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Das geht - Der Kampf geht weiter

Sie müssen Robert Bauer nicht mögen. Doch Sie sollten ihm wenigstens zuhören. Denn der streitbare Winzer war dem Zeitgeist schon immer ein paar Jahre voraus.




Wein scheint eine bierernste Angelegenheit zu sein. Mein Gegenüber hat jedenfalls schon Schaum vorm Mund, bloß weil ich ihn gefragt habe, warum er keine süßen Weine mag. Süß ist ein Reizwort für ihn. Also willkommen im Seminar für Lebensmittelkunde! Es referiert Robert Bauer, Winzer aus Flein bei Heilbronn. Sagte ich referiert? Ich meinte: poltert, donnert, hämmert los. Bauers Stimme ist laut und eindringlich. Und wenn die Wut in ihm hochkocht, wird sie noch ein wenig eindringlicher.

Bauer ist oft wütend. Man kann ihm das nicht verübeln. Alles, wofür Spitzenwinzer heute Lob einheimsen, brachte ihm einst Prügel ein. Alte Reben, niedrige Erträge, der Verzicht auf Zuckern und Nachbessern - was heute Konsens ist, galt in den späten sechziger Jahren als Ketzerei. In jenen Jahren waren Weinbauschulen eine Kampfzone für Kahlschläger: Den Reb-Azubis wird Masse statt Klasse gepredigt. Jungwinzer stürzen sich auf neue Traubensorten wie 30 Jahre später Jungbörsianer auf Neue-Markt-Aktien. Doch Bauer, mit 19 Jahren bereits Traditionalist, muckt auf: Sein Verständnis von Rebzucht und Kellertechnik kollidiert mit den neumodischen Vorstellungen seiner Lehrer. Gesegnet mit einem gesunden Selbstbewusstsein, legt er sich mit ihnen an - damit endet das kurze Intermezzo an der Weinbauschule. Der Häretiker zieht ins Burgund und lernt sein Handwerk bei einem Patron, der sich um Labortechnik und Lebensmittelchemie nicht schert.

1972 übernimmt Bauer das elterliche Weingut in Flein. Noch vor dem ersten Schluck der staatlichen Prüfer kommt es zum Eklat. Anlass sind die Etiketten. "Es gab weder einen Kirchturm zu sehen noch einen Glatzkopf mit rotem Zinken und Weinkelch." Auch monieren die Amtsschimmel, dass die Prädikatsangabe um Millimeter zu klein ist: Die Etiketten werden eingezogen. Das frühe Ende einer Winzerlaufbahn? Von wegen! Rückgrat beginnt im Gehirn. Mit einem ebenso simplen wie genialen Einfall beweist Bauer, dass sich hinter dem Dickschädel ein Cleverle verbirgt: Er lässt die Prädikatsangabe einfach weg. Kabinett und Spätlese gehören damit der Vergangenheit an. Und bald auch der "Qualitätswein besonderer Anbaugebiete", der QbA. Die Kontrolleure verweigern die amtliche Prüfungsnummer mit der Begründung, die Weine seien nicht regionstypisch, weil zu trocken. Und wieder schlägt Bauer den Bürokraten ein Schnippchen. Er vermarktet seine Spitzentropfen kurzerhand als Tafelwein (der keine Prüfungsnummer braucht).

Doch das Imperium schlägt zurück. Einmal mehr hängt alles an der Prüfungsnummer. Bauer benötigt sie, um seinen Sekt rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft anbieten zu können, doch die Kontrolleure lassen sich Zeit. Der Winzer merkt schon bald, dass dahinter ein System steckt. Kaum sind die Feiertage vorbei, stehen die Prüfer in seinem Keller und zählen nach, ob heimlich Sekt veräußert wurde. Erfahrungen wie diese erklären, warum sich Robert Bauer von Feinden umgeben sieht. Erfahrungen mit vorschriftsfixierten Beamten, verknöcherten Funktionären und vor allem: dem Zeitgeist. Der schrie und schreit, so Bauer, nach Turboweinen, bei denen im Keller chemietechnisch nachgeholfen wird, weil das Ausgangsmaterial - die Traube - nichts taugt. "Eine Rebe braucht 20 Jahre, um gute Qualität zu liefern. Doch alte Reben passen nicht ins deutsche Industriedenken." So spricht ein Wertkonservativer, der Avantgardist sein muss, um sein Ziel zu erreichen. "Wir gehen einen Schritt voraus, und irgendwann ziehen die anderen nach." Wer hinter solchen Äußerungen Eitelkeit vermutet, liegt falsch. Bauer verweigert sich den Wettbewerben der Fachwelt. Er betont, dass er Weine für Weintrinker mache - und nicht für Verkoster. Und weil er will, dass Erstere vorm Schlafengehen kein Aspirin einwerfen müssen, muss er den Zeitgeist immer wieder hinter sich lassen. Er war der erste deutsche Winzer, der auf alte Reben setzte, der erste, der seine Weine durchgären ließ, der erste, der auf Prädikate verzichtete ... Und er ist der erste deutsche Winzer, der das Reinheitsgebot auch bei anderen Naturerzeugnissen verwirklicht sehen will. Also vertreibt er Delikatessen, die ihrem Namen gerecht werden, hergestellt aus frei laufendem Geflügel und ohne Nitrite oder Geschmacksverstärker.

So viel Engagement an der Lebensmittelfront kostet Kraft. 2004 wurde bekannt, dass der 55-Jährige sein Weingut an den 29-jährigen Junior Martin Albrecht verkauft hatte. Wollen Sie sich aufs Altenteil zurückziehen, Herr Bauer? Der Angesprochene lacht - Rentner sehen anders aus. " Ich habe einen Menschen gefunden, der in meinem Sinne agiert. Um ihm zu zeigen, dass er kein Seppl an meiner Seite ist, habe ich ihm die Verantwortung übergeben." Es gibt nämlich noch viel zu tun. "Der Krieg ist nicht beendet. Er geht nur im Stillen weiter." Kontakt: Weinbau Robert Bauer, Heilbronner Str. 56, 74223 Flein, Telefon 0 71 31/2 56 62