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Das Orakel

Walter Thomas schneidet für 15 Dollar Top-Managern von Coca-Cola die Haare. Und weiß so viel über die wertvollste Marke der Welt wie kaum ein anderer.




Der Kunde ist ein dicker Geschäftsmann mit buschigen Augenbrauen. Auf kurzen Beinen watschelt er an Mike, Chuck und Jim vorbei zu Tommy - Walter Thomas, den alle wegen seines Nachnamens so rufen. Der wirft einen kurzen Blick auf den Kunden in Schlips und Kragen und fragt im länglichen Südstaaten-Dialekt: "Trimmen und putzen?" Der Dicke knurrt genauso in die Länge gezogen: "Wie immer" und zieht seine Schuhe aus. Suleiman nimmt sich die Lederslipper mit Schleifchenbund. Er ist der Schuhputzer, der hinten in der Ecke vor sich hin poliert.

Auf Strümpfen tänzelt der Dicke durch die den Boden bedeckenden Haarbüschel zum Friseurstuhl. Zufrieden lässt er sich in das Fünfziger-Jahre-Modell mit breiten Armlehnen und massiver Fußstütze sinken. Tommy bindet ihm den Kittel um den Hals und plaudert übers Wetter. "Viel zu kalt", sagt der Geschäftsmann. Tommy schnippelt an der Frisur, die beim besten Willen keinen neuen Schnitt braucht. "Der Aktienkurs ist schon wieder gefallen", sagt Tommy, "willst du mich arm machen?" Die Augenbrauenbüsche gehen hoch. "Bei den vielen schlechten Haarschnitten sind wir quitt." Beide lachen in einer Seligkeit, die Männer nur mit Männern haben können. Dann kürzt Tommy die Augenbrauen.

Mit dem Rasierapparat fährt der Friseur über den breiten Nakken. Ein faustgroßer Plastikschlauch führt vom Rasierer in die Wand und saugt die Haare ab. " Das hat mein Vater in den sechziger Jahren erfunden", sagt Tommy stolz. Dann verpackt er den Kunden in ein paar Handtücher und massiert mit einem riesigen elektrischen Hobel Schultern und Kopf. Danach kommt Suleiman und zieht dem Mann die Slipper an. Der steigt gemächlich aus dem Stuhl, greift in sein Jackett und holt seine Brieftasche heraus. Mit einem Tintenfederhalter füllt er einen Scheck aus und legt ihn in die Holzschublade, auf der "Tommy" steht. Einen anderen legt er in Suleimans Lade. Der Abschied ist ein großes Hallo. " Pass mir auf die Aktie auf", ruft Tommy. Der Dicke deutet in den Spiegel: "Die wird jetzt steigen, darauf kannst du dich verlassen." Tommy ist der Besitzer von "Thomas Barber Shop". Der Laden steht in einem alten Einkaufszentrum in Buckhead, einer Villengegend im Norden von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Es gibt noch einen Baumarkt, einen Supermarkt und das "Ok-Café". An der Kreuzung West Paces Ferry Road und North Side Drive sieht es genauso hässlich aus wie in allen amerikanischen Vorstädten. Doch einen Block entfernt wandelt sich das Bild: Die Straßen sind mit Platanen gesäumt. Vornehme Häuser mit riesigen Garagen verstecken sich hinter weiten Rasenflächen. Dort wohnt die Oberschicht der Stadt, in der Unternehmen wie Delta Air Lines oder Coca-Cola ihren Sitz haben.

Egal, ob Senatoren, Vorstandschefs oder Direktoren, alle kommen sie in den Salon, der fast ein halbes Jahrhundert alt ist. Der Schnitt kostet 15 Dollar, die Rasur 16 Dollar, das Schuheputzen sechs Dollar. "Sie kommen nicht wegen des niedrigen Preises, sondern weil die Atmosphäre unbezahlbar ist", sagt Tommy.

Im Salon hängt ein großes Coca-Cola-Werbeschild. Es ist übersät von Unterschriften. Die mit dem Filzschreiber gekritzelten schwarzen Namen lesen sich wie das Who's who des Limonadenherstellers. Daneben ist in einem roten Schränkchen eine von den 25 Flaschen ausgestellt, die Coca-Cola zu Tommys 40-jährigem Geschäftsjubiläum anfertigte. Auf einem gerahmten T-Shirt steht in roter Coca-Cola-Schrift: "Seit 40 Jahren kürzen wir zusammen Haare und löschen den Durst." Auf dem Sims über dem langen Friseurspiegel stehen nebeneinander gereiht Coca-Cola-Flaschen aus der ganzen Welt, die ihm Kunden mitgebracht haben. Jeder weiß: Tommy ist der Friseur von Coca-Cola.

Jack Stahl, ehemaliger Präsident und Chief Operating Officer von Coca-Cola ist sein Stammkunde. Jetzt leitet Stahl das Kosmetikunternehmen Revion in New York. Trotzdem kommt er regelmäßig vorbei zum Haareschneiden, Rasieren und Schuheputzen. Douglas Ivester, ehemaliger Vorstandschef von Coca-Cola, und Don Keough, Mitglied im Aufsichtsgremium, sitzen ebenfalls regelmäßig in Tommys Stuhl. Keough heißt bei allen nur "Big Dog". Als Steve Heyer 2001 seinen Job als Präsident von Coca-Cola antrat, wurde ihm empfohlen, seine Haare bei Tommy schneiden zu lassen - was er seitdem auch tut.

Tommy kauft die Aktien jedes Unternehmens, bei dem ein Stammkunde arbeitet. Coca-Cola, Delta, Georgia-Pacific: In seinem Depot befinden sich rund 30 Werte. Coca-Cola kaufte er schon 1975, mehr als eine ganze Dekade bevor Warren Buffett bei dem Konzern einstieg - und lange bevor die Aktie bis Ende der neunziger Jahre um rund 3500 Prozent stieg. "Meine Kunden glauben an meine Arbeit, also glaube ich an ihre", sagt Tommy, der seine Aktien grundsätzlich nie verkauft.

Friseure erfahren viel. Besonders Tommy, der eine Seele von Mensch ist. "Die beste Ausbildung bekommt man hinter dem Friseurstuhl, wenn man dem Kunden zuhört und neugierig ist." Topmanager fragen ihn um Rat. Oder Tommy gibt ihn ungefragt. Klingt der neue Werbeslogan gut? Hat das neue Produkt Chancen? Vor allem aber weiß Tommy in Personalfragen Bescheid. So warnte er Stahl 2001 davor, dass seine Tage bei Coca-Cola als Nummer zwei gezählt seien. Kurz danach musste Stahl nach 20 Jahren das Unternehmen verlassen. Tommy ist zur Institution geworden - zum Seelentröster, Karrieremanager und Wächter der Marke Coca-Cola. "Ich habe seit mehr als 40 Jahren keine Pepsi mehr angefasst", sagt er.

Seit einiger Zeit leidet er mit der Firma. Zwar ist Coca-Cola die wertvollste Marke der Welt, die Agentur Interbrand beziffert sie auf 67 Milliarden Dollar. Doch 2004 fiel ihr Wert zum ersten Mal seit Jahren. Seit dem Abgang des legendären Vorstandschefs Roberto Goizueta 1997 geben sich die Topmanager die Klinke in die Hand. Mit Neville Isdell trat vor kurzem der dritte Chef in sieben Jahren an - für die Traditionsmarke eine bislang ungekannte Unruhe. US-Wirtschaftsmagazine wie " Business Week" oder "Fortune" berichten über interne Grabenkämpfe und Streit um die Zukunft: Soll sich das Unternehmen auf kohlensäurehaltige Getränke beschränken oder noch mehr in rasch wachsende, aber weniger lukrative Segmente wie Wasser, Sportdrinks oder Tees investieren?

Tommys Laden ist eine große Familie. Wenn's Probleme gibt, lässt er seine Beziehungen spielen In den achtziger Jahren trennte sich Goizueta von allem, was nicht zum Kerngeschäft gehörte - damals besaß die Firma noch ein Filmstudio und ein Weingut. Heute dreht sich alles um die großen vier - Coca-Cola, Coca-Cola Light, Fanta und Sprite. Anders als Pepsi kaufte sich Coca-Cola bislang nicht in das Geschäft mit Snacks oder anderen Getränken ein. So vereitelte Großaktionär Buffett 2000 in letzter Minute den Kauf des Sportdrinks Gatorade, weil der Verkäufer Quaker Oats seiner Ansicht nach zu viel Geld verlangte - heute gehört Gatorade zu Pepsi.

Bei Coca-Cola heißt es: Das Unternehmen besitzt erst Bruchteile des gesamten Getränkemarkts der Welt. Daher sei das Wachstumspotenzial lange nicht ausgeschöpft. Doch wollen Menschen morgens statt Kaffee Cola trinken? Andererseits erzielt der Konzern so hohe Gewinnmargen mit den großen vier, dass jede zusätzliche Investition oder Übernahme sich kaum rechnet. Folge des Dilemmas: Im vergangenen November musste der neue Vorstandsvorsitzende Isdell die langfristige Wachstumsprognose Coca-Colas von fünf bis sechs auf drei bis vier Prozent herunterstufen.

Dazu sagt Tommy nichts. Er ist auch zutiefst unglücklich über den "Fortune"-Artikel, in dem sein Freund, der Aufsichtsrat Keough, als Symbol des erstarrten Konzerns dargestellt wurde. Der Autor beschreibt die Kultur von Coca-Cola als insulär und eigenwillig, sie schüre Ängste und lasse Gerüchte hochkochen. Als Teil dieses Systems bezeichnet er Tommy, das "Orakel von Coca-Cola" und zitiert einen namenlosen Manager: "Ich gehe nicht zu Tommy, weil er solch ein guter Friseur ist, sondern weil ich Angst habe, nicht dorthin zu gehen." Tommy versteht die Welt nicht mehr: "Ich liebe das Unternehmen, seine Menschen sind großartig. Ich bin kein zweites Hauptquartier, hier gibt es kein Geflüster." Tommy hat dem Reporter wohl zu viel erzählt.

Thomas senior, Tommys Vater Gilmer, arbeitete in den fünfziger Jahren in einem Friseursalon in der Innenstadt. 1959 fragten ihn diverse Stammkunden, ob er nicht seinen eigenen Laden in Buckhead aufmachen wolle. Dorthin zogen die erfolgreichen und wohlhabenden Geschäftsleute. Obwohl die Kunden ihm Kredit anboten, kratzte Gilmer seine Ersparnisse zusammen und stürzte sich in das Vorstadtabenteuer. "Vater sparte von jedem Dollar 50 Cents", sagt Tommy. Der Laden wurde ein Erfolg. Gilmer erhöhte die Anzahl der Friseure von vier auf sechs.

Robert Woodruff, der legendäre Chef von Coca-Cola, der die braune Brause weltweit bekannt machte, war sein berühmtester Kunde. Im Zweiten Weltkrieg überließ Woodruff den GIs die Flasche Cola für nur fünf Cents und eroberte so im wahrsten Sinne des Wortes die Welt. Woodruff war bis zu einem Jahr vor seinem Tod im Jahr 1985 im Aufsichtsrat von Coca-Cola und soll noch auf dem Totenbett dem damaligen Vorstandschef Goizueta grünes Licht für die "New Coke" gegeben haben - eine Entscheigung, die nach dem Flop des Getränks mit neuer Rezeptur allerdings in Frage gestellt wurde, weil Woodruff nur noch einzelne Silben habe hauchen können.

Dieser Krise verdankt das Coca-Cola-Aufsichtsratmitglied Keough in Tommy's Barber Shop den Titel "Big Dog". Coca-Cola war damals auf die fatale Idee einer veränderten Rezeptur gekommen und hatte, ähnlich wie Pepsi, mehr Zitronen- statt Orangenöl und künstliche statt natürlicher Vanille verwendet. Daraufhin brach ein Sturm los: Verbraucher fühlten sich um ihre Coca-Cola betrogen. Madagaskar, einer der größten Vanille-Exporteure der Welt, stürzte kurzzeitig in eine Rezession.

Der Konzern machte einen schnellen Rückzieher und verwandelte das Fiasko erstaunlicherweise in einen Erfolg. Denn Keough trat in Werbespots im Fernsehen auf und hielt die Coca-Cola Classic in die Kamera: "Ihr wollt sie zurückhaben - hier habt ihr sie." Konkurrenten argwöhnten später, Coca-Cola habe das Manöver absichtlich durchgezogen, um sich Aufmerksamkeit zu sichern. Keough antwortete damals: "Wir sind nicht so blöd - und nicht so schlau." Für Tommy steht fest: Keough rettete den Laden. Seitdem ist der Aufsichtsrat für ihn "Big Dog", der Leithund, der einfach alles kann. "Wenn ich sein Charisma in eine Flasche füllen könnte, dann bräuchte ich keine Schere mehr anzufassen", schwärmt Tommy. "Er ist so hart wie ein Nagel, scharf wie eine Klinge und kann einem Leoparden die Flecken vom Rücken reden." Nach dem High-School-Abschluss ging Tommy aufs Barber College. Immer mittwochs, wenn der Laden zu war, fuhr Gilmer dorthin, um seinem Sohn das Haarschneiden persönlich beizubringen. "Mein Gott, habe ich schlecht geschnitten", erinnert der sich. Als er zum Praktikum bei einem Friseur in einem anderen Stadtanteil anfing, schmiss der ihn nach ein paar Wochen raus. Weil im väterlichen Geschäft ein Friseur auf einen Montage-Job ging, bot Gilmer seinem Sohn den Stuhl an - mit dem Hinweis, dass er sich etwas anderes suche müsste, wenn der andere Friseur zurückkehren würde. "Ich habe jeden Tag gearbeitet, als ob es der letzte wäre", sagt Tommy, der schließlich bleiben durfte.

27 Jahre schnippelten Vater und Sohn Seite an Seite. Der Laden sieht noch bis ins letzte Detail so aus wie bei der Eröffnung. Vor fünf Jahren wollte Tommy die Wand neu streichen, auf der eine Landschaft mit Meer, Torbögen und Seevögeln gemalt ist. Wahrscheinlich hatte er es satt, sich wie in einem italienischen Familienrestaurant zu fühlen. Also hängte er ein Schild auf, in dem jeder Kunde ankreuzen konnte, ob er für oder gegen die Renovierung war. Hunderte kreuzten Nein an, nur einer stimmte für Ja. "Alle protestierten", sagt Tommy, "Kunden sagten, dass sie schon als Kinder hier waren, dass sie den Laden ihren Kindern zeigen wollen und dass ich ja nichts ändern solle." Samstags ist Tommys Laden schon um 6.45 Uhr rappelvoll mit immer den gleichen Männern, die mit Kaffeebechern und Donuts in der Hand über das Jagen, Fischen und Golfen reden. So geht es seit fast 50 Jahren. Eigentlich arbeitet ein Salonbesitzer grundsätzlich am Stuhl Nummer eins, um vom die meisten Kunden abzufangen. Die anderen Friseure arbeiten auf Kommission und kriegen ab, was übrig bleibt. Tommy ist aus anderem Holz geschnitzt: Jeden Tag steht er zwölf Stunden hinten an Stuhl sechs. Im Winter tauscht er mit Cecillia zum Stuhl vier, weil die Indonesierin näher an der Heizung sein will.

Jeder der fünf Friseure von Tommy erschnippelt sich im Jahr 35 000 Dollar netto - die Trinkgelder fallen hoch aus. "Ich kann ihnen nicht das Wasser reichen", sagt Tommy. Überhaupt sagt er von sich, der " schlechteste Friseur der Welt" zu sein. Natürlich meint er das nicht so: Ihm ist wichtig, dass die Arbeit für sich spricht und "nicht ich für mich".

Tommy ist stolz darauf, dass ihn Vorstandschefs nicht von oben herab behandeln. Witzchen und Spielchen gehören zur Tagesordnung. Ein Direktor des Automobilzulieferers Genuine Parts wettete vor einigen Jahren mit der Chefin des Balletts in Atlanta, dass Tommy nicht mit einem Röckchen die Haare schneiden würde. Die Frau lieh ein Kostüm aus und rückte mit einem lokalen TV-Sender am Morgen im Laden an. Tommy zog den Fummel klaglos an - und das Ballett-Ensemble bekam viel Geld.

Für Tommy ist der Laden eine große Familie. Und wenn es Probleme gibt, lässt er seine Beziehungen spielen. So vermittelt er arbeitslose Kunden oder Kinder von Kunden, die vom College kommen. Früher hatte er eine ganze Mappe mit Lebensläufen im Laden stehen, die er den Topmanagern in die Hand drückte. "So bekommen sie zumindest die Chance, bei der Bewerbung beachtet zu werden", sagt Tommy, der nach eigener Einschätzung "recht erfolgreich" als Vermittler ist.

Der Tod seines Vaters 1996 gab Tommy zu denken. Er tritt seitdem kürzer und schließt den Laden jetzt zweimal die Woche. Sein Sohn wollte eigentlich auch Friseur werden, aber die Lehrer protestierten. Heute arbeitet er als Verkaufsmanager bei einem Klima-Anlagenhersteller in der Nähe von Atlanta. "Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich ihn überredet hätte", sagt Tommy, der insgeheim hofft, dass einer seiner Enkel eines Tages anklopft.

Urlaub macht Tommy so gut wie nie, nach drei Tagen wird er nervös und muss zurück in den Laden. "Die Arbeit ist wie Urlaub", sagt der Mann, der für sein Leben gern mit den Kunden schwatzt. "Ich kenne sie alle: ihre Kinder, Enkelkinder, Urenkel." Sein Traum ist es, 50 Jahre hinter dem Friseurstuhl zu stehen, " wenn es 70 Jahre werden, bin ich der Gewinner in meinem Leben".

Für den Friseur ist übrigens klar: Coca-Cola steht vor dem Comeback. "In den nächsten sechs Monaten geht es wieder aufwärts", sagt Tommy, der vom neuen Vorstandschef Isdell begeistert ist. "Der Mann hat den Angestellten wieder Selbstvertrauen gegeben und kennt Coca-Cola aus der Westentasche." Tatsächlich will Coca-Cola bald mit neuen Getränken wie dem Energiedrink Full Throttle oder Vault, als Konkurrenz zu Pepsis Erfolgsmarke Mountain Dew, auf den Markt kommen. Ein Problem gibt es allerdings: Isdell ist kein Kunde von Tommy.