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UMGEBETTET

Die Familie Thomas im norddeutschen Bremervörde trotzt mit ihren Bettsystemen den Konzernen. Und machte aus ihrer Marke Lattoflex ein Synonym für gesundes Schlafen.




Sie haben sich an den Schlafenden herangetastet, haben Maß genommen, seine Fersen, Lenden, Schultern in besonders weichen Kaltschaum gebettet und seinen Körper punktgenau abgefedert. Ihr Ziel: nie wieder Druckstellen, keine Nackenstarre, kein schmerzender Rücken und daher auch kein böses Erwachen mehr. Das war eine Revolution in Sachen Schlafkultur, für die der Markt die Leute von Lattoflex belohnt hat.

"Aber das reicht uns noch nicht", sagt Boris Thomas und schlägt mit der Handkante eine Horizontale in die Luft. Ein gutes Bett, unterbricht ihn sein Vater Wilfried Thomas energisch, müsse funktionieren wie eine Batterie, die den Ruhenden nachts wieder auflädt. " Morgens steht der dann ungefähr so wieder auf": Mit geballter Faust deutet der 67-Jährige einen riesigen Bizeps auf seinem Oberarm an. Der Sohn schmunzelt. " Wir arbeiten an einem intelligenten Bettsystem, das seinem Besitzer aktiv dabei hilft, seine Schlafqualität zu verbessern." Ein wahres Multitalent soll dieses technisch hochgerüstete Untergestell mit zugehöriger Matratze und Minicomputer auf dem Nachtschrank sein: Es misst wie der Schlafende atmet, wie sein Herz schlägt, wie oft er sich bewegt. Und es wiegt ihn beizeiten in einen erholsamen Tiefschlaf, indem es wohl dosierte Schwingungen aussendet.

Das Hightech-Bett der Zukunft entsteht in Bremervörde, einer Kleinstadt im Elbe-Weser-Dreieck. Sie liegt auf einem Geestrücken und ist umgeben vom Moor. Dort, in einer langen ruhigen Straße, durchbricht der mehrfach erweiterte Gebäudekomplex der Thomas-Unternehmensgruppe das satte Grün der Wiesen. "Wir lösen dein Schlafproblem", lautet die Kernbotschaft des 1935 gegründeten Familienunternehmens. Das Inhaber-Trio hat sich für eine gesunde Arbeitsteilung entschieden: Boris Thomas ist als Geschäftsführer der Thomas GmbH + Co. Sitz- und Liegemöbel KG für die Lattoflex-Bettsysteme zuständig, Bruder Gunnar überträgt die Technik in seiner Firma Thomashilfen auf den Reha- und Pflegebereich, und Vater Wilfried verkauft die Lizenzen für die mehr als 160 Patente und Markenschutzrechte.

Die Problemgruppe der Rückengeschädigten habe schon sein Großvater ins Auge gefasst, erzählt Boris Thomas. Zusammen mit einem Berufskollegen aus der Schweiz, dessen Frau unter einem Bandscheibenvorfall litt, entwickelte der Möbeltischler Karl Thomas 1956 den ersten federnden Holzlattenrost der Welt und gab ihm den Markennamen Lattoflex. Bald darauf kam eine eigene Matratzenproduktion hinzu. Es folgten goldene Jahre, bis das Unternehmen Anfang der neunziger Jahre in eine schmerzharte Wachstums- und Sinnkrise geriet. Der Patentschutz für das Holzlattenrost war abgelaufen, Möbelkonzerne und Discounter drängten auf den Markt und drohten dem Mittelständler die Luft abzuschnüren.

Die Bremervörder suchten nach einer Möglichkeit, sich anders zu positionieren, sie experimentierten mit neuen Werkstoffen, gaben Branchenstudien in Auftrag und engagierten den Zukunftsforscher Matthias Horx. Der brachte sie darauf, sich noch stärker als Spezialisten für gesundes Schlafen zu etablieren und ihre Betten zu einer Art Wellness-Oase umzumodeln. Die Kernzielgruppe rekrutiert sich seither aus der Generation 50 plus: Sie stehe "am Höhepunkt der zweiten Einrichtungswelle", wie Boris Thomas es ausdrückt, habe Geld und sei gewillt, sich für das nächtliche Drittel ihres Lebens endlich den maximalen Liege-Luxus zu gönnen.

Schlafen wie die Murmeltiere dank einer neuen, gewagten Konstruktion Um dieser gesundheitsbewussten Klientel mehr Nutzen zu bieten, tüftelten die Lattoflex-Ingenieure eine neue Technik für ihre Untergestelle aus: Sie befestigten mehrarmige Kunststoffelemente an den Querlatten, die den Liegenden wie hochgereckte kleine Teller ein wenig anheben. Diese federnden Teller passen sich genauer an die Körperkonturen an, als es ein bloßes Lattenrost zu tun vermag. Mit dem neuen System namens Winx hatte die Holzlatte ausgedient, das Unternehmen stieg auf selbst produzierte Glasfaserprofile um - wegen der besseren Federungseigenschaften. "Wir haben damals unser 40-jähriges Know-how in der Holzverarbeitung über den Hauten geworfen und alles, was wir an Eigenmitteln hatten, in die Winx-Technologie investiert", sagt Boris Thomas. Ganz schön mulmig sei ihnen damals gewesen, ergänzt der Vater.

Der rettende Sprung in die Marktnische gelang. Seit 1997 das erste patentierte Lattoflex-Winx-System auf den Markt kam, sind die Produktionszahlen beständig gestiegen. Im Jahr 2004 verkaufte die Firma Thomas Sitz- und Liegemöbel zusammen mit ihren Lizenznehmern in aller Welt rund 115 000 Bettuntergestelle mit zugehöriger Matratze sowie 50 000 einzelne Matratzen. In den Bremervörder Fertigungshallen wartet nun die jüngste Winx-Generation auf ihren ersten Einsatz. Das System wurde technisch noch verfeinert. Wer will, kann seinen Rahmen mit bis zu fünf Motoren bestücken, um sich dann per Knopfdruck in jede erdenkliche Liegeposition zu bringen. Seit zwei Jahren gibt es auch ein Massagesystem als Zubehör, zehn kleine Motorkapseln sorgen mit leichten Bewegungen für eine bessere Durchblutung. Die meisten Bettgestelle und Matratzen sind Maßanfertigungen, für jede Körperzone setzen die Monteure das passende Element ein.

Bei sich daheim hat Boris Thomas schon in unzähligen Betten geschlafen. Er testet die Lattoflex-Produkte persönlich, "weil das wichtig ist fürs Bauchgefühl". Außerdem hat er sich tief in die Gefilde von Ergonomie und Schlafforschung begeben. Die Entwicklungsprofis des Unternehmens arbeiten mit Orthopäden und Schlaflaboren zusammen, die emsig die neuesten Prototypen testen.

Die Thomas-Gruppe ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und betreibt mit dem Institut für Schlafphysiologie das europaweit größte Archiv zum Thema. In der Datenbank finden sich sehr spezielle Untersuchungen mit Titeln wie Forschung an Rückenschmerzen chinesischer Bergarbeiter oder Schlafen auf Containerschiffen. "Aber es sind auch ein paar Perlen dabei", sagt Boris Thomas und verweist auf eine amerikanische Studie über schwingende Systeme im Schlaf, die den Anstoß für die Entwicklung des Calmas-Bettes gab. Dieses Bett schwingt bei jeder Bewegung so mit, dass sich der Mensch darin leichter umdrehen kann. Die gewählte Schwingfrequenz von 1,3 Hertz pro Sekunde wirkte sich im Schlaflabor besonders günstig auf den Tiefschlaf aus.

Winx, Calmas & Co haben der Marke Lattoflex gut getan. Bei einer gestützten Forsa-Befragung zur Markenbekanntheit von Matratzen im Jahr 2004 kam heraus, dass 34 Prozent der Bundesbürger sie kennen. Lattoflex landete damit auf Rang drei hinter Schlaraffia und Dunlopillo. Dabei ist die Firma Thomas Sitz- und Liegemöbel inzwischen umzingelt von Konzernen: " Dank der Neupositionierung sind wir in unserer Branche der einzige Mittelständler unter den Markenherstellern", sagt Boris Thomas.

Die Deutschen geben weniger fürs Bett aus. Aber auch in China wird geschlafen Und darauf sei er schon ein wenig stolz. Der größte Konkurrent Schlaraffia - früher ebenfalls in Familienhand - wurde von dem belgischen Großkonzern Recticel geschluckt, der sich noch etliche weitere Marken wie Superba, Sembella oder Swissflex einverleibte und mittlerweile in Deutschland über einen Marktanteil von 22 Prozent verfügt. Statt die eigene Marke wegzugeben, hat die Familie Thomas dem Konzern Lizenzen verkauft: Recticel darf die Lattoflex-Systeme in Frankreich, den Benelux-Ländern und in der Schweiz produzieren und vertreiben.

Auf keinen Fall wollten Boris und Wilfried Thomas nur "Local Heroes" bleiben. An dieser Stelle zücken sie gern ihre Folien mit den deutschen Branchenkennzahlen: sinkende Preise, sinkende Absatzmengen. Laut GfK-Matratzen-Panel von 2003 sind die hiesigen Verkaufszahlen für Matratzen und Bettsysteme seit 1999 um rund 23 Prozent zurückgegangen. Kopfzerbrechen bereitet ihnen auch das Fachhandelssterben: Allein im vergangenen Jahr hätten 32 ihrer Fachhändler aufgegeben, ungefähr 950 seien noch übrig und neue nur schwer zu finden. Ohne das Lizenz- und Exportgeschäft, das sie seit Einführung des Winx-Systems massiv vorangetrieben haben, hätten sie nicht überlebt, da sind sich die beiden sicher. Exportland Nummer eins ist China. "Das wird in zehn bis fünfzehn Jahren der größte Möbelmarkt der Erde sein", sagt Wilfried Thomas. "Da wollen wir kräftig mitmischen." Experimentierfreudig wie sie nun einmal sind, ist es den Bremervördern auch gelungen, sich aus der Enge des heimischen Schlafzimmers zu befreien. "Wir haben uns systematisch angeschaut, wo Menschen noch überall schlafen", erzählt Boris Thomas. Daraus ist das Geschäft mit den Caravan- und Lkw-Betten entstanden. Hauptabnehmer sind die beiden Reisemobilhersteller Concorde und Daimler-Chrysler. Den Automobilkonzern beliefert Thomas seit 2003 exklusiv mit Komfortliegen, die als Sonderausstattung in den Actros-Lkw von Mercedes-Benz eingebaut werden.

Der Technologievorsprung des Nischenanbieters hat sich mittlerweile herumgesprochen. Die Edelmöbelfirma Interlübke beispielsweise hat sich von den Lattoflex-Schöpfern ein neues Bettsystem entwerfen lassen. Und irgendwann kam sogar ein weltweiter Hersteller von Operationstischen auf Boris Thomas zu. Gemeinsam arbeiten sie nun an einem OP-Tisch, auf dem sich die narkotisierten Patienten selbst bei einem zehnstündigen chirurgischen Eingriff nicht wund liegen.

"Wir sehen uns vor allem als kreative Firma, die neue Ideen und Technologien entwickelt", sagt Boris Thomas. "Wir müssen nicht unbedingt selbst die Produkte herstellen." Als Ideenproduzent scheint dem 40-Jährigen, der in seiner Freizeit Marathon läuft, kaum einmal der Atem auszugehen. "Unsere Kunden werden in Zukunft eher noch anspruchsvoller sein als bisher", meint er mit Blick auf die Generation 50 plus. "Deshalb werden wir ihnen nicht nur fünf Motoren geben, sondern auch Massagesysteme und Messtechnik, damit sie sich im Schlaf selbst überwachen können." Das Bett als Gesundheits-Center, philosophiert er, sei in greifbare Nähe gerückt. Über ein Luftpolster in der Matratze soll dieses intelligente System nicht nur Herzfrequenz, Atemaktivität und Bewegungen dokumentieren, wie es der Prototyp mit angeschlossenem Lattoflex-Nightview-Computer bereits vermag. Es soll irgendwann auch in der Lage sein, dem Besitzer ganz konkret zu sagen, wie er seinen Schlaf verbessern kann. Durch eine dünnere Decke zum Beispiel oder indem er abends eine Stunde früher zu Bett geht.

Für Boris und Wilfried Thomas hört die Arbeit allerdings auch nach dem Zubettgehen nicht auf. Denn nachts testen sie ihre Prototypen.