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Die Reifeprüfung

Wer dümmer ist, als die Realität erlaubt, der wird vom Klassenbesten zum Sitzenbleiber. Dann lernt man die Veränderung auf die harte Tour: auf dem zweiten Bildungsweg. Hefte raus! Klassenarbeit!




I. Die Idioten Einerseits: Man sollte nicht jeden Blödsinn ernst nehmen. Andererseits: keine Regel ohne Ausnahme.

Nehmen wir mal Francois Rabelais. Er lebte als Dichter, Priester und Arzt zur Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Im Königreich tobte der Kampf der Religionen. Das war nicht lustig. Wenn Machthaber jeden Humor verlieren, sauertöpfisch, mürrisch, pathetisch und muffig werden, ist Vorsicht angesagt. Selbst Hofnarren landen dann gelegentlich am Galgen. Nun wissen wir, dass nicht jeder, der hauptberuflich den Trottel macht, auch einer ist. Rabelais beispielsweise, ein Mann der Veränderung, begegnete den alten Verhältnissen, indem er ihnen komisch kam. Dabei sagte er nichts weiter als die Wahrheit: "Weise ist, wer auch von einem Irren noch etwas lernt." Man könnte auch sagen: Es wäre nicht schlecht, mal zu sehen, warum sich etwas verändert, und was die, die etwas verändern, damit bezwecken. Es wäre nicht schlecht, etwas dazuzulernen, denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass das, was ist, für immer bleibt. Hört zu - auch wenn ihr die anderen für verrückt haltet. Lernt was, alles andere macht euch bestenfalls zu Idioten. Und kaputt.

Die Machthaber des Herrn Rabelais lernten nichts. Ihre Einsicht bestand in mehr als hundert Jahren Krieg.

Sicher, da haben wir es heute besser: Hofnarren müssen nicht gleich fliehen, man knüpft sie nicht auf, aber man hört ihnen auch nicht zu. Vor fünf Jahren fragte man den deutschen Fernsehkomiker Wigald Boning, der Mitte der neunziger Jahre mit seinem Partner Olli Dittrich das erfolgreiche Gesangsduo "Die Doofen" betrieb, ob er sich ein Comeback für die Gruppe vorstellen könne. Nö, meinte er, denn es bestehe nun wirklich kein weiterer Verblödungsbedarf. Er habe den Eindruck, dass die Leute ganz von selbst immer doofer werden, und zwar in allen Klassen und Schichten, da müsse man nicht extra nachlegen.

Das war zunächst lustig - und kurz darauf amtlich.

II. Faules Pack Wenige Wochen nach dem Boning-Interview hysterisierten die Ergebnisse einer Studie namens Programme for International Student Assessment (Pisa) die deutsche Öffentlichkeit. Die Ergebnisse - die sich drei Jahre später bei der Nachfolge-Untersuchung bestätigen sollten - sind sattsam bekannt. Deutsche Schüler zeigen in Disziplinen wie Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften bestenfalls durchschnittliche Leistungen. Faules Pack, hieß es landauf, landab, denn so etwas sagt sich schnell.

Ganz ruhig bleiben. Denn kaum war die Schreckensnachricht von der blöden Brut verbreitet, stellte sich heraus, dass die Alten um nichts besser waren. Um die Jahreswende 2000/2001 ging die letzte Hoffnung für eine Restaurierung der deutschen Wirtschaff flöten. Der Neue Markt, von Staat und Investoren gleichermaßen als Wundermittel der finanziellen Genesung der seit Jahren angeschlagenen Republik gepriesen, brach zusammen. Und damit die bislang letzte Hoffnung darauf, dass der Wohlstand der Nation erhalten bleibt, ohne dass sich jemand besonders anstrengen müsste. So hätte die Veränderung jedem geschmeckt: Im Grunde musste man nichts lernen, nichts wissen, nichts begreifen. Man muste nicht einmal wissen, was Kapitalismus ist. Man kaufte einfach Aktien von ehemals staatlichen Groß-Konzernen wie der Deutschen Telekom, wodurch der Staat in die angenehme Lage versetzt war, die durch maßlose Versprechungen verursachten Schulden zu begleichen. Als der ganze Plunder zusammenbrach, erwies sich eine alte Weisheit der Herrschaft wieder als goldrichtig: je dümmer die Leute, desto besser für uns. Denn weil niemand begriffen hatte, dass nicht der Kapitalismus, sondern die Finanznot des Staates und seiner angeschlossenen Anstalten eine planlose Gier entfacht hatten, ist der Kapitalismus nun der Sündenbock. Das glauben, so sagen uns die Umfragen, fast 70 Prozent der Bundesbürger.

Der Kapitalismus aber ist keine Glaubenslehre, keine Ideologie, er ist auch kein Herrschaftsinstrument. Er ist ein Werkzeug. Die Erscheinungsform des Kapitalismus ist die Marktwirtschaft. Sozial ist die, wenn sie den politischen Doktrinen der Volksparteien folgt. Ein Monster, wenn sie nicht mehr genug Erträge abwirft, um das Establishment unhinterfragt an der Macht zu halten. In Wahrheit verhält sich die Sache wie mit dem berühmten Messer, das mal, je nach Einsatzzweck, helfen kann, Brot zu schneiden oder den Nachbarn aufzuschlitzen. Das beste Werkzeug funktioniert nicht, wenn seine Benutzer ahnungslos sind. Wer Messer meidet, weil sie auch töten können, bleibt hungrig - und dumm und wehrlos noch dazu.

III. Der Feind Moment mal, sagen da jetzt einige: Der Kapitalismus ist doch des Arbeiters schlimmster Feind. Das war schon immer so. Kann man nachlesen. Meinetwegen ein Werkzeug, aber ein Instrument des Bösen. Amen.

Wir wissen nicht, ob der Glaube Berge versetzen kann. Schlauer macht er nicht. Dabei wäre es gar nicht so schwer, sich schlau zu machen. Man müsste nur in einen der noch verbliebenen Ortsverbände der SPD marschieren. Dort liegt gewiss irgendwo ein Liederbuch herum. Das schlägt man auf. Und sucht nach der " Arbeiter-Marseillaise". Sie gehört neben der " Internationalen" und "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" zu den Top-Hits der Bewegung. Geschrieben wurde sie 1864, als Ferdinand Lassalle, der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, bei einem Pistolenduell den zweiten Platz belegte. Die bekannteste Strophe stand viele Jahrzehnte auf Spruchbändern, wurden in Seidendeckchen gestickt und war auch in der Arbeiterbewegung allgegenwärtig. Diese Zeilen waren das Evangelium der Veränderung. Sie lauten: "Der Feind, den wir am tiefsten hassen/Der uns umlagert schwarz und dicht/das ist der Unverstand der Massen/den nur des Geistes Schwert durchbricht." Die Dummheit also ist der Erzfeind.

Die Epigonen derer, die das wussten, sind heute nur mehr an den ersten beiden Zeilen interessiert. Niemand hat die Absicht, seine Wähler als Doofe zu bezeichnen. Aber natürlich kann man sie trotzdem für dumm verkaufen. Unter solchen Umständen ist das Schwert des Geistes in Deutschland waffenscheinpflichtig geworden.

Wohl kein anderes europäisches Land bietet nur annähernd so offene Bildungseinrichtungen wie Deutschland. Theoretisch ist der Zugang zu Schulen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen für alle offen. Darum beneiden uns viele Nachbarn. Das ist das eine. Das andere ist die Realität, in der nach wie vor Kinder aus sozial schwachem Haus geringere Chancen haben, eine höhere Schule zu besuchen. Das liegt sicher zum Teil an Lehrern, die Gören aus gutem Haus bevorzugen. Aber wenigstens die Hälfte aller Eltern aus sozial schwachein Milieu finden überdies, dass ihre Kinder in einem Gymnasium nichts verloren haben. Gedöns eben, wie der Herr Bundeskanzler zu sagen pflegt, also überflüssig. Bob Dylan hätte gesagt: You don't need a weatherman to know which way the wind blows.

IV. Unterschichtenfernsehen Woher weht der Wind?

Lernen heißt nach dem Lehrbuch, sich Veränderungen anzupassen. Das schafft man durch persönlich gemachte Erfahrungen, durch das Sammeln ausgewählter Informationen. Am Ende des Weges steht eine Fähigkeit, die nützlich ist, pure Nützlichkeit sogar: Man kann mit einer neuen Situation umgehen, weil man sie begriffen hat. Man glaubt also nicht, was einem andere erzählen. Man macht seine eigene Erfahrungen. Das ist nicht schlecht, schon deshalb, weil es dazu keine Alternative gibt.

Interessant aber ist auch die Herkunft des deutschen Wortes "lernen". Es stammt ethymologisch von dem Wort "leisten" ab. Das böse Wort bedeutet ursprünglich "einer Spur nachgehen", also einen neuen Weg zu finden. Ist das im Sinne derer, die das alte ökonomische und gesellschaftliche Modell der Vollbeschäftigung der Industriegesellschaft aufrechterhalten wollen, auf der das Machtsystem der Parteien und Verbände basiert? Das Letzte, was die Herrschaften brauchen, sind Burger, die ihren Weg allein finden, weil sie lernen, wie das geht.

Es ging lange ganz anders: Ahnungslos in einem geschlossenen System, das für die materiellen Grundlagen so lala sorgte. Mehr sollte man, mehr durfte man nicht wissen.

Denn Lernen ist keine deutsche Tugend. Stattdessen kennen wir eine Vielzahl an Schimpfwörtern, die Lernfähigen um die Ohren gehauen werden: Klugscheißer, Streber, Besserwisser. Salonfähig sind die, die es trotzdem zu etwas gebracht haben. Intellektuelle, die ihre Welt analytisch zu begreifen versuchen, gelten als " realitätsfremd", eigentlich also als naive Trottel, die man bestenfalls als nützliche Idioten für ein System braucht, in dem Augenzwinkern mehr zählt als jede Anstrengung des Kleinhirns.

Diese Realität ist zur neuen Leitkultur geworden. Es ist die Wirklichkeit, der Harald Schmidt den Namen " Unterschichtenfernsehen" gegeben hat, der finstere Ort also, an dem hilflose Idioten ihr trauriges Leben ausbreiten, um einmal auf Sendung zu sein. Der Unterschied zu "Sabine Christiansen" besteht im Wesentlichen darin, dass ihre Gäste die Macht haben - und sie auch nutzen -, und zwar dazu, den unbedarften Zuschauer mit zusammenhanglosen Floskeln abzuspeisen. Die neue Realität hat mit Erkenntnis nichts zu tun. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" titelte: "Die Armen sind die Avantgarde." Aber es ist nicht materielle Armut, die hier angesprochen wird. Tattoos, das Abo im Bräunungsstudio. Piercing und die Angst vor Feinstaub sind keine Modeerscheinungen, sie sind Programm. Sie spielen vor einem gespenstischen Hintergrund. Wenigstens vier Millionen Analphabeten hat die Stiftung Lesen im Land ausgemacht. Millionen können die Spielergebnisse und Höhepunkte aller Bundesliga-Spiele auswendig aufsagen, scheitern aber am Ausfüllen eines simplen Formulars. Problemlos ziehen sie sich jedes erdenkliche Programm auf Handy und Computer und sind überrascht, dass sie dafür zur Kasse gebeten werden. Sie kennen jeden noch so kleinen Dreh, um ein Videospiel zu gewinnen - nur den größten Beschiss von allen, den kennen sie nicht.

Der Publizist Richard Herzinger hat in seinem Buch " Republik ohne Mitte" den Begriff "zerstreutes Wissen" geprägt - ein schöner Doppelsinn. Denn nicht das allgemeine Bildungsniveau ist gefallen. " Noch nie wussten so viele Leute so viel von der Welt wie heute." Nur was diese Leute wissen, steht in keinem nutzbaren Zusammenhang mehr. Es ist Kreuzworträtsel-Wissen, das ohne Ziel und Sinn dahinschwadroniert. Beliebigkeit eben. Wer wird Millionär? Ganz sicher nicht, wer in Zusammenhängen denkt, lernt, handelt.

V. Zwischenzeugnis In einem solchen Klima wachsen die Widersprüche und wuchert der Selbstbetrug. Vor kurzem erschienen die Ergebnisse der von McKinsey durchgeführten Umfrage "Perspektive Deutschland". Mehr als eine halbe Million Bürger hat daran teilgenommen. 60 Prozent der Bürger sehen schwarz, wenn es um ihre finanzielle Zukunft geht, 42 Prozent fürchten um ihren Job. Knapp sechs von zehn Menschen wissen nicht, ob sie im Alter ein geregeltes Auskommen haben werden. Was lernen sie daraus?

Dass das Lied von der Vollbeschäftigung Lüge ist? Weil die Grundlage dafür, ein umfassend kontrollierender Industriestaat, nicht mehr existiert? Dass sie nun ihr Leben zunehmend selbst in die Hand nehmen müssen? Nichts von alldem. Sie fordern. Fast jeder Dritte ist nicht bereit, für die Erhaltung seines Arbeitsplatzes auf Urlaub zu verzichten, auf ein paar Tage, wohlgemerkt. Fast jeder Zweite findet es unzumutbar, auf mehr als zehn Prozent seines Einkommens zu verzichten, wenn er dadurch seinen Job sichern kann. Bei Arbeitslosen, so stellt die Studie fest, ist das Beharrungsvermögen teilweise sogar noch stärker ausgeprägt. Nach sicheren Arbeitsplätzen ist den Deutschen Bildung ganz besonders wichtig. Aber was, so muss man angesichts der Ergebnisse der Studie fragen, verstehen sie darunter? Die Möglichkeit, sich frei weiterzuentwickeln? Nein, die Rede ist wieder von Forderungen: Das Bildungsangebot müsse aufrechterhalten werden. Für wen? Das bleibt im Dunkeln. Denn fast vier Fünftel der Befragten halten sich für schlau genug, um jeder Herausforderung zu begegnen. Die Einschätzung, "dass ich bei den vielen Veränderungen mit meinem Wissen nicht mehr mithalten kann", teilen gerade mal 22 Prozent der Befragten.

Es gibt also keinen wirklichen Handlungsbedarf nach mehr Qualifizierung. Es gibt keinen Grund für die meisten dazuzulernen. Etwas anderes muss daran schuld sein, dass die Welt das, was wir ihr anbieten, zu den Preisen, die wir verlangen, nicht mehr will. Eine Verschwörung? Oder eine Verdrängung?

VI. Die Krankheit der Veränderung Von der ersten Variante reden viele, von der zweiten sind die meisten betroffen. Und es ist mehr als bloß das Ignorieren der Wirklichkeit. Sie stehen unter Schock. Ein Schock folgt einem Unfall, einer schlagartigen Konfrontation mit einer neuen Situation. Mediziner wissen, wie man einen Schock erkennt: Teilnahmslosigkeit, Unruhe, Verwirrtheit sind äußere Symptome. Es kommt zu Bewusstseinsstörungen. Und manchmal zur Bewusstlosigkeit.

Nein, das ist keine typisch deutsche Krankheit. Der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler nannte das "Zukunftsschock", ein Phänomen, das alle entwickelten Gesellschaften in den sechziger Jahren überkam. Zum ersten Mal berichtete er über diesen Schock im Jahr 1965 in der Zeitschrift "Horizon" , fünf Jahre später wurde sein Buch "Future Shock" zum Bestseller. Der Schock, schreibt Toffler darin, bestehe in einer erdrückenden Belastung und vollkommenen Desorientierung von Menschen, die in zu kurzer Zeit zu viele Veränderungen durchmachen müssen. "Mir ist klar geworden, dass der Zukunftsschock keine in weiter Zukunft liegende Gefahr ist, sondern sich bereits heute als echte Krankheit manifestiert, unter der immer mehr Menschen leiden. Zukunftsschock lässt sich medizinisch und psychiatrisch diagnostizieren. Er ist die Krankheit der Veränderung." Toffler beließ es nicht bei dieser tristen Diagnose. Er forderte, wie auch sein deutscher Kollege und Freund Robert Jungk, eine neue Disziplin für die vom Schock betroffenen Staaten, den in die Transformation geratenen reichen Industrieländern. Statt Beharrung und dem Festhalten an altem, normiertem Wissen sollte die Fähigkeit zur Anpassung an die neuen Verhältnisse gestärkt werden. "Man redet allen Ernstes von einer 'Erziehung für den Wandel', von einer ,Vorbereitung der Menschen auf die Zukunft', hat aber in Wirklichkeit keine Ahnung, wie sich so etwas bewerkstelligen lässt." VII. Schrottkisten Man darf, bezogen auf den Staat, 35 Jahre später hinzufügen: Man will es gar nicht wissen. Menschen unter Schock sind handlungsunfähig, weil ihr Organismus sofort alle Schotten dichtmacht. In diesem Zustand ist sich jeder selbst der Nächste - und damit das Einzige, was noch bleibt. Wo könnte man das besser beobachten als an der neuen alten Liebe des SPD-Vorsitzenden zum Staat? Das Kapital marodiert durch die Welt. Aber weder wissen die meisten, was das Kapital kann - nämlich in ihren Händen, als Instrument, die Veränderung zum Guten bewirken - noch was die Welt ist, die von immer mehr Menschen im Land als Bedrohung empfunden wird. Man nennt das neudeutsch Globalisierung. Die letzte Zuflucht ist das Altbekannte. Wer unter Schock steht, verliert oft das Erinnerungsvermögen. Nicht nur an den Nationalismus und seine Folgen. So geht es vielen wie kurz nach einem Unfall. Die alte Ordnung, die nun beschworen wird, war der Wagen, den es aus der Kurve getragen hat. Und das nicht zum ersten Mal: Immer wieder wurde die Kiste geflickt, geschweißt und zurechtgezurrt und wieder auf die Piste geschickt. Es ist der alte Staat, der dahinholpert, bis zum nächsten Crash, bis wieder einige aus seinem Wrack klettern, neuerlich geschockt und nicht bei Bewusstsein. Ein Tipp: Nicht wieder reinklettern! Das Ding geht hoch.

Was Hänschen nicht lernen wollte, wird Hans erledigen müssen, auf die harte Tour nämlich, dem zweiten Bildungsweg. Der bedeutet in der Regel, dass man sich nicht allein auf das Erlernen des Neuen konzentrieren kann, sondern zudem noch hart arbeiten muss, um sich das Neue leisten zu können. Aber das ist nun mal der Preis dafür, dass man sich immer wieder denselben alten Gebrauchtwagen hat andrehen lassen und aus der Kurve geflogen ist. Wann fangen wir an zu lernen, und was?

VIII. Solidarität Nicht jeder steht unter Schock, einige kümmern sich um die Unfallopfer. Dominique Döttling gehört zu ihnen. Die engagierte Unternehmerin versucht im ganzen Land das klar zu machen, worum es bei der Veränderung, dem Lernen für das Neue, wirklich geht: um den Nutzen.

Den haben viele, meint sie, schon erkannt, wenngleich auch noch nicht in die Tat umgesetzt, also vollständig begriffen: "Die meisten Menschen wissen, dass ihnen der Staat nicht mehr weiterhilft. Und sie wissen auch, dass Fordern nichts nützt - man. kann nicht in Würde leben, wenn man ständig bitten muss, und das ist Fordern letztlich. Drei Viertel der Menschen haben verstanden, dass das keinen Sinn hat. Damit kann man schon eine Menge verändern", sagt Döttling. Doch sie weiß auch, dass Veränderungen schmerzlich sind. Klar. Hartz TV träfe schon viele sehr hart, aber es werde noch mehr und größere Härten geben. "Doch sie haben einen Sinn, und das meine ich nicht zynisch. Viele kennen die neuen Realitäten nur vom Hörensagen, aber bei immer mehr Menschen dringen die negativen Seiten der Veränderung auch in ihren Freundeskreis, in ihre Familien vor." Das führe allerdings nicht zu mehr Elend und Hoffnungslosigkeit, "sondern auch zu einem neuen Bewusstsein. Die Menschen lernen Solidarität nach dem Wortsinn, sie lernen wieder, dass man einander helfen muss".

Wenn man Solidarität so begreift, als Instrument, dann ist es ein nützliches Mittel zur Bewältigung des Wandels. Solidarität in diesem Sinn ist nach Dominique Döttling vor allem die Fähigkeit, "andere aufzufangen, aber sie auch zu ermutigen, ihr Verhalten zu ändern. Jede Verhaltensänderung muss mit Achtung und Respekt behandelt werden, unterstützt werden". Also ganz etwas anderes, als heute noch auf dem Programm steht, wo die, die Neues ausprobieren, per se die Doofen sind - und sich Häme und Spott all jener aussetzen müssen, die auf ihrem faulen Arsch sitzen geblieben sind, der eine hohle Birne stützt.

Davor haben die, die wissen, dass Veränderung nötig ist, die größte Angst: nach dem Schock auch noch geleimt, verachtet zu werden. Veränderung ist mehr als Lernen. Zur Veränderung gehört auch der Mut, Fehler zu machen und zu verstehen, dass sie nützlich sind.

IX. Cortex Wenn nicht aus Fehlern, woraus sollte man sonst lernen?

Vera F. Birkenbihl weiß das. Seit 40 Jahren gilt die Lernberaterin und Autorin als emsiger Motor einer neuen Sicht des Lernens, der Praxis der Veränderung. "Wir müssen zunächst mal verlernen, was wir in der Regelschule gelernt haben", sagt sie. Für Birkenbihl ist Selbstwertgefühl die wichtigste Voraussetzung für Veränderungsbereitschaft.

"Wir brauchen ein intelligentes Fehler-Handling, in dem man lernt, von seinen Fehlern zu profitieren." Manchmal, erzählt sie, spielt sie in ihren Seminaren Musik, die viele der Teilnehmer an Mozart erinnert. Tatsächlich aber stammt sie vom weniger populären italienischen Komponisten Muzio Clementi. "In der Schule würden wir nur hören: falsch. Im Seminar aber sage ich den Leuten: .Wer Mozart geraten bat, beweist, dass er das Wesen der Musik Mozarts verstanden hat.' Viele Felller enthalten wertvolle Informationen, die man in der Regelschule fast nie zu nutzen lernt, weil jeder Fehler bestraft wird." Birkenbihl hat gelernt, dass auch immer mehr Lehrer sich als Opfer eines starren Bildungssystems sehen - und wie anderswo ist das der erste Anstoß für eine Veränderung zum Guten. Man dürfe, darauf verweist Birkenbihl immer wieder, nicht übersehen, woher wir kommen, welches System hinter dem steckt, was wir vielfach heute noch für Normalität haken: "Wir befinden uns in der ersten postindustriellen Phase. In Zukunft werden nur mehr Kopfarbeiter eine Chance haben. Lebenslanges Lernen ist der einzige Weg in eine erfolgreiche eigene Zukunft. Vor einer Generation konnten noch mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer "Ungelernte" sein, derzeit sind es noch 15 Prozent, und die Zahl wird weiter sinken." Wer jetzt glaubt, das könne ihm egal sein, weil er - siehe Umfrageergebnisse - ohnehin alles weiß, was man zur Veränderung wissen muss, oder mit der Schule nichts am Hut hat, der irrt. Was Birkenbihl " Regelschule" nennt, muss man dem Wortsinn nach verstehen. Was wir gelernt haben, wie wir es gelernt haben, all das ist untrennbar mit einem Begriff verbunden: dem Industrialismus, ein System, das nicht nur den Cortex Franz Münteferings prägte.

"Der Industrialismus verlangte einen ganz neuen Menschentyp. Er forderte Fertigkeiten, die weder Familien noch die Kirche allein liefern konnten. Er erzwang die Umwälzung des Wertesystems", schreibt Toffler in "Future Shock". Das System konstruierte " ein neues Bildungssystem für die Massen, einen sinnreichen Apparat, um den benötigten Menschentyp zu produzieren. Das Problem war außerordentlich komplex. Wie passt man Kinder einer neuen Welt an, einer Welt der eintönigen Plackerei, des Rauches, des Lärms, der Maschinen, in beengten Wohnverhältnissen, der kollektiven Disziplin, einer Welt, in der die Zeit (...) durch Fabriksirene und Stechuhr eingeteilt wurde?", fragt er.

Durch die Einteilung der Zeit in feste Unterrichtsstunden, das Zusammenpferchen von Sechsjährigen in engen Sitzreihen, Sprechverbot, Bestrafung, das Klingeln der Schulglocke und vor allem das Eintrichtern der immer gleichen Inhalte für alle mit dem immer gleichen Ziel:. Sie alle über einen Kamm scheren zu können, sie gleich zu machen. Die große Schulfabrik, die Toffler beschreibt, hat uns alle geprägt, und auf diese Art und Weise funktionieren bis heute Betriebe, Organisationen, der ganze Alltag, ohne Ausnahme. Im Cortex Franz Münteferings regiert ein Gespenst aus einer alten Zeit. Er mag sich nicht davon trennen. Es ist seine einzige Zuflucht.

Es ist der Geist des alten Kapitalismus, der ihn selbst so in Bann hält. Ja, Rabelais hat Recht. Man kann auch von solchen Leuten etwas lernen. Solange die Erkenntnis daraus nicht das eigene Verhalten steuert.

X. Nie wieder Veränderung!

Hoffnung dürfen aber auch die anderen haben.

Viele hoffen auf ein neues Wunder, so wie die Regierung auf eine ausbrechende Sonderkonjunktur, die den eigenen Starrsinn, wie immer, durch die Früchte fremder Arbeit harmloser erscheinen lässt. Oder sie hoffen darauf, dass sich der ganze Arger mit dem Lernen und dem Verändern von selbst erledigt. Vertreter dieser Gattung kommen nicht nur aus dem Sauerland, sondern auch aus dem Silicon Valley. Ray Kurzweil ist einer der Propheten der Künstlichen Intelligenz, die uns, so meint er, schon in einigen Jahrzehnten auf die "letzte Stufe der menschlichen Evolution" heben würde. Computer, klüger als Menschen, würden uns die Plackerei und Mühen des Denkens abnehmen. Nie wieder Lernen! Keine Veränderung mehr! Denken lassen statt denken!

Nicht nur das, siehe oben, ist nicht neu.

Die Sache hat einen Haken. Künstliche Gehirne, schlauer als die unseren, werden weiterhin dem Gesetz aller Oberstübchen folgen. Das Gehirn ist durchaus mit dem Kapitalismus vergleichbar. Es ist eigennützig, es tut nur etwas, wenn es sich lohnt, und es nützt nur denen, die damit auch etwas anfangen wollen. Der Bremer Gehirnforscher Gerhard Roth weiß, "dass das Gehirn überhaupt nichts tut, wenn es sich keine unmittelbare Belohnung davon verspricht". Das muss so sein. Das Gehirn verbraucht die zehnfache Stoffwechselenergie im Vergleich zu gleich großen anderen Organen. Ein Einsatz, der sich rechnen muss.

Was aber hätten schlaue Computer davon, die alles besser könnten und wüssten als ihre Erbauer, sechs Milliarden Dumpfbacken durchzufüttern, deren einziges Ziel es ist, sich nicht mehr ändern zu wollen? Was wäre ihr Nutzen? Wenn wir nicht wissen, was wir wollen, verweigern die besten Instrumente ihre Kooperation. Aus guten Ideen werden böse Fallen.

Was wäre, wenn es nicht superschlaue, sondern nur einfach nützliche Maschinen wären? Maschinen, die uns Menschen schwere, gefährliche, anstrengende, Energie raubende Arbeit abnehmen würden? Die zudem noch in der Lage wären, mehr in kürzerer Zeit besser zu produzieren? Die Rede ist von Automation. Sie gilt seit langem als letzte Evolutionsstufe der Produktion. Darin sind wir weit gediehen, nahezu perfekt.

Das Gefährliche daran ist, dass alles, was wir für endgültig richtig halten, für perfekt, uns gleichsam davon abhält, an das Bessere und Nächste zu denken. Fertig ist fertig. Das macht immun gegen Veränderungen. Perfekte Systeme legen nahe, dass nichts mehr kommen kann, was der Mühe des Lernens lohnt. Diese Vorstellung ist antievolutionär, sie verweigert die Anpassung, sie ignoriert den Fortschritt und die Tatsache, dass alles, was Menschen sich einfallen lassen, auch von ihnen beherrscht - also begriffen - werden muss.

Die Automation ist so eine tickende Zeitbombe, denn das System, in dem sie geschaffen wurde, der Nationalstaat des Industrialismus, hat alle Hoffnung allein nur in sie gesetzt. Der Wohlstand würde sich von selbst mehren. Man musste nur ein wenig optimieren. Aber nicht neu denken. Doch Automation stand immer im Widerspruch zur Vollbeschäftigung und einem Staat, in dem einige davon leben, dass andere Tag und Nacht beschäftigt werden. Um zu bleiben, was sie sind.

Automation kann den Wohlstand mehren, wenn wir lernen, das Instrument richtig zu führen, statt es zu verleugnen und zum Sündenbock zu machen: Kapitalismus heißt das Werkzeug, mit dem es gelingen kann, Veränderungen so zu gestalten, dass alle etwas davon haben. Das muss man lernen. Wie lesen, rechnen und schreiben.

Klar, es gibt eine Alternative, die, die berechnende Machtmenschen all jenen, die nichts lernen wollen, immer schon empfohlen haben: Alles bleibt, wie es ist. Das ist die "letzte Stufe der Evolution". Dann stimmt auf den ersten Blick wieder alles. Keine Widersprüche, keine Plackerei, keine Veränderung. Evolution heißt auf Deutsch: Entwicklung. Und deren ultimative Stufe, der Punkt, an dem man nichts mehr lernen muss, die gibt es natürlich.

Das Fachwort dafür heißt allerdings nicht Rente.

Sondern Exitus. Lesetipps: Ayn Rand: Capitalism - The Unknown Ideal. New American Library, New York, 1986; 352 Seiten; 8,99 Dollar Perspektive Deutschland. Informationen unter www.perspektwe-deutschland.de Alvin Toffler: Future Shock. Random House, New York, 1970 Vera F. Birkenbihls Arbeit ist unter www.birkenbihl-insider.de dargestellt.

Besonders lesenswert: ein Aufsatz des Pädagogen John Taylor Gatto, der im September 2 001 unter dem Titel "How Public Education Cripples our Kids, and Why" erschien. Unter anderem erfahren wir dabei, wie das preußische Schulsystem in der Welt der Industrie Furore machte.