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Die Pickelforscher

Jahrelang verharrt die deutsche Biotech-Industrie in der Deckung. Nur das Berliner Unternehmen Epigenomics traut sich an die Börse. Und holt sich blaue Flecken. Porträt eines Außenseiters mit Mumm.




"Epigenetik ist der Mechanismus, mit dessen Hilfe die Aktivitätszustände der Gene einer Zelle von einer Zellgeneration zur nächsten vererbt werden - und zwar ohne dass irgendeine Veränderung der Gensequenz stattfindet." Epigeneriker Rudolf Jaenisch, Massachusetts Institute of Technology, Boston

Es ist das Jahr 1993, und ein Student hat eine Idee. Elf Jahre später wird sie den Anlegern an der Frankfurter Börse 46 Millionen Euro wert sein und nach langer Enthaltsamkeit ein Zeichen für das Potenzial der deutschen Biotech-Branche setzen. Doch davon ahnt Alexander Olek, damals 24 Jahre alt und Biochemie-Student am Imperial College in London, selbstverständlich noch nichts.

Gähnend lauscht er den Vorträgen bei einer Genforscher-Tagung in Cincinnati. Doch der vom Jetlag Geschädigte wird hellwach, als ein Redner ein merkwürdiges molekularbiologisches Phänomen vorstellt, das damals selbst unter Genetikern weitgehend unbekannt ist. Olek hört, dass Gene offenbar von chemischen Anhängseln an den DNS-Bausteinen, einer Art Pickel, übersät sind. Dass pickelige Gene in der Regel abgeschaltet, pickelfreie Gene hingegen eingeschaltet seien. Und dass Gene, die Krebs verhindern können, in Tumorzellen vor lauter Pickel inaktiv werden. "Da hat es klack gemacht", sagt Olek.

Er erkennt, dass man anhand der Pickel schnell nachweisen kann, ob ein krank machendes Gen aktiv ist oder nicht. Ein einfaches digitales Signal - keine Pickel oder viele Pickel, an oder aus. "Wie man daraus ein Geschäft machen könnte, wusste ich natürlich noch nicht", erzählt Olek. Doch das Ziel ist klar: eine neue Methode zur Diagnose von Krebs oder anderen Erkrankungen zu entwickeln. Und der Student weiß, was er tut. Schließlich hat er bereits während seines vorangegangenen Mathematik-Studiums in Argentinien eine Gendiagnostik-Firma mit gegründet. Seitdem ist der Forscher "auf der Suche nach etwas, was die Dynamik der Aktivität von Genen leicht erfassbar macht".

Das menschliche Genom ist entziffert, nun soll die Epigenetik es entschlüsseln Mit den Methyl-Pickeln glaubt er die Lösung gefunden zu haben. Also promoviert er am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, weil dort gerade eine Technik entwickelt wird, mit der die Pickel auf den Genen, die Molekularbiologen als Methylgruppen bezeichnen, besonders effizient nachgewiesen werden können. Und er fragt seine Chefs, ob er die Methode zum Patent anmelden könne: "Das fanden die, glaube ich, eher goldig", sagt er. Aber sie unterstützen ihn tatkräftig.

Um dieses und inzwischen 150 andere Patente herum, gründet Olek 1998 die Epigenomics GmbH - die erste Biotech-Firma in Deutschland, deren Basis nicht die Genetik, sondern die Epigenetik ist. Damals ist dieser Zweig der Genforschung noch ganz neu. Doch seit das menschliche Genom zwar entziffert, aber das Geheimnis des Lebens alles andere als entschlüsselt ist, gilt die Epigenetik als Hoffnungsträger: Während Genetiker die rund drei Milliarden DNS-Bausteine nur lesen, versuchen Epigenetiker die Interaktion des Erbgutes mit der Umwelt zu verstehen. Denn Genetik allein kann nicht erklären, warum Zwillinge trotz ihrer identischen Gene unterschiedliche Krankheiten entwickeln. Warum die Ernährung der Großeltern mitbestimmt, für welche Erkrankungen die Enkel prädestiniert sind. Und warum Muskelzellen nur Muskelzellen und keine Leberzellen hervorbringen - obwohl alle Zelltypen des Körpers die gleichen rund 25 000 menschlichen Gene enthalten.

Inzwischen wissen Forscher, dass Gene epigenetisch markiert sind, also Stempel haben, die festlegen, welche Gene aktiv und welche inaktiv sein müssen, damit eine Zelle sich zur Muskel- und nicht zur Leber- oder Krebszelle entwickelt. Die Methyl-Pickel, die Epigenomics untersucht, sind die molekularen Abdrücke solcher Prägungen. Während die Epigenetik vor zehn Jahren noch abseits des Forschungs-Mainstreams stand, gilt der Forschungszweig heute als Schlüssel zur Stammzell-, Klon- und auch Krebsforschung. Inzwischen fördert auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Schwerpunktprogramm Epigenetik, die Europäische Union finanziert ein Epigenome-Netzwerk, in den USA hat die Johns Hopkins University im vergangenen Jahr das weltweit erste Epigenetik-Institut gegründet. Und der Pharmakonzern Novartis hat im neuen Bostoner Forschungszentrum gleich eine ganze Abteilung für Epigenetik reserviert.

Als Olek Ende der neunziger Jahre seine Firma gründet, können selbst Molekularbiologen nur wenig mit dem Begriff DNS-Methylierung oder Epigenetik anfangen. " Deshalb mussten wir nicht nur unsere Technologie erklären, sondern auch, was Epigenetik eigentlich ist", sagt er. Trotzdem lassen sich einige Risikokapitalgeber nicht abschrecken und hören dem jungen Mann zu. Denn eine robuste Technik, die die Aktivität von Genen dokumentieren kann, fehlt noch in der damals boomenden Biotech-Branche.

Im Januar 1999 steigen die Deutsche Venture Capital und andere VC-Gesellschaften mit insgesamt 7,2 Millionen Euro bei Epigenomics ein. Im Jahr 2000 fusioniert Epigenomics mit der einzigen ernsthaften Konkurrenz auf dem Weltmarkt: der Orca Biosciences aus Seattle. Eine zweite Finanzierungsrunde, die der Firma 28 Millionen Euro bringt, macht's möglich. Zudem wird aus der bisherigen Epigenomis GmbH nun eine AG.

Oleks Firma profitiert von einem komfortablen Kapital-Nest für Biotech-Start-ups, das andere mühsam bereitet haben. 1994, als sich in München Medigene aufmacht, gentherapeutische Medikamente zu entwickeln, können die Gründer im Prinzip nur zwischen TVM oder Atlas Venture wählen. Mit bescheidenen zwei Millionen Mark startet Medigene den langen Weg zum Markt. Biotechnologie braucht langen Atem: Bis ein Patient eine neue Pille schlucken kann, vergeht leicht ein Jahrzehnt. Bis zu 800 Millionen Euro werden bis dahin durchschnittlich verbrannt.

Wer allerdings die Investment-Wette gewinnt, kann mit erklecklichem Profit rechnen: Allein das Hormon Erythropoietin, das von der amerikanischen Biotech-Firma Amgen seit 1989 produziert und verkauft wird, setzt inzwischen rund zehn Milliarden US-Dollar jährlich um. Biotechnologie-Unternehmen erzielen weltweit mittlerweile Umsätze von mehr als 20 Milliarden Dollar pro Jahr bei jährlichen Steigerungsraten von etwa 20 Prozent. Doch Ende 1995 dümpeln in Deutschland gerade mal 75 kleine, bestenfalls mittelständische Biotech-Unternehmen vor sich hin.

Erst der BioRegio-Wettbewerb, ein millionenschweres Förderungsprogramm des Bundesforschungsministeriums, tritt 1996 einen Gründungs-Boom los. In München und Berlin entstehen Biotech-Cluster, in denen heute rund 350 Unternehmen mit etwa 14 000 Mitarbeitern angesiedelt sind. Bis zum Jahrtausendwechsel entwickelt sich eine regelrechte Euphorie. Nach jahrelanger Ignoranz scheinen die Investoren nun bei jeder Neugründung die Milliarden-Profite von Firmen wie Amgen vor Augen zu haben.

Es macht sich Goldgräberstimmung breit, in die hinein auch die Gründung von Epigenomics fällt. Doch dort bleibt man realistisch. Während sich beispielsweise Medigene im Jahr 2000 entschließt, an die Börse zu gehen, hält sich Epigenomics zurück. "Wir waren einfach noch nicht so weit", sagt Oliver Schacht, Finanzchef bei Epigenomics. Zunächst scheint es, als sei die Vorsicht ein Fehler gewesen: Der IPO spült Medigene auf einen Schlag 125 Millionen Euro in die Kasse, die Aktie klettert auf 130 Euro, und viele der Mitarbeiter träumen vom eigenen Porsche.

Doch als die Börsenblase 2001 platzt, merken die Anleger, dass auch mit Biotech-Werten kein schnelles Geld zu machen ist. Die meisten der im Boom-Jahr 2000 an den Markt gekommenen Papiere fallen weit unter den Emissionspreis: GPC Biotech verliert mehr als 50 Prozent, Medigene mehr als 80 Prozent, Lion Bioscience sogar 98 Prozent an Wert.

Die Krise erfasst auch die Venture-Capital-Firmen. Damit geht den im Boom gegründeten kleinen Biotech-Firmen das Geld aus, nur den größeren Firmen gelingt es noch, das verbliebene Risikokapital abzuschöpfen. Inzwischen liegt das jährliche Investitionsvolumen bei nur rund 20 Prozent des Volumens von 2000. Bis Ende 2005 werden etwa ein Drittel, möglicherweise sogar die Hälfte der deutschen Biotech-Firmen der Konsolidierung der Branche zum Opfer fallen, rechnen Experten vor.

Doch während die Branche zittert, endet das Jahr 2003 für Epigenomics gut. Trotz der schwierigen Lage spült eine dritte Finanzierungsrunde noch einmal 21 Millionen Euro in die Kassen. Damit haben die Berliner seit Firmengründung rund 56 Millionen Euro eingeworben. Und das, obwohl die Konkurrenz auf dem Diagnostik-Sektor des Biotechmarktes groß ist. Viele Firmen versuchen, Testsysteme zu entwickeln, mit denen sich Krebs oder die Wirkung von Medikamenten vorhersagen lässt. "Aber wir konnten zeigen, dass unsere Technologie funktioniert", sagt Schacht.

Auch eine unbekannte Mutation hat Folgen. Diese Erkenntnis bringt Geld und Partner Die üblichen Gentests suchen vor allem nach bestimmten Genmutationen, subtilen Veränderungen in der Abfolge der Genbausteine, die mit Krankheiten einhergehen. Doch bisher sind längst nicht alle Mutationen, die Prostata-, Darm- oder Brustkrebs auslösen können, bekannt. Epigenomics' Technik hingegen nutzt aus, dass auch eine unbekannte Genmutation Folgen im Zusammenspiel der Gene hat. Fällt ein Gen aus, ändern sich die Pickel auf dutzenden von Genen: Das Methyl-Muster ändert sich und mit ihm auch das Aktivitätsmuster der Gene.

Epigenomics untersucht diese Methyl-Muster in hunderten von Genen und kann daher charakteristische Muster für bestimmte Krankheiten erkennen. Mitunter lässt sich so auch das Stadium der Erkrankung bestimmen. Ein Gentest, der nur eine Mutation nachweist, kann hingegen nicht nachweisen, ob die Krankheit fortgeschritten oder vielleicht noch gar nicht ausgebrochen ist.

Kaufen sollen die Tests zunächst Diagnostikunternehmen und klinische Labors. Später wollen Schacht und Olek ihre Produkte auch in eigenen Labors vermarkten. Doch kurz- und mittelfristig ist Epigenomics auf Partnerscharten mit Diagnostika-Herstellern oder Pharmafirmen angewiesen. Eine Verbindung beschließen die Berliner Mitte März 2003: Epigenomics trifft mit dem Weltmarktführer für Diagnostika, der Basler Roche Diagnostics, eine dreijährige Kooperationsvereinbarung zur Entwicklung diagnostischer Tests. Vier Millionen Euro Vorauszahlung bringt das Epigenomics ein. Insgesamt bewertet Olek die Zusammenarbeit mit Roche mit etwa 100 Millionen Euro - ohne die Lizenzgebühren einzuberechnen, die Roche im Fall der Marktreife der Tests zahlen muss. Damit nicht genug: Kurz nach dem Deal mit Roche können die Berliner auch Kooperationen mit den Pharmariesen AstraZeneca und Wyeth Pharmaceuticals abschließen.

Kein Wunder also, dass die Firma Ende 2003 das fünfjährige Bestehen im hippen Berliner Club " Oxymoron" ausgelassen feiert. Olek hält eine Rede - auch wenn er das eigentlich nicht gern tut. Der Blick zurück liegt ihm nicht. Der Vorstandsvorsitzende, der mitunter von der Eigendynamik seiner nun 150 Mitarbeiter großen Firma überrascht ist, sieht sich weniger als Lenker denn als Visionär. Also spricht er von 2006, wenn die epigenetischen Chips zum ersten Mal in der Klinik getestet werden sollen. Und von 2008, wenn der neue Früherkennungstest für Darmkrebs auf den Markt kommen soll, dessen Marktpotenzial auf eine Milliarde Dollar jährlich geschätzt wird. Später, in Sektlaune, diskutieren Schacht und Olek sogar, wann denn nun der Börsengang dran sei. Eine Frage, die niemand nüchtern zu stellen wagt, denn 2003 hat keine einzige Firma das Frankfurter Parkett betreten, seit 2001 hat keine deutsche Biotechfirma mehr ein IPO gewagt.

Epigenomics will an die Börse - und rechnet mit öffentlichem Zuspruch. Weit gefehlt Ende Februar prognostiziert Olek auf einer Vorstandssitzung ein Jahr 2004, das von Monat zu Monat unwägbarer werden wird: ein Jahr, in dem die Anzahl und die Qualität der IPOs im Biotechbereich in den USA so stetig abnimmt wie der Biotech-Index schrumpft. In dem der Ölpreis stetig steigt und die Terrorgefahr zunimmt. "Es war zu erkennen, dass sich das Fenster für einen möglichen IPO langsam schloss", sagt Schacht. Olek entscheidet, den Börsengang sofort anzugehen, um keine Zeit mehr zu verlieren. "Von den Unternehmensdaten her betrachtet war es der frühestmögliche Zeitpunkt, im Hinblick auf die Marktlage aber auch der letztmögliche", sagt Olek.

Am 5. Juli gibt Epigenomics den Plan für den Börsengang bekannt. 29 Prozent Unternehmensanteile stehen zum Verkauf. Schacht setzt die Preisspanne zwischen 11,90 und 14,50 Euro fest. In dutzenden von Meetings zwischen Vorstand, institutionellen Anlegern und Banken sei diese Preisvorstellung entwickelt worden, so Schacht. In Kenntnis der Situation auf dem Kapitalmarkt "haben wir eher dazu beigetragen, die Spanne nach unten anzupassen". Auf keinen Fall wollen sie den Fehler der Deutschen Postbank machen, die den Ausgabepreis für ihre Aktien deutlich senken musste.

Doch genau das passiert. Während Epigenomics auf der Roadshow durch Deutschlands Großstädte die Anleger von ihrem Konzept zu überzeugen versucht, sinkt die Stimmung der Investoren. "Ich habe naiverweise mit kräftigem Presserückenwind für unseren IPO gerechnet", gibt Olek zu. Doch aus deutschen Blättern bläst nur Gegenwind. "Epigenomics schreibt 2004 noch Verluste", titelt die "Financial Times Deutschland" und zitiert aus dem Verkaufsprospekt: "Aufgrund der breiteren Basis der Kooperationsverträge und den damit zusammenhängenden erhöhten operativen Aufwendungen geht die Gesellschaft davon aus, dass sie im Geschäftsjahr 2004 einen wesentlich höheren Verlust als im Geschäftsjahr 2003 erwirtschaften wird." 6,7 Millionen Euro waren es 2003 bei einem Umsatz von rund 10,8 Millionen Euro. Mit schwarzen Zahlen könne bestenfalls 2006 gerechnet werden. Die Presse erinnert an die drei wenig rühmlichen Börsengänge 2004, der Deutschen Postbank, des Bankautomatenherstellers Wincor Nixdorf und des Fahrradproduzenten Mifa. Und man zeigt auf den schwächelnden Biotech-Index in den USA. So wie die Blätter die Aktien-Euphorie in den Boom-Jahren herbeischrieben, so blasen sie nun ins Depressions-Horn. "Das hat natürlich nicht geholfen", kommentiert Schacht knapp.

Doch Olek kann nicht so cool bleiben. Mit roten Zahlen an die Börse zu wollen sei unanständig, liest der CEO zwischen den Zeilen und reagiert erbost: "Hier kommt man sich vor, als betriebe man ein Bordell", sagt er dem "Technology Review". Man könne ein Technologieunternehmen nicht wie eine Bank bewerten. Alle heute großen Biotechs, ob Amgen, Genentech oder Biogen seien schließlich auch lange, bevor sie Gewinne machten, an die Börse gegangen. Man werde vergleichbar erfolgreiche Unternehmen in Deutschland nur bekommen, wenn man das Spiel mitspiele.

Was ist ein Unternehmen wert, wenn niemand weiß, ob der Markt seine Produkte annimmt?

Aber lässt sich eine neue Technologie überhaupt fair bewerten? "Das Problem ist das hohe Risiko", sagt Herbert Pohl, Berater der Unternehmensberatung McKinsey & Company. Um dieses Risiko zu kalkulieren, entwerfe man Szenarien, frage, inwieweit die Produkte, die Epigenomics entwickelt, Marktzugang finden könnten, welche Marktanteile sie gegenüber der Konkurrenz erringen und wie sich Patentpositionen der Technologien durchsetzen könnten.

Das Geschäftsfeld der Pharmakogenetik, in dem sich Epigenomics bewegt, ist jung und entsprechend unsicher. Über die Aussichten sind sich auch Experten nicht einig. Manche befürchten, pharmakogenetische Tests würden in der Pharmabranche wenig Anklang finden, weil sie eine individualisierte Medizin befördern, die geringere Profite als das Geschäft mit Blockbuster-Präparaten verspreche. Andere Prognosen sehen eine steigende Nachfrage nach einer zielgerichteten Medizin. Irgendwo dazwischen sucht Epigenomics seinen Markt.

"Ein Extrem-Szenario könnte sein, dass sich die Technologie von Epigenomics als Standard etabliert, ähnlich wie Windows bei Microsoft", sagt Pohl. Das andere Extrem hieße, dass eine andere Technik überlegen ist. "Dabei kommen natürlich große Wertunterschiede heraus. Man muss also versuchen, ein Szenario zu finden, das noch genug Investoren für plausibel halten." Doch trotz aller Bewertungsobjektivität - "am Ende müssen sich für ein Unternehmen, das realistisch bewertet 100 Millionen Euro wert ist, auch Anleger finden, die bereit sind, 100 Millionen zu zahlen", sagt Pohl. "Und da das Biotech-Geschäft nun mal recht unsicher ist: Wer wollte intelligenter sein als der Markt?" Schließlich muss auch Epigenomics dem Druck des Marktes nachgeben. Am letzten Tag der Zeichnungsfrist reduziert Oliver Schacht die Preisspanne auf neun bis elf Euro. Damit ist das Buch voll, und der Finanzchef kann einen Emissionskurs von neun Euro pro Aktie verbuchen. 46 Millionen Euro anstelle der anvisierten 55 bis 67 Millionen fließen in die Kassen des Unternehmens. "Wohl der Hauptgrund, warum wir den IPO überhaupt hinbekommen haben, ist, dass wir zumindest den institutionellen Investoren vermitteln konnten, dass Diagnostika andere Entwicklungszeiten als Medikamente haben", sagt Finanzvorstand Schacht. Während Medikamente acht bis zwölf Jahre und mehrere hundert Millionen Euro kosten, brauchen Diagnostika nur "fünf bis sechs Jahre und nur 10 bis 20 Millionen Euro", meint Schacht.

Dem Wagnis folgt die Arbeit am Produkt -und am Beweis, dass die Branche Zukunft hat Doch wer weiß das schon in Deutschland? Am ersten Börsentag fallt die Aktie um fünf Prozentpunkte und sackt in den Wochen danach bis auf 5,40 Euro ab. Der seit langem erste Börsengang eines deutschen Biotechunternehmens scheint ein Flop zu sein. Noch heute notiert Epigenomics rund 15 Prozent unter dem Emissionspreis, Trotzdem ist man im Vorstand mit dem Ergebnis zufrieden. Schacht: "Der IPO war für uns eine Möglichkeit, an Größenordnungen von Eigenkapital zu gelangen, die es über Venture Capital nicht mehr gegeben hätte." Geld, das man nun zum Zweck der Entwicklung eigener Produkte einsetzen will. Und damit für den Schritt zu langfristiger Eigenständigkeit. Wie es einst Amgen und Biogen taten.

Und so ist man am Hackeschen Markt inzwischen zur Tagesordnung übergegangen: Meilensteine abarbeiten. Produkte auf den Weg bringen. Bleibt nur der fade Nachgeschmack, dass all der Mut nichts genutzt hat. Dass das Beispiel von Epigenomics die Biotech-Branche eher abgeschreckt hat, den IPO in Deutschland als Weg aus der Finanzierungskrise zu wagen. "Die Branche hat Angst vor dem IPO", sagt Olek. Der Sarg für die deutsche Biotech werde mit vielen Nägeln verschlossen. " Vielleicht hat unser IPO einen gezogen, aber die Berichterstattung hat ihn wieder eingeschlagen." Ein paar Mutige scheint es trotzdem noch zu geben. Ein halbes Jahr nach den Berlinern wagte sich im Februar die Aachener Biotech-Firma Paion an die Frankfurter Börse.