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Unternehmungslustig?

Seit fast 18 Monaten gibt es die Ich-AGs. Kann man Selbstständigkeit lernen?




Johanna Ismayr ist so eine Art Star: Sie hat die wahrscheinlich erfolgreichste Ich-AG Deutschlands gegründet. Vor vier Jahren war sie arbeitslos, jetzt beschäftigt sie in der Hochsaison um die 50 Mitarbeiter. Das findet das Bundeswirtschaftsministerium vorbildlich und feiert Johanna Ismayr deshalb in der Image-Kampagne "Team Arbeit für Deutschland" als einen " Profi der Nation". Das klingt gut, vor allem für das Wirtschaftsministerium, wo man solche Profis mit den Zuschüssen für Ich-AGs gern in Serie produzieren würde. Eine staatlich initiierte Gründerwelle, die aus Arbeitslosen viele, viele erfolgreiche Kleinunternehmer macht - das ist die Vision von Wolfgang Clement.

Sie hat nur einige kleine Schönheitsfehler. Zum Beispiel: Für Johanna Ismayr war das Geld von der Arbeitsagentur keine Initialzündung, sondern nur ein Zubrot. "Ich hätte mich sowieso selbstständig gemacht." Das Leben, das sie vorher als freie Fernsehjournalistin geführt hat, war für sie auf Dauer unbefriedigend. Im Dezember 2002, nach einem Bewerbungsgespräch bei einer Online-Redaktion, wusste Ismayr, dass sie den Job nicht wirklich wollte. Und dass es reichte mit dem Klinkenputzen in Redaktionen. Es wurde Zeit, sich ein eigenes Geschäft aufzubauen.

Ihre Geschäftsidee war tragfähig, wenn auch nicht ganz neu: eine Strandbar in Berlin-Mitte. Ismayr stellte ein Zelt und eine Veranstaltungsbühne an die Spree, ließ einige Tonnen Sand aufschütten und nannte das ganze Bundespressestrand. Das Medienecho auf die neue In-Location war enorm: 2003, in der ersten Saison kamen 100 000 Besucher, ein Jahr später waren es mehr als doppelt so viele. Sponsoren, Veranstaltungen und Aufträge von Wirtschaftsverbänden rundeten das Geschäftsmodell ab.

Dabei machte Ismayr jede Menge Erfahrungen mit deutschen Behörden, und weil sie ein Medienprofi ist, ließ sie die Öffentlichkeit in Talkshows und Zeitungsartikeln daran teilhaben. Sie erzählte von ihrem Ärger mit dem Naturschutz- und Grünflächenamt, der Gewerbeaufsicht oder dem Bundestagskindergarten. Die Klage ist des Kaufmanns Lied - aber die Beamten geben sich auch alle Mühe, dass er keine Zeit hat, neue Lieder zu lernen. "Das Schlimmste sind die stillen Blockaden", sagt Johanna Ismayr. Einige Stunden vor unserem Gespräch hatte sie mal wieder Besuch vom Gewerbeaufsichtsamt: Weil das Zelt größer ist als im vergangenen Jahr, ist dem Amt der Toiletten-Container zu klein - er hat genau ein Urinal zu wenig. Und weil der zuständige Beamte die Begriffe "Flexibilität", "Kompromiss" oder auch nur "gesunder Menschenverstand" nicht in seinen Vorschriften finden konnte, muss Ismayr jetzt einen zweiten Toiletten-Container neben ihrem Zelt aufstellen, "das kostet etwa 15 000 Euro für die Saison." Von wegen Gründerfreundlichkeit: Vom Bundeswirtschaftsministerium als "Profi der Nation" gefeiert zu werden hilft im alltäglichen Kampf mit den Behörden gar nichts.

Dafür, dass sie in den vergangenen drei Jahren keinen Tag Urlaub und meistens eine 80-Stunden-Woche hatte ("Man kann den Laden nicht allein lassen"), wirkt Johanna Ismayr, eine blonde Anfang -Dreißigerin, erstaunlich entspannt. Sie ist freundlich, unverschnörkelt und ziemlich geradlinig - dass sie im Sommer einen Monatsumsatz von 250 000 Euro machen muss, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen, scheint sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Den Stress mit den Ämtern hakt sie als unvermeidlich ab. Selbst dass ihre Erfahrungen in der Gastronomie vor dem Start "bei null" lagen, hat ihr nicht das Genick gebrochen. Sie sagt: "Eigentlich bin ich keine klassische Unternehmerin. Am Anfang dachte ich, dass ich das alles nicht kann. Aber dann wächst man da rein." Schlüssige Konzepte sind rar, aber was soll's: Zugangsbeschränkungen für Ich-AGs gibt es nicht Johanna Ismayr ist eine Ausnahme: Sie hat eine Marktlücke gefunden und zu ihrer eigenen Überraschung Managerqualitäten entdeckt. Sie hatte bessere Startbedingungen als die meisten Ich-AGs, zum Beispiel Verwandte, die ihr eine sechsstellige Summe leihen konnten (die sie in weniger als einem Jahr zurückzahlte). Und einen Ehemann, der als langjähriger Hauptstadt-Korrespondent der ARD weiß, welchen Politiker man anrufen kann, wenn ein Bürokrat durchdreht. Aber zumindest in einem Punkt ist sie typisch: Sie hatte anfangs keine Ahnung, worauf sie sich einließ.

268 000 Menschen haben seit Einführung des neuen Fördermittels im Januar 2003 versucht, als Ich-AG aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen zu gründen. Gelernt haben sie dabei wahrscheinlich alle etwas - im schlechtesten Fall, dass ihre Geschäftsidee Unsinn war und sie kein Talent zur Selbstständigkeit haben.

"Erschreckende Defizite" bei vielen Ich-AGs hat Marc Evers beobachtet, Gründer-Experte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK): "Wir befürchten, dass die Gründerwelle als Pleitewelle enden könnte." Evers weiß, wovon er spricht: Allem 2003 wurden beim DIHK mehr als 350 000 Beratungsgespräche mit Existenzgründern gerührt, Tendenz steigend. Was die Berater dabei beobachteten, war deprimierend. "Sechs von zehn Gründern wollen vornehmlich die Arbeitslosigkeit beenden, in vielen Fällen ohne schlüssiges Konzept", konstatiert die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover in einer Studie. Inoffiziell schätzen DIHK-Experten, dass höchstens jede zehnte Ich-AG überleben wird.

Zugangsbeschränkungen für die Gründung einer Ich-AG gibt es fast nicht. Doch wer ohne Vorkenntnisse, ohne Lust zur Selbstständigkeit, ohne konkurrenzfähiges Angebot und ohne größere Kapitaldecke ein Unternehmen gründet, um den Existenzgründerzuschuss von der Arbeitsagentur zu kassieren, hat gute Chancen, auf die Nase zu fallen. "Unemployment push" nennt man das: Unternehmensgründungen aus Mangel an einer Alternative. Das ist alles andere als ein Randphänomen: Im vergangenen Jahr waren von 553 000 Firmengründern 320 000 vor der Anmeldung beim Gewerbeamt arbeitslos. Wie sich die Gründer auf die Selbstständigkeit vorbereiten, ist ihre Angelegenheit: Die Arbeitsagenturen bieten keine systematische Hilfe.

Wer aus Verzweiflung eine Ich-AG gründet, hat gute Chancen, auch daran zu verzweifeln Eine der Gründerinnen aus Verzweiflung ist Frau M. aus Berlin, Anfang 50, Englisch-Übersetzerin. Sie möchte hier nicht mit ihrem vollem Namen auftauchen, "um mich zu schützen". Frau M. spricht viel darüber, was in ihrem Leben alles schief gegangen ist, und immer sind daran die anderen schuld: der Staat, die Gesellschaft, die Arbeitsagentur. Wenn sie über ihre Ich-AG spricht, klingt das wie eine Fortsetzung ihrer Niederlagen. " Ich bin keine Geschäftsfrau. Akquise kann ich überhaupt nicht. Ich kann nicht mit Zahlen umgehen. Ich bin Geisteswissenschaftlerin." Eigentlich wollte sie lieber weiter vom Arbeitslosengeld leben, aber als Langzeitarbeitslose hätte die Arbeitsagentur nach Hartz IV ihre etwas zu große Wohnung nicht mehr finanziert. Als sie sich selbstständig gemacht hat, dachte sie, zusätzlich zu den 600 Euro monatlich würde der Staat ihre Sozialversicherung übernehmen - das war ein Irrtum. Sie hatte sich nicht genau, informiert und war auch von den Behörden nicht aufgeklärt worden.

Jetzt hat sie Schwierigkeiten, ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Sie hat nicht genug Aufträge, sie verdient zu wenig. Was tut sie, um mehr Kunden zu gewinnen? " Ich stehe in den Gelben Seiten. Man kennt mich." Sie weiß nicht, wie es weitergeht, wenn die Zuschüsse zur Ich-AG im zweiten Jahr der Förderung auf 360 Euro sinken. Im dritten und letzten Jahr sind es noch 240 Euro. " Ich bestehe nur noch aus Angst vor der Zukunft." Die Frage, was sie tun wird, wenn ihr Unternehmen nicht funktioniert, beantwortet sie mit Ratlosigkeit: "Ich habe einen Beruf, ich kann nichts anderes." Sven Tretschock ist etwas organisierter in die Selbstständigkeit gestolpert, doch ganz unkompliziert ist seine Situation trotzdem nicht. Tretschock, gelernter Gleisfacharbeiter, Anfang 40, ein direkter Berliner, hat sich auf Arbeiten am Bau spezialisiert. Um Geld zu sparen, ist er aus der gesetzlichen Krankenversicherung ausgetreten. Wenn er Glück hat, kann er sich irgendwann eine private Krankenversicherung leisten, aber derzeit ist er nicht versichert. Statistische Erhebungen darüber, wie viele der 268 000 Menschen in Ich-AGs sich die Krankenversicherung sparen, existieren nicht. Klar ist, dass es viele sind. Von den 600 Euro von der Arbeitsagentur bleibt Tretschock nach Abzug der Rentenversicherung und der Pflichtbeiträge zur Bauberufsgenossenschaft trotzdem nicht viel übrig. Dennoch ist seine Lage nicht schlecht: Seine Firma läuft, er wird immer wieder weiterempfohlen, und die Arbeit als sein eigener Chef liegt ihm.

Allerdings ist nicht jeder glücklich über solche Arbeiter. Für die Gewerkschaftsfunktionarin Veronika Mirschel, Referentin für Selbstständige in der Verdi-Bundeszentrale, sind Leute wie Sven Tretschock die "Schmutzkonkurrenz". Doch Tretschock zuckt angesichts der bösen Bezeichnung der Verdi-Funktionärin nur mit den Schultern. Er hat andere Probleme. Zum Beispiel, dass es Aufträge auf Großbaustellen nur gegen Schmiergeld gibt - "das geht bei 10 000 Euro los. Da kann ich als kleiner Einmannbetrieb nicht mithalten" .

Tretschock ist gleichwohl zufrieden. "Ich hatte als Angestellter mehr Geld, aber jetzt macht es mir mehr Spaß. Wenn alles klappt, bleibt auch mehr hängen." Bis jetzt sind vor allem Schulden hängen geblieben. Im vergangenen Jahr hat er mit einem Mitarbeiter zwei Monate auf einer Baustelle gearbeitet, "plötzlich hieß die Firma anders, und keiner war mehr zuständig". Tretschock blieb auf unbezahlten Rechnungen über 10 000 Euro sitzen. Sein Kommentar: "Es wird viel gelinkt." Die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, bereut er trotzdem nicht. Er hat gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen. Und sonst? "Man wird auf jeden Fall misstrauischer und skeptischer den Leuten gegenüber." Aber das ist wohl von Branche zu Branche verschieden. Merit Schambach wirkt jedenfalls nicht besonders vorsichtig. Sie hat aber auch, wie Johanna Ismayr, eine originelle Marktlücke gefunden. Und wie Ismayr hätte sie ihre Firma ebenfalls ohne Ich-AG-Zuschüsse gegründet - bei monatlichen Festkosten von 4000 Euro sind die 600 Euro für sie nicht viel mehr als eine kleine Aufmunterung. Schambach war Fotografin, als sie davon nicht mehr leben konnte, hat sie in der Abo-Abteilung einer Berliner Tageszeitung gearbeitet. Dann wurde sie arbeitslos. Eines Tages sah sie mit ihren Kindern die "Sendung mit der Maus". Das veränderte ihr Leben: In einer Sach-und-Lach-Geschichte erfuhr sie, wie man Senf macht. Sie machte es zu ihrem neuen Beruf.

Merit Schambachs "Senfsalon" bietet mehr als 30 verschiedene Sorten an: Senf mit Curry, Senf mit Dill, Senf mit Kakao oder Honig, Senf mit Apfel- oder Bananengeschmack. Das Wort Nischenanbieter ist noch zu groß für Schambachs Produktion. Neulich hat ein Fanclub von Schalke 04 gefragt, ob sie einen Senf in der Vereinsfarbe produzieren könnte - in Blau. "Wir haben einen Tag lang probiert, dann haben wir 100 Gläser hergestellt." Lohnt sich das, dieser Aufwand für 100 Gläser? Schambach, eine gut gelaunte, pragmatische Berlinerin, amüsiert die Frage. "So viel Aufwand ist das nun auch wieder nicht. Und wer weiß, was sich daraus entwickelt." Wenn sie überhaupt eine Strategie hat, dann diese: erst mal probieren. Einen Businessplan hat sie nicht. "Es gibt nichts als Hoffen und Bangen." Das aber mit Erfolg. Früher hätte sie sich nie vorstellen können, den ganzen Tag in einem Geschäft zu stehen. Jetzt ist sie damit zufrieden, denn "es passiert jeden Tag etwas Neues". Begriffe wie Marktbeobachtung, Wettbewerber oder Preiskorridor sind ihr dagegen eher fremd. Sie hat einfach gemacht. Heute arbeitet sie deutlich mehr als zuvor, ist damit aber zufriedener. "Es geht uns besser als früher, mir und meinem Mann. Und über meinen Stundenlohn denke ich nicht nach." Lieber überlegt sie sich, wie sie das Vertriebsnetz ausbauen kann. Wie sie ihre kleine Firma bekannter macht. Wie sie sich gegen Nachahmer wehren soll. Wie man Senf in Luxushotels verkaufen könnte. Wie das Sortiment am besten wächst. Und so weiter. Wer Merit Schambach länger zuhört, ahnt, dass sie mit ihrer Firma lebt. Und dass sie damit glücklich ist.