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Keine Macht ohne Drogen

In Bolivien gibt es eine ganz normale Bauerngewerkschaft. Sie hat einen Generalsekretär, einen Schatzmeister und ist vom Staat als Arbeitnehmervertretung zugelassen. Eine normale Gewerkschaft ist sie dennoch nicht: Sie verhandelt nicht mit Arbeitgebern, stellt dafür mehrere Bürgermeister, und ihre Mitglieder bauen eine illegale Pflanze an. Genauer: eine halb illegale Pflanze. Und das ist bislang der größte Erfolg. Für die bolivianischen Kokabauern.




Es ist kurz vor Mittag im Chapare, die Sonne steht fast senkrecht über den Tropen Boliviens. Mit einer Machete schlägt sich Julio Salazar den Weg durch den Urwald, er köpft Bananenstauden, Farne und junge Palmen. Unter ihm umgekippte Baumstämme und Riesenameisen, über ihm ein undurchdringliches Dach aus dichtem Grün. "Wenn man sie nicht gut versteckt", sagt er, "ist das Risiko groß." Winzige Mücken schwirren um seinen Kopf, das Dickicht des Urwalds ist undurchdringlich, man sieht kaum weiter als einen Meter. Auf einmal steht Salazar auf einer Lichtung. Umringt vom chaotischen Wildwuchs des Dschungels stehen dort in akkuraten Reihen kleine Sträucher, mit dünnen Ästen und dunklen Blättern: auf zehn mal zehn Metern Koka-Pflanzen - Salazars wichtigste Einnahmequelle.

Bolivien ist nach Peru und Kolumbien der drittgrößte Kokaproduzent der Welt. Im Jahr 1988 hat die Regierung versucht, mit dem Gesetz 1008 der Koka-Plage Herr zu werden und im Chapare den Anbau der Pflanze verboten. Heute schätzt die Polizei, dass in der Region zwischen Santa Cruz und Cochabamba mindestens 5000 Hektar Koka stehen. 90 Prozent davon werden zu Kokain verarbeitet, 40 000 Familien leben davon. Einige der versteckten Parzellen kann die US-Antidrogenbehörde DEA mit Aufklärungssatelliten orten, andere bleiben unsichtbar, unter dem Dach des Urwalds. Am Ziel "Coca Zero" im Chapare sind bislang alle Regierungen gescheitert.

Gescheitert an Leuten wie Salazar. Ein einfacher Mann mit Jeans und Kurzarmhemd, dichten schwarzen Locken und misstrauischen Augen. Einer, der sagt: "Ich produziere für den Markt." Salazar ist Generalsekretär der Kokabauerngewerkschaft. Eine legale Organisation, deren Mitglieder illegale Pflanzen anbauen. Das ist einzigartig in Lateinamerika. Im Ghapare hat die Gewerkschaft ein dichtes Netz gesponnen: mit Basisgruppen, einem Radiosender, außerdem stellt sie fast alle Bürgermeister in der Region. Man kann sagen, sie hat die politische Kontrolle.

Salazar hockt auf einem Baumstumpf neben seinem Kokahain. Er sagt: "Koka ist nicht Kokain." Noch mehrmals wird er diesen Satz wiederholen, es ist die wichtigste Parole seiner Gewerkschaft. Ihr größter Erfolg war es, Ende vergangenen Jahres durchzusetzen, dass mehr als 20 000 Campesino-Familien im Chapare auf jeweils 40 mal 40 Metern Koka anbauen dürfen. Legal ist das nicht, aber geduldet. Es war ein Friedensabkommen mit der Regierung. Vorher standen die Zeichen auf Sturm.

Der Chapare ist Konfliktgebiet. Das wird schon auf dem Weg dorthin deutlich. Auf der Nationalstraße Nummer vier, Cochabamba Richtung Santa Cruz, geht es drei Kilometer hinter dem Dorf Villa Tunari links ab. An der Kreuzung steht ein Kontrollposten der Antidrogenpolizei, der aussieht wie ein Grenzhäuschen: ein Wellblechdach auf Eisenträgem, darunter in einem Container ein Polizist am Computer. Er tippt, fragt ohne aufzuschauen: " Nummernschild?" - "Name?" - " Zielort?" - "Weiterfahren!" Jeder, der diese Route nimmt, gilt als potenzieller Schmuggler.

Hinter der Drogengrenze gelten andere Gesetze. Man darf keinen gefüllten Reservekanister mit sich führen, auch Zementsäcke oder Kalk sind verboten, weil sie zur Herstellung von Kokain dienen könnten. Große Schautafeln in der Landschaft mahnen, keine Drogen zu schmuggeln. "Dein Land produziert erlaubte Früchte und verbotene. Gib den Drogen keine Chance." Es wirkt wie ein schlechter Witz aus einer untergegangenen Epoche.

Die Zeiten haben sich geändert. Als 1987 die Antidrogenpolizei mit Hacken und Gewehren anrückte, organisierten sich die Kokabauern. Die meisten von ihnen waren nach der Schließung der Bergwerke aus dem kargen Hochland in die Tropen gekommen und suchten eine neue Einnahmequelle. Im Chapare bauten sie zunächst Orangen, Mandarinen und Maracuja an. Aber bald stellten sie fest, dass Koka viel rentabler ist - Orangen kann man einmal im Jahr ernten, Koka-Sträucher drei- bis viermal.

Es war fast wie im Bürgerkrieg. Mit Steinen und Macheten lieferten sich die Bauern Scharmützel mit den bewaffneten Einheiten der Antidrogenpolizei, den so genannten Leoparden. Es gab Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Ende der neunziger Jahre dann gründeten die Kokabauern eine Partei: Die "Bewegung für den Sozialismus (MAS)". Bei den Kommunalwahlen Ende vergangenen Jahres erkämpfte die MAS im Chapare 87 Prozent der Stimmen, mittlerweile sind fast alle Bürgermeister Kokabauern.

Für Feliciano Mamami Quispe wirkt diese Rolle noch etwas groß. Er sitzt in seinem Büro im Rathaus von Villa Tunari, vor dem Fenster steht eine weiße Tafel, auf der mit blauem Filzstift seine Termine geschrieben stehen. Mamami ist groß und kräftig wie ein Baum, sein Händedruck hart und rau. Aber seine Augen unter den dicken Brauen sind scheu und schüchtern. 17 Jahre lang hat er die Kokagewerkschaft an der Basis geleitet, hat Straßenblockaden angezettelt, mit Polizisten gerauft und mit Politikern verhandelt. "Nie wollte ich Bürgermeister werden", sagt er, "aber die Organisation wollte es so." Immerhin ist es ein bequemer Job, Bürgermeister von Villa Tunari zu sein. Mamami kann sich auf neun MAS-Gemeinderäte stützen - neun von neun.

Der Unterschied zwischen legalem und illegalem Koka? Das Anbaugebiet Was will er als Bürgermeister? Mamami: "Die Legalisierung des Koka-Anbaus." Dann redet er sich in Rage. Mit weit ausladenden Gesten formt er zwei Haufen Kokablätter vor sich auf dem Schreibtisch. "Schauen Sie, in den Yungas wird auch Koka angebaut, dort ist das ganz legal. Dieses Koka von hier ist dasselbe Koka, der Unterschied ist: Dieses hier ist illegal, das hier legal. Wo ist da die Logik?" In den Yungas bauten schon die Indios in vorkolonialer Zeit Koka an. Heute wird das Koka aus der traditionellen Anbauregion in La Paz als Tee verkauft, der auf mehr als 3800 Metern Höhe gegen Schwindelgefühle hilft. In den Bergwerken von Potosí kauen die Kumpel Kokablätter gegen Hunger, die Busfahrer im ganzen Land kauen Koka, um nicht müde zu werden.

Die trockenen Blätter sehen aus wie Lorbeerblätter, man schiebt sie zwischen Wange und Zähne und saugt die bittersüßen Wirkstoffe heraus, bis sie nach nichts mehr schmecken. Dann schiebt man das nächste Blatt hinterher, und irgendwann wird die Wange dick und taub. Doch Mamami beteuert: "Ich kenne niemanden, dem das geschadet hat." Dann macht er einen Telefonanruf und sagt: "Ich kenne etwas, das sollten Sie sehen." Keine zehn Minuten von Villa Tunari entfernt liegt das Dorf Chipiriri, leicht zu erkennen an einem langen Antennenmast, der in den tropischen Himmel ragt. Daneben steht ein Haus, über der Tür steht in Frakturschrift: "Radio Chipiriri. Die Stimme des souveränen bolivianischen Kokabauern", das ist der Radiosender der Kokagewerkschaft. Auf einem alten Schreibtisch stehen Mischpult, CD-Spieler, Kassettendeck und Mikrofon, dahinter sitzt Egberto Chipana. Auf FM 99,1 spielt er bolivianische Folklore: viel Flöte, viel Gitarre und dumpfe Trommeln.

Chipana hat eine schmächtige Statur, ein unauffälliges Auftreten und einen korrekten Haarschnitt. "Das Radio ist unverzichtbar", sagt er, "in wenigen Stunden können wir damit unsere Leute mobilisieren." Als die Polizei noch Kokafelder umpflügte, warnte er aus dem Radio, wenn die Leoparden im Anmarsch waren. "Heute bringen wir viel Nachrichten, die Leute wollen wissen, was passiert." Um 5.30 Uhr morgens geht Chipana auf Sendung. Er beginnt den Tag mit der Wettervorhersage, dann kommt der Infoblock, gefolgt von den Koka-Preisen auf den Märkten.

Dem Kokahandel geht es gut, und ein Drogenpolizist hat eine Sinnkrise Der Handel mit getrockneten Kokablättern ist legal, vorausgesetzt, man hat einen Produzentenausweis der Gewerkschaft. Sie ist nicht nur die Interessenvertretung, sondern wickelt auch den Vertrieb der Kokablätter ab - alle 17 Koka-Märkte im Chapare gehören der Gewerkschaft. In Eterazama ist jeden Donnerstag und Samstag Koka-Markt. Gehandelt wird in einer Halle mit Wellblechdach, so groß wie ein Fußballfeld. Frauen mit langen schwarzen Zöpfen schleppen Plastiksäcke, randvoll mit Kokablättern. Sie hängen sie an eine Waage "Made in Germany" und rechnen den Preis aus. Das Pfund kostet heute elf Bolivianos (ein Euro), das macht gut 550 pro Sack (50 Euro).

"Es hat gestern geregnet, die Blätter sind schwarz geworden - deshalb der niedrige Preis", sagt Wilde Moscoso, der Schatzmeister der Kokagewerkschaft. Heute Nachmittag kommt der Lastwagen des Zwischenhändlers, der die Säcke kauft und sie auf dem Markt von Cochabamba bringt. Geht alles mit rechten Dingen zu, werden die Kokablätter anschließend in Teebeutel verpackt, Medikamenten beigemischt oder als Kaukoka verkauft. Wenn nicht, werden sie irgendwo zu Kokain verpanscht. Darüber aber wacht die Gewerkschaft nicht mehr.

Im Chapare hat die Kokagewerkschaft 27 Dachverbände, unter denen 260 Ortsgruppen organisiert sind. Einmal im Monat treffen sich die Delegierten aller Ortsgruppen zur Vollversammlung. Moscoso nimmt dann allen einen Boliviano Mitgliedsbeitrag ab. Stehen Großprojekte an, wie der Bau eines Marktes, bittet er sie, ein Pfund Koka zu spenden. "Alle unsere Probleme lösen wir selbst", sagt Moscoso. Zu den Vollversammlungen kann jeder kommen und mitstimmen. Auch Vertreter anderer Parteien? Moscoso: "Eigentlich schon, aber es gibt keine mehr außer uns. Früher haben sie uns bekämpft, heute stellen wir die Bürgermeister." Dann verabschiedet er sich und fährt nach Villa Tunari.

Aus La Paz kommt der stellvertretende Minister für Entwicklung in Bolivien und wird mit Moscoso, Mamami und Salazar über eine Marktstudie diskutieren. Die Gewerkschaft fordert eine Untersuchung darüber, wie viel Koka legal in Bolivien konsumiert wird, um davon abzuleiten, wie viel legal produziert werden darf.

Solche Gedanken lassen Rosalío Alvarez an allem zweifehl, was er bislang in seinem Job gemacht hat. Er ist seit 15 Jahren bei den Leoparden, der Antidrogenpolizei, seit drei Jahren leitet er das paramilitärische Regiment im Chapare. Es ist neun Uhr abends, seit fünf Uhr morgens ist Alvarez auf den Beinen. Die neue Situation hat ihm alle Gewissheiten genommen: Die nationale Regierung verhandelt mit der Kokagewerkschaft über eine Legalisierung - und die lokalen Regierungen bestehen aus Kokabauern. Wer unterstützt ihn noch bei seiner Jagd nach Drogenproduzenten? Alvarez: "Die Botschaft." Er meint: die US-Botschaft.

"Alles, was Sie hier sehen, haben die Amerikaner bezahlt", sagt Alvarez. Er zeigt auf seinen Flachbildschirm, sein Telefon, seinen Schreibtisch, sein Sofa. Auch seine Uniform und seine Pistole haben die USA gesponsert, die Hubschrauber, die Jeeps, die Funkgeräte und die Gewehre seiner Leute, sogar das Essen. "Das Einzige, was mir der bolivianische Staat bezahlt, ist mein Gehalt." Er lächelt zynisch, denn beim Gehalt legt die US-Botschaft ebenfalls noch etwas drauf. Ein Polizist, der im Chapare im Einsatz ist, kriegt 1000 Bolivianos (100 Euro) als Bonus aus den USA. Im Gegenzug durfte die US-Drogenpolizei DEA in der Kaserne ihr Operationszentrum errichten.

Doch es ist ein Kampf gegen eine Ameisenarmee, den sie führen. Neben Alvarez' Büro ist in der Kaserne ein Koka-Museum untergebracht. Dort wird gezeigt, wie Kokapaste hergestellt wird. Acht Stunden lang werden die getrockneten und mit Wasser begossenen Kokablätter getreten, bis ein dicker Brei entsteht. Die grüne Pampe wird dann mit Säure, Diesel, Kalk und Natrium-Carbonat versetzt und so lange gerührt, bis eine braune Paste entsteht, die erhitzt wird, und ein grobes Pulver übrig bleibt. Diesen Kokain-Grundstoff verstecken Schmuggler in Ersatzreifen, Radios, in Brennholz. Manche füllen ihn in Gartenschlauchstücke, wickeln sie in Gummihandschuhe ein und schlucken sie. 500 bis 700 Dollar muss man investieren, um ein Kilo Paste im Chapare herzustellen, das man dann für 1000 bis 1200 Dollar verkaufen kann. Erst hinter den Kontrollposten von Alvarez verdoppelt sich der Preis - die Kontrollen sind also gut fürs Geschäft.

"Der Drogenhandel schadet uns", beteuerte Moscoso am Nachmittag auf dem Markt. Doch dann rechnete er vor: Für 100 Pfund Kokablätter kassiert er 1100 Bolivianos (100 Euro). Für 100 Pfund Yucca kriegt er nur 20 Bolivianos (2 Euro), und der Transport ist schwieriger und teurer. Oder Orangen. Für einen Sack mit 100 Orangen kriegt er bis zu fünf Bolivianos (0,5 Euro). Wenn er 1000 verkauft, hat er 50 Bolivianos (5 Euro). "Mehr gibt der Markt nicht her", sagte er. Als Produzent baut Moscoso das an, wofür er das meiste Geld kriegt. Damit ist er ein ungewöhnlicher Gewerkschafter: Er orientiert sich streng am Markt.