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Frau Königs Kinder

Sie sind gescheitert. Schon am Anfang. In der Schule. Jetzt machen sie schlechte Jobs. Oder ganz schlechte Jobs. Und wollen endlich ihren Abschluss machen. Einen Hauptschulabschluss.




Es war eine gute Woche für Simone. Sie hat eine Eins in Englisch geschrieben und in Mathe die Klammerrechnung verstanden. Ihr Mann hat mal wieder Arbeit, als Lastwagenfahrer, wenigstens für ein paar Tage. Und die älteste Tochter hat den Schwangerschaftsabbruch gut überstanden.

Es war eine schlechte Woche für Tuncay. Zuerst die Vier im Deutsch-Aufsatz. Dann der Ärger mit dem Mathelehrer, der ihn beinahe rausgeworfen hätte. Und der Stress mit der Englischlehrerin, weil er mitten im Unterricht aufgestanden ist und ging. Aber was sollte er machen? Ein Rausschmeißer, der zu spät zur Arbeit erscheint, ist seinen Job sofort los. Und nun hat er auch noch gehört, dass das Waschmaschinenwerk dichtmacht. Wieder 600 Arbeitsplätze weniger in Spandau.

Kurz vor acht Uhr abends. Noch eine Stunde Deutsch bei Frau König. In der Pause waren die Mädels kurz in der Fußgängerzone, um sich bei Douglas mit Parfumpröbchen zu versorgen. Die vermengen sich nun im Klassenzimmer zu einem Nebel süßlicher Schwere - wer kann sich da auf einen Sachtext über Alkoholismus konzentrieren? Tuncay, dessen Kreuz nach zwölf Jahren Bodybuilding die Ausmaße eines Opferaltars angenommen hat, gelingt das jedenfalls nicht. Der 26-Jährige mit dem fast kahl geschorenen Schädel hat den Text beiseite gelegt und verschickt unter der Bank SMS. Frau König geht durch die Reihen. Vor Tuncay bleibt sie stehen. "Sie stöhnen, als müssten Sie Mehlsäcke schleppen", sagt die Klassenlehrerin. "Zeigen Sie mal, welche Fremdwörter Sie rausgesucht haben." Tuncays Blatt ist leer. Das liegt am Parfümdunst, klar, aber wohl auch daran, dass er gewisse Probleme hat, sich im Duden am Alphabet zu orientieren.

Simone, die drei Reihen vor ihm sitzt, ganz vom, ist schon lange fertig: Sie hat alle unbekannten Fremdwörter rausgeschrieben und die wichtigsten Textstellen mit Leuchtstift markiert. Jessica, vierte Reihe rechts, fallen die Augen zu. Seit vier Uhr morgens ist sie auf den Beinen. Sie muss früh auf der Baustelle sein: Wege pflastern, Kies schütten, Bäume schneiden. Lisa singt leise vor sich hin, Markus ist mal wieder zum Telefonieren raus, Sascha mit seinen Gedanken bereits daheim am Computer, wo er bis sechs Uhr früh sitzen wird. Vielleicht geht er zwischendurch aber auch wieder am See spazieren. "Du glaubst gar nicht, wie ruhig und friedlich so ein See ist", sagt er, "mitten in der Nacht." Es ist eine Deutschstunde für das Strandgut unseres Bildungssystems. Im Haus der Musikschule in der Jüdenstraße, dritter Stock, beste Altstadtlage von Berlin-Spandau, lernen jene, die es nicht geschafft haben. Sie sind die Gescheiterten, die Perspektivlosen, die Überflüssigen, die auch bei den miesesten Jobs noch hintenan stehen, "Unsere Zurückgebliebenen", sagen die Lehrer manchmal sarkastisch über diese 34 von jährlich etwa 90 000 Menschen, die nicht mal den niedrigsten Schulabschluss erreicht haben, der in Deutschland vergeben wird: Hauptschule, 9. Klasse.

Diesen Abschluss wollen sie jetzt nachholen. Unter fahlem Neonlicht plagen sich Deutsche und Türken, Polen und Syrer, Kurden und Russen. Die Jüngsten sind gerade 18, die Ältesten schon 36. Einige wurden von ihren Eltern geschickt, andere von der Arbeitsagentur, doch die meisten kommen aus eigenem Antrieb. Sie haben beschlossen, Frieden zu schließen mit jener verachteten Institution Schule, der sie sich einst verweigert haben - und die sie dann ausgespien hat wie Auswurf. Jetzt, drei, zehn oder auch 20 Jahre nach dem Scheitern, versuchen sie es noch einmal mit dem Lernen.

Simone erinnert sich gut, wie sie sich reingekniet hat in der achten Klasse. Keine einzige Vier im Zeugnis. " Wenn du 'ne Lehrstelle kriegst, machen wir 'ne Weltreise", hatte der Vater versprochen. Doch dann verschwand er über Nacht, die Mutter versank im Alkoholrausch, und Simone ging nicht mehr zur Schule.

20 Jahre ist das nun her. Simone ist jetzt 36, steht um vier Uhr früh auf, schmiert Stullen für ihren Mann und die drei Kinder, brüht Kaffee auf und fährt dann zur Arbeit. Putzfrau im Behindertenwohnheim - mehr war für sie nicht drin. Nachmittags um drei kommt sie nach Hause. Dann kocht sie Mittagessen, macht den Haushalt und könnte vor Müdigkeit einschlafen. "Und um sechs sitz' ich hier im Unterricht", sagt sie, " selbst heute, wo ich mit meiner Tochter zur Abtreibung war. Ich saß auch schon mit Grippe hier und mit Fieber." Man sitzt auf seinen Schulden fest, erzählt sie, es geht nicht vorwärts. Seit ihr Mann seinen festen Job verloren hat und nur noch hin und wieder mit dem Lastwagen unterwegs ist, fehlen 500 Euro im Monat. " Ich mach' den Abschluss, weil ich nicht mein Leben lang Putzfrau sein will", sagt Simone. "Ich würd' schon gern ein bisschen weiterkommen. Es sind doch noch 30 Jahre, die ich arbeiten muss." Die Schüler unternehmen große Anstrengungen, um kleine Träume zu verwirklichen Mehr als die Hälfte der Hauptschul-Nachholer auf der Spandauer Volkshochschule (VHS) ist arbeitslos, die anderen fristen ihr Dasein wie Simone - mit 400-Euro-Jobs, Ein-Euro-Jobs, schlechten und ganz schlechten Jobs. Sie stapeln Getränkekästen, patrouillieren mit Rottweilern durch Einkaufspassagen, putzen Büros, stecken Reklamezettel in Briefkästen, schleppen Steine. Ihre Träume sind bescheiden: Wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie als Erzieherin im Kinderheim arbeiten, als Hotelfachfrau, IT-Systeminformatiker, Maskenbildnerin, Koch, Sekretärin.

Das Abschlusszeugnis erscheint den Spät-Schülern als Eintrittskarte in eine Welt, in der solche guten Jobs zu haben sind. Und dieses Ticket benötigen selbst Jene, die Schon einen Fuß in der Tür haben. Jessica, 23 Jahre alt, ein Kind, hat eine Gärtnerlehre angefangen. Kürzlich hat sie 500 Pflanzennamen auswendig gelernt, alle auf Latein. Aber ohne Schulabschluss kann sie die Lehre nicht beenden. Auch Computerfreak Sascha braucht das Papier mit dem amtlichen Stempel. Nachdem er in einer IT-Firma in Frankfurt am Main eine Woche lang gezeigt hatte, was er am Rechner so drauf hat, gab man ihm gleich einen Ausbildungsvertrag als Systemelektroniker. "Mach deinen Schulabschluss", hieß es, "dann kannst du am nächsten Tag herkommen." Doch die Mehrheit von Saschas Mitschülern wird - mit Abschluss oder ohne - vermutlich auf Dauer im Kreislauf von staatlicher Fürsorge, Förderprogrammen und Einfachsr-Jobs hängen bleiben. "Manche unserer Hauptschul-Absolventen werden regelrecht ausgelacht, wenn sie sich bewerben" , sorgt sich die Schulleiterin. "Dann heißt es: Was wollen Sie denn mit dem Abschluss?" Andererseits gibt es aber auch Arbeitgeber, die das Stehvermögen der VHS-Hauptschüler honorieren. Dass hier niemand bis zum Abschluss durchgeschleppt wird, hat sich herumgesprochen. "Jemand, der früher nichts zu Stande gebracht hat und jetzt diesen Abendkurs durchsteht, kann kein Taugenichts sein", sagt eine Teamleiterin der Spandauer Arbeitsagentur. Sie hofft, dass die eine oder andere Firma das ähnlich sieht.

Die Arbeitsmarktdaten geben wenig Anlass zu derartiger Hoffnung: In Berlin sind 40 000 junge Leute unter 25 Jahren arbeitslos. Das ist jeder Fünfte in dieser Altersgruppe. Klassenleiterin Monika König erinnert sich noch, wie es war, als sie 1971 als Hauptschullehrerin in Spandau anfing. "Da hat Siemens die Schüler in der siebten oder achten Klasse gleich reihenweise rausgeholt. Die bekamen alle eine Lehrstelle, auch ohne Abschluss." Früher inhalierten die Fabriken des Konzerns die Schüler gleich jahrgangsweise, heute krebst die Spandauer Niederlassung von einer Entlassungsrunde zur nächsten. Weggefallen sind vor allem die Stellen für Angelernte und Ungelernte. "In meinen Abschlussklassen", berichtet Monika König, die im Hauptberuf an einer Spandauer Hauptschule unterrichtet, "bekommen im Schnitt nur noch ein oder zwei Schüler auf Anhieb eine Lehrstelle." Natürlich könnte die Klassenlehrerin stolz auf jene Schüler verweisen, die nach dem Hauptschulabschluss gleich den Realschulkurs besuchen. Oder gar auf jene Vorzeigeschüler, die noch weiter durchmaschiert sind, bis zum Fachabitur und Studium. Aber sie weiß auch, dass das maximal einer von 500 schafft. Weit häufiger ist es umgekehrt: "Die Leute kommen voller Erwartungen hierher, aber sie verstehen selbst das Wenige nicht. Die rechnen mit den Fingern, und von mal oder geteilt haben sie noch nie was gehört." Sie können zwar schwere Kartons wuchten, aber eine Lehre als Umzugsspediteur würden sie nie schaffen.

Seit Februar quälen sich die VHS-Hauptschüler an vier Abenden pro Woche im sechsmonatigen Vorkurs, der Qualifikationsrunde für den einjährigen Hauptkurs. Vorkurs, das bedeutet weitgehend freudlose Abende, prall gefüllt mit Basiswissen in Deutsch, Englisch und Mathe. Es donliniert Frontalunterricht. Viel debattiert wird nicht, das Wissen muss rein in die Menschen, und zwar schnell. Die Zahl 5642 soll auf Tausender gerundet werden. "6000", sagt Sascha, der ziemlich fit ist in Mathe. "Aber was ist mit der 4 und der 2?", fragt Liza ihre Banknachbarin. "Auf die kannste kacken", kommt es zurück. Jana will wissen, ob das Auf- und Abrunden für die nächste Klassenarbeit relevant ist. "Ja, natürlich", sagt Herr Wagner, der Mathelehrer. "Aber die Hälfte der Klasse war nicht da, als Sie das erklärt haben." "Pech", ruft Mehmet, "das ist hier keine Hobbyveranstaltung." Mehmet, von Beruf Briefträger und mit 36 Jahren der Älteste im Kurs, schreibt immer mit. Aber einen Winkel von 140 Grad an die Tafel zeichnen, das kann er noch nicht.

"Was ist eine Summe?", fragt der Mathelehrer zwischendurch. "Was heißt dividieren?" Er weiß, dass er solche Begriffe nicht voraussetzen kann. Werden Textaufgaben etwas abstrakter, können nur noch zwei oder drei Schüler folgen. "Das Produkt aus 6 und 4 wird um 6 vermehrt, das Ergebnis wird um den um 7 verminderten Quotienten aus 44 und 4 verringert." So etwas kommt in der Klassenarbeit vor. Aber was soll das bedeuten, "um den um 7 verminderten Quotienten"? Wie soll Tuncay das verstehen, wenn er gar nicht weiß, was das ist, ein Quotient? "Einige verbringen viel Zeit im Fitness-Studio", meint die Klassenlehrerin, "und dann sitzen sie hier muskelbepackt und wissen nichts." Englisch ist eine unbekannte Sprache, vor allem für die Ausländer. "Aus welchen zwei Wörtern ist ,isn't' zusammengesetzt, Mehmet?" Die Englischlehrerin versucht es mit einer einfachen Frage. Aber Mehmet weiß es nicht. "What's the opposite of left, Jefgeni?" Der blasse Junge, vor drei Jahren aus Kasachstan gekommen, versteht gar nicht, was die Lehrerin von ihm will. In Deutsch ließ Frau König bislang nur Diktate schreiben, die zuvor mehrmals komplett geübt worden sind. "Wenn ich im Vorkurs keine geübten Diktate schreibe", sagt sie, " dann hagelt es hier Fünfen und Sechsen." Etwa die Hälfte der Kursteilnehmer ist schon im ersten Vierteljahr auf der Strecke geblieben. Sie kamen einfach nicht mehr. Die Abende sind jetzt wärmer und länger. Man kann draußen sitzen, Bier trinken, einen Joint rauchen mit den Kumpels. Bianca, Jessica und Markus passen aufeinander auf. Vor allem Bianca steht vor Unterrichtsbeginn am Fenster und guckt, ob die beiden anderen kommen. Wenn nicht, ruft sie spätestens in der ersten Pause auf dem Handy an. "Unsere Missis Linientreu", frotzelt Markus, der die Englischlehrerin gerade kumpelhaft begrüßt hat: " Ey, Sie haben heut' aber 'nen geilen Lippenstift!" "Es sind nicht unbedingt die Schwächsten, die aussteigen", sagt Renate Lambeck, die Schulleiterin. "Es sind die, die nicht einsehen, dass sie eine Schülerrolle übernehmen, sich unterordnen müssen." Genauso wenig seien sie zu Selbstkritik bereit - vor allem wenn es darum geht, ihr eigenes Scheitern zu hinterfragen. Sie verbringen viel Zeit damit, "ein Schaumprogramm abzuziehen, warum nichts geklappt hat" , meint die Schulleiterin. Die Eltern waren schuld, die Lehrer sowieso, und später, als es um den Job ging, lag es am Vorarbeiter, an den Kollegen, am Vermittler bei der Arbeitsagentur.

Zum Lernen braucht man einen Grund. Manchmal reicht es schon, verliebt zu sein Wer bis jetzt durchgehalten hat, sieht sich meist realistischer. "Ich hab' einfach alles verkackt", sagt Liza, 18 Jahre alt. "Nie zum Unterricht gegangen. Sitzen geblieben. Von der Schule geflogen." Das war in der 7. Klasse. Wenn die anderen sich mit Punktrechnung vor Strichrechnung abmühten, zog sie mit ihrer Mädchen-Gang durch die Stadt und prügelte sich mit anderen Mädchen-Gangs, manchmal auch mit Jungs. Es gab viele Anzeigen.

Für Liza und die meisten ihrer Mitschüler müssen es bleierne Jahre gewesen sein, durchsetzt mit gelegentlichen Spaßphasen wie ein Nackensteak mit Fettadern. Als kürzlich alle aufschreiben sollten, warum es nicht geklappt hat mit dem Schulabschluss, kamen die Antworten kurz und scharf wie Rasiermesserschnitte: " Kein Bock." - "Weil ich bekifft war." - "Scheiße gebaut." - "Drogensucht." Das gehört alles zur klassischen Schulabbrecherkarriere. Wo die Schule war, wusste man noch. Wie die Lehrer hießen, manchmal schon nicht mehr. In einem Tag, der konturlos war wie eine Amöbe, ohne Anfang und ohne Ende, ohne Höhepunkt und ohne Ablauf, spielte das Lernen keine Rolle. Er zerläuft einfach, so ein Tag, eine nutzlose Anhäufung von Zeit. Es bleiben Erinnerungen an Gerichtstermine, Heim, Sonderschule, Psychiatrie, Schwangerschaft, prügelnde Eltern, trinkende Eltern.

Markus war auch so einer, der Probleme mit dem Aufstehen hatte, morgens oder auch mittags, nachdem er in der Achten von der Schule geflogen war. Nachts war er immer gern unterwegs, bis er sich voriges Jahr in ein Mädchen verliebte, eine Abiturientin aus gutem Hause. "Die hat mir unglaublich weitergeholfen", sagt Markus, "mir den Anschub gegeben, was aus meinem Leben zu machen. Jetzt erst mal den Hauptschnlabschluss, danach Realschule und dann wahrscheinlich noch Abitur." Markus lernte die Familie seiner Freundin kennen, " das ist nicht nur Mittelstand, schon so'n bisschen höher", und erhielt Zugang zu jener fremden Welt, in der alles nach Regeln abläuft - eine Welt, in der Fleiß belohnt wird und nicht Müßiggang. Der Vater des Mädchens, das nicht mehr seine Liebste ist, aber eine gute Freundin blieb, arbeitet als selbstständiger Systeminformatiker für Großrechner. In ihm fand Markus zum ersten Mal in seinem Leben ein Vorbild. "Der fährt nach Köln, arbeitet zwei Nächte durch und sorgt dafür, dass die Leute pünktlich ihr Arbeitslosengeld kriegen. Und da ist mir in den Kopf gefahren: Das kann ich doch eigentlich auch." Die Selbstkränkung hat sich tief ins Bewusstsein gefräst. Sie haben sich selbst ins Aus geschossen, dorthin, wo die Dummen sind, die nicht viel mehr" können als tief buddeln und weit schmeißen. Jetzt wollen sie zeigen, dass sie sich nicht mehr gehen lassen, sondern sich auch mal quälen können. "Es ist mir so peinlich, bei der Frage nach dem Schulabschluss jedes Mal einen Strich zu ziehen", sagt Bianca. "Ich möchte beweisen, dass ich was drauf hab'. Ich kann jetzt Englisch, ein bisschen. Früher hatte ich immer nur Sechsen. Mein Abgangszeugnis bestand nur aus Sechsen." Die Frauen haben nicht zuletzt ihren Männern etwas zu beweisen. Für sie ist der Schulabschluss ein Stück nachträgliche Emanzipation. "Die Männer sind oft alles andere als begeistert", berichtet Schulleiterin Renate Lambeck. "Da heißt es dann: Das schärfste eh nicht, dazu biste viel zu doof." Sie erinnert sich an Teilnehmerinnen, die daheim eingeschlossen wurden, damit sie nicht zum Unterricht gehen konnten. Eine Schülerin sprang durch das geschlossene Fenster, um zur Prüfung zu kommen. Sie bestand. Ihr Mann hat keinen Abschluss.

Für jene, die schon eigene Kinder haben, im Schulalter womöglich, hat das Lernen einen ganz besonderen Wert. Wie steht man vor seinen Kindern da, wenn man nichts weiß, auf keine Frage eine Antwort hat? Es ist noch nicht lange her, da musste Simone jedes Mal passen, wenn ihre zwölfjährige Tochter mit einem Mathe-Problem zu ihr kam. "Erkläre mir mal die Klammerrechnung, hat sie gesagt. Aber da war nichts in meinem Kopf. Ich hatte sie noch nie gesehen, diese Klammerrechnung. Jetzt weiß ich, wie das geht." Sie wollen auch Vorbilder sein. Die Kinder sollen die eigenen Fehler nicht wiederholen. Das wäre das Schlimmste. "Ich will nicht, dass mein Sohn nichts kapiert von der Welt", sagt Markus. "Er soll nicht so abkacken wie ich." Nicht immer gelingt das. Simones Alteste, 19 ist sie, hat sich auf der Hauptschule hängen lassen und das zehnte Schuljahr nicht geschafft. Jetzt hat sie nur den Hauptschulabschluss. Mehr als ein Ein-Euro-Job war damit bisher nicht drin. "Aber demnächst will sie hier an der VHS die Realschule nachholen", sagt ihre Mutter. "Das will ich auch noch, wenn ich mit der Hauptschule fertig bin." Die großen Entwürfe fürs Leben findet man in Frau Königs Hauptschulkurs nicht. "Vielleicht", sagen sie ganz oft, wenn sie über die Zukunft sprechen. Was sie sich wünschen? "Darüber hab' ich noch nie nachgedacht", sagt Liza. "Eine Familie, na klar, mit 'nem guten Mann. Die Wohnung soll auch schön sein und der Kühlschrank immer voll." Kinder? "Ja auch, zwei, drei Stück. Die werd' ich morgens zur Schule fahren und aufpassen, dass sie auch wirklich reingehen. Die sollen lieb sein, nicht so wie ich. Ich. war ein schlimmes Kind."