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Absolute Objektivität

Mit Dropping Knowledge und Anton Tschechow näher an die Wirklichkeit.




Wenn ich nicht aufpasse, gerate ich in den Einfluss und Ausfluss von Kreisen, die nicht gut für mich sind. Ich lese dann Magazine mit zerknitterten Falten auf der Halbglatze, sehe Leute mit Fernsehern im Gehirn, höre Namen, die ich alle schnell wieder vergesse, und weiß bald, worauf sich alle einigen können: Alles ist schrecklich! Der Deutsche-Bank-Ackermann (wie hieß der gleich mit Vornamen? Malte? Torben? Gustav?), Schröder (der Bundeskanzler, nicht der Klavierspielerfreund von Charlie Brown) und überhaupt. Glücklicherweise sagt in solchen Momenten immer irgendwer, ich sei viel zu positiv, genau wie das Magazin, für das ich arbeite, doch die Welt sei nun mal nicht gut, und ich könne das nicht ignorieren, ich müsse jetzt mal was tun, anprangern quasi das Weltgeschehen, und das gibt mir Gelegenheit zur Erregung meines Ärgernisses: Wie bequem ist das eigentlich, immer alles scheiße zu finden! Gerade jetzt wieder hier in Hamburg, wo im Park des Szene-Ghettos Schanzenviertel ein Hotel eröffnet werden soll, in einem Turm, der seit den sechziger Jahren leer steht, keiner hat was damit gemacht, über Jahrzehnte hat keine Initiative eine Idee durchsetzen können, nix, aber nun werden alle wach, weil ein Hotelkonzern die trommelnden Hippies aus dem Park verdrängen könnte.

Ich sage dazu: aaaaarrrghhh! Und wenn ich mich etwas beruhigt habe: Anton Tschechow. Der russische Schriftsteller war getrieben von der Suche nach der absoluten Objektivität, einem Ziel, das bereits im zaristischen Russland Misstrauen erregte. Er schrieb: "Sie beschimpfen mich wegen meiner Objektivität, die sie Gleichgültigkeit gegenüber Gut und Böse nennen, Fehlen von Idealen und Ideen usw. Sie wollen, dass ich, wenn ich Pferdediebstahl darstelle, sage: Pferdediebstahl ist etwas Böses. Aber das ist doch ohnehin längst bekannt, auch ohne mich." Glücklicherweise hat sich Tschechow von seinen Kritikern nicht beirren lassen, und so können wir heute aus seinen Stücken und Romanen Realität erkennen lernen: Ohne Einschränkungen wird jeder Figur ihre eigene Perspektive gelassen, ausgehend von der Idee, dass jeder Mensch aus seiner Sicht der Dinge richtig handelt, so daß sich mit der Zeit ein unübersichtliches Universum entfaltet, das deutlich näher an der Wirklichkeit ist als alle stumpfen gegenseitigen Schuldzuweisungen zusammen, mit denen wir täglich zugeschüttet werden. Keine Frage: Tschechow hätte heute exakt dieselben Probleme wie vor hundert Jahren.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Leute auch Ralf Schmerberg nicht mögen. Er ist ein Werber, das reicht bekanntlich schon manchen für einfältige Ausfälle, außerdem hat er ein Ego, das mit einem Wort kaum zu erfassen ist, und das haben Werberblödfinder sowieso nicht gern, dass irgendwer ein Ego hat, das größer ist als ihr eigenes. Ich weiß wenig über den Mann, der in den Achtzigern in Stuttgart als Werbefotograf anfing ("Ich habe viel zu jung viel zu viel Geld verdient"), nach Berlin zog, die Agentur Trigger Happy Productions gründete, zum Werbefilm wechselte und zwei Kinofilme drehte: den privat finanzierten " Hommage à Noir" und 2003 "Poem", eine Sammlung von Clips zu klassischen deutschen Gedichten. Ich weiß aber, dass Schmerberg Recht hat, wenn er sagt: "Es gibt eine Idee, und diese Idee müssen wir alle möglich machen, weil sie gut ist." Die Idee heißt Dropping Knowledge, und jawoll, sie ist großartig. An einem Tag im Sommer 2006 sollen in einem Wald in der Nähe von New York 112 Personen zusammen an einem Tisch sitzen und Fragen zu Welt und Leben beantworten. Die Personen werden mehr oder weniger bekannte Philosophen, Wissenschaftler, Künstler, Denker oder sonst was sein, gegenüber jedem wird eine Kamera aufgebaut sein, über einige Stunden werden die Fragen verlesen, und alle werden ihre Antwort in ihre Kamera sprechen, gleichzeitig. Es wird keine Diskussionen geben, keinen großen Rat, keine Weltlösung. Stattdessen werden Gedanken gesammelt von 112 Personen, die vielleicht ein klein bisschen mehr wissen als andere. Die Antworten werden auf einer Website komplett zugänglich sein, es wird ein Film entstehen, und der Tisch selbst wird als Kunstobjekt um die Welt reisen. Man wird sich an einen Platz setzen können, gegenüber wird dort, wo vorher die Kamera stand, ein Bildschirm stehen, und dann wird man einem anderen Menschen dabei zuhören können, wie er sich ganz in Ruhe überlegt, wie das Leben geht.

Eine Vielzahl von Menschen, die mit einer Vielzahl von Antworten uns helfen, der Welt oder uns selbst näher zu kommen - Ralf Schmerberg, wie bist du auf diese Idee gekommen? "Ich habe ein Musikvideo gemacht, für das wir Demonstrationen in aller Welt gefilmt haben. Da habe ich viele kluge Menschen gesehen, auf Podien oder mit Megafonen, und sie haben gute Sachen gesagt, aber sie haben alle gebrüllt. Und ich glaube, du kannst nicht ,Frieden, Frieden, Frieden' brüllen, das ist der falsche Weg, um Menschen zum Zuhören zu bewegen. Ich glaube, man muss leise sprechen, wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat. Das war die Grundidee von Dropping Knowledge." Das Projekt wird fünf Millionen Dollar kosten, und die will Schmerberg selbst besorgen. Er sammelt Spenden, aber nur, wie er sagt, "white cash", also Geld, das nicht über Logos oder Ähnliches im Projekt auftaucht. Denn das ist ihm klar: Für Unternehmen könnte es " sehr sexy sein, eine bestimmte Frage oder eine bestimmte Person zu platzieren. Doch das darf es nicht geben" .

Wir sitzen in Schmerbergs Agentur, einer großen verwinkelten Anlage, in der hinter jeder Ecke kreative Menschen hocken, die an Computern kreative Dinge tun. Irgendwann sagt Schmerberg, vieles sei einfacher, als man denkt, und da antwortet von hinten ein Helferlein, " er hat gut reden, er hat auch Leute, die alles für ihn machen". An einer Wand hängt eine Liste mit einigen der geplanten Teilnehmer, darunter Björk, und ich denke: Dümmer geht's nimmer, auf Björk kann ich gar nicht, und dann ärgere ich mich, weil ich keine Ahnung habe und Björk vielleicht viel schlauer ist als ich. Der römische Philosoph Marc Aurel schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: "Betrachte nur die Dinge von einer anderen Seite, als du sie bisher ansahst. Denn das heißt eben: ein neues Leben beginnen." Er schrieb aber auch: "Wie du am Ende deines Lebenslaufs wünschest gelebt zu haben, so kannst du jetzt schon leben." Deshalb gehe ich jetzt in die Badewanne. Baden ist eine meiner Kernkompetenzen. Anton Tschechow: Drei kleine Romane. Friedenauer Presse, 1997; 364 Seiten; 18,50 Euro Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 124l, 2003; 188 Seiten; 4,90 Euro