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Wiedergeburtshilfe

In Kapstadt haben Geschäftsleute städtische Aufgaben übernommen, um die City vor dem Verfall zu retten. Ihr Motiv: Eigennutz




Die Stimme von Gavin Joachims gellt an diesem Samstagabend durch das Zentrum von Kapstadt. Es ist kurz nach sieben, er steht auf einer etwa einen Meter hohen Bühne in der Fußgängerzone St. George's Mall, umrahmt von zwei wuchtigen Boxentürmen. "Geht es euch gut?", schreit er so laut in sein Mikrofon, als erwarte er die Antwort von Zehntausenden. Es reagieren allerdings kaum mehr als zehn. Ein paar Jungs, die direkt vor der Bühne stehen, rufen müde "Ja", sonst bleibt es still.

Die bunten Lichterketten über Joachims dunklen Locken baumeln im Abendwind. "Ich kann euch nicht hören: Geht es euch wirklich gut?", wiederholt er und grinst tapfer von einem Ohr zum anderen. "Jaah", antworten dieses Mal auch die Familien auf den eigens mitgebrachten Gartenstühlen, ein paar Touristen und die Jugendlichen, die lässig an den Bäumen lehnen. Etwas abseits beobachtet das Sicherheitspersonal in neongelben Westen die Szene. "Sehr gut", antwortet Joachims, er lächelt immer noch.

"Hört zu, Leute", fährt er fort, "wir veranstalten heute Abend dieses Konzert, weil wir den Kapstädtern zeigen wollen, wie schön ihre Innenstadt ist. Ruft also alle eure Freunde an und sagt ihnen, dass sie hierher kommen sollen. Und jetzt lasst uns anfangen. Hier kommt die Band En Two." Joachims steigt von der Bühne. Er könnte jetzt jedem einzelnen Besucher zur Begrüßung die Hand geben und wäre nach ein paar Minuten fertig. Stattdessen steht er im Halbdunkel der Bäume und blickt einigermaßen zufrieden in die spärliche Menge. Wenn in einer Drei-Millionen-Metropole kaum mehr als hundert Leute zu einem Konzert in der Innenstadt kommen, wäre das in anderen Großstädten ein Desaster - in Kapstadt ist es ein erster Erfolg.

Joachims befindet sich an diesem Abend auf einer Mission. Sie lautet: Holt die Kapstädter zurück in die City. Zeigt ihnen, wie schön es hier sein könnte - wenn nur mehr Kapstädter kämen. Das Konzert, das an diesem Abend zum ersten Mal mitten in der zu dieser Zeit normalerweise menschenleeren Fußgängerzone stattfindet, ist ein Mosaiksteinchen dieser Mission.

Alle Geschäftsleute zahlen freiwillig in einen gemeinsamen Topf, um das Projekt zu finanzieren Die Organisation, in deren Auftrag Joachims auf der Bühne steht, hat ihre Büroräume im zehnten Stock eines Gebäudes mitten in der Stadt. Verlässt man den Aufzug, blickt man nach rechts auf den Täfelberg, der mächtig über der Innenstadt thront, nach links gelangt man in den Empfangsbereich. An den Wänden hängen in goldene Rahmen gefasste Plakate mit Schlagzeilen der Lokalzeitung "Cape Times" aus den vergangenen Jahren: " New face of Cape Town" ist eine, "Massive revamp for centre city" eine andere. Der Mann, auf dessen Initiative diese Schlagzeilen maßgeblich zurückgehen, heißt Andrew Borame. Er ist der CEO von Cape Town Partnership (CTP).

"Vor sechs Jahren war die Situation in Kapstadt katastrophal. Die Innenstadt war schmutzig und gefährlich", sagt der 45-Jährige mit den klobigen Bergschuhen. "Geschäftsleute flohen in Büroparks und Ladenbesitzer in die Einkaufszentren der Vororte. Damit fiel der Wert von Immobilien, weil die Eigentümer keine Mieter mehr fanden. Die City verkam zusehends." Also habe man sich zusammengesetzt und beschlossen, diesen Verfall zu stoppen. "Wir haben uns Städte in Großbritannien und den USA angesehen, die ähnliche Probleme hatten wie wir, und nach deren Vorbild Cape Town Partnership gegründet - einen Zusammenschluss der Stadt, der Provinzregierung der Western-Cape-Region und der Geschäftswelt von Kapstadt mit dem Ziel, wieder Leben in die Innenstadt zu. bringen." Die Non-Profit-Organisation, die im Sommer 1999 ihre Arbeit aufnahm, ist inzwischen so etwas wie die Bewässerungsanlage, in deren Regen sich die ehemals ausgetrocknete Innenstadt langsam wieder erholen soll. Finanziert wird die Organisation ausschließlich von Geschäftsleuten aus der Innenstadt und Immobilienbesitzern, die erkannten, dass sie auf städtische Mittel nicht würden hoffen können. Die Stadt hatte - und hat noch immer - genügend Probleme damit, den Menschen in den so genannten Townships ordentliche Häuser mit Strom und Wasser zur Verfügung zu stellen. Als sich die Geschäftsleute Mitte der neunziger Jahre über die mangelnde Unterstützung beschweren wollten, antwortete ein Stadtrat: "Ich verstehe Ihre Probleme, aber im Vergleich zu den Townships ist die Innenstadt noch immer ein Fünf-Sterne-Hotel." Also beschlossen die CTP-Gründer, dass künftig jeder, der in einem genau umgrenzten Gebiet der Innenstadt ein Geschäft betreibt oder ein Gebäude besitzt, zusätzlich zu den Abgaben an die Stadt eine Sonderabgabe an die Organisation überweisen müsse. Diese Selbstverpflichtung ist in der Satzung von CTP festgehalten, die alle fünf Jahre von der Geschäftswelt erneuert werden muss. Von dem Geld unterhält die Organisation ein eigenes Unternehmen, das sich um Sicherheit und Sauberkeit in der Innenstadt kümmert und unter anderem Interessenten bei der Suche nach der passenden Immobilie berät.

Die Gefahr, überfallen zu werden, ist größer als " die Chance, ein geöffnetes Cafe zu finden Die Gründung von CTP hat Boraine noch als Stadtdirektor von Kapstadt vorangetrieben, bald darauf wechselte er die Seiten und sitzt seitdem in seinem Büro mit Blick auf die Hochhäuser der Stadt. Von hier aus koordiniert er die Arbeit, die heute erste Früchte trägt: Das Investitionsvolumen in der Innenstadt, das sich seit der Gründung von CTP angehäuft hat, beläuft sich inzwischen auf knapp acht Milliarden Rand (umgerechnet etwa eine Milliarde Euro). Kapstadt liegt damit nach Angaben von WesGro, einer staatlichen Marketingagentur, in der Immobilienentwicklung weltweit auf Platz eins. Statt ehemals 200 stehen nur noch etwa 40 Geschäftsräume in der City leer, und Ende 2005 soll es dort auch 2500 neue Wohneinheiten geben.

In den Himmel über der Kapstädter City ragen etliche Kräne, die zum offensichtlichen Symbol der Wiederbelebung geworden sind. Direkt gegenüber der Kathedrale von St. George entsteht zurzeit das, was als der Katalysator für die Entwicklung der gesamten Innenstadt gilt: der Mandela Rhodes Place, ein rund 130 Millionen Euro teures Bauvorhaben. Sieben ehemalige Banken- und Versicherungshochhäuser in zwei Gebäudeblocks werden zu exklusiven Apartments, einem Luxushotel und einer Restaurant -und Barzeile umgebaut. Monatelang hat CTP die Investoren dabei unterstützt, dieses riesige Bauprojekt zu realisieren, benannt nach dem inzwischen fast 90-jährigen Nationalhelden Nelson Mandela und Cecil Rhodes, dem einflussreichsten Politiker des Landes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Häuser, von denen nur noch die Außenfassaden stehen, gehören zum ehemaligen Banken- und Versicherungsviertel, dem historischen Kern der Stadt. Daran, dass dort vor einer gefühlten Ewigkeit Kapstädter ihre Bankgeschäfte erledigt haben, erinnern heute nur noch die zerkratzten Aufkleber der Nedbank Syfrets Private Bank auf den staubmatten Fensterscheiben im Erdgeschoss. In der ehemaligen Empfangshalle liegt ein Haufen Bauschutt, in dem riesigen Innenhof, der sich im Hintergrund ausbreitet, errichten Bauarbeiter den Rohbau dessen, was später einmal die erste Innenstadt-Weinkellerei Südafrikas werden soll. Gehen die Arbeiten nach Plan voran, sollen schon ab Juni 2006 die 163 exklusiven Apartments in den oberen Stockwerken bezogen werden und im Erdgeschoss Restaurants und Bars eröffnen.

Über den Fortgang der Arbeiten wacht Martin Kearns, ein 35-jähriger Ire, der sein Büro so nah an der Baustelle hat, dass man das Hämmern der Bauarbeiter hören kann. Kearns ist der CEO von Eurocape, einer Tochterfirma des irischen Unternehmens Howard Holdings, das bereits das Zentrum von Dublin mit einer Millioneninvestition wieder hochgepäppelt hat. "Wir haben uns Kapstadt sehr genau angesehen", sagt Kearns in schnodderigem Irisch, das sich auch in Hongkong und Sidney nicht abgeschliffen hat, wo er jeweils mehrere Jahre gelebt hat. "Von 20 internationalen Städten, die wir verglichen haben, ist Kapstadt bei weitem die günstigste. Außerdem wächst die Wirtschaft Südafrikas stetig: Die Zinsen sinken, die Einkommen steigen, die Menschen können sich mehr leisten als noch vor ein paar Jahren. Die Zeit war reif für diese Investition." Kearns ist so etwas wie der kühle Gegenentwurf zur Gemütlichkeit des Andrew Boraine. Er trägt dunkle Hose und weißes Hemd, sein graues Haar ist kurz geschnitten. Kearns steht vor einer großen Herausforderung: die größte Investition in der gesamten Western-Cape-Region zu einem Erfolg werden zu lassen. Für ihn bedeutet das, mit den sieben Gebäuden so viel Profit wie möglich zu machen: "Wir sind hier, um Geld zu verdienen, und nicht, um Kapstadt schöner zu machen - aber wir versuchen, dabei so weit zu helfen, wie wir können." Gemeinsam mit dem Kapstädter Architektenbüro DHK, nach dessen Plänen die sieben Gebäude zurzeit umgebaut werden, plant Eurocape, auch den angrenzenden Platz um die Kathedrale zu einer Piazza nach dem Vorbild europäischer Städte auszubauen.

Noch parken Autos auf dem Platz vor jener Kirche, in der unter anderem Südafrikas Moralinstanz, Erzbischof Desmond Tutu, vereidigt wurde. Bald sollen sich dort die Kapstädter bis spät in die Nacht amüsieren - für Martin Kearns ein wesentlicher Baustein des Projektes. Denn die Investition von Eurocape wird erst dann zu einem echten Erfolg werden, wenn sie nicht nur von den Menschen angenommen wird, die sich eines der schicken Apartments oder ein Abendessen in den exklusiven Restaurants leisten können, sondern auch von den anderen Kapstädtern, die den umliegenden Raum mit Leben füllen sollen.

Auch für Andrew Boraine und seine Organisation CTP spielt der Kathedralen-Vorplatz eine entscheidende Rolle. Denn der Erfolg seiner Arbeit wird sich am Ende nicht an der Höhe des Investitionsvolumens oder dem Füllen leer stehender Ladenflächen entscheiden: Vor allem muss es gelingen, Menschen aus allen sozialen Schichten wieder in die Stadt zurückzuholen. Und der Platz soll einer der attraktivsten Gründe für die Kapstädter werden, ihre Abende wieder in der Innenstadt zu verbringen.

Denn trotz aller Bemühungen erinnert die Innenstadt nach Geschäftsschluss an vielen Ecken noch immer an ein Provinznest. Die Banken schließen um halb vier, die Läden um fünf. Spätestens dann beginnen die Händler, die auf dem zentralen Greenmarket Square afrikanisches Handwerk anbieten, ihre Stände abzubauen. Die 240 000 Pendler, die in der Innenstadt arbeiten, steigen in Züge und Autos. So gut wie niemand will nach Einbruch der Dunkelheit durch die Stadt spazieren. Die Gefahr, in der leer geräumten Innenstadt überfallen zu werden, ist noch immer größer als die Chance, ein Cafe zu finden, das geöffnet hat.

Dabei könnte es das Zentrum Kapstadts leicht mit europäischen Großstädten aufnehmen: Viktorianische Häuschen mit kunstvoll verziertem Balkongeländer stehen neben prunkvollen Geschäftshäusern, verwinkelte Gässchen winden sich durch die gesamte Innenstadt. Es gibt mehrere Plätze, die umrahmt sind von zum Teil mehr als hundert Jahre alten Gebäuden, und dazwischen liegt ein Stadtpark, der von einem breiten Boulevard durchzogen wird. Doch nachts existiert nur auf der Long Street, einer knapp einen Kilometer langen Feiermeile aus Clubs, Kneipen und Restaurants, so etwas wie Großstadt-Atmosphäre.

Zu den wichtigsten Initiativen von Boraine und seinem Team gehört es deshalb, die Geschäftsleute im Stadtzentrum dazu zu bringen, die Öffnungszeiten ihrer Läden und Cafés nach hinten zu verschieben. Boraine hofft, dass dadurch eine Kettenreaktion in Gang kommt: Je mehr Läden länger offen haben, desto mehr Menschen werden länger in der Stadt bleiben, umso sicherer wird die Innenstadt und desto mehr Ladenbesitzer werden später schließen. Doch nur ganz langsam setzt sich bei Ladenbesitzern und Barbetreibern die Erkenntnis durch, dass zuerst sie die Türen länger offen halten müssen und dann die Menschen kommen werden - und nicht umgekehrt. Die Ursachen für die heutige Situation liegen zu lange zurück, als dass die Entwicklung, die vor weit mehr als zehn Jahren eingesetzt hat, in nur wenigen Jahren umzukehren wäre.

Erst floh das Kapital aus der City, weil anderswo mehr zu holen war. Jetzt kehrt es wieder zurück Die Geschichte des Verfalls beginnt Ende der achtziger Jahre. Als die südafrikanische Regierung das Ende der Apartheid-Ära herannahen sieht, hebt sie ein Gesetz auf, das vor allem die großen Versicherungskonzerne, bis dahin die wichtigsten Eigentümer von Immobilien im ganzen Land, von ihrer Verpflichtung befreit, einen bestimmten Teil ihres Vermögens in Immobilien zu investieren. In der Folge ziehen die Konzerne ihr Vermögen ab und investieren ihr Geld im Ausland, weil dort mehr zu verdienen ist. Viele Häuser in den Geschäftsvierteln von Kapstadt sind so ihrem Schikksal überlassen, immer mehr Geschäftsleute verlassen anschließend die betroffenen Bezirke.

Eines ihrer Fluchtziele ist die Waterfront: In das riesige Einkaufs- und Vergnügungsviertel direkt am Hafen ziehen ab Mitte der neunziger Jahre nicht nur unzählige Restaurants und Läden, sondern auch viele Unternehmen, die ihre Büros dorthin verlagern. Die Betreiber der Waterfront stellen Parkraum und Sicherheitspersonal zur Verfügung. Die Gegend entwickelt sich so zu einem Magneten, der viel von dem anzieht, was im nur wenige Kilometer entfernten Stadtzentrum seinen Halt verloren hat. Bis heute herrscht in und um die Shopping Malls der Waterfront so etwas wie Großstadtleben unter der Glaskuppel.

Schließlich trägt die Stadtregierung selbst dazu bei, dass sich die Verhältnisse weiter verschlechtern. Nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 beschließt die Stadt, den Löwenanteil des Etats nicht mehr in die Innenstadt zu pumpen, sondern in die Townships. Die Stadtregierung will damit die Ungerechtigkeiten der Apartheidsregierung rückgängig machen, die die von Weißen dominierte Innenstadt unterstützt hatte. Weil damit für das Zentrum Kapstadts immer weniger Geld zur Verfügung steht, werden die Straßen seltener gereinigt, die Mülleimer seltener geleert, und für viele Kriminelle wird die Innenstadt zu einem interessanten Revier. Denn die Polizei hat nicht genügend Personal, um Touristen und Einheimische zu schützen.

Auch wenn noch heute Lokalzeitungen immer wieder von kleineren und größeren Überfällen in der Innenstadt berichten: Im Vergleich zu damals hat sich die Situation bereits jetzt dramatisch verbessert. Verantwortlich dafür ist ein Unternehmen, das 2000 unter dem Dach von Cape Town Partnership gegründet wurde: das Central City Improvement District, von den Kapstädtern nur CID genannt, als wäre es eine Geheimorganisation der Stadtregierung. Ein Abend in der Innenstadt genügt, um zu erkennen, was der CID unternimmt, um Kapstadt wieder sicher und sauber zu machen - und mit welchen Problemen die Mitarbeiter des CID dabei konfrontiert werden.

Im gesamten Einsatzgebiet des CID hängen blaue Fahnen an den Laternen, die mit dem Satz "Sie befinden sich im Central City Improvement District" bedruckt sind. Dort patrouillieren private Sheriffs in neongelben Westen. Autos, auf deren Türen das CID-Logo prangt, fahren durch die Straßen, und mitten in der City steht Derek Bock, Chef des Unternehmens, der mit seinen Kollegen den Einsatz des pro Schicht 60 Mann starken Sicherheitspersonals, der sechs Streifenwagen und der Putzkolonnen koordiniert.

Der private Sicherheitsdienst hat sich zur Parallelverwaltung des Innenstadt-Staates entwickelt "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, über die Arbeit der Stadt hinaus Leistungen bereitzustellen", sagt Bock. "Das bedeutet: Die Stadt stellt den Service x bereit, und wir ergänzen ihn um y." Für Bock ist das die Formel der erfolgreichen Zusammenarbeit. In einem 30-Punkte-Plan, der Teil des Vertrages zwischen CID und der Stadtregierung ist, steht, welche Leistungen die Stadt nach wie vor übernehmen muss. "Die Stadt kann nicht nach dem Motto verfahren: Darum wird sich schon der CID kümmern. Wir haben Mitarbeiter, die kontrollieren, ob die Stadt ihren Verpflichtungen nachkommt, und bei denen sich die Geschäftsleute beschweren können, wenn sie es nicht tut. Dann beauftragen wir jemanden damit und stellen das der Stadt in Rechnung." Mit einem Etat von nur 18 Millionen Rand (etwa 2,25 Millionen Euro) ist der CID in Kapstadt zur Parallelverwaltung eines Innenstadt-Staates geworden. Geschäftsleute, die sich über schlafende Obdachlose in ihren Eingangsbereichen, bettelnde Straßenkinder oder Graffiti an ihren Hauswänden beschweren wollen, wenden sich inzwischen schon gar nicht mehr an die Stadtverwaltung, sondern gleich an Derek Bock und seine Mitarbeiter. "Mein Handy ist an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang in Betrieb, und dasselbe verlange ich von meinen Leuten. Wer den Job beim CID nur als Gelegenheit ansieht, um Geld zu verdienen, ist bei uns falsch." In seinem früheren Leben war der 42-Jährige mit der akkurat geschnittenen Kurzhaarfrisur bei der südafrikanischen Armee. In 18 Jahren als Offizier hat er gelernt, in seinem Job Disziplin und Selbstbeherrschung zu bewahren. " Manchmal ist der Job wirklich hart: Auf der einen Seite haben wir 1100 Geschäftsleute und Immobilienbesitzer, die anrufen und verlangen, dass wir Straßenkinder und Obdachlose vor ihren Türen entfernen. Und wenn wir ihnen sagen, dass das nicht so einfach ist, antworten sie: Hey, wir bezahlen euch, tut also besser, was wir euch sagen. Und auf der anderen Seite gibt es die NGOs, die uns vorwerfen, wir würden zu rigoros mit Obdachlosen umgehen. Und die Obdachlosen selbst beleidigen uns, weil sie glauben, dass wir hier nur im Auftrag reicher Geschäftsleute arbeiten. Es ist ihnen schwer beizubringen, dass das nicht stimmt. Wir sind nicht hier, um Leute rauszuschmeißen. Wir sind hier, um die Innenstadt für alle Kapstädter lebenswerter zu machen." Vor anderthalb Jahren haben Derek Bock und CTP-Chef Andrew Boraine erkannt, dass weder der Geschäftswelt in der Innenstadt noch den Obdachlosen auf den Straßen geholfen ist, wenn das Sicherheitspersonal des CID anrückt, um Kinder, manchmal kaum älter als zehn Jahre, und Erwachsene, denen oft sämtliche Zähne fehlen, zu vertreiben: Jemand muss ihnen ein Bett und eine Perspektive bieten. Der CID hat deshalb einen eigenen Sozialarbeiter eingestellt, der eng mit den Hilfsorganisationen der Stadt zusammenarbeitet und den neu geschaffenen Spendenetat des CID verwaltet, mit dem einzelne Hilfsorganisationen unterstützt werden.

Mit seiner Arbeit schafft der CID den Humus, auf dem sich die Innenstadt entwickeln kann. Denn im Kapstädter Zentrum können noch so schöne Plätze entstehen und noch so viele Cafes bis abends um zehn geöffnet bleiben: So lange sich die Kapstädter nicht wirklich sicher fühlen, werden sie nicht zurückkommen. Und weil dem CID inzwischen klar ist, dass es wenig nützt, Straßen sicherer und sauberer zu machen, wenn davon niemand Notiz nimmt, wird jetzt ein Marketingmanager eingestellt. Der soll dafür sorgen, dass die Menschen auch in den Vororten davon erfahren, welche Fortschritte ihre Innenstadt inzwischen gemacht hat.

Weit über dem Stadtzentrum sitzt Paul Williamson und macht an diesem Nachmittag ein Gesicht, als hänge die Last seiner Arbeit an seinen beiden Mundwinkeln. Sein Büro im 16. Stock des Verwaltungsgebäudes ist die Vermittlungsstelle zwischen der Stadtverwaltung und den Geschäftsleuten der Innenstadt, die von hier oben im Dunst zu verschwimmen beginnt. Williamson ist der Koordinator für wirtschaftliche Entwicklung für ganz Kapstadt - und genau das ist sein Problem. "Es ist eine sehr, sehr schwierige Situation. Die Geschäftsleute der Innenstadt beschweren sich ständig bei uns, dass wir zu wenig für sie tun. Sie sagen, wir müssten mehr Geld in die Innenstadt investieren", klagt er. "Aber wir müssen versuchen, ein Gleichgewicht herzustellen: Wir wollen den Standard in Gegenden wie der Innenstadt halten, aber auch die Lebensverhältnisse in ärmeren Gegenden verbessern. Vor zwei Wochen gab es beispielsweise ein großes Feuer in einer Blechhüttensiedlung der Townships, seitdem sind 12000 Menschen obdachlos. Wir versuchen jetzt, für sie ordentliche Häuser zu bauen. Aber auch wir haben nur einen begrenzten Etat." Die Kapstädter Erfolgsformel: Sicherheit plus Sauberkeit plus Sozialarbeit Erst als die Rede auf die Arbeit von Cape Town Partnership und des CID kommt, ziehen sich Williamsons Mundwinkel langsam nach oben. "Wir sind sehr froh darüber, dass es Andrew Boraine und sein Team gibt. Sie helfen uns momentan sehr. Wenn wir hier ein Anliegen an die Geschäftsleute haben, rufen wir Andrew Boraine an. Dann spricht er mit denen. Das ist einfacher für uns. Und das ist einfacher für die Geschäftswelt." In der Rolle dessen, der zwischen dem 16. Stock des Verwaltungsbaus und den Geschäftsleuten in der Fläche zwischen Tafelberg und Ozean vermittelt, fühlt sich Boraine nach eigenem Bekunden sehr wohl. "Wir verstehen uns hier als Übersetzungsservice. Der öffentliche Sektor hat manchmal ganz andere Ziele als der private. Der öffentliche muss Probleme lösen wie Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Für den privaten Sektor stehen eine sichere Umgebung, Stabilität und niedrige Kosten im Vordergrund. Wenn sich die beiden unterhalten, sprechen sie oft vollkommen unterschiedliche Sprachen. Wir sitzen dazwischen und versuchen, den Dolmetscher zu spielen." Erst im vergangenen Oktober hat Boraines Organisation für weitere fünf Jahre den Auftrag erhalten, zwischen Stadt und Geschäftswelt zu vermitteln. Gleich einer Regierung müssen sich Cape Town Partnership und der CID der Wiederwahl durch die Geschäftsleute stellen.

Mindestens bis 2009 wird Boraine von hier aus also Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen an seiner Mission weiterarbeiten. Beim nächsten Innenstadtkonzert, das in wenigen Wochen stattfinden soll, will er die Besucherzahl verdoppeln. Dann stunden immerhin schon 200 Kapstädter vor der Bühne.