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Die Dot-Kommune

Wissen ist frei, dachten sich die Gründer des Internet-Lexikons Wikipedia, bei dem jeder Autor und Redakteur sein kann. Doch die Info-Revolution droht im kreativen Chaos zu versinken.




Wikipedianer sind ein virtuelles Völkchen, an dem Ethnologen der Wissensgesellschaft und Verhaltensforscher ihre helle Freude hätten. Die Ureinwohner stekkten im Web jungfräuliches Territorium ab und bauten darauf eine soziale Utopie, für die sie die Regeln schrieben. Die freie Enzyklopädie Wikipedia ist nach wie vor eines der aufregendsten Projekte im Netz: ein Nachschlagewerk, das als offene Gemeinschaftsarbeit von Tausenden geschrieben, von Hunderttausenden kritisiert und von Millionen benutzt wird.

Wer heute einen Eintrag beispielsweise über Stammzellenforschung oder Arnold Schwarzenegger nachschlägt, kann den Text von seinem Computer aus ändern -und die ganze Welt kann die neue Fassung lesen, bis ein anderer Leser etwas daran zu kritteln hat. Transparenz soll dafür sorgen, dass Dummheit, Ideologie und Schlamperei keinen Platz haben. Man vertraut der Evolution. Aber geht das?

Statistiken sagen: Ja. Wikipedia meldete im September 2004 mehr als eine Million verfügbarer Artikel und treibt seitdem den Verantwortlichen der renommierten deutschen Enzyklopädieverlage sowie den Herausgebern käuflicher Computerenzyklopädien wie Brockhaus und Encarta den Angstschweiß auf die Stirn. Doch die Erfolgsgeschichte bekommt bereits die ersten Risse. Wie viel Chaos ist erträglich? Wie viel Basisdemokratie macht aus einem schlauen Völkchen eine dumme Horde? Und wer, bitte schön, bezahlt das alles? Fundis und Realos treten gegeneinander an.

Vorgänger Nupedia sammelte 30 Artikel in drei Jahren Larry Sanger ist Realo: ein Mann der ersten Wiki-Stunde, der das Treiben der verbohrten Fundis mit Entrüstung und Enttäuschung beobachtet. Der Philosophie-Dozent an der Ohio State University in Columbus war gemeinsam mit dem derzeitigen Wiki-Leiter Jimmy "Jimbo" Wales einer der Mitbegründer der offenen Enzyklopädie, bis er Anfang 2002 aus dem Projekt ausschied.

Jimbo Wales holte Sänger 1999 an. Bord, um etwas Ordnung in das damals noch wirre System zu bringen. Sanger beklagt heute die mangelnde Qualitätskontrolle von Wikipedia. Antielitäres Denken, sagt er, vergrault Fachleute und unterminiert so das Ansehen und die Verlässlichkeit der Wissens-Kommune. Fundi Wales winkt bei solcher Kritik beihalte verächtlich ab: "Larry Sanger weiß absolut nichts über das Projekt. Wir arbeiten mit Nachdruck daran, hochrangige Akademiker auf allen Ebenen am Projekt zu beteiligen." Bis zu dieser Grundsatzdebatte dauerte es bei Wikipedia nur ein paar Jahre. Den ersten Vorschlag, eine Enzyklopädie im Internet anzulegen, formulierte Rick Gates, ein Web-Entwickler und Berater in Oregon, im Jahr 1993. Die Idee wurde 1999 von Jimmy Wales aus Huntsville, Alabama, für ein Projekt mit dem Namen Nupedia aufgegriffen. Wales hatte mit dem Handel von Optionscheinen viel Geld verdient und den Internetsuchdienst Bomis gegründet. Nupedia hatte das Ziel, qualitativ hochwertige Artikel in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern zu erarbeiten und kostenlos online verfügbar zu machen. Das Projekt scheiterte an der komplizierten und langwierigen Qualitätssicherung der Artikel: In drei Jahren stellte Nupedia gerade einmal 30 Texte fertig.

Chefredakteur Sänger suchte nach einer anderen Lösung. Und stolperte dabei über das bis dato im Internet wenig verbreitete Wild-Prinzip, das 1995 von Ward Cunningham erfunden wurde. Wikiwiki bedeutet in der Sprache der Ureinwohner Hawaiis "schnell", und Cunninghams Ziel war es, die Geschwindigkeit des Netzes für das Überarbeiten von Textseiten zu nutzen. Die Idee ist simpel: Anstatt statische Seiten anzubieten, deren Fehler die Leser im günstigsten Fall per E-Mail melden können, woraufhin, der Anbieter die Seiten selbst überarbeiten muss, gibt man jedem Leser ein Zugriffsrecht. So kann fortan jeder eine Seite verändern - und hoffentlich verbessern. Wild sollte dem Projekt auf die Sprünge helfen und Freiwillige aus aller Welt an die Tastatur locken. Die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia war geboren, während Nupedia parallel weiterbetrieben wurde. Wiki-Erfinder Cunningham arbeitet ironischerweise seit Ende 2003 bei Microsoft - einem der erbittertsten Gegner des Open-Source-Gedankens.

Wikipedia bietet 1,5 Millionen Artikel in 76 Sprachen Die freie Enzyklopädie Wikipedia ging im Januar 2001 online und wurde zunächst von Bomis und Wales privat finanziert. Nach drei Monaten umfasste sie bereits mehr als tausend Artikel. Im Februar 2001 begann Google die Artikel bevorzugt aufzulisten und lenkte dadurch einen wachsenden Strom von Besuchern zum Projekt. Der schnelle Erfolg ihrer Web-Enzyklopädie war für die Gründer nicht nur überraschend, er stellte sie auch vor finanzielle Herausforderungen, vor allem Wales, der das meiste bezahlte. Denn nun mussten mehr und. mehr Server zugeschaltet werden: Statt anfangs 20000 Dollar im Quartal, mussten 125000 Dollar aufgebracht werden.

Um Wikipedia auf eine geordnete rechtliche Basis zu stellen und auch Spenden annehmen zu können, wurde im Jahr 2003 die Wikimedia Foundation Inc. als Non-Profit-Organisation gegründet. Die Stiftung hat sich das Ziel gesetzt, freies Wissen zu sammeln und zu entwickeln sowie der Öffentlichkeit den kostenlosen Zugang zu ermöglichen. Die Stiftung ist Eigentümerin aller Server, Domain-Namen und Markenzeichen. Im Jahr 2004 wurden allein aus Spendengeldern mehr als 48 000 Euro in neue Server investiert, die mittlerweile rund fünf Millionen wissenshungrige Besucher und Mit-Autoren im Monat bedienen.

Das Nachschlagewerk umfasst gegenwärtig rund 1,5 Millionen Artikel in 76 Sprachen. Dabei werden mehr als 500 000 englische, 208 000 deutsche, 104 000 japanische und 16 000 hebräische Begriffe ausführlich erklärt. Täglich kommen mehr als 3000 Artikel hinzu, 30 000 werden ergänzt.

Der deutschsprachige Teil von Wikipedia macht neben dem englischsprachigen den zweitgrößten Artikelbestand aus. Im Mai 2004 wurde unter dem Namen "Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V." in Berlin ein Verein der deutschen Sektion gegründet. Kurz danach besuchte der Vereinsvorstand den renommiertesten deutschen Enzyklopädieverlag, das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus in Mannheim. Kurt Jansson, erster Vorsitzender von Wikimedia Deutschland, warb in dem Gespräch um friedliche Koexistenz: "Dabei konnten wir klarstellen, dass Wikipedia sich nicht aufmacht, den Tyrannen Brockhaus zu enthaupten." Nicht blutige Revolutionen, sondern friedliche Bündnisse treiben Wikipedia: Viele Menschen scheinen das Bedürfnis zu haben, ihr Wissen zu teilen und dabei gleichzeitig den eigenen Wissensdurst zu löschen.

Und Klugscheißerei? Falsche Angaben? Demagogie, im Netz nicht gerade selten? Ein Selbstreinigungsmechanismus - permanente Qualitätskontrolle - soll die unschönen Begleiterscheinungen der digitalen Demokratie verhindern. Das klappt auch ganz ordentlich. Experten von IBM und dem MIT kamen zu dem Ergebnis, dass absichtliche Entstellungen von Artikeln im Schnitt in weniger als drei Minuten entfernt sind.

Undenkbar oder unausweichlich: Werbung auf Wikipedia?

Ein Großteil der neuen Besucher auf Wikipedia wird durch die Suchmaschinen Google und Yahoo auf das Angebot aufmerksam. Viele Artikel haben einen hohen Stellenwert bei Google - und werden so bei Suchanfragen häufig zuerst angezeigt. Allein Yahoo liefert pro Monat zwei Millionen Wikipedia-Kunden. Kurt Jansson will nun auch in Deutschland Partnerschaften mit Internet-Providern eingehen. Die Suche nach Partnern beschränkt sich aber nicht nur auf kommerzielle Nutzer von Inhalten, sondern gilt auch potenziellen Lieferanten von freien Inhalten wie Universitäten und Bibliotheken.

Mittlerweile ist Wikipedia unter den zehn meistbesuchten Websites der Welt zu finden. Bei Qualitätstests von Fachzeitschriften wie "c't" landete Wikipedia noch vor Brockhaus Multimedial und Microsoft Encarta - und die kosten immerhin um die 80 Euro pro Exemplar. Der Erfolg hat aber auch Nachteile. Weil immer mehr Menschen Wikipedia nutzen, sind die Server oft überlastet. Google und Yahoo boten ihre große Server-Kapazität gern an - Yahoo erhielt schließlich den Zuschlag.

Ein solches Hosting-Abkommen ist in den Augen von Wiki-Gründer Wales kein Ausverkauf an die börsennotierte Hightech-Welt: "Das ist eine reine Hilfestellung, an keinerlei Verpflichtungen gebunden. Wir sind wie das Rote Kreuz - vollkommen neutral", versichert Wales. Aber: Server sind nicht alles. Das Geld ist auch knapp.

In einem nichtoffiziellen Fünf-Jahres-Plan der Wikimedia Foundation wird der Kapitalbedarf für das Jahr 2006 auf mehrere Millionen Dollar geschätzt. Eine mögliche Einnahmequelle, Werbung auf den Seiten, widerspricht aber den Grundsätzen der Non-Profit-Organisation. Nur: Der Grundsatz wackelt bereits. Früher oder später, meinen Mitglieder der deutschen Vereinsleitung, könnte Werbung auf Wikipedia für frisches Geld sorgen.

Neben einem aktuellen Spendenaufruf über 50 000 Dollar werden weitere Wege beschritten, um Kapital zu beschaffen. Vergangenen Oktober wurde die deutsche Wikipedia mit 131976 Artikeln und 1200 eigens ausgesuchten Bildern durch den Berliner Verlag Directmedia Publishing auf CD-ROM veröffentlicht. Von den 40000 hergestellten Exemplaren gingen 30000 gegen wenige Euro Schutzgebühr direkt an Kunden, die vorbestellt hatten. Die restlichen 10000 landeten im Buchhandel. Zur Buchmesse in Leipzig kam eine DVD-Version für 9,90 Euro auf den Markt. Anfang April war die CD-ROM beim Internetversand Amazon.de auf Platz eins der Verkaufsliste.

Bei der Vorstellung der aktuellen Roadmap der Wikipedia im Juni 2004 in Berlin sprach sich Wales für eine Buchversion der englischen Wikipedia bis zum Herbst aus. "Das Projekt läuft nach Plan", versichert er. "Wir arbeiten mit dutzenden von Leuten aus der akademischen und nichtakademischen Welt zusammen." Darüber hinaus könnte im kommenden Jahr die Idee einer Wikiversität - eine auf Hochschulen fokussierte E-Learning-Plattform auf Wiki-Basis - ihrer Verwirklichung einen großen Schritt näher kommen. Konzepte für eine Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wurden bereits eingereicht. "Wir bauen gerade eine entsprechende Website auf", berichtet Wales. Auch über kommerzielle Projekte von und mit Wikipedia denkt Wales nach.

Ohne Kommerz fehlt das Geld, mit Kommerz die Unterstützer Für einige Wikis ist das aber der Anfang vom Ende: Sie klagen laut über Ausverkauf und Kommerzialisierung, wenn sie etwa hören, dass in - inoffiziellen - Dreijahresplänen der Wikimedia Foundation von "100 000 verkauften Einheiten" die Rede ist.

Womit wir beim Grundsatzstreit zwischen Fundis und Realos angekommen wären. Wenn die Wiki-Kommune zu kommerziell wird, werden viele Teilnehmer ihre Unterstützung bei der Erweiterung und Pflege der Inhalte verwehren, davon aber ist die Internet-Enzyklopädie abhängig. Wenn sie sich andererseits weigert, erwachsen zu werden, bleiben die intellektuellen Schwergewichte fern. Für Sanger sind das Altlasten, mit denen sich die Community schon lange auseinander setzen wollte.

Bereits 1999 bestanden dieselben grundsätzlichen Probleme, mit denen das Gemeinschaftsprojekt heute noch kämpft, sagt Sanger: "Solange die Öffentlichkeit und vor allem Fachleute quer durch alle Themenbereiche auch nur den Eindruck haben, Wikipedia sei keine verlässliche Quelle, haben wir ein großes Problem. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob ihr Eindruck wirklich den Tatsachen entspricht. Allein der angebliche Mangel an Glaubwürdigkeit verhindert die Teilnahme und Akzeptanz von Akademikern und anderen Experten." Deswegen schreibt und argumentiert Sanger seit seinem offiziellen Abgang aus dem Führungszirkel vor drei Jahren gegen die "antielitäre Grundhaltung" der Gemeinde. Seine Besorgnis über die Sackgassen, in die sich die schreibwütige Basis verrannt hat, brachte Sanger im Dezember zu Papier: "Die Wikipedia muss ihren antielitären Dünkel über Bord werfen", meint er und fürchtet, dass das Erfolgsprojekt von " Quertreibern, Giftzwergen und ihren Handlangern" existenziell gefährdet werde: "Wikipedia fehlt seit ihren Anfangstagen der Respekt vor Expertise", sagt Sanger. Wer sich grundsätzlich als autonome, selbst regierte Gemeinschaft versteht, die sich von Fachleuten und Akademikern nicht hineinreden lassen will, schließt Wissen aus, das Einträge verbessern und Fehler schneller identifizieren könnte.

Spaltet sich Wikipedia in eine Profi- und eine Amateurliga?

Für Sanger ist eine kontinuierliche Prüfung, die in jeder wissenschaftlichen Disziplin hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen, unabdingbare Voraussetzung, um die Vision eines offenen Nachschlagewerkes für die Welt zu realisieren, dem auch die anspruchvollsten Nutzer vertrauen. Es ist das alte Hierarchieproblem, mit dem Wikipedia konfrontiert wird: Wenn die Basis sich austoben will und die Betreiber wohlwollend zusehen, unterminiert das kreative Chaos auf Dauer die Überlebensfähigkeit.

Es gebe, meint Sanger, nur zwei Möglichkeiten zur Sicherung der Qualität: Entweder man benennt Experten als Sachwalter bestimmter Themenbereiche, die Wikipedia von innen heraus sichten und redigieren wie ein herkömmlicher Lektor oder Moderator. "Das wird aufgrund der vorherrschenden antielitären Grundhaltung in weiten Teilen der Wiki-Gemeinschaft nicht passieren", erklärt Sanger. Deswegen erwartet er die zweite Option: Da sowohl die technische Plattform als auch der Inhalt von Wikipedia laut den Urheberrechtsregelungen von Open Source frei verfügbar sind, könnte eine neue lektorierte Enzyklopädie aus einer originalgetreuen Kopie entstehen, die von einer Treuhand-Institution gründlicher als bisher gepflegt wird.

Programmierer nennen eine solche Spaltung des Stammbaums eine "Fork" oder Gabelung. Wer bei der alten Wikipedia nachschlägt, würde fortan in einem offenen Wissens-Pool fischen, ohne sich seiner Ergebnisse vollkommen sicher sein zu können. Wer hingegen zur neuen Wikipedia ginge, wäre sicher, dort geprüftes Wissen vorzufinden - aber möglicherweise keine Abweichungen von etablierten Lehrmeinungen. "Wenn eine allgemein respektierte Universität, ein Think Tank oder eine andere Institution sich dessen annehmen würde, hätten wir ein Nachschlagewerk, das die Welt noch nicht gesehen hat", sagt Sanger. "Diese Abspaltung in professionelle Hände wird passieren, und zwar bald. Sie ist unvermeidlich, um das Qualitätsproblem zu lösen." Damit wäre die eingestellte Nupedia wiederauferstanden, der Kreis würde sich schließen.

Für Wales sind Sangers Kritikpunkte überholt. " Meine Güte! Sanger hat keine Ahnung", sagt er über seinen ehemaligen Geschäftspartner und Mitstreiter. "Seine Einwände beruhen auf einem Kenntnisstand von vor zwei Jahren. Wir sind alles andere als antielitär und arbeiten bereits an einem Prüf-Prozess mit akademischer Beteiligung. Ich bin derjenige, der nach Harvard, Stanford und ins MIT eingeladen wird, und zwar aus gutem Grund. Die Gefahr einer akademischen Abspaltung ist ein Hirngespinst in Sangers Kopf. Wir haben das Geld, die Server und die technischen Ressourcen, um alle Gruppen von Akademikern zu unterstützen, die das Projekt zusammenhalten wollen." Öffentlich präsentiert hat Wales indes keine Vorhaben für mehr Qualitätskontrolle.

Die Bibel umzuschreiben ist keine so gute Idee Wenn Basisdemokratie bei einer Enzyklopädie bereits zu Zweifeln an der Verlässlichkeit führt, sorgt sie bei der Hand voll anderer Wiki-Projekte für beinahe unüberwindhare Schwierigkeiten: für Wörterbücher namens Wiktionary etwa oder Wikisource, in der Primärquellen veröffentlicht werden. Nicht zu vergessen Wikinews, wo sich jeder als Nachrichtenagentur beweisen kann.

"Es ist absurd und albern zu glauben, dass es irgendeinen Wert hat, historische Quellen wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder die Bibel in Wiki-Form zu veröffentlichen", sagt Sanger. Das Grundkonzept, wonach jeder Leser ein Dokument ändern kann und ändern soll, verträgt sich nicht mit den fundamentalen Anforderungen an ein Archiv, das man gerade deshalb benutzt, weil man sich auf die Unversehrtheit seiner Bestände verlässt. Als Open Source gibt es die garantiert unversehrten Archive auch schon: Das Projekt Gutenberg oder Brewster Kahles Internet Archiv sind nur zwei Beispiele für fachlich anerkannte und reputierte Quellen.

Ähnliches gilt für Nachrichten im Wiki-Format - das jüngste Kind der Wiki-Familie, das im Dezember 2004 gestartet wurde. Informationen unter Zeitdruck zu sammeln, zu ordnen und zu bewerten ist nicht einfach. An der Idee, dass engagierte Amateure zu besseren Ergebnissen kommen als etablierte journalistische Einrichtungen, zweifelt nicht nur Larry Sanger. Der ehemalige Chefredakteur der Encyclopaedia Britannica, Robert McHenry, sagte der " New York Times"; "Eine Zeitung zu machen ist schwierig. Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass jemand, der keine Ahnung hat, eine Menge Leute um sich schart, die das Zeitungshandwerk ebenso wenig beherrschen. Die Naivität ist atemberaubend." Sanger sagt: "Wenn eine große Gruppe Autoren, die sich weder kennen noch trauen, gemeinsam an Nachrichten arbeiten, deren Wert gerade in ihrer Aktualität besteht, ist das mehr als problematisch." Und wenn es nur ums Bündeln und Kommentieren von News geht, warum nicht die bestehenden Online-Tagebücher oder Blogs nutzen? Wales gesteht, dass Wikinews noch in den Kinderschuhen steckt: "Es wird ein paar Jahre dauern, bis wir wettbewerbsfähig sind." Auch die Idee von Wiki-Büchern ist für Sanger von zweifelhaftem Wert. "Um große Mengen von Informationen so gut zu strukturieren, dass sie für Studenten und andere lernbegierige Menschen wertvoll sind, bedarf es des Inputs von Experten. Es gibt Abermillionen von Lehrbüchern - warum sollte eine Schule oder ein Lehrer auf Material zugreifen, das unter den gleichen Qualitätskontrollmängeln leidet wie die Online-Version?" Wikipedia funktioniert - das gilt nicht für alle Wiki-Projekte Ein Großteil der wohlgemeinten, aber aus Sangers Sicht fehlgeleiteten Projekte erklärt sich aus dem Chaos der Wiki-Welt. " Einige Aspekte wachsen organisch und funktionieren - Wikipedia ist das perfekte Beispiel. Andere Projekte - Wild dies und Wiki das - sind nie gründlich durchdacht worden und werden im Sande verlaufen. Dahinter steckt das gleiche falsche Denken wie bei vielen gescheiterten Geschäftsideen. Eine Idee schlägt ein, und der CEO denkt sich: Das ist die Lösung für alle meine Probleme. Nach dem gleichen Schema ziehen wir andere Geschäfte auf. Falsch!" In anderen Sphären, wo man es kaum vermuten würde, setzen sich Wikis dagegen durch: in Unternehmen, die an Hierarchien, Sicherheit und mehr denn je an Haftungsfragen denken müssen. Während alle Welt auf das Hickhack um die freie Enzyklopädie starrt, werden betriebliche Anwendungen dieser dynamischen, kollaborativen Form der Informationssammlung und Wissensverwaltung immer beliebter. Corporate Wikis gibt es bereits seit mehreren Jahren bei dutzenden von Firmen - von SAP und Motorola über Boeing und Disney Internet Group bis zu kleineren Technologiefirmen wie Wind River, einem Hersteller von Betriebssystemen und so genannter eingebetteter Software für alle Arten elektronischer Geräte. Gegenwärtig gibt es mehr als 350 solcher Projekte zur Entwicklung offener Netzwerke. Die meisten sind kostenlose Open-Source-Anwendungen sowie einige kommerzielle Varianten wie Socialtext oder JotSpot.

"Wikis sind ideale Werkzeuge, um Wissen in einer Organisation zu bündeln, auf dem neuesten Stand zu halten und besser verfügbar zu machen", sagt Peter Thoeny. Der Schweizer Ingenieur und Computerwissenschaftler arbeitet bei Wind River und ist einer der Väter der kostenlosen Wiki-Plattform TWiki. Für Thoeny ist ein Unternehmens-Wiki das "Gehirn eines Unternehmens", das die Lücke zwischen dem unentwegt hereinbrandenden E-Mail -Verkehr und eher statischen großen Datenbanken füllen kann. Sein Unternehmen mit Sitz in Alameda bei San Francisco benutzt TWiki seit dem Frühling 2000. Was anfangs dazu diente, ein großes Software-Projekt zu managen, bei dem rund hundert Ingenieure in sieben verschiedenen Büros auf zwei Kontinenten immer auf dem neuesten Stand sein sollten, ist inzwischen zu einem festen Bestandteil der gesamten Unternehmenskultur geworden.

Nach Thoenys bislang letzter Erhebung benutzen 1600 Mitarbeiter die modifizierbaren Web-Seiten, um Informationen zu finden, weiterzureichen, zu ergänzen oder zu korrigieren. Die Wissensbasis wächst beständig. Im Dezember 2004 hatte Wind Rivers Wiki-Welt 50000 Seiten, Ende Januar waren es bereits 63 000, sagt Thoeny. Pro Monat nehmen die registrierten Nutzer rund 20 000 Updates vor - das entspricht einem Eintrag pro Arbeitstag pro Mitarbeiter. Wenn dabei schon nicht die lernende Organisation herauskommt, so wenigstens die besser dokumentierte.

"Wikis sind enorm nützlich für eine Organisation. Aber man muss erst mal die anfänglichen Bedenken des oberen Managements zerstreuen - nämlich, dass Wikis unstrukturiert, chaotisch, unsicher und deshalb ungeeignet für die ernsthafte Geschäftswelt sind", sagt der TWiki-Entwickler. "Es ist zeitaufwändig und bedarf wie bei jeder Online-Gemeinschaft einiger Betreuung, bis es floriert." Nach der Anlaufphase entsteht schnell ein Schneeball-Effekt. Je mehr Mitarbeiter mitmachen, desto wertvoller wird die Technik, und keiner will außen vor bleiben. Damit ein solches Unternehmenshirn zum Leben erwacht, bedarf es vor allem erheblicher Umdenkprozesse in der Chefetage und bei der Belegschart.

Eines aber, das hat Thoeny in seinen fünf Jahren als Projektleiter von TWiki gelernt, ist für ein solches Gemeinschafts -Netzwerk unabdingbar. Eine Portion Realismus muss die Informationssammlung in die richtigen Bahnen lenken: "Man braucht Experten aus den jeweiligen Geschäftsbereichen, die ein Thema inhaltlich betreuen. Immerhin geht es bei Wikis um eine soziale Revolution, in der nicht mehr alles von oben nach unten gefiltert, sondern von der Basis aufgebaut und modifiziert wird." So viel Vernunft dürfte Larry Sanger freuen.