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Offen für Innovation - Eine Serie in brand eins -

Heute: Zukunfts-Schmieden Die alte Stahlmetropole Pittsburgh war der Ruhrpott der USA. Bis in den achtziger Jahren das große Industriesterben begann und plötzlich jeder Fünfte arbeitslos war. Doch anders als im Ruhrpott wurden Arbeitsplätze nicht künstlich erhalten. Stattdessen förderten Privatstiftungen, Universitäten, Unternehmer und Lokalpolitiker zukunftsfähige Unternehmen.




Aus den Schloten der ehemaligen Schmelzen und Stahlwerke entlang des Monongahela und Allegheny River, zwischen denen der Stadtkern von Pittsburgh eingekeilt ist, quillt schon lange kein beißender Rauch mehr. Die Kamine sind heute Dekoration für Einkaufszentren und Büroparks, die Werke abgerissen, der verseuchte Boden abgetragen. Die Erinnerungen an die Industrie existieren nur noch als Straßenschilder und Souvenirs. Die zeigen und verschenken die Einheimischen gern an die skeptischen Besucher, die nicht glauben wollen, wie sehr sich hier alles verändert hat. Die meisten von Pittburghs Gästen kennen das Stahlarbeiter-Epos "Die durch die Hölle gehen" mit Robert de Niro in der Hauptrolle, das die fatale Tristesse der zusammenbrechenden Schwerindustrie eindringlich vermittelte. Den Untergang einer alten Zeit. Den Zusammenbruch des Wohlstands. Das Ende der Hoffnung.

Auf der Hot Metal Bridge, über die früher Waggons mit Roheisenbarren fuhren, laufen heute Jogger. 69 Hektar Grund in bester Lage hat die Stadt freigeschlagen für Lofts, Restaurants und Labors. Hier wird der "Stahl der Zukunft" geschmiedet, sagt Doros Platika. " Statt mit Eisenerz und Kohle arbeiten wir mit Humankapital, Erfindungen und der Konvergenz verschiedener Technologien, um Leben zu retten und Krankheiten zu besiegen." Der gebürtige Rumäne mit Bart, Anzug und fröhlicher Ausstrahlung ist seit November 2003 Präsident und CEO des Pittsburgh life Sciences Greenhouse, eine von der Kommune und privaten Stiftungen finanzierte Einrichtung, die sich um das Gründen und Fördern von medizin- und biotechnischen Unternehmen kümmert.

Der Ruhrpott der USA ist mitten in der Wiederauferstehung. Vorangetrieben wird der Wandel von einem Bündnis aus Lokalpolitikern, gemeinnützigen Stiftungen der alten Industriebarone und drei Universitäten. Sie taten sich bereits in den neunziger Jahren mit der Wirtschaftsförderungseinrichtung Pittsburgh Regional Alliance zusammen, um Entwicklungsziele für die Zukunft zu formulieren. Die Gruppe gab eine ganze Serie von Studien in Auftrag, um die Stärken der Stadt und ihrer umliegenden Landkreise zu identifizieren. Anhand der erarbeiteten Ergebnisse schuf die Allianz gezielt Fördereinrichtungen und Inkubatoren in genau jenen Bereichen, in denen örtliche Akademiker und einige Unternehmen bereits gut aufgestellt waren: Informationstechnologie, anspruchsvolle Fertigungstechniken, Medizintechnik und zuletzt Life Sciences.

Doros Platika ist einer von denen, die kamen, um dabei zu helfen, der vom Strukturwandel arg gebeutelten Region eine Zukunft zu verschaffen. Der Neurologe und Internist arbeitete viele Jahre am Whitehead Institut für Genetik des MIT sowie an der Harvard Medical School im Herzen des Biotech-Zentrums Massachusetts. Er half, fünf Medizinfirmen aus der Taufe zu heben, und brachte einige davon an die Börse, bevor ihn Pittsburgh vor anderthalb Jahren für sein neuestes Wirtschaftsförderungsprojekt anwarb. Er kam gern, sagt er. "Hier gab es eine wichtige Aufgabe: einer Stadt und der umliegenden Region neues Leben einzuhauchen", sagt der unternehmungslustige Mediziner. "Was hätte ich schon mit einer weiteren Firmengründung bewirken können? Hier hingegen lohnt es sich, wenn ich mich richtig reinhänge." Pittsburgh hat nach einhelliger Meinung das Schlimmste bereits hinter sich - der Wiederaufstieg ist seit den neunziger Jahren unübersehbar. Es gibt auch Deutsche, die das wissen und analysieren, Wirtschaftshistoriker aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland, die die Region Pittsburgh auch studieren, um das Schicksal ihrer Heimat zu verstehen: Welche verheerenden Folgen hat das Sterben einer alten, alles und jeden vereinnahmenden Industrie? Und wie krabbelt man aus dem Abgrund, statt einfach seine alten Fabriken zum Weltkulturerbe zu erklären und auf Subventionen zu hoffen? Geht es auch anders?

Noch 1959 stammten 60 Prozent des in den USA verarbeiteten Stahls aus "Steel City" Pittsburgh. Zwischen 1978 und 1998 fiel die Zahl der Jobs im verarbeitenden Gewerbe von 273 000 auf 131000. Das Bündel von Standortvorteilen in Form günstiger Wasserwege, der alten transkontinentalen Schienenverbindung, nahe gelegener Rohstoffvorkommen und einer großen Facharbeiterschaft verlor immer mehr an Wert. Billige Arbeiter und Stahlschrott gab es auch anderswo. Im Jahr 1983 war die Arbeitslosenquote der Region auf 18 Prozent gestiegen, die Nationalgarde bereitete sich auf gewalttätige Proteste vor.

Doch dazu kam es nicht. Die Arbeitslosigkeit in Pittsburgh hielt sich in Grenzen. Der ortsansässige Ökonom Frank Giarratani weiß, warum: "Viele Menschen zogen weg oder gaben die Arbeitsuche auf. In den achtziger Jahren verlor die Region 50 000 Einwohner. Die Gewerkschaften taten das ihre dazu: Sie sorgten dafür, dass jüngere, mobile Arbeitnehmer zuerst entlassen wurden. Die Stadt der alten Industriebarone schien ruhig zu sterben." "Die meisten Leute haben vergessen, wie trostlos es vor 20 Jahren hier aussah" , sagt Christopher Briem von der Universität Pittsburgh. "Heute kann man aber stolz feststellen, dass die Region tiefer sank und sich schneller wieder erholte als viele andere Industrie-Reviere. In Europa und Japan hält die Krise seit Jahrzehnten an - ohne Aussicht auf Besserung." Wie schafft man so eine Wende? Schon 1999 organisierte die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD eine Veranstaltung in Duisburg, auf der Briem und Giarratani Antworten lieferten.

Eine davon: Ganz tot ist die alte Stahlindustrie nicht. Hoch spezialisierte kleine Fabriken, die mehr Labors als finsteren Industriehallen gleichen, stellen Spezialstähle her - unerlässliche Grundstoffe für die Medizintechnik und hochwertige Maschinen. Auf 38 Prozent US-Marktanteil kommen, die Pittsburger Edelschmieden immer noch.

Wachstumspotenzial haben aber vor allem die neuen Technologien. Die sind ein Amalgam aus der konzentrierten wissenschaftlichen Arbeit der Universitäten der Region und unternehmerischer Initative. Platikas Life Science Treibhaus ist nur einer der Ableger dieser Entwicklungspolitik. Eine Partnerschaft aus privaten und öffentlichen Geldgebern investierte 100 Millionen Dollar in das Unternehmen: Zwei Drittel der Summe stammen aus den Stiftungen der alten Industriedynastien Carnegie, Mellon und Heinz. Ein Drittel legte der Staat Pennsylvania dazu. Geld, das aus einem Vergleich mit den großen Tabakfirmen des Landes stammt, die in den spektakulären Prozessen der vergangenen Jahre zur Kasse gebeten wurden. Der alte Rauch finanziert die neue Zeit.

Mehr als 100 Life-Sciences-Firmen habe man bereits geholfen, erzählt der Chef des Life Sciences Greenhouse, Doros Platika. Die Starthilfe des Treibhauses beschränkt sich dabei keineswegs auf Schecks. In 18 Start-ups hat die Organisation direkt investiert, ihr Inkubator, in dem neu gegründete Firmen reifen können, war innerhalb eines Jahres mit 16 Unternehmen voll belegt und soll demnächst ausgebaut werden. Um die Neugründungen kümmern sich ein paar Management-Veteranen, die Platika rekrutiert hat. Sie können bei Interesse als Investoren oder aber auch als Chefs bei einem der von ihnen betreuten Start-ups einsteigen. Außerdem schult Platikas Einrichtung 400 Arbeitnehmer mit Bundesmitteln um, damit sie Jobs bei Medizin- oder Biotech-Firmen linden können.

Darüber hinaus organisiert das Life Sciences Greenhouse zwei- bis dreimal im Jahr Seminare, in denen örtliche Mittelständler und Gründer lernen sollen, wie man sich effektiv um die Innovationsförderung der landesweiten Small Business Administration bewirbt. Wer die einwöchige Veranstaltung komplett besucht, bekommt sie gratis - wer schwänzt, muss Seminargebühren bezahlen. "Vorher lag die Erfolgsquote in Pittsburgh unter dem US-Durchschnitt", sagt Platika. "Aber im vergangenen Jahr bekamen mehr als die Hälfte aller Antragsteller Forschungsgelder aus Washington. Das addierte sich auf mehr als vier Millionen Dollar." Insgesamt, hat der Mediziner hochgerechnet, haben die Programme seines Greenhouse seit 2003 rund 37 000 Quadratmeter Labor- und Arbeitsfläche für Start-ups geschaffen und mehr als 200 Millionen Dollar an Privatinvestitionen und Fördermitteln in die Region geholt - zehnmal so viel wie die bisherigen AnschubInvestitionen der öffentlichen Hand. Dabei ist die Initiative für Life Sciences nur ein Teil des Puzzles.

Auch die Entwicklung einer künstlichen Lunge hat Pittsburgh neuen Atem eingehaucht Die Region mit ihren 2,4 Millionen Einwohnern besitzt außerdem ein Digital Greenhouse, das seit 1999 IT-Unternehmen hilft, sowie zwei branchenübergreifende Inkubatoren und Networking-Organisationen namens Innovation Works und Idea Foundry, die bereits zu Zeiten des Hochtechnologie- und Internet-Booms eingerichtet wurden. Innovation Works hat seit seiner Gründung 21 Millionen Dollar in 60 Technologie-Start-ups investiert. Mit dem Startkapital von im Schnitt 350 000 Dollar im Rücken, das nur für die ersten Entwicklungsschritte gedacht ist, konnten die jungen Firmen weitere 185 Millionen Dollar Risikokapital einwerben, um ihre Produkte zur Marktreife zu entwickeln.

Alung Technologies, eine Abkürzung für "Artificial Lung", ist eines dieser Start-ups. Seine Entstehungsgeschichte belegt, dass die Innovationsförderung gerade in der Biotechnologie und Medizintechnik - zwei Sparten, auf die Pittsburgh große Hoffnungen setzt - einen langen Atem haben muss. Von der Idee bis zum ersten klinischen Versuch vergingen fast 20 Jahre, erinnert sich Brack Hattler. Der weißhaarige Chirurgieprofessor und Spezialist für Herz-Lungen-Transplantationen forscht seit 1985 au einem System, das große und teure künstliche Lungen ersetzen soll.

"Nach unseren ersten Tierversuchen, dauerte es noch einmal 17 Jahre, bis wir jetzt kurz vor der Markteinführung stehen", sagt der Mediziner, der 2001 das Unternehmen Alung mitbegründete, um seinen patentierten Lungenkatheter zu kommerzialisieren. Hattlers Kunstlunge besteht aus einem Bündel von mehreren tausend mikroskopisch kleinen Hohlfasern, in deren Inneren ein kleiner Ballon 600-mal die Minute pulsiert. Der Katheter wird in die große Hohlvene eingeführt, wo er Sauerstoff in den Kreislauf pumpt und Kohlendioxid aus dem ins Herz zurückfließende Blut wäscht.

Noch in diesem Jahr sollen in Mexiko und Großbritannien die ersten klinischen Versuche beginnen. Ohne Fördermittel vom US-Verteidigungsministerium und später Innovation Works wäre Alung Technologies längst noch nicht so weit. Das Pentagon habe seit dem ersten Golfkrieg rund neun Millionen Dollar in die Technologie investiert, berichtet Hattler, der damals noch kein Unternehmer war, sondern das Labor für künstliche Lungen am renommierten Medical Center der University of Pittsburgh leitete. Das Militär fördert Alung auch aus Eigeninteresse: Die Verantwortlichen wünschen sich eine tragbare künstliche Lunge, die in Feldlazaretten eingesetzt werden kann. Seit das Unternehmen gegründet wurde, hat Hattler Innovation Works genutzt, um erfahrene Medizintechnik-Manager an Bord zu holen sowie weitere 1,1 Millionen Dollar vom Pittsburgher Inkubator einzuwerben. "Es hat seine Vorteile, ein solches Start-up in Pittsburgh und nicht in großen Medizintechnikzentren wie San Diego oder Minneapolis zu gründen", sagt Alungs CEO Nick Kuhn, der im November 2001 für seinen neuen Job von Minnesota nach Pennsylvania zog. "Hier bist du nicht eines von hundert neuen Unternehmen, sondern findest vom Start weg mehr Beachtung." Dank der Anschubfinanzierung des Pentagons und Innovation 'Works hat Alung weitere 3,5 Millionen Dollar von privaten Investoren einsammeln können, berichtet Kuhn. Mitgründer Hattler hat sich inzwischen aus dem aktiven Management zurückgezogen, hält aber den Kontakt zum Lungenlabor der Universität aufrecht. Dort werden Medizinstudenten weiterhin Entwicklungsarbeit für die junge Firma leisten.

Alungs 16 Angestellte sind noch in einem anderen Sinn Pioniere: Sie arbeiten als erste Hightech-Mieter in einem ehemaligen Backstein-Lagerhaus im heruntergewirtschafteten Industriegebiet der Südstadt, das lange brach lag und gerade renoviert wird.

Etwas weiter weg, nördlich des Flussufers, liegen die drei Universitäten, auf die sich der wissenschaftliche Ruhm der Stadt gründet: die University of Pittsburgh mit ihrem weltbekannten Medical Center, die private Carnegie Mellon Universität, die für ihre Expertise in Informatik und Robotertechnik bekannt ist, sowie die katholische Duquesne University.

Vor allem die ersten beiden Institutionen mit ihren zusammen rund 40 000 Studenten erhalten erhebliche Summen an Forschungsmitteln von den beiden größten Forschungsförderungseinrichtungen der USA, den National Institutes of Health (NIH) und der National Science Foundation (NSF). Beide vergeben Jahr für Jahr Milliarden Dollar an Hochschulen im ganzen Land, deren Akademiker sich mit bahnbrechenden Forschungsprojekten bewerben.

Das Medizinische Zentrum der Universität Pittsburgh, seit langem eine anerkannte Autorität auf den Gebieten der Transplantation, Chirurgie und Orthopädie sowie dem Gewebe-Engineering, bezieht knapp eine Viertelmilliarde Dollar im Jahr aus Bundesmitteln. Die gesamte Region wird 2005 voraussichtlich 800 Millionen Dollar an öffentlichen Forschungs- und Entwicklungsgeldern einnehmen. Dafür können Professoren, Doktoranden und Labortechniker eingestellt oder Instrumente angeschafft werden. Wer seine Forschungsgelder richtig einsetzt, kann die Konvergenz ausnutzen, von der Wirtschaftsförderungspropheten wie Doros Platika sprechen: Informationstechnologie gepaart mit Life-Sciences-Forschung und Medizintechnik ermöglicht die Entwicklung von Anwendungen und Produkten auf Gebieten wie etwa der Roboterchirurgie oder der Bioinformatik zur Analyse von DNA-Proben und zur Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs oder Alzheimer. Aus der Schnittmenge kleiner Nischen kann dabei ein größerer Kuchen für die gesamte Wirtschaft der Region werden. Und daran arbeiten sie hier gemeinsam. Die beiden Universitäten konkurrieren zwar um Studenten, haben aber in den vergangenen fünf Jahren mit Hilfe von Beratungsunternehmen ein Bündel von Wachstumsfeldern identifiziert und ziehen jetzt an einem Strang, um Ideen vom Labor schneller in die Werkshalle zu bringen.

Auf Don Smiths Schreibtisch fließt der Wille zur gemeinsamen Innovation zusammen. Der Enddreißiger kehrte in seine Heimat zurück, um für ein gemeinsames Projekt beider Universitäten namens Mellon Pitt Carnegie Corporation zu arbeiten. "Unserer Einrichtung liegt eine einfache Erkenntnis zu Grunde", sagt Smith. "Ohne ein oder zwei Top-Hochschulen als Fundament kann man in den Industrien der Zukunft nicht wirklich mitmischen. Wir haben das Glück, dass wir Institutionen haben, die sich gegenseitig potenzieren." Das gemeinsame Unternehmen soll den Kontakt mit der Industrie und Investoren erleichtern. "Wir wollen das Tor sein, durch das alle gehen, die sich für Innovationen an einer unserer Spitzen-Universitäten interessieren", erklärt er. "Und wir wollen gleichzeitig Akademikern dabei helfen, Erfindungen und Konzepte zu vermarkten." Dafür organisieren die beiden Hochschulen Fortbildungsseminare zur Unternehmensgründung und stellen Kontakte zu örtlichen Unternehmen sowie den beiden Greenhouse-Inkubatoren her. Für Forschungsprojekte teilen sich die beiden Universitäten außerdem jene Labors und Einrichtungen, in denen ihre Stärken liegen. Wenn etwa ein Arzt am Pitt Medical Center Zugang zu einem Supercomputer oder Experten der Robotertechnik benötigt, kann er sich an Kollegen an der Carnegie Mellon wenden, deren Technik sogar schon auf dem Mars erprobt wurde.

Ideen aus dem Hochschulbereich werden seit langem kommerziell genutzt, erklärt Smith, aber in den vergangenen Jahren hat bessere Förderung zu mehr neuen Firmen und größeren Überlebenschancen geführt. Eine Erhebung seines Büros identifizierte insgesamt 210 Hochtechnologie-Start-ups mit rund 6300 Angestellten, die ihre Entstehung der Forschungsarbeit an einer der beiden Universitäten verdanken. Die überwiegende Mehrheit wurde in den späten neunziger und Anfang der 2000er Jahre gegründet - allein 16 im vergangenen Jahr. Für die beiden Hochschulen sprangen Lizenzeinnahmen von rund zehn Millionen Dollar heraus - Geld, das in den Bau neuer Abteilungen, Fakultäten oder Labors auf dem Campus fließen. Die Internet-Suchmaschine Lycos etwa entstand an der CMU und spülte von 1996 bis 1999 rund 23 Millionen Dollar in die akademischen Kassen.

In vielen Fällen lassen sich die Start-ups im Einzugsgebiet ihrer Hochschule nieder, um Zugang zu jungen Arbeitskräften zu haben und mit ihren alten Kollegen und Mentoren verbunden zu bleiben. Voraussetzung dafür ist, dass die Kommunen für preiswerte Büroflächen sorgen und eine Steuerstruktur, die junge Firmen nicht ins Umland verdrängt. "Die unternehmerische Zukunft im Blick zu haben ist enorm wichtig", sagt Smith. "Nicht nur, weil sie Arbeitsplätze schafft, sondern vor allem, weil sie den Hochschul-Absolventen eine Perspektive bietet. Pittsburgh importiert Studenten wie kein anderer US-Bundesstaat, doch sobald die mit ihrer Ausbildung fertig sind, denken sie ans Wegziehen. Das ändert sich, weil wir langsam eine kritische Masse erreichen." Ein gesundes postindustrielles Ökosystem beinhaltet einige große Unternehmen und drum hemm Ausgründungen, Neugründungen und Zulieferer, die personell und geschäftlich miteinander verflochten sind - auf Neudeutsch heißt das Cluster.

Einer der Treiber einer solchen Entwicklung befindet sich im Keller der Fakultät für Ingenieurswissenschaften, ein paar Gehminuten von Smiths Büro. Hier entwickelt das Swanson Center für Produktinnovation seit 2001 ein wegweisendes Modell für die Partnerschaft von Unternehmen und Hochschulen. "Ich nenne unsere Arbeit das Rüstzeug für die Now Economy, nicht die New Economy. Innovation muss schnell passieren, akademische Betulichkeit hat ausgedient", sagt dessen Leiter Michael Lovell. Die Universität hat bislang rund fünf Millionen Dollar in das Center investiert, das jeder interessierten Firma die Gelegenheit bietet, Studenten und Professoren als verlängerten Forschungs- und Entwicklungs-Arm anzuheuern. Die Studenten bekommen einen Seminarschein, das Unternehmen am Ende einen Prototypen oder eine Machbarkeitsstudie samt Marktforschungsdaten in die Hand. Der Ansturm ist so groß, dass Lovell nicht alle Entwicklungsprojekte annehmen kann, weil er nicht genug Studenten oder Laborplätze hat. Seit 2001 hat das Swanson Center mehr als 500 Forschungsaufträge für rund 100 Unternehmen aus nah und fern durchgeführt. Die Spannbreite reicht von einem auf ein Semester begrenzten Projekt für 7500 Dollar, an dem vier Studenten im Grundstudium samt einem Betreuer arbeiten, bis zu einem langfristigen Auftrag, der bis zu 100 000 Dollar kostet und dafür die Zuarbeit von Doktoranden und Professoren beinhaltet.

In einem Keller wurden in vier Jahren 263 neue Arbeitsplätze und 226 neue Produkte geschaffen An der Kollaboration verdienen alle: Die Uni hält ihr Wissen auf dem neuesten Stand und amortisiert ihre Laboreinrichtung. Die Studenten verdienen einen akademischen Grad und knüpfen Kontakte zu möglichen Arbeitgebern. Und die Industriepartner bekommen geistiges Eigentum oder neue Produkte. Dazu zählen etablierte Multis wie die Westinghouse Electric Company oder der Pharmakonzern Bayer, aber auch Neugründungen, die sich kein eigenes Entwicklungslabor leisten können. In Lovells Keller mit computergesteuerten Fräsen, Stereolithografie-Anlagen und anderen Geräten sind bislang sieben Ausgründungen entstanden. Die Anschubfinanzierung übernahmen die örtlichen Netzwerke und Inkubatoren. In vier Jahren hat das Center 226 neue Produkte und 263 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Gemäß den von der Kommune identifizierten Stärken der Region bietet Lovell seine Dienste in vier Bereichen an: Bioengineering Design, die schnelle Entwicklung von Prototypen und den Nachbau bestehender Produkte, die schnelle Fertigung und schließlich intelligente Materie beziehungsweise MEMS. Das sind mikro-elektromechanische Systeme, also Kombinationen aus Kleinstcomputern und mechanischen Miniatur-Bauteilen wie Sensoren, Ventilen, Spiegeln, Hebeln oder Motoren, die alles von superschneller Datenübertragung bis zu einem intelligenten, webgesteuerten Heizsystem in Gebäuden ermöglichen. Das Swanson Center wird angesichts der vollen Auftragsbücher mit Hochdruck ausgebaut. "In den kommenden zehn Jahren wollen wir um mindestens 50 Prozent wachsen", sagt sein Leiter.

Um den ehrgeizigen Plänen den nötigen Dreh zu geben, kann Lovell auf zwei alte akademische Haudegen zurückgreifen. Tom Cain, Direktor des neuen Nanolabors, sowie Marlin Mickle, der die RFID-Initiative (Funkchips) leitet, studierten bereits Ende der fünfziger Jahre an der University of Pittsburgh. Heute versuchen beide, den Kontakt mit der Wirtschaft massiv auszubauen. "Das Center ist vor allem dazu da, Unternehmen die Angst vor dem Elfenbeinturm zu nehmen", sagt Mickle, ein hemdsärmeliger Ingenieur der alten Schule mit Hosenträgem und Krawatte. Und seiner Geburtstadt die Angst vor der Zukunft.