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Offen für Innovation - Plasma - die stille Revolution

Sehr heiß ist sie, die Energiequelle der Zukunft. Etwas kühler ist sie eine Technik für alle Lebensbereiche. Vorhang auf für einen übersehenen Klassenbesten: Plasma.




Die Wortbausteine Bio, Gen und Nano öffnen seit einigen Jahren die Geldtöpfe von Forschungspolitikern, sie bringen den Puls von Börsenanalysten und Anlegern auf Trab. Dem Präfix Plasma hingegen begegnet der Technikinteressierte allenfalls in der TV-Abteilung des Elektronikmarktes. Dabei bahnt sich die Plasmatechnologie still wie zielsicher ihren Weg in nahezu alle innovativen Forschungs- und Industriezweige. Zudem könnte sie ab Mitte dieses Jahrhunderts den vielleicht wichtigsten Beitrag zur Lösung des Energieproblems der Menschheit liefern: Bei mehr als hundert Millionen Grad Celsius ermöglicht Wasserstoffplasma die Kernfusion - und bei einigen hundert Grad sorgen Plasmen für Entkeimung, Oberflächen-Veredlung oder Energiesparlicht.

Die Ziele der beiden Schulen der Plasmaforschung, Hoch- und Niedertemperaturtechnik, sind grundverschieden, doch ihre physikalischen Grundlagen sind die gleichen. Plasma ist keine chemische Verbindung, sondern beschreibt einen Aggregatzustand: Erhitzte Feststoffe schmelzen in der Regel zu einer Flüssigkeit, erhitzte Flüssigkellen werden zu Gasen. Führt man Gasen weitere Energie zu, geraten ihre Teilchen (schwere Atomkerne oder Moleküle sowie die sie umgebenden leichten Elektronen) "noch stärker in Bewegung. Die Schwingungen im erhitzten Gas kennen die trägen Atome und die beweglichen Elektronen auseinander reißen: in (meist) positiv geladene Ionen und Elektronen. Und mit den freigesetzten Elektronen in dem so entstandenen Plasma lässt sich einiges anfangen.

Die Versprechen der Hochtemperatur-Plasmaforscher klingen fast zu verlockend: Mit zwei Litern Wasser und 250 Gramm Gestein soll eine Kernfusion den Jahresenergiebedarf einer ganzen Familie decken. Ein einziges Gramm Brennstoff aus den beiden Wasserstoff-Isotopen Deuterium und Tritium, soll die Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle liefern, ohne das Klima mit Kohlendioxid zu belasten. Große Unfälle wie bei der Kernspaltung sind aus physikalischen Gründen nicht möglich. Und der radioaktive Müll der Fusionstechnik hält sich in Grenzen, außerdem strahlt er nicht zehntausende, sondern nur wenige hundert Jahre.

Saubere, ungefährliche Energieerzeugung. Nahezu unendlich vorhandene Rohstoffe. Völlig ungefährlich. Und das Endlagerproblem ist auch handhabbar. "Wenn wir die Fusionsphysik nicht nur theoretisch, sondern auch technisch beherrschen, wird uns die Welt mit offenen Armen empfangen", sagt Alexander Bradshaw, Direktor des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik IPP in Garching bei München. An die zwei Meter groß und 60 Jahre alt, steht der Brite im Karo-Anzug der größten europäischen Fusionsforschungseinrichtung vor. Den Weg zu dieser freundlichen Welt beschreibt eine Grafik, die er "Road Map" nennt.

Der erste Balken dieser Road Map beginnt auf der Zeitleiste im Jahr 2007 und endet 2025. Über dem Balken steht Iter, lateinisch: der Weg, ausgeschrieben Internationaler Thermonuklearer Experimentalreaktor. In der Welt der Fusionsexperimente bedeutet Iter einen Quantensprung. "Um im Bild der Flugzeugentwicklung zu sprechen: Bis jetzt haben wir nur Modelle gebaut, die nie von der Schreibtischplatte abheben konnten. Iter ist der erste Prototyp, der tatsächlich fliegt", erklärt Ulrich Schaeffler, Fusionsexperte im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Als erster Fusionsreaktor der Welt soll Iter mehr Energie erzeugen, als er selbst verbraucht, um sein Wasserstoffplasma auf mehr als hundert Millionen Grad Celsius aufzuheizen. Ziel des Iter-Teams ist es, zehn- bis zwanzigmal so viel Energie aus dem Reaktor rauszuholen, wie es reinsteckt.

Kernfusion kopiert den physikalischen Prozess des Sonnenfeuers. Auf der Erde wird der Brennstoff in den Käfig eines starken elektromagnetischen Feldes gesperrt. Wasserstoff mit einem Neutron (Deuterium) verschmilzt bei Höchsttemperaturen mit Wasserstoff mit zwei Neutronen (Tritium) zu Helium. Der neue Heliumkern bindet nur zwei Neutronen, ein Neutron wird also freigesetzt. Beide Reaktionsprodukte (Helium und das Neutron) besitzen eine hohe Bewegungsenergie, die zum Teil den Fusionsprozess im Gang hält, zum Teil aber auch in einem Kraftwerk in Strom verwandelt werden kann.

Das Jahr 2025 markiert auf der Road Map den " Decision point": Hat Iter bewiesen, dass die Technik kann, was die Theorie verspricht, soll in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre "Demo" gebaut werden. An diesem Demonstrationsreaktor, der bereits halbwegs zuverlässig Strom liefern soll, haben Physiker und Ingenieure dann noch mal 20 Jahre Zeit, Kinderkrankheiten zu kurieren und Erkenntnisse für die Konfiguration des ersten kommerziellen Fusionsreaktors zu sammeln. Um 2050 könnte der dann ans Netz gehen. " Viel schneller ginge es auch nicht, wenn wir alle Mittel der Welt zur Verfügung hätten", meint Bradshaw. Denn die Fusionsforschung kann nur sequenziell arbeiten, kaum parallel. Will heißen: Jedes Großexperiment baut auf den Erkenntnissen seines Vorgängers auf. Iter fußt auf Jet, dem Joint European Torus im britischen Culham Science Center bei Oxford, der 1997 als erster Fusionsreaktor nahezu eine positive Energiebilanz erreichte. In Jet wiederum gingen viele Erkenntnisse aus einer Serie von Garchinger Großexperimenten mit dem Namen Wendelstein ein. Jeder neue Versuchsreaktor bedarf außerdem langer Planungs- und Experimentierphasen, die sich kaum verkürzen lassen. Hinzu kommen Zeit raubende Meinungsverschiedenheiten in der internationalen Gemeinde der Fusionsforscher.

Hochtemperaturfusion: die Zukunft der Energie Nach langem Streit zwischen Amerikanern, Japanern und Europäern dürfte der Bau von Iter voraussichtlich in den nächsten zwei Jahren im südfranzösischen Cadarache beginnen. Investiert werden rund 4,6 Milliarden Euro, die sich Frankreich (20 Prozent) und die Europäische Union (40 Prozent) mit Russland und China teilen. Ob und wie sich die in der Standortfrage unterlegenen Japaner, US-Amerikaner und Südkoreaner beteiligen werden, ist zurzeit ungewiss. Die Betriebskosten werden pro Jahr mit 265 Millionen Euro veranschlagt: Kernfusion ist kein billiges Geschäft, besonders wenn man den nach wie vor unsicheren Ausgang des Forschungsabenteuers bedenkt.

In Deutschland bindet das Max-Planck-Institut in Garching mit seinem Teilinstitut in Greifswald pro Jahr 125 Millionen Euro. Hinzu kommen Forschungszentren in Jülich und Karlsruhe sowie zahlreiche Forschungsinstitutionen an Hochschulen. Der Bund schießt insgesamt 115 Millionen Euro jährlich zu. Im Forschungsministerium heißt es, dass "die Mittel auf keinen Fall weniger werden dürften, wenn die deutschen Forscher konkurrenzfähig bleiben sollen". Dass die im internationalen Vergleich sehr gut dastehen, bestreitet niemand. Die Fusionsforschung gehört zu den wenigen Disziplinen, in denen deutsche Wissenschaftler mehr Fördermittel der Europäischen Union erhalten, als Deutschland nach Brüssel abrührt. Die Fusionslobby führt im Kosten-Nutzen-Vergleich gern die nationale Kohle- und Windkraftsubvention an: Jährlich werden 3,5 Milliarden Euro für Kohle und eine Milliarde für Windkraft ausgegeben. Ein Jahr ohne diese Subventionen, und Deutschland könnte den Iter allein bauen.

Seine Bitte um ausreichende Forschungsmittel kann Bradshaw mit einer knappen Formel begründen: " gesellschaftliche Verantwortung". Die Langfassung der Formel lautet: "Als Naturwissenschaftler sind wir verpflichtet, alle viel versprechenden Möglichkeiten auszuloten, die zukünftigen Generationen die Energieversorgung sichern könnten." Die Energiefrage, zumindest so viel scheint sicher, wird sich zu einer der Schlüsselfragen über Wohl und Wehe der Menschheit entwickeln. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass sich der Energiebedarf bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verdoppeln wird, andere sprechen von Verfünffachung. Die fossilen Brennstoffe Gas und Öl werden innerhalb weniger Generationen verbraucht oder wirtschaftlich nicht mehr erschließbar sein. Auch der Kernbrennstoff Uran dürfte nur noch für 60 bis 80 Jahre vorhalten. Von den fossilen Brennstoffen lässt sich allein mit Kohle länger planen, aber nur unter der Voraussetzung, dass es gelingt, den Klimakiller Kohlendioxid aus der Abluft der Verbrennungsanlagen abzuspalten und zu entsorgen. Eine Studie der Energietechnischen Gesellschaft (ETG) zur Versorgung mit elektrischer Energie bis zum Jahr 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass langfristig nur ein Energiemix aus erneuerbarer Energie, Kohle mit Kohlendioxid-Abspaltung und Kernfusion denkbar ist.

Von der Atomkraft lernen heißt besser planen Sollte sich die Road Map als halbwegs zuverlässig erweisen, ist das Timing der Fusionstechnologen gar nicht schlecht. Mitte des Jahrhunderts dürften sich die Handlungszwänge für eine umweltverträgliche Energieversorgung nicht mehr mit einer Erstmal-weiter-wie-bisher-Taktik ignorieren lassen. Fusionsenergie könnte in eine Lücke stoßen, die eine Erdgasverknappung und der drängende Klimaschutz öffnen. Und damit Fusionskraftwerke nicht auf ähnliche Akzeptanzprobleme stoßen wie Atomkraftwerke, wollen die Fusionsforscher aus den Fehlern der Kernspaltungssparte lernen.

"Als die ersten AKW ans Netz gingen, waren die Sicherheitsanforderungen noch nicht so weit entwickelt wie heute", sagt Thomas Hamacher, Elementarteilchenphysiker und Leiter der Gruppe System- und Energiestudien im Garchinger Max-Planck-Institut. In der Folge musste bei den Atomkraftwerken ständig die Sicherheitstechnik nachgerüstet werden. Das bedeutete zum einen Imageschäden, zum anderen wurde die Technik immer teurer. Hamacher schlussfolgert daraus für die Fusion: "Wenn die Sicherheit von Anfang an voll gewährleistet ist, kann die erste Generation sicherheitstechnisch die teuerste sein und die Technik von Kraftwerk zu Kraftwerk billiger werden." Die lange Vorlaufzeit, die bis zum möglichen Bau des ersten kommerziellen Fusionsreaktors verstreichen wird, bringt einen großen Vorteil mit sich: Sie lässt Zeit zum Denken und Rechnen. In der Atomkraft-Euphorie der fünfziger und sechziger Jahre verschwendeten Politik und Betreiber kaum einen Gedanken auf die sozialen Rahmenbedingungen der Technologie. Hamachers Gruppe erforscht bereits heute, gemeinsam mit Soziologen und Volkswirtschaftlern, die sozioökonomischen Variablen, die Fusionstechnik zur Erfolgstechnik werden lassen könnten. Bedenken sollen früher in die Entwicklung einfließen, damit die Fusion kein Image-Debakel erlebt wie die Kernspaltung. Dazu gehört auch, das, wenn auch geringere, Problem der radioaktiven Müllentsorgung nicht zu bagatellisieren.

Letztlich geht es aber auch bei der Fusion um den Preis. Zwar sind Wirtschaftlichkeitsberechnungen für eine Technik, die noch nicht existiert, mit Vorsicht zu begegnen. Die Garchinger Forscher glauben aber, inflationsbereinigt mit einem Preis von fünf Cent pro Kilowattstunde seriös kalkulieren zu können. Das wäre teurer als Kohle oder Atomkraft heute, aber billiger als Windkraft oder Solarenergie. Unter den Bedingungen eines wachsenden Energiebedarfs wäre damit eine wichtige Voraussetzung erfüllt: Es gäbe einen Markt für Fusionsenergie. Auch das war bei der Kernspaltung anders. Sie war, wie heute Wind- und Solarenergie, ein politisches Projekt, das dem Markt aufgezwungen wurde, denn es gab mit Kohle und Gas ausreichend billigere Alternativen.

Ein großes Fragezeichen aber bleibt: die technische Machbarkeit. "Die Entwicklungsschritte sind in den vergangenen Jahren klar geworden, die Meilensteine wurden definiert", sagt Thomas Hamacher. Die physikalischen Regeln der Kernfusion sind erforscht. In den kommenden 45 Jahren geht es um die technische Beherrschbarkeit. Wie kann es gelingen, ein künstliches Sonnenfeuer im elektromagnetischen Käfig am Brennen zu halten? Bislang funktioniert das nur für wenige Minuten. Auch die Materialforschung wird noch erhebliche Fortschritte machen müssen, um den Plasma-Temperaturen auf Dauer Paroli bieten zu können. Zudem sind die Fusionsforscher in zwei Schulen gespalten, die verschiedene Techniken der Magnetfelderzeugung favorisieren. Zurzeit hat die Tokamak-Technik die Nase vom, doch in Greifswald entsteht derweil der weltgrößte Reaktor mit der so genannten Stellatoren-Technik, der durch seine Bauart Vorteile für den Dauerbetrieb verspricht. Das Projekt wurde noch unter dem damaligen Kanzler Helmut Kohl auf den Weg gebracht.

Die Fusionsforschung ist nicht das Lieblingskind der rot-grünen Bundesregierung - das schlechte Image der Kernspaltung färbt auf die Fusion ab. In Indien werden die Max-Planck-Forscher dagegen mit offenen Armen empfangen, wenn sie von den Potenzialen berichten. Und das chinesische Energieministerium hat mittlerweile sogar ein erstes konkretes Ziel benannt: Im Jahr 2100 sollen Fusionsreaktoren zehn Prozent des nationalen Energiebedarfs liefern. Ministerialbeamter Schäffler muss bei dieser Zahl allerdings grinsen: "Ich fürchte, die Zahl ist entweder null Prozent, oder sie wird deutlich höher liegen." Szenenwechsel. Im Institut für Niedertemperatur-Plasmaphysik in Greifswald (INP) arbeiten echte Spaßvögel. Zum Beispiel Jörg Ehlbeck, der sagt: "Beobachten Sie den Glaszylinder ganz genau, gehen Sie nur ganz dicht ran." Dann knallt es ganz plötzlich, und eine kompakte Gaswolke, zumindest sieht das Gebilde in dem Glaskolben so aus, wabert den Zylinder hinauf. Jörg Ehlbeck lacht. Und erklärt: "Was Sie Gaswolke nennen, nenne ich Plasmaqualle." Lustig. Aber im Ernst: Die Plasmaqualle kann mehr, als nur knallen. Mit etwas Glück wird sie demnächst den Prozess der industriellen Flaschenreinigung revolutionieren.

Niedertemperaturfusion: fast überall einsetzbar Mehrwegflaschen aus Glas oder Plastik werden bei Abfüllen zurzeit mit dem aggressiven Wasserstoffperoxid entkeimt. Einfacher könnte es mit heißer Luft gehen. Am Boden der Flasche erzeugen die Greifswalder Forscher mit einer Zündvorrichtung ein Luftplasma. Dieses Plasma, wegen der höheren Temperatur leichter als Luft, wandert zum Flaschenhals, während die freien Elektronen derweil entlang der inneren Flaschenwand Keime unschädlich machen. Das Plasma entweicht aus dem Gefäß und löst sich nach Abkühlung wieder zu Luft auf. Nach dreimaliger Wiederholung des Vorgangs ist die Flasche bereit zur Neufüllung.

"Und das ist nur der erste Schritt. Irgendwann werden wir den Apfelsaft in den Flaschen haltbarer machen können", erzählt Ehlbeck enthusiastisch. " Ohne Konservierungsstoffe wohlgemerkt!" Lebensmittelkonservierung ist noch eine Vision. Zur patentgeschützten Gegenwart hat man beim INP immerhin schon eine Methode gebracht, die medizinische Instrumente mit Quecksilber-Edelgas-Plasmen entkeimt. Bislang werden Skalpelle oder Endoskope mit Hitze, Gammastrahlen oder chemischen Verbindungen sterilisiert. Doch alle drei Verfahren greifen empfindliche Materialien an. Plasmatechnik dagegen arbeitet bei vielen Materialien effektiver, schonender und zu geringeren Kosten.

"Entkeimung im Krankenhaus ist nur ein Bespiel, wie Plasma wirklich innovativ sein kann. Die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt", sagt INP-Direktor Klaus-Dieter Weltmann. Der 41-Jährige ging nach seinem Studium in Greifswald zum schweizerischen Elektronikriesen ABB, wo er die Forschungs- und Entwicklungsabteilung leitete. Vor zwei Jahren wurde er Chef des renommierten Forschungsinstituts INP und änderte Struktur und Ausrichtung der zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden Einrichtung. Weltmann will Ergebnisse sehen, entsprechend lautet seine Vorgabe: Anwendungs- statt Grundlagenforschung, Prototypen statt Aufsätze in Fachzeitschriften. Der Kurswechsel kommt zur rechten Zeit. Die Nachfrage von Unternehmen nach wissenschaftlicher Unterstützung bei Entwicklung und Einsatz von Plasmatechnologie steigt sprunghaft. In den vergangenen beiden Jahren konnte das INP seinen Etat aus Industriekooperationen nahezu um das Zwanzigfache steigern.

Auch Weltmann hat so etwas wie eine Road Map. Sie ist kein Zeitplan mit weitem Horizont, sondern besteht aus Industriezweigen und Produktgruppen, bei denen Plasmatechnik bereits zum Einsatz kommt. Die Zahl der Kästchen auf der Grafik ist in der Tat beeindruckend: Plasmen veredeln die Oberfläche von Metallen, härten Brillengläser, machen Wollpullover wasserabweisend und Fensterglas wärmedämmend. Sie können Rußpartikel aus Dieselabgasen filtern, ätzen die Platinen von Speicherchips, verdichten Plastikflaschen, helfen bei der Produktion von Solarzellen und machen Frischhaltefolien strapazierfähiger. Chemieindustrie, Biomedizin und Maschinenbau kommen ohne den Einsatz von Plasmen nicht mehr aus. "In der Umwelttechnik sind die Potenziale besonders gut sichtbar", sagt Weltmann.

Das Paradebeispiel umweltbewusster Plasmaforscher sind Leuchtmittel: Plasmalampen wandeln die Plasmastrahlung eines ionisierten Gases in sichtbares Licht. Im Vergleich zu Glühlampen brauchen Plasmastrahler bis zu 70 Prozent weniger Strom. Ein Prozent Einsparung bedeutet hochgerechnet auf den Globus 30 Milliarden Kilowattstunden Strom weniger pro Jahr -und damit 140 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre. Noch hat die beliebteste Umwelttechnik in der Plasmaforschung allerdings einen kleinen Haken. In allen brauchbaren Plasmalichtquellen leuchtet bislang Quecksilber, das entsorgt werden muss. Sein Anteil am Leuchtstoff konnte zwar in den vergangenen Jahren deutlich reduziert werden. Doch nach marktfähigen Alternativen wird weiter gesucht.

Im Unterschied zu vielen anderen Forschungsbereichen gehört Deutschland bei der Plasmatechnologie zu den drei führenden Nationen und liegt je nach Betrachtung kurz vor oder hinter den USA. Japan rangiert auf dem dritten Platz. Beim Bau von Plasmaanlagen sind deutsche Hersteller Weltmarktführer. Das Gleiche gilt für die wichtigen Bereiche Großflächenbeschichtung (zum Beispiel von Glas, Folien und Bandstahl), optische Speicher (CDs und DVDs) sowie Barrierebeschichtungen von PET-Flaschen (für kohlensäurehaltige Getränke). Entsprechend erfreulich hat sich die wirtschaftliche Bedeutung der Branche entwickelt. Zwar fehlen genaue Umsatzzahlen, doch gibt es Daten über die Zahl der Beschäftigten. Nach Recherchen des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung, das im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im vergangenen Jahr den Stand und die Perspektiven der Plasmabranche evaluiert hat, beschäftigen sich zurzeit 12000 bis 15 000 Menschen hauptberuflich mit Plasmaleuchten und Plasmaquellen. Die Anlagenbauer haben bis zu 4500 Arbeiter und Angestellte unter Vertrag. Insgesamt sind bis zu 500000 Menschen von den Entwicklungen in der Plasmatechnik betroffen. Im Vergleich zu 1995 hat sich die Zahl der Plasma-Arbeitsplätze damit verdreifacht.

Wer kein Image hat, bekommt auch kein Geld Das Forschungsministerium freut sich über diese Zahlen und übernimmt gern für sie die Verantwortung. "Das Wachstum belegt, dass unsere Fördermittel sinnvoll eingesetzt wurden", sagt BMBF-Sprecher Florian Frank. Rund sieben Millionen Euro gibt der Bund jährlich für Plasmaforschung aus. Als üppig kann das niemand bezeichnen. Zum Vergleich: Die Nanotechnologie wird aus öffentlichen Kassen jährlich mit rund 290 Millionen Euro bezuschusst, die Biotechnologie konnte von 2001 bis 2005 etwa 800 Millionen Euro Bundesmittel einstreichen. Immerhin soll die Plasmaförderung in den kommenden Jahren leicht steigen, bei einem klaren Schwerpunkt auf anwendungsorientierte Projekte. Die inoffizielle Sprachregelung für das zentrale Förderkriterium lautet: "Die Industrie muss Forschung abholen können." Auch im Ministerium hat sich herumgesprochen, dass erfolgreiche Plasmatechnologien wirtschaftlich eine große Hebelwirkung haben, da sie im Produktionsprozess oft an zentraler Stelle stehen oder neue Verfahren erst ermöglichen.

Dennoch hat die Niedertemperatur-Plasmatechnik nach wie vor ein Problem: Sie hat kein Image. "Welcher Verbraucher weiß schon, wie viel Plasma in der Aldi-Tüte steckt", klagt INP-Direktor Weltmann. "Bio" und "Nano" seien sexy. Auch unter Laser könne sich jeder etwas vorstellen. Beim Marketing ist es für die Branche von Nachteil, dass es um eine Querschnittstechnik geht, die auch der Nano- und der Biotechnologie zuliefert. Und im Unterschied zur Hochtemperatur-Plasmaforschung können die kühleren Kollegen mit keinem großen Ziel hausieren gehen: Sie drehen viele kleine Räder. Um trotzdem Zugang zur Wissenschaftsförderung zu finden, greifen Niedrigtemperaturforscher gern in die Trickkiste der akademischen Antragsbürokratie. Unter der Überschrift Bio- oder Nanotechnologie soll auch schon so manches Plasmaprojekt finanziert worden sein.

Bei allen Schwierigkeiten mit Fördermitteln: Die Plasmabranche hat guten Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Die physikalischen Grundlagen sind weitgehend geklärt, die technischen Probleme bei vielen Anwendungen gelöst. Die wichtigste Frage heißt laut Weltmann heute: "Rechnet sich das?" Sein Institut hat zurzeit drei Prototypen im Angebot, für die er große Marktchancen sieht: ein Messtechnikverfahren, ein System zur Abluftreinigung und einen Diagnostikchip für Biotech-Labors. Doch wie bei jeder Innovation gebe es zunächst Anlaufkosten, bevor sich die Investition in neue Technologie lohnt. Über die Potenziale der Plasmatechnik sind nach Einschätzung des Forschungsministeriums vor allem Großbetriebe im Bilde. Zwar ist der Plasmaanlagenbau in der Hand von kleinen und mittleren Betrieben. Doch in der Anwendung der Technologie hinkt der Mittelstand hinterher - meist aus Unwissen.

Kein Image zu haben ist ein Imageproblem. Die weltweit wichtigste Anwendung von Plasmatechnolgie ist die Neonröhre. Relativ wenig Strom versetzt das Edelgas Neon in seinen Plasmazustand. Dabei entsteht Licht, das weltweit seit Jahrzehnten Unmengen von Energie spart. Die Plasmaforscher würden heute einiges dafür geben, hätten die Erfinder die Neonröhre nicht nach ihrem Inhalt benannt, sondern nach dem physikalischen Prinzip, das sie zum Leuchten bringt. Jedes Kind würde sich dann fragen: Was ist eigentlich Plasma?