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Das tägliche Machtspiel

Wer den eigenen Status unterstreichen will, wertet seine Mitmenschen gern ab. Harmloses Geplänkel oder gefährliche Übung? Ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Thomä.


brand eins: Wann immer Menschen aufeinander treffen, fangen sie häufig mit dem an, das der US-Soziologe Robert W. Fuller Rankism nennt: Um den eigenen Status zu demonstrieren, werden Menschen ignoriert, gedemütigt, erniedrigt. Lässt sich dieses in den USA diagnostizierte Phänomen auch in der deutschen Gesellschaft feststellen?

Thomä: Da muss ich etwas weiter ausholen und bis zu Alexis de Tocqueville zurückgehen, der 1832 in der absoluten Chancengleichheit der Bürger die Stärke der amerikanischen Nation sah. Im Vergleich zum europäischen Standesdünkel startete damals jeder Einwanderer in den Vereinigten Staaten mit den gleichen Chancen. Das führte dazu, dass sich die Menschen untereinander als gleichgestellt wahrnahmen. Die Macht vorgegebener Unterschiede war gebrochen. Zugleich schlug damit aber auch die Geburtsstunde des heftigen Bedürfnisses, als Individuum Unterschiede zu generieren, sich herauszuheben. Das war die Geburtsstunde des Rankism.

Inzwischen hat der Soziologe Jeremy Rifkin in seinem Buch "Der Europäische Traum" eine zugespitzte Beschreibung dieses amerikanischen Modells gegeben: Dort legt man, so meint er, den Schwerpunkt auf Wirtschaftswachstum und persönlichen Reichtum. Den Europäern gehe es dagegen mehr um soziale Einbindung und nachhaltige Entwicklung. Ich finde das ein bisschen zu simpel, aber Rifkin trifft zwei Tendenzen in modernen Gesellschaften insgesamt, die wir unbedingt unter einen Hut bringen müssen.

Robert W. Fuller fordert, dass eine Gesellschaft, um stark zu sein, ihre hierarchischen Rangordnungskämpfe erkennen und überwinden muss. Ist das nicht etwas viel verlangt, wenn der Status, der sich durch persönlichen Reichtum ausdrückt, weiterhin so hoch im Kurs steht?

Nicht nur die Gesellschaft, auch die Wirtschaft profitiert davon, wenn ihre Mitglieder und Mitwirkende auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen. Solidarität ist für das Funktionieren von Teams unabdingbar. Mit Abgrenzung allein kommen wir nicht auf einen grünen Zweig. Der englische Schriftsteller Alain de Botton schreibt in seinem neuen Buch "Statusangst", dass unsere heutige Wirtschaftsordnung auf der Bildung von Differenzen basiert. Damit wächst aber auch der Graben zwischen dem, was wir vermeintlich wollen und brauchen, um uns herauszuheben, und dem, was wir uns leisten können. Besonders so genannte Individualisten kommen schnell unter die Räder, weil sie sich ständig neu definieren müssen, zum Beispiel über Marken. Wenn dieses Markenverhalten aber von den anderen genauso betrieben wird, läuft sich die Sache tot. Man kann, banal gesagt, nicht jeden Tag neue Turnschuhe kaufen, um seine Individualität unter Beweis zu stellen.

Alain de Botton schreibt auch, dass die wachsende Diskrepanz bei unserer Bedürfnisbefriedigung immense psychische und emotionelle Schäden bei den Individuen verursache. Wenn die Diskrepanzen innerhalb einer Gesellschaft zu groß werden, dann geht es ihr dreckig. Kann ein Teil der Gesellschaft in diesem beschleunigten Vergleichsspiel nicht mehr mithalten, dann empfindet es auf Dauer der andere Part der Gesellschaft auch nicht gerade als prickelnd, ihm beim Verarmen zuzusehen. Spätestens dann sind die Differenzen nicht mehr nur eine psychische Belastung der Individuen, sondern werden auch zu einer ökonomischen und politischen Frage. Im Grunde geht es hier um die Frage, wie sich Dynamik organisieren lässt. Der permanente Kampf um Status ist da eigentlich die falsche Strategie, denn wenn Sie sich die Herkunft des Wortes Status ansehen, dann liegt in dem Begriff eben etwas Statisches, das krampfhafte Festhalten an dem, was man gerade schon mal hat.

In der Tat ist die deutsche Gesellschaft momentan von einer solchen Erstarrung gekennzeichnet. Ich nenne dies das Neue Deutsche Biedermeier. Indem wir unseren Status durch Symbole betonen, wollen wir die Stabilität des Status quo unterstreichen. Das schafft Sicherheit vor unseren Zukunftsängsten. Aber ein Denken in Besitzständen kann Deutschland nicht gebrauchen - weder am unteren noch am oberen Ende der sozialen Leiter.

Der im vergangenen Herbst in München abgehaltene Deutsche Soziologentag hat der Mehrheitsklasse eine " latente Statuspanik" unterstellt. Sind wir zumindest zurzeit noch rankismanfälliger als die Amerikaner?

Das Talent, Individualismus ohne Feindseligkeiten auszuleben, ist in der deutschen Gesellschaft kaum vorhanden. Wir sind unfähig, eine kraftvolle Kombination aus Individualismus und Gesellschaft zuzulassen. Das geht schon auf die falschen Eliten zurück, die sich unter den Nationalsozialisten und bereits zuvor unter Otto von Bismarck konstituierten. Auch das demokratische Nachkriegsdeutschland hat sich bis heute auf die Fahne geschrieben, diese falschen Eliten zu verhindern, schießt aber mittlerweile in seinem Bemühen weit über das Ziel hinaus. Dabei ist es gerade auch für Politik und Ökonomie, etwa für die interne Organisation von Unternehmen und deren Corporate Identity, eine enorm wichtige Aufgabe, eine konfliktfreie Kombination aus Teamgeist und Individualismus im Arbeitsalltag zu etablieren.

Sie haben lange in den USA gelebt - wie unterscheidet sich das Statusverhalten von Deutschen und Amerikanern?

Das kann man nicht so generalisieren, denn die gesellschaftlichen Schichten und Generationen beider Nationen weisen unterschiedliche Verhaltensmuster auf, was den demonstrativen Konsum angeht. In den USA gibt es einerseits Protzerei, andererseits habe ich in der oberen Mittelschicht teilweise raffiniertere Formen der Statussicherung beobachten können als in Deutschland. Wobei es hier zu Lande auch regionale Unterschiede gibt, beispielsweise zwischen dem hanseatischen Understatement und der etwas barocken Lebensart in München.

Dafür treten die Aufsteiger aus den Unterschichten in den USA viel aggressiver auf als in Deutschland. Denken Sie an die Rap- und HipHop-Szene, die sich bewusst protzig und ausschließlich mit Edelmarken inszeniert. Aggressiver kann man Status durch Konsum kaum zur Schau tragen, doch in diesem Fall bewirkt das bei den Fans kein Gefühl der Zurücksetzung, selbst wenn sich ihre Idole mittlerweile von den Marketingagenturen mit Millionen von Dollars für die Nennung eines Labels in ihrem Song auszahlen lassen. Weil die Musikstars nicht von oben herab, sondern aus ihrer Mitte kommen, verkörpern sie den chancenunabhängigen Erfolg, den jeder haben kann, und symbolisieren Hoffnung, statt Neid auszulösen. In Deutschland hingegen stecken wir mit unseren B-, C- oder D-Prominenten in einem Schlamassel. Das erkennt man schon an deren Halbwertzeit. Ihr Individualismus ist uns suspekt, ihr Erfolg erscheint uns unverdient, umso größer ist die Schadenfreude, zu der auch die Medien gern beitragen, sie scheitern zu sehen.

Für Fuller ist der erste Schritt gegen Rankism, ein Bewusstsein für seine Existenz zu schaffen. Denn nur wenn jemand benennen könne, was ihm widerfährt, könne er sich erfolgreich gegen diesen Angriff auf seine Würde auflehnen. In Ihrem Buch "Vom Glück in der Moderne" schreiben Sie über Selbstliebe - auch ein Ausweg aus dem Statusterror?

Ich habe in dem Buch unter anderem den Unterschied zwischen Eigenliebe und Selbstliebe herausgearbeitet, um Letztere etwas zu rehabilitieren. Die Selbstliebe wird leider oft mit den falschen Begriffen wie Egoismus und Narzissmus assoziiert. Diese treffen aber eher auf die Eigenliebe zu, die nicht das Selbst zum Ziel der Liebe hat, sondern das Bild, das man von sich, zum Beispiel über Statussymbole, vermittelt. Selbstliebe entspricht eher dem idealen Entwurf einer zwischenmenschlichen Liebe, bei der man das Gegenüber mit all seinen Facetten, positiven wie negativen, in seiner Gesamtheit zu schätzen weiß. Wer diese Einstellung auch zu sich selbst findet, ist gegenüber Herabsetzungen und Demütigungen sicherlich um einiges resistenter und somit auch im Rankism-Gerangel stabiler. Literatur Robert W. Puller: Somebodies and Nobodies - Overcoming the Abuse of Rank. New Society Publishers, 2004; 16,95 Dollar Dieter Thomä: Vom Glück in der Moderne. Suhrkamp. 2003; 12 Euro Alain de Botton: Statusangst. S. Fischer Verlag, 2004; 19,90 Euro Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Campus Verlag, 2004; 24,90 Euro