klassisches Ideal. Wir leben nicht in Athen, wo eine Gruppe reicher Sklavenbesitzer über das Schöne und Wahre debattiert und Geld und Märkte für etwas Vulgäres hält. Menschen reagieren in fast jedem anderen Bereich ihres Lebens auf Marktanreize - wenn es um Konsum, Familie oder Arbeit geht. Warum bedienen wir uns dann nicht des Marktes, um unser Selbstverständnis als Bürger zu stärken?

Nur wenn man Geld bekommt, ist man Teil der Gesellschaft?

Ich versuche, ökonomische Systeme zu entwerfen, die Menschen dazu ermutigen, sich als wirtschaftliche Bürger zu fühlen. Wir brauchen einen dezentralen Marktmechanismus, der das Nachdenken über den eigenen Status in der Gesellschaft fördert. Schließlich gibt es auch eine Entschädigung für Bürger, die als Juroren oder Schöffen am Rechtsprozess teilnehmen. Warum sollen wir die Wahrnehmung bürgerlicher Rechte nicht mit einem positiven Wert versehen? Bücher: Bruce Ackerman u. James S. Fishkin: Deliberation Day. Yale University Press, 2004; 288 Seiten; 30 Dollar Bruce Ackerman u. Anna Alstott: Die Stakeholder-Gesellschaft. Ein Modell für mehr Chancengleichheit. Campus 2001; 241 Seiten; 34,90 Euro