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Der Gestalter

„Die Gefahr für den Politiker besteht darin, dass er den Notwendigkeiten hinterherläuft“, sagt Jaime Lerner. Der einstige Bürgermeister von Curitiba, der siebenmal mit absoluter Mehrheit wiedergewählt wurde, ist dieser Gefahr nicht erlegen.




Ein Gespräch mit Jaime Lerner zu arrangieren war eine Sache von fünf Minuten. Ob es gleich morgen, Karfreitag, sein könnte - oder gebe es dagegen religiöse Einwände? So feinfühlig ist der Mann, der dreimal Bürgermeister von Curitiba (1,6 Millionen Einwohner) war und zweimal als Gouverneur den nordbrasilianischen Bundesstaat Paranà (zehn Millionen Einwohner, knapp fünfmal größer als die Schweiz) regierte, wehweite Anerkennung für seine Stadtplanung gewann und noch ganz nebenbei Präsident der Internationalen Union der Architekten (UIA) ist.

Curitiba. Nieselregen und 16 Grad im Sommer. Mit dem Schmuddelwetter muss die Stadt das ganze Jahr über leben, dafür ist sie bekannt - aber noch bekannter ist sie als ökologische Modellstadt von Jaime lerner. Für die Politik der Lösung von sozialen und Umweltproblemen, im Besonderen für die Sammlung und Wiederverwertung von Abfall aus den Armenvierteln, hat er 1990 den Umweltpreis der Vereinten Nationen erhalten.

Das Instituto Jaime Lerner verbirgt sich hinter einer Gartenpforte, im Viertel Cabral, in einem schrägen Winkel, der von mächtigen Kapok- und Eukalyptusbäumen beschattet ist. Darüber ragen drohend die monotonen Betontürme des frei finanzierten Wohnungsbaus. Hier schafft der Meister in seiner Klause, einem Fuchsbau aus Holz, Glas und Beton. Den hatte er sich während des Architektur-Studiums selbst errichtet, und darin wohnte er noch als Gouverneur, bis er in ein Penthouse gegenüber zog.

Jaime Lerner kennt in Curitiba jeder, in Parana haben sie ihn nicht vergessen, doch auf der großen nationalen politischen Bühne hat er keine große Rolle gespielt. Geschliffene Reden sind nicht seine Sache. Aus Parteipolitik hält er sich raus. Aber seit 40 Jahren zieht er die Fäden in seiner Heimatstadt und in der Provinz. Und wenn er nicht selbst Stadt- und Landesoberhaupt war, dann waren es seine Amigos, Schüler und Mitarbeiter.

Was ist er denn nun: Architekt oder Politiker? " Architekt", sagt er. Kein Zweifel, sein Atelier ist kein Politikerbüro. Da hängen keine Fotos mit Papst und Putin, da sind die Regale voll gestopft mit Büchern, Bänden und Plänen. Ein Elfenbeinturm? Niemals! Der Mann ist siebenmal mit absoluter Mehrheit (und wechselnder Partei) gewählt worden. Der ist ein politischer Fuchs!

"Fuchs?" lerner schmeckt das Wort wie einen Schluck Wein. Aus seinem Bauernschädel lachen die Auglein, der Bierbauch hüpft unterm Polohemd, er reibt sich die Pranken, in denen der 6B-Bleistift beinahe verschwindet. Natürlich ist er ein Schlitzohr.

Aber wie unterscheiden sich denn nun Architektur und Politik? "Der Architekt macht den Plan, der Politiker will etwas bewegen. Was ist möglich? Was ist nötig? Die Gefahr für den Politiker besteht darin, dass er den Notwendigkeiten hinterherläuft." Er, Jaime Lerner, habe es immer so gehalten: Der Vormittag war den Möglichkeiten gewidmet. Da hockte er sich in seine Klause oder in das Institut für Städteplanung und Forschung (IPPUC), das er mit anderen Jung -Architekten 1965 gegründet hatte, und strichelte, palaverte und plante mit seinen engsten Beratern. Am Nachmittag dann zog er die Uniform, den Anzug, an und ging ins Rathaus. Da hörte er sich die Nöte, Klagen und Bitten an. Das war die Zeit der Notwendigkeiten.

In Brasilien nennt man Politiker wie Jaime Lerner " Kaziken". Ein Kazike hat Macht dadurch, dass er Leute an sich bindet und dass er Wohltaten verteilen kann. "Dando que se recebe" - eine Hand wäscht die andere. Bauunternehmer sind oft politische Spender; sie können nach der Wahl mit Aufträgen rechnen.

"Natürlich machst du Versprechungen. Als Gouverneur habe ich alle Präfekten im Lande besucht, ganz gleich, von welcher Partei. Und natürlich wollen sie eine Brücke, eine Schule, ein Hospital oder eine Radiostation. Ein Politiker, der keinen Plan hat, der kein Fundament hat, auf das er bauen kann, der ist sehr schnell verloren und verstrickt sich im Netz der Notwendigkeiten. Du brauchst den Masterplan, der ist nicht verhandelbar, und daneben brauchst du noch ein paar Geschenke." Jaime Lerner, Jahrgang 1937, sein Vater war vier Jahre zuvor aus Lernberg eingewandert. Die jüdische Verwandtschaft, im damaligen Polen zurückgeblieben, kam in den Gaskammern der Nazis um. Sein Vater schlug sich in Curitiba anfangs als ambulanter Krawattenverkäufer durch. Später hatten sie ein Geschäft, und alle fünf Kinder konnten studieren. Jaime wählte die Architektur, und als der von den Militärs ernannte Präfekt die Stadt mit Autobahnen quer durchs Zentrum beglücken wollte, gingen die Architekturstudenten auf die Straße. Doch sie schwenkten keine roten Fahnen, sondern Blaupausen: Sie hatten einen alternativen Plan. Zwei Jahre später war Jaime Lerner Berater für Stadtplanung -ein Wort, das man bis dahin noch nie gehört hatte.

Lerner schlug in das Rathaus ein wie der Kugelblitz. Kein Geld im Sack? Wir spenden Ideen! Probleme? Herausforderungen zu Lösungen! "Das geht nicht?" Lerner gurgelt diese Worte auf Deutsch und spuckt sie aus. Auch "unmöglich" will er nicht hören. Der Mann fegte durch die Amtsstuben, schleppte seine Pläne heran und entfachte eine regelrechte Begeisterungskampagne. Gib den Leuten eine Aufgabe, und sie wachsen daran!

"Besser man packt etwas an, als dass man es liegen lässt. Korrigieren kann man immer noch. Ein Auto, das fährt, kann man lenken; eines, das steht, nicht." lerner fragte nicht die Leute, was sie wollten, sondern zeigte ihnen einen Plan und fragte, was sie daran gut fänden. So entstanden die Projekte, die ihn bekannt machten: die Metro auf dem Asphalt und der Müll, der Moneten macht. Oder die Stadt, die nicht schläft, eine 24-Stunden-Einkaufsmeile; die Universität der Umwelt, die aus alten Telegrafenmasten errichtet wurde; die Oper aus Draht, eine Leichtkonstruktion aus Stahlrohren und Glasplatten. Die Umwandlung bracher Flächen wie einen Steinbruch in einen Park oder die Metamorphose einer alten Fabrik in eine Fortbildungsstätte für junge Lehrer und schließlich die Planung umweltschonender Industrie.

Nicht warten und lamentieren, sondern machen Die Metro: Sie hätte Milliarden verschlungen. Eine Straßenbahn gab es nicht. Sie wäre ebenfalls zu teuer gewesen. Aber Volvo und Scania, die beiden schwedischen Unternehmen, die sich am Rand von Curitiba angesiedelt hatten, bauten Busse. Die durften Busse stiften! Die Stadt ließ Busspuren anlegen - verboten für Pkw. Und Haltestellen gleich dazu: Röhren aus Stahl und Glas, die vor dem ewigen Regen schützen, mit Drehkreuz und einem Arbeitsplatz für den Kassierer, Ein- und Ausstieg auf gleicher Höhe.

Die Busmetro von Curitiba trägt sich heute finanziell. Viele Bürger stiegen vom Pkw auf den Bus um. Jaime Lerner hat nicht nur Stadtteile, sondern auch die Menschen vernetzt.

Curitiba ist keine Stadt der Bonzen so wie Brasilia (siehe brand eins 02/2002). Mehr als zehn Prozent der Bewohner leben in Favelas. Die Elendssiedlungen liegen in den sumpfigen Senken. Sie trockenzulegen und zu sanieren kostet Milliarden. Besser man wartet nicht auf Geld, sondern packt an. Etwa bei der Müllabfuhr, die viele Teile der Hüttenstädte nicht erreichen konnte.

Lerner drehte den Spieß einfach um - wenn die Müllmänner nicht zum Müll kommen, kommt eben der Müll zu den Müllmännern. Curitiba belohnt jugendliche Lumpensammler für jedes Kilo gesammelten Abfall. Dafür gibt es kein Geld, sondern Schulbücher und Schreibhefte. Kinderarbeit!? Solche Einwände kommen von Leuten aus den Villenvierteln - von den Lehrern nicht.

Vernetzt denken, Funktionen miteinander koppeln, Kreisläufe konzipieren statt hierarchischer Ordnungen - Lerner spielt auf dieser Klaviatur. Ein weiteres Beispiel sind die Müllfischer. Die Wasserversorgung von Curitiba droht am Dreck zu scheitern. Aber Wasserwächter sind doch auch Fischer, dachte sich Lerner. Sein Angelhaken war wieder der Müll. Wer Plastikflaschen und alte Schuhe aus dem Wasser zieht, erhält dafür eine Fangprämie. Wer Fische fängt, kann sie behalten. Viel Müll - wenig Fische. Viele Fische - wenig Müll. Die Rückkopplung funktioniert ohne Strafgesetz und Wasserschutzpolizei.

Und die Burgerbeteiligung? Der Stadtrat? Die Demokratie? Die Lufthoheit über den Stammtischen hat Jaime Lerner nie interessiert. Den Meinungsumfragen hat er misstraut, er hat sich lieber auf seinen Bauch verlassen. Was versteht der Wähler schon von Diskontsatz und Nettoverschuldung? Wozu die Paragrafen, wenn sie mehr verstecken als erklären? Jaime Lern er, der Architekt, kann Baupläne lesen. Können das die Bürger? Sie brauchen etwas zum Anfassen.

Lerner hat nach seinem Amtsende ein Büchlein geschrieben - "Acupuntura Urbana" heißt es. Es geht dabei um Eingriffe in die Stadt, Stadtplanung wäre schon zu hoch gegriffen. Wer das Büchlein liest, dem stehen die Haare zu Berge. Wie hat Lerner die Fußgängerzone in Curitiba, die Rua das Flores (sie fehlt in keinem Bildband) durchgesetzt? Durch Bürgerbefragung, Projektanträge und ein mehrjähriges Planungsverfahren? Pustekuchen. "Urbane Akupunktur muss schnell und schmerzlos erfolgen." Die Geschäftsleute hatten schon Anwälte engagiert, um das Projekt zu verhindern. Lerner stellte sie vor vollendete Tatsachen. Die Blumenstraße wurde von Freitagnachmittag bis Montagmorgen von einer Autostraße in eine Fußgängerzone umgepflastert. Er wäre bereit gewesen, alles wieder rückgängig zu machen. Aber schon nach wenigen Stunden hatten die Bewohner von Curitiba die Passage durch die Abstimmung mit ihren Füßen zementiert.

Er liebt seine Heimatstadt, obgleich er die Welt kennt und weiß, dass mit Curitiba kein Staat zu machen ist. Ökologische Modellstadt - so etwas sagt er nicht, aber das mag er gern hören. Das, was Jaime Lerner aus Curitiba gemacht hat, lässt sich sehen - ein Weltwunder ist es nicht. Wie er es gemacht hat, ist viel interessanter. Weil er sich nicht allein an Rangordnungen und Dienstwege gehalten hat, weil er die Mitarbeiter motiviert hat, weil er Mut gezeigt hat auch vor streikenden Busfahrern und lamentierenden Lehrern, weil er ohne Bodyguard auf die Leute zugegangen ist und sie eingebunden hat in sein Netz der gegenseitigen Verpflichtungen - in einen sozialen Tauschhandel hat er sie verstrickt.

"Die Ökonomie ist mir ein Greuel", bricht es aus ihm heraus. "Die Stadt ist mein als Ökonomie! Ein Supermarkt ist ein Ort des Handels, ein Bus dient dem Transport - aber die Stadt ist ein Kosmos menschlicher Beziehungen." Die Stadt gelte es hochzuhalten und manchmal gegen die nackten Bilanzen zu verteidigen.

Sein Enkel sei mit der Mutter in den Tierpark gegangen. "Wer hat das gemacht?", fragte der Junge. " Opa", sagte seine Mutter. Sie sind im Theater, im Stadtpark, in der Fußgängerzone - dieselbe Frage, dieselbe Antwort. Am nächsten Tag fragte die Lehrerin den Jungen: "Wer hat die Welt erschaffen?" - "Mein Opa!", sagt der Steppke. "Nein, es war der liebe Gott", sagt die Lehrerin. "Na klar", sagt der Junge, "der ist ja Mitarbeiter von Opa!"