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Rüdiger Iwan

Schlechtes Zeugnis? Kein Weltuntergang! Dank Rüdiger Iwan können Schulversager sogar an Ausbildungsplätze bei DaimlerChrysler kommen. Wenn sie zeigen, dass sie besser sind als ihre Zensuren.




Rüdiger Iwan schiebt die DVD mit der Abschlusspräsentation bei DaimlerChrysler in den Rekorder. Schüler, deutsche und türkische, Jungs und Mädels, mal in Turnschuhen und Baggy Pants, mal in akkuratem Hemd sind auf dem Bildschirm zu sehen. Sie klicken sich durch ihre Powerpoint-Präsentationen. Sie lächeln, sind charmant, versuchen, das Publikum von sich zu überzeugen: Es geht um einen Ausbildungsplatz, um ihre Zukunft. Und es ist eine Chance: Denn sie sind Schüler der Justus-von-Liebig-Schule in Mannheim, die im Berufsvorbereitungsjahr Jugendliche mit schlechtem Hauptschulabschluss sammelt.

Ohne den Waldorf-Lehrer Iwan wären sie nie so weit gekommen.

Iwan - 50, graue längere Haare, rote glänzende Wangen, Norwegerpullover -drückt auf die Stop-Taste. Dann trägt er spezielle Bewerbungsmappen der Schüler, so genannte Portfolios, zu dem Tisch vor seiner Couch. Einige der Mappen sind aus dünnen Metallplatten hergestellt. Auf anderen ist ein aufwändig gebastelter Mercedes-Stern auf das Deckblatt montiert. Im Inneren präsentieren die Schüler auf etlichen Seite sich selbst, ihre Interessen, ihre Leistungen, ihre Fähigkeiten - auch schon mal mit einem Foto aus dem Tischtennisverein. Und sie zeigen, was sie in den vergangenen Monaten bei ihrer Arbeit in drei Unternehmen der Region - DaimlerChrysler, dem Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub und dem Öko-Supermarkt Alnatura -gelernt haben. Wo ihre Schwierigkeiten lagen, was ihnen Spaß gemacht hat. Man sieht Bilder von ihnen im Blaumann im Kreis der Kollegen, beim Bohren, beim Schweißen. Am Ende des Portfolios ist ihr letztes Schulzeugnis eingeheftet. Die Noten schwanken bei den meisten um einen Wert von 3,5.

Wer hat Schuler mit solchen Zensuren zum Arbeiten in die Fabrikhallen gelassen? Was hat Iwan damit zu tun? Warum stellt ein Konzern wie DaimlerChrysler Schulversagern Ausbildungsplätze als Fertigungsmechaniker in Aussicht? Über Nachwuchsprobleme konnte und kann das DaimlerChrysler-Werk in Mannheim laut Ausbildungsleiter Gunther Weidner schließlich nicht klagen - auf 105 Ausbildungsplätze kommen rund 1600 Bewerbungen.

Doch die Mehrheit der guten Bewerber will heute nicht mehr Mechaniker, sondern Mechatroniker werden. Zudem hatte sich Weidner immer wieder gefragt, ob die Bewerber mit den Spitzennoten auch die richtigen für DaimlerChrysler sind. Und ob das Aussortieren nach Noten auch bei den künftigen geburtenschwachen Jahrgängen der richtige Weg sei, genügend Richtige zu finden.

Die Zweifel Weidners passten zu dem, was ihm der Pädagoge Iwan eines Morgens in seinem Büro in Mannheim über dessen gemeinnütziges Unternehmen, die Perpetuum Novile Schulprojekt gGmbH, erzählt hatte. Iwan glaubt schon lange nicht mehr an Noten als Leistung darstellende Instanz: Viel wichtiger, als stumpf Wissen für Klausuren zu pauken, sei es, die eigenen Stärken und Schwächen in realen Situationen kennen zu lernen. Am besten direkt in Unternehmen. Um dann anschließend in der Schule zu überlegen, wie man an den eigenen Fähigkeiten arbeiten und den eigenen Lernfortschritt messen kann. Noten hingegen verdeckten häufig die wahren Talente und Fähigkeiten eines Menschen.

Für Weidner war die Begegnung der Beginn eines Experiments. Für Iwan hingegen der vorläufige Höhepunkt einer langen Entwicklung.

Der Anfang war 1997 eine Tagung zum Thema "Schule im Dialog mit der Arbeitswelt". Schüler hatten Bewerbungsgespräche als Rollenspiele aufgeführt, alle waren begeistert. Doch nach dem Abschlusskaffee strebten alle auseinander, das Projekt drohte, wie so viele zuvor, als zielloser Einzelimpuls zu verpuffen. Iwan hatte genug.

Die wichtigste Erfahrung: Lernen, wie man lernt Gemeinsam mit einem befreundeten Gärtnermeister und einem Unternehmensberater gründete er Perpetuum Novile und zog sich in den kommenden Jahren immer weiter aus dem aktiven Schuldienst heraus. In der frei gewordenen Zeit vermittelte er Projekte zwischen Unternehmen und Schule; für viele seiner Waldorf-Kollegen eine eigenartige Idee. Waldorfnahe Stiftungen aber unterstützten sein Projekt.

In den folgenden Jahren entwarfen, berechneten und planten Schüler durch Vermittlung von Perpetuum Novile für einen Landwirt einen Kuhstall. Andere entwarfen und sanierten in einem Bürogebäude das Treppenhaus. Wieder andere bauten gemeinsam mit den ansässigen Senioren einen Flur im Altenheim um. Wichtig dabei für den Lehrer: Die Projekte sollten für die Firmen keine Wohltätigkeitsveranstaltungen werden, und die Schüler keine billigen Arbeitskräfte. Deshalb deckte Perpetuum Novile den Differenzbetrag, wenn beispielsweise ein Schlosser, mit dem die Schüler ein neues Treppengeländer planten, mehr Zeit in die Anleitung der Schüler steckte, als diese ihn durch ihre Arbeit entlasteten. Zudem war es Iwan wichtig, dass die Schüler ihre Lernerfahrungen in der Schule aufgriffen und sich bewusst wurden, was und wie sie lernten. Das Mittel dazu: kontinuierliche Beschreibungen für ihre Portfoliomappen.

Doch die Bauarbeiten dauerten oft länger als ein Projekt. Iwan suchte nach Alternativen, und so saß er eines Morgens bei DaimlerChrysler-Mann Weidner im Büro. Mittlerweile haben schon zweimal vier Schüler einen regulären Ausbildungsplatz als Fertigungsmechaniker ergattert. Zuvor mussten sie sich in Auswahlgesprächen gegen jeweils rund 80 Klassenkameraden durchsetzen, anschließend zwei einwöchige Praktika absolvieren und dann mit ihren Portfolios und der Präsentation vor Lehrern, Unternehmensvertretern und Journalisten ihre Qualifikation beweisen.

Anfangs wollte Weidner die neuen Auszubildenden noch durch Nachhilfe unterstützen - nach nur drei Monaten stellte er die Übung wieder ein: Die Schüler waren bei weitem gut genug. Heute denkt er darüber nach, das Portfolio als Lerninstrument auch an anderen Ausbildungsplätzen einzusetzen.

Wie kann es sein, dass Schüler hinsichtlich ihrer Zeugnisse wie Versager wirken - und während des Projektes zu Leistungsträger werden?

Iwan blickt stumm auf die Portfolio-Mappen. Er zögert. "Man darf die Erfolge nicht auf alle übertragen", sagt er vorsichtig. Längst nicht jeder Schüler erwache angesichts einer solchen Chance aus seinem Schlaf. "Vielleicht haben wir mit den paar Schülern schon alle unter den 300 Justus-von-Liebig-Schülern gefunden, die dazu in der Lage sind." Und doch: "Ein reales Ziel wie einen Ausbildungsplatz vor Augen zu haben ist für viele extrem motivierend." Zudem glaubt er fest an den Sinn von Lernerfahrungen in der Praxis: Nur wenn ein Schüler feststelle, dass er ein Loch aus Konzentrationsmangel verbohrt hat, könne er an dieser Schwäche arbeiten, sich irgendwann selbstständig helfen und neuen Situationen anpassen.

"Diese Fähigkeit zu lernen ist heute wichtiger als detailliertes Wissen in Klausuren abzuliefern", sagt Iwan. Deshalb kämpft er weiter gegen das System der Noten.