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WIE ER WURDE, WAS ER IST

Der Kapitalismus bestimmt unser gesamtes Leben, viele Menschen regen sich über ihn auf. Dabei ist er erst mal nur eines: eine Form zu wirtschaften.




Wie kann man über Kapitalismus sprechen, ohne dabei ideologisch zu werten? Diese Frage bewegte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Soziologen Werner Sombart. In seinem 1902 erschienenen Hauptwerk "Der moderne Kapitalismus" machte er einen verwegenen Versuch: den Begriff, den Karl Marx für die Wissenschaft entdeckte, möglichst urteilsfrei zu beschreiben. Gleichzeitig entwickelte Sombart in seiner Auseinandersetzung die bis heute gültige Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus.

1. Der Beginn des Kapitalismus Güter und Leistungen untereinander zu tauschen ist keine moderne Erfindung. Schon im 13. Jahrhundert vollziehen Kaufleute und Unternehmer in Teilen Frankreichs und Italiens die ersten Schritte einer Wende vom Feudalismus in die neue Zeit. Der Adel betrieb die Entwicklung der Städte - und sah sich zunehmend mit einem Bürgertum konfrontiert, das neues Selbstbewusstsein und wachsenden Wohlstand mit der Forderung nach Mitsprache verband. Im anbrechenden 14. Jahrhundert veränderten sich zudem die Handelswege, die zunehmend über die Städte führten. Von den neuen Einnahmequellen durch Zölle profitierten vor allem deutsche Städte wie Nürnberg, Regensburg oder Frankfurt.

Entscheidend in dieser frühen Phase des Kapitalismus: Der Schwerpunkt der Ökonomie verlagert sich in die Privatwirtschaff. Das heißt, die einen stellen das her, was die anderen konsumieren. Die Berufe differenzieren sich aus; und die Produzenten stellen mehr her, als sie selbst brauchen, sodass der Handel an Bedeutung gewinnt. Als Dreh- und Angelpunkt entwickelt sich im Frühkapitalismus die "marktmäßige Ordnung". Güter und Leistungen zirkulieren frei, Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise. So entwickelt sich ganz allmählich der Frühkapitalismus.

Der Begriff Kapitalismus aber taucht erst zu Ende des 18. Jahrhunderts auf, in Deutschland einige Jahrzehnte später. Es ist der Kapitalismus der industriellen Revolution.

2. Hoch- und Spätkapitalismus Die Dampfmaschine, die neuen Web- und Spinnmaschinen sowie bessere Verfahren zur Eisen- und Stahlherstellung krempeln die Güterproduktion vollkommen um. Und sie verändern nachhaltig die Gesellschaft. Die Zeit der Massenproduktion beginnt: Man stellt Waren für einen beliebigen Abnehmer her und verkauft sie an jeden interessierten Kunden.

Die neue Produktionsweise erfordert neben hohem Kapitaleinsatz auch eine enorme Zahl an Arbeitern. In Massen zieht die verarmte Landbevölkerung in die Stadt, was zu einer Welle der Urbanisierung führt. Dem kapitalistischen Prinzip von Angebot und Nachfrage folgend, senkt das Überangebot an Arbeitskräften die Löhne. So drängen Frauen und Kinder auf den Arbeitsmarkt, um die bloße Existenz der Familie zu erhalten. Die Löhne sinken weiter, und die Verelendung des Proletariats ist die Folge.

Der Einzelne ist nicht länger Mensch, sondern Produktionsfaktor. Wie eine Maschine hat er zu funktionieren. Und funktioniert er nicht, wird er ausgetauscht. Manchester Liberalismus wird zum Schlagwort für diese Form des Kapitalismus. Ihren schlechten Ruf bekam sie nicht ganz zu Recht. Denn auf dem Scheitelpunkt des Hochkapitalismus erkennen auch die Kapitalisten, dass sie das Los der Armen im wohlverstandenen eigenen Interesse verbessern müssen. Die soziale Frage wird erstmals gestellt.

Anfang des 19. Jahrhunderts treten in Großbritannien die Factory Acts in Kraft, die die Arbeitsbedingungen verbessern sollen. Es bilden sich die ersten Gewerkschaften, und auch einige Fabrikbesitzer werden zu Sozialreformern. Allen voran der am 14. Mai 1771 geborene Robert Owen, der 1799 Mitbesitzer einer Baumwollspinnerei in New Lanark in Schottland wird.

Er verbietet in seiner Fabrik die Kinderarbeit, beschränkt den Arbeitstag auf zehneinhalb Stunden und errichtet eine Mustersiedlung für seine Arbeiter - überzeugt davon, dass der Charakter eines jeden Menschen von seiner Umwelt bestimmt wird. In der Siedlung gibt es Schulen und Läden, in denen die Arbeiter zum Selbstkostenpreis einkaufen können. Es sind nicht ausschließlich altruistische Gründe, die zur Verbesserung der Lage der unteren Schichten führen. So war Owen davon überzeugt, dass ein gut ausgebildeter, halbwegs zufriedener Arbeiter ein besserer Arbeiter ist. Das wird später Otto von Bismarck im Hinterkopf haben, Deutschlands erster Reichskanzler und Erfinder der bis heute bekannten sozialen Sicherungssysteme.

All das mündet in den Spätkapitalismus, in dem das Erwerbsstreben zivilisiert wird. Seine Besonderheit ist, so schreibt Werner Sombart, dass die Gemeinschaft in wachsendem Umfang Kontrolle über die Betriebe ausübt. So treten halb öffentliche Gebilde an die Stelle der freien Unternehmer. In den Betrieben werden Arbeitern und Angestellten mehr Rechte eingeräumt. Gemeinwirtschaftliche Prinzipien durchsetzen die kapitalistische Wirtschaft.

Diese Phase des Spätkapitalismus hält bis heute an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 50 Jahre nach Sombarts Analyse ward es die soziale Marktwirtschaft sein, die das von ihm vorhergesehene Prinzip vorbildlich erfüllt. Für einige Jahrzehnte wenigstens.

Bleibt die Frage nach der Rolle derer, die den Kapitalismus treiben: die Unternehmer. Für Werner Sombart ist Unternehmer ein durch und durch positiv besetzter Begriff. "Die Unternehmer sind es, die sich die Welt erobern; die Schaffenden, die Lebendigen: die Nicht-Beschaulichen, Nicht-Genießenden, Nicht-Weltflüchtigen, Nicht -Weltverneinenden." 3. Kein Kapitalismus ohne Unternehmer Selbstverständlich tut der Unternehmer, was er tut, um Geld zu verdienen. Es wäre geradezu kindisch, meint Sombart, wollte man das Gewinnstreben nicht als wichtigstes Motiv ansehen. Aber: Geld ist nicht die einzige Motivation für den wahren Unternehmer. Und er zitiert Werner von Siemens: "Ich will schaffen und nützen, solange ich kann, sehne mich nicht nach persönlichen Annehmlichkeiten und Genüssen des Reichtums. Ich würde körperlich und geistig zugrunde gehen, wenn ich keine nützliche Tätigkeit, an der ich Anregung und dadurch Beruhigung finde, entfalten könnte." Für Joseph Schumpeter ist der Unternehmer vor allem, einer, der es schafft, "neue Kombinationen" zu entdecken. Also neue Güter findet, neue Produktionsweisen entwickelt, neue Absatzmarkte erschließt oder Monopole bricht. Immer tut er etwas, was vor ihm niemand getan hat.

Und das gelingt oft jenen am besten, die in die Gemeinschaft wenig bis gar nicht integriert sind: Fremden, Abweichlern und Ketzern. All jenen also, die die bestehende Ordnung ohne falsches Pathos sehen und Chancen leichter erkennen als ihre betriebsblinden Zeitgenossen. Laut Sombart sind die Immigranten "die tatkräftigsten, willensstärksten, wagemutigsten, kühlsten, am meisten berechnenden, am wenigsten sentimentalen Naturen".

Wer sollte besser dem harten Wind der kapitalistischen Konkurrenz standhalten können? Was soll sich einer, der Tod, Krankheit und Verderben entkommen ist, über die kleinlichen Probleme des Wirtschaftslebens aufregen? Dies ist das Vorrecht der Etablierten. Sie können nörgeln, raunzen, sich beschweren. Der Aufsteiger hat dazu keine Zeit. Das ist die integrierende Kraft des Kapitalismus: Außenseiter haben die Chance, ihr Leben aus eigener Kraft zu verändern. Sie müssen ihren sozialen Status verbessern. Sie sind hungrig und tüchtig. Und treiben mit ihrer Energie die Wirtschaft an.

Aber Achtung: Man darf den von den klassischen Ökonomen hoch geschätzten Unternehmer nicht mit dem heute geläufigen Manager verwechseln. Letzterer hat wenig von den gerühmten Eigenschaften, was man schon am Ursprung des Wortes erkennen kann: Der englische Begriff to manage geht auf das Lateinische manus agere zurück und bedeutet so viel wie "an der Hand führen". Und es ist kein Zufall, dass der Begriff zum ersten Mal in Jeremy Benthams 1791 veröffentlichtem Werk über das " Panopticon" erscheint.

Das Panopticon ist der Prototyp der allumfassenden sozialen Disziplinierungsmaschine, ein Vorbild für das Gefängnis, für die Besserungsanstalt und die Fabrik. In der klassischen Definition ist der Unternehmer kreativ, sucht und entdeckt Neues; Aufgabe des Manager ist es hingegen, darauf zu achten, dass alles seinen zuvor festgelegten Weg geht.

4. Die Grundzüge des Kapitalismus Das Besondere am Kapitalismus ist: Der Einzelne hat es in einem gewissen Rahmen in der Hand, seinen sozialen Status zu verbessern. Soziale Stellung ist nicht - wie noch im Feudalismus - etwas, das man qua Geburt erwirbt und das man für immer besitzt. Status kann gewonnen, aber ebenso schnell wieder verloren werden. Nichts ist endgültig. Das führt zu Unruhe, Beschleunigung und Rationalisierung. Sombart nennt das Tätigkeitsdrang, und dieser erfasst nicht nur die Unternehmer, sondern wird zum Kennzeichen der gesamten Epoche.

Die vorkapitalistische Ordnung ist die der Ausgabenwirtschaft. Wie viel man ausgibt, so viel muss man einnehmen. Und die Ausgaben sind von der Idee der standesgemäßen Lebenshaltung geprägt. Für den Adel heißt das, eine glänzende Existenz zu führen. Für den Großteil der Bevölkerung: ums Überleben zu kämpfen.

Demgegenüber steht das kapitalistische Erwerbsprinzip. Geld wird um des Geldes willen angehäuft. In der Ausgabenwirtschaft gab es eine natürliche Grenze für das Einkommen; eben die Ausgaben. Auf die Idee, mehr zu erwirtschaften, kam niemand. Wozu auch? Zwar existierte Sombarts Tätigkeitsdrang auch zu dieser Zeit, aber er wurde auf anderen Feldern ausgelebt: Man grub nach Schätzen oder trieb Alchemie.

Im Kapitalismus löst sich der Zweck des Wirtschaftens vom Menschen ab. Die Energie, die man früher auf Kreuzzüge verschwendete, wird nun ganz und gar auf den Kapitalerwerb gerichtet. Das Gewinnstreben ist unendlich. Es gibt keine quantitative Begrenzung der wirtschaftlichen Aktivität; keinen Punkt, von dem an Gewinn sinnlos sein könnte. Ganz im Gegenteil: Ein hoher Ertrag zwingt zu noch höheren Erträgen. Das ist die dem Kapitalismus eigene Dynamik.

Der vorkapitalistischen Gesellschaft war diese Unruhe fremd. Alles nahm seinen gewohnten Lauf. Spätestens im Hochkapitalismus ist es mit dieser Beschaulichkeit vorbei. Der Wille zur Tat ist allgegenwärtig. "Betätige dich!", lautet der kategorische Imperativ dieser Zeit.

Betätigen meint: sich wirtschaftlich zu betätigen und möglichst schnell möglichst viel Gewinn zu erzielen. All das führt zu einer bis dato unbekannten Beschleunigung der Lebensführung. Schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschrieb das Sombart so: " Man hält es für wichtig, wertvoll, notwendig - und richtet danach sein Handeln ein: rasch zu gehen und zu reisen, am liebsten zu fliegen; rasch zu produzieren, zu transportieren, zu konsumieren; rasch zu sprechen, rasch zu schreiben." Es gibt immer Menschen, die mit diesem Tempo nicht mitkommen. Deshalb werden im Spätkapitalismus mehr und mehr Anstrengungen unternommen, damit die Modernisierungsverlierer nicht komplett den Anschluss verlieren. Aber es wäre kontraproduktiv, die Dynamik des Kapitalismus an sich zu verteufeln - denn sie ist es, die diese Wirtschaftsform so anpassungsfähig macht und alle Krisen überstehen lässt. Und man kann davon ausgehen, dass sich der Kapitalismus im Laufe der vergangenen Jahrhunderte auch deshalb als so erstaunlich erfolgreich herausgestellt hat, weil er den menschlichen Drang nach Betätigung nicht wie andere Systeme unterdrückt, sondern fördert.

5. Die nie endende Kapitalismuskritik Es wundert nicht, dass wirtschaftliche Krisen auch immer geistige Krisen sind. Wirtschaftlicher und intellektueller Stillstand gehen Hand in Hand. Eine stagnierende Ökonomie bietet den Menschen keine Perspektiven. Und Menschen ohne Ziel lähmen wiederum die Wirtschaft.

In regelmäßigen Abständen kommt es im Kapitalismus zu krisenhaften Erscheinungen. Neue Technologien, veränderte politische Konstellationen, das ewige Auf und Ab des Seins. Neue Dinge entstehen, alte werden obsolet - all das erzeugt Unsicherheit und Verdruss. Solche Zeiten des Umbruchs rufen immer wieder die Kapitalismuskritik auf den Plan.

Seit es eine intellektuelle Auseinandersetzung mit diesem Wirtschaftssystem gibt, wird sein Ende propagiert. Die Widerspruche seien unüberwindbar, heißt es, das Ende nur eine Frage der Zeit. Und wo bleibt die Gerechtigkeit? So fragt man, als ob es im Feudalismus oder im Sozialismus eine gegeben hätte. Trotz aller Vorbehalte ist der Kapitalismus heute so dominant wie lange nicht mehr.

Stattdessen aber ist die Kritik in eine Krise geraten.

Einer der Gründe dafür ist die Tatsache, dass die Trennlinie zwischen außen und innen verloren gegangen ist. Im Hochkapitalismus waren Gut und Böse noch klar auseinander zu halten. Da gab es den Unternehmer und den Arbeiter. Der eine hatte Kapital, der andere bloß seine Arbeitskraft - der eine beutete den anderen aus. Schon auf dem. Höhepunkt der Kapitalismuskritik, in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war diese Trennung nur mehr symbolisch aufrechtzuerhalten. Adorno und seinen Adepten war es möglich, sich als außen stehend zu bezeichnen, weil sie von den Universitäten - also vom Staat und der Allgemeinheit - mit Professorenprivilegien ausgestattet wurden. Und die Studenten? Die konnten sich ihren Protest leisten, weil ihre Eltern in der prosperierenden Wirtschaft gut verdienten.

Heute ist, zumindest in der Mittelschicht, jeder zugleich Ausbeuter und Ausgebeuteter. Weil man für die Altersversorgung privat Vorsorgen muss, legt man sein Geld in Fonds an, von denen man eine hohe Rendite erwartet. Beschwert sich aber gleichzeitig, dass die Fondsmanager Druck auf die Unternehmen ausüben und sie zu hohen Gewinnen zwingen. Man hat längst ein Konto bei einer günstigen Online-Bank, weil das Gebühren spart, regt sich aber auf, dass die Banken Leute entlassen.

Für Arbeiten in Garten und Haus engagiert man Schwarzarbeiter aus dem ehemaligen Ostblock, um dann Leserbriefe zu schreiben, dass die billigen polnischen Kräfte den Einheilnischen den Arbeitsplatz wegnehmen. Und selbstverständlich will auch der heftigste Globalisierungskritiker beim Verkauf seines Haus den bestmöglichen Preis erzielen, man hat schließlich nichts zu verschenken.

Bund, Länder und Kommunen verkaufen, um ihre leeren Kassen zu füllen, hunderttausende Wohnungen an Private-Equitity-Fonds - an jene also, die kurz darauf als "Heuschrecken" bezeichnet werden. Der Staat findet auch nichts dabei, in bester Kapitalistenmanier UMTS-Lizenzen zu völlig überhöhten Preisen an Telefongesellschaften zu verkaufen. Denn das kommt angeblich der Allgemeinheit zugute.

Der Kapitalismus umfasst alle Lebensbereiche. Werner Sombart erkannte diese Entwicklung schon vor mehr als 70 Jahren. Im "Handbuch der Soziologie" schrieb er 1931: "Der Erwerbstrieb beschränkt sich nicht mehr auf den wirtschaftlichen Bereich, sondern greift hinüber in andere Gebiete der menschlichen Kultur und entwickelt die Tendenz, über die gesamte Wertewelt den Primat der Geschäftsinteressen zu proklamieren." Mit der Folge, dass selbst jene Reservate, in denen man sich lange Zeit als außerhalb des Verwertungszusammenhanges stehend fühlen konnte, verschwanden. Der Professor? Muss sich um Drittmittel kümmern. Der Künstler? Steckt viel Zeit und Mühe in die Akquisition von Kunden.

Und die ehemals heftigsten Kritiker des Kapitalismus? Sind heute Kanzler und Außenminister.