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WAS GUCKST DU?

Deutschland entdeckt seine Unterschicht. Zumindest im Kino, auf der Theaterbühne oder im Zerrspiegel des Privatfernsehens.




"Die im Dunkeln sieht man nicht." Bertolt Brecht

Armut ist eine relative Sache. Arm ist, wer weniger hat als andere. Weniger Entwicklungschancen. Weniger Bildung. Weniger Geld. Weniger Anerkennung. Offiziell gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Netto -Einkommens verfügt. Wächst das Pro-Kopf-Einkommen, wächst die Zahl der Armen mit. Wird die Gesellschaft reicher, wie in der Bundesrepublik in den vergangenen fünf Jahrzehnten, werden die Armen nicht automatisch weniger. Derzeit lebt jeder Siebte in Deutschland unter der statistisch definierten Armutsgrenze.

Kein Wunder, dass nach Umfragen des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer rund 90 Prozent der Befragten Deutschland als eine sozial gespaltene Gesellschaft erleben. Deshalb heißt die Unterschicht so, wie sie heißt: Es gibt andere, die auf sie runterschauen. Der Wunsch, auf andere runterzusehen, wächst mit der Angst um den eigenen Status. Und inzwischen ist die so groß, dass sogar Eintritt dafür bezahlt wird, das Elend des reichen Landes zu besichtigen.

Zum Beispiel, wenn am Staatsschauspiel. Dresden ein Chor arbeitsloser Bürger auf der Bühne steht. Die Dresdner Arbeitslosen sprechen selbst geschriebene Texte, die von der Demütigung des sozialen Ausschlusses erzählen, von Hilflosigkeit, die sich in regressivem Hass entlädt: "Ich würde sie einbuddeln bis hier hin und den Rest, der rausguckt, anpissen und zuscheißen. Exekutive, Legislative, einbuddeln, zuscheißen, fertig." Das ist gleichzeitig traurig und abstoßend. Doch es ist authentisch wie die Aufnahmen eines Dokumentarfilms. Die künstlerisch missglückte, thematisch aber explosive Inszenierung bescherte dem Theater in der sächsischen Provinz den größten Erfolg seit Jahren.

Das liegt im Trend. Seitdem sich sogar Gutverdiener vorstellen können, irgendwann Pech zu haben und wirtschaftlich abzurutschen, sind die Lebensverhältnisse im ungemütlich gewordenen Wohlstandsdeutschland ein beliebter Stoff für den Kulturbetrieb. Es ist kein Wunder, dass Dramatiker wie Martin Heckmanns ("4 Millionen Türen"), Fritz Kater ("3 von 5 Millionen"), Dirk Cieslak ("Zornige Menschen") oder Lars Norén ("Personenkreis 3.1") das Verfassen von Elends- und Arbeitslosen-Dramen als Trendbeschäftigung und Marktlücke entdeckt haben. Geschichten aus dem unteren Viertel der Gesellschaft haben Hochkonjunktur, nicht nur im Theater. Filme wie "Gegen die Wand" oder "Alaska.de", Ken Loachs proletarische Komödien oder Michael Kliers harte Sozialstudien (" Ostkreuz") sind Reisen in eine Parallelgesellschaft, die für den fest angestellten Mittelschichtsbürger fremder und exotischer ist als die Länder am anderen Ende der Welt, in denen er seinen Jahresurlaub verbringt.

Wer ins Theater gehen muss, um Proleten zu sehen, weiß, dass er noch nicht zu ihnen gehört Ob der Blick der Mittelschichten auf die Menschen im unteren Teil der sozialen Hierarchie mit Mitgefühl, Angst vor der eigenen Zukunft oder dem uneingestandenen Wunsch nach Abgrenzung zu tun hat, ist eine müßige Frage: Wahrscheinlich ist es alles zusammen. Wer sich im Job mehr gefallen lassen muss als in Boom-Zeiten, wer schon einige unfreiwillige Arbeitsplatzwechsel hinter sich hat und Kollegen kennt, die nach einer Insolvenz vergeblich einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt suchen, kann sich zum Beispiel in der Berliner Schaubühne entspannt zurücklehnen: Thomas Ostermeier hat dort den Klassiker " Woyzeck" aus dem 19. Jahrhundert in eine Berliner Plattenbau-Siedlung der Gegenwart versetzt. Seine Inszenierung stellt verrohte, dem Suff ergebene Gestalten auf die Bühne, die einander aus Langeweile und Überdruss halb tot schlagen. Das ist kein schöner Anblick. Aber er beweist, und das ist die gute Nachricht für den frustrierten Angestellten im Zuschauerraum: Es gibt eine Menge Leute, denen es entschieden dreckiger geht als den im Karrierelaufrad strampelnden Büro-Insassen.

So kippt Mitleid in verdeckte Arroganz. Ein seltsames Paradox, das viel über Verdrängung und gespaltene Wahrnehmung erzählt: Schauspielstars spielen für hohe Gagen möglichst überzeugend Obdachlose. Und Zuschauer, die an jedem Bettler unangenehm berührt vorbeigehen, zahlen gern 30 Euro Eintritt dafür, ihnen dabei zuzusehen. Regisseur und Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier nennt das den unvermeidlichen " Zoo-Effekt". So verkehrt sich gut gemeintes politisches Theater unwillkürlich ins Gegenteil: Es wird zum Mittel der Distinktion, mit dem man sich gegen Obdachlose und Sozialhilfeempfänger abgrenzt.

Solche Spiele der Distinktion können bizarre Wendungen nehmen. Etwa, wenn ein Ästhet im Feuilleton der " Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (" FAS") den tätowierten, sonnenstudiogebräunten Hartz TV-Empfänger zur Lifestyle-Avantgarde erklärt. Oder wenn die ernst linke "taz" Fotos von prolligen Kandidaten der RTL-2-Container-Show "Big Brother" denkbar: angewidert kommentiert: "So ist man nicht, so will man auch nicht sein." Auf diese Art verständigt sich die gesellschaftliche Mitte über den Grenzverlauf, an dem sich Teilhabe und sozialer Ausschluss trennen. Die Reden über die Unterschicht transportieren für "taz"- und "FAS" -Leser vor allem die beruhigende Botschaft, selbst nicht zu ihr zu gehören.

Am elegantesten bedient Harald Schmidt dieses Muster der Abgrenzung, wenn er seinen früheren Arbeitgeber als "Unterschichtfernsehen" verhöhnt, eine Schmäh-Vokabel, die vom Feuilleton dankbar wiedergekäut wird. Schmidts Häme ist präzise: Wenn es einen Ort gibt, an dem sich so etwas wie eine kulturelle Öffentlichkeit der Unterschichten beobachten lässt, sind es die Krawall-Talkshows, das Container-Fernsehen und die Reality-TV-Sendungen der Privatsender.

Dabei ist es nur logisch, dass mit der Zahl der Arbeitslosen auch ihre Sendezeit gewachsen ist. Wobei die artikulationsunfähigen Verlierer nicht nur das Publikum, sondern auch das in den Sendungen unter systematischer Missachtung jeden Respekts vor der Intimsphäre verheizte Menschenmaterial stellen. Wird die Arbeitskraft der vom Arbeitsmarkt Ausgeschlossenen schon nicht mehr gebraucht, lässt sich wenigstens noch ihr Gefühlsleben ausbeuten. Und weil ihre Armut relativ ist, lohnt sich das Spiel auch für die werbende Industrie: Der eine oder andere Spontankauf, die Investition in überflüssige Unterhaltungselektronik oder ein Klingelton-Abonnement lässt sich dem Endverbraucher mit der vielen freien Zeit immer noch andrehen. Irgendwie muss der soziale Ausschluss schließlich kompensiert werden.

Die Vokabel vom "Unterschichtfernsehen" hat Harald Schmidt geklaut. Der Historiker Paul Nolte hat es aufgegriffen und liefert mit seinem Buch "Generation Reform" weitere Stichworte zum Phänomen eines verfestigten Sozialverlierer-Milieus, das sich längst vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt hat. Als Folge eines bequemen Sozialstaats, der Bedürftige mittels Transferleistungen still stellen will, diagnostiziert Nolte "fürsorgliche Vernachlässigung" und Wohlstandsverwahrlosung: "Die Mehrheitsgesellschaft hat sich mit Geldzahlungen von den wirklichen Problemen am Rande der Gesellschaft freigekauft, sie hat sich ein gutes Gewissen erkauft, ohne Probleme wirklich zu lösen." Wobei das gute Gewissen nur eine Form von Ignoranz ist: Man schaut lieber nicht so genau hin.

Nicht immer müssen die Versuche, diese Ignoranz aufzubrechen, im Kunstgewerbe enden. Ab und zu erfährt man auch, in welchem Land man lebt. Zum Beispiel bei einem Theaterstück, das der Dokumentarfilmer Andres Veiel jetzt am Theater Basel inszeniert hat: "Der Kick". Veiel hat einen Mord in einem brandenburgischen Kaff recherchiert: Drei arbeitslose Jugendliche haben einen 16-jährigen Freund im Suff stundenlang gefoltert und anschließend umgebracht. Einfach so, aus Langeweile. Veiel hat mit den Mördern gesprochen, mit Eltern und Freunden. Seine Stück ist spröde und ratlos. Es erzählt von Perspektivlosigkeit und von Verwahrlosung, die wenig mit Geld zu tun hat und viel mit dem Gefühl, von niemandem gebraucht zu werden.