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Gestern: Universität Berkeley, Kalifornien 1983




Berkeley. Ein mythenschwerer Ort des Intellekts, der Kritik und des Engagements. Dort macht am 10. Oktober 1983 die Stimme einer Generation Halt. Doch es ist kein Musiker oder Schriftsteller - sondern ein Historiker. Aber was für einer: Seine Vorlesungen am heimatlichen College de France sind Treffpunkt der Pariser Intelligenz, in dem 300-Plätze-Saal drängen sich meist mehr als 500 Leute. Und jedes seiner Worte wird auf Tonband mitgeschnitten.

Im Oktober 1983 hat Michel Foucault nur noch knapp ein halbes Jahr zu leben. Am 25. Juni 1984 wird er in Paris einer aids-bedingten Krankheit erliegen. Davor aber rast er um den Globus. Hält hier einen Vortrag, dort ein Seminar, stellt sich Diskussionen. Er ist der Popstar unter den Philosophen. Interviews mit ihm werden von obskuren Verlagen veröffentlicht und zirkulieren unter den Fans.

Seine Laufbahn weist mehrere Brüche auf. Nachdem er sich zu Beginn seiner Karriere großen Ausschließungsmechanismen wie Irrenhaus und Klinik gewidmet hat, wird er in den siebziger Jahren durch seine epochale Studie "Überwachen und Strafen" weltberühmt. Bis in die kleinsten Verästelungen verfolgt er die Macht, immer darauf hoffend, den Nerv der Disziplinargesellschaft offen zu legen. Aber plötzlich, mitten in der Arbeit an seinem mehrteiligen Opus " Sexualität und Wahrheit", ändert er seine Richtung radikal und beginnt, die Techniken des Selbst" zu untersuchen. Und er liest die Schriften der alten griechischen Philosophen neu.

Die Studenten in Berkeley lassen sich ihre Unruhe nicht anmerken, aber man kann davon ausgehen, dass sie perplex sind, als Foucault erklärt, in den folgenden sechs Vorlesungen ausschließlich über das griechische Wort Parrhesia reden zu wollen. Doch schnell erkennen die Anwesenden, dass sie nicht in einem langweiligen Seminar für Altphilologen gelandet sind, sondern bei einem grundsätzlichen Vortrag. Denn Parrhesia, das zum ersten Mal im vierten Jahrhundert vor Christus auftauchte, bedeutet nichts anderes, als "die Wahrheit sprechen". Es ist allerdings keine leicht dahingesagte Wahrheit, die Foucault aufs Tapet bringt, sondern eine dunkle, gefährliche, die an den Grundfesten jedes Einzelnen rüttelt.

Zum einen ist Parrhesia eine Pflicht, und zwar eine innere, keine von außen auferlegte: Ein Gefangener, der vor Gericht gesteht, nutzt sie nicht, einer, der sein Vergehen freiwillig einem Freund beichtet, dagegen schon. Zum anderen kann diese Wahrheit nur von unten nach oben funktionieren: Ein Lehrer, der seinen Schüler kritisiert, gebraucht keine Parrhesia, aber ein Untergebener, der seinen Vorgesetzten auf Fehler hinweist. Das Wichtigste aber ist: Parrhesia hat immer etwas mit Gefahr zu tun: Es ist ein heroischer Akt, bei dem man den Tod riskiert (oder heute die Kündigung), um der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Gibt es einen schöneren Begriff von Zivilcourage? Vom ewigen Kampf, sich selbst treu zu bleiben, egal, was Vorgesetzte, Aktionäre, Kunden oder Fans von einem verlangen? Und wer hätte diese Lebenseinstellung besser verkünden können als Foucault, der mit jeder seiner großen Untersuchungen die mächtigen Interessenvereinigungen gegen sich aufbrachte? Mit den Psychiatern hatte er sich längst zerstritten, mit den Strukturalisten und Marxisten sowieso, mit Jean-Paul Sartre und Jacques Derrida verband ihn eine tiefe, gegenseitige Abneigung. Weil er sich immer der Wahrheit verpflichtet fühlte, ohne Rücksicht auf Verluste - und sich.