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DER PATRIOT

Die jüngere Geschichte des Kongos ist schnell erzählt: Der Krieg kam, und er ging nicht mehr. Horst Gebbers’ Geschichte ist ähnlich kurz: Er produziert im Kongo sehr erfolgreich Malaria-Medikamente.




Bukavu, nachmittags um vier. Der alltägliche Regenguss hat die Uferpromenade der afrikanischen Riviera am malerischen Kivu-See in eine Schlammlandschaft verwandelt. Schweine wälzen sich in Pfützen groß wie Teiche, Autos versinken bis zu den Achsen im Morast, am Straßenrand zum Verkauf angebotene Fische werden von Dreckspritzern paniert. Von dem Schlamassel unbeeindruckt, steuert Horst Gebbers seinen 20 Jahre alten Geländewagen durch den Matsch. Auf dem Weg zu seiner Firma sah sich der deutsche Unternehmer schon mit ganz anderen Hindernissen konfrontiert: bewaffnete Teenager, die an improvisierten Straßensperren Wegezoll erpressten, betrunkene Soldaten auf der Jagd nach Mädchen, am Straßenrand verstreute Leichen. "Ich werde diese Bilder nie vergessen", sagt Horst Gebbers und schweigt.

Als es den mecklenburgischen Bauernsohn vor 33 Jahren nach Afrika verschlug, war Bukavu noch ein Paradies, das sich die belgischen Kolonialherren als Urlaubsziel errichtet hatten. Inzwischen ist das Ferienparadies zum Herz der Finsternis geworden: Elf Jahre Krieg zwischen Regierungstruppen und Rebellen, Tätern und Hinterbliebenen des ruandischen Völkermordes, illegalen Mineralienschürfern und Streitkräften aus zeitweise bis zu acht Nachbarstaaten haben den Ostkongo in eines der größten Leichenfelder der Welt verwandelt: Mehr als vier Millionen Menschen starben. Selbst als schon Blauhelme in Bukavu stationiert waren, kam es im vergangenen Jahr erneut zu Kämpfen und Massenvergewaltigungen: "Das war der Krieg, der uns am meisten zugesetzt hat", sagt Gebbers, "weil keiner mehr damit gerechnet hatte." Am Rand der Schlammlandschaft taucht eine überraschend solide Mauer und dahinter mehrere tadellos weiß gestrichene Gebäude mit dunkelgrünen Dächern auf. Palmen säumen das Gelände, in dessen Zentrum ein roter Weihnachtsstern blüht - "Pharmakina Bukavu" steht auf einem Firmenschild. Eine intakte Insel in einem Meer der Zerstörung: Mit 736 ständigen Beschäftigten und fast 1000 Saisonarbeitern ist dies mit weitem Abstand das größte Privatunternehmen im Ostkongo - und eine der wenigen Produktionsstätten, die allen Kriegen trotzte. "Es gab nur wenige Wochen, in denen wir nicht produzieren konnten", sagt Horst Gebbers, Chef der Chininfabrik, stolz.

"Baba", wie ihn seine Allgestellten rufen, ist ein untersetzter Herr mit hopfengenährtem Bauch und weißem Haar, den so schnell nichts aus der Fassung bringt - auch wenn sein von der Äquatorsonne meist purpurrot gebrannter Kopf jeden Augenblick zu explodieren droht. "Wer hätte gedacht, dass ein Mecklenburger Bauer mal mit solchen Geräten umgehen wird", murmelt Monsieur le directeur, als er in seinem schlichten Büro einen Laptop aus der Aktentasche zieht. Aber zumindest die Sturheit eines Landwirts hat sich der Firmenchef erhalten.

Mit unerschütterlicher Ausdauer, seinen in 33 Kongo -Jahren gesammelten Kontakten und gelegentlichem Bakschisch verstand es Gebbers, die wechselnd siegreichen Kriegsparteien von der Plünderung seines Betriebes abzuhalten: Nur einmal, bei der ersten Eroberung der Stadt, musste Pharmakina Bukavu neun Lastwagen und einen Tank voller Sprit abschreiben. Damals saß Gebbers mit der gesamten Belegschaft für mehrere Tage auf dem Betriebsgelände fest: "Das schweißt zusammen", sagt der Deutsche, der fließend Kikongo, Suaheli und Französisch spricht.

Der Grundstein der bukavischen Chininfabrik wurde vor 60 Jahren von den Belgiern gelegt, die für ihre Kolonialbeamten ein Malaria-Heilmittel brauchten. Nach der Unabhängigkeit des Kongos und der Flucht der meisten Flamen und Wallonen erwarb der deutsche Pharmakonzern Boehringer Mannheim 1961 den Betrieb und baute ihn zu einem prosperierenden Unternehmen mit Plantagen, Fuhrpark und einer chemischen Extraktionsanlage aus. Der Pfälzer Boehringer war im 19. Jahrhundert mit Chinin-Importen aus Lateinamerika reich geworden, "und während des Vietnamkriegs", so Gebbers, "boomte das Geschäft noch mal stark".

Danach ging es allerdings bergab. Und als Boehringer Mannheim 1998 von dem Basler Pharmaunternehmen Hoffman La Roche geschluckt wurde, entschied sich die neue Konzernführung für den allmählichen Ausstieg aus der Chinin-Produktion - die auf dem afrikanischen Hungerkontinent weit verbreitete Malaria-Erkrankung versprach keine ausreichenden Profite. Als in Bukavu wenig später auch noch Krieg ausbrach, wurde aus dem allmählichen ein plötzlicher Ausstieg: Hastig rief Roche im November 1998 die Pharmakina-Manager nach Mannheim, um ihnen die sofortige Stilllegung des Werkes zu eröffnen und höflichkeitshalber nachzufragen, ob jemand an der Übernahme des Betriebes interessiert sei. "Ich brauchte keine zwei Minuten Bedenkzeit", erinnert sich Gebbers. Gemeinsam mit Etienne Erny, dem französischen Finanzchef Pharmakinas, hob er die Hand. Ein holländisches Unternehmen, dem die Firma ebenfalls angeboten worden war, gab den neuen Eignern damals höchstens zwei Jahre Überlebenszeit: "Das Amsterdamer Unternehmen ist inzwischen pleite", sagt Gebbers lachend, "und wir leben." Die Maschinen sind aus den Fünfzigern und werden mit Holz beheizt - aber die Produktion läuft Der Deal war zugegebenermaßen ein Schnäppchen: Für den Kauf des Werks am Kivu-See reichte die Abfindung der beiden Manager aus. Statt nun aber ihre labile Neuerwerbung in defensivem Kurs durch die kongolesischen Kriegswirren zu manövrieren, setzten die neuen Pharmakina- Chefs auf Expansion, erwarben weitere Plantagen und verdoppelten die Produktion. In Bukavu wird inzwischen nicht mehr nur wie zu Boehringer-Zeiten der Grundstoff für Malaria-Medikamente, sondern bis zum Endprodukt Pille alles hergestellt. Dafür ließ Gebbers zahlreiche gebrauchte Maschinen aus Deutschland ins Zentrum Afrikas schaffen - zum Teil stammen die noch aus den fünfziger Jahren. Heute baut Pharmakina nicht nur 1200 Hektar Chinarinden-Bäume an und deckt damit fast 40 Prozent des weltweiten Chinin-Bedarfs ab. Das Werk dominiert auch den Malaria-Medikamenten-Markt in weiten Teilen Afrikas und liefert den Pillengrundstoff Totaquina nach Europa und in die USA.

"Ohne Gebbers wäre das nicht möglich gewesen", sagt Emanuel Biringanine, der seit 46 Jahren bei Pharmakina tätig ist. Der äußerst verlässliche Senior kontrolliert die von vier auf acht Kessel erweiterte Extraktionsanlage, deren Dampf mit Holzfeuer erzeugt wird. Von drei Schichten betrieben, läuft die Anlage 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Die Produktion während der Kriegsjahre ununterbrochen am Laufen zu halten war eine logistische Meisterleistung: Da die Grenze zum in Sichtweite gelegenen Nachbarstaat Ruanda immer wieder geschlossen wurde, musste aus Kenia stammender Nachschub wie Leichtbenzin oder Sodacarbonat per Flugzeug über Europa nach Bukavu geschafft werden. Selbst die für den heimischen Markt bestimmten Chinin-Pillen wurden zuweilen über Brüssel in die kongolesische Hauptstadt Kinshasa geflogen. "Wir mussten Verluste in Kauf nehmen, nur um auf dem Markt zu bleiben", sagt Gehhers. "Doch langfristig zahlt sich das aus." Abendessen in der Villa Gebbers, mit atemberaubendem Blick über den vulkanumsäumten Kivu-See. Im Garten stolzieren zwei majestätische Kronenkraniche, ein Graupapagei plappert dreisprachig in seinem Käfig. Hinter dem schon seit 1978 von der vierköpfigen Familie bewohnten Haus hat sich Horst Gebbers eine Orchideenzucht mit fast 500 aus aller Welt stammenden Sorten angelegt. "Hätten wir etwa zulassen sollen, dass die den Schlüssel in den See werfen?", rechtfertigt der Firmenchef seinen damals von vielen belächelten Entschluss, das im Kriegsdschungel gelegene Pharma-Unternehmen zu erwerben.

Im Zeitalter der Globalisierung wirkt der Kauf eigentlich ganz und gar nicht sinnvoll. Wäre es nicht wesentlich vernünftiger gewesen, die Verarbeitung der Chinarinde in ein stabiles Billiglohnland wie etwa China zu verlegen? "Ach, dieses modische Scheißwort Globalisierung", poltert der Mecklenburger unerwartet heftig los. "Wir können doch nicht für immer nur die Rohstoffe aus diesen Ländern ziehen und sie woanders weiterverarbeiten!" So hätten es die Kolonialherren einst gemacht, und so machten es die Coltan- und Cassiterit-Räuber noch heute. "Auf diese Weise kommen diese Länder nie auf einen grünen Zweig." Immerhin hat Gebbers - der 1972 zunächst als Entwicklungshelfer im Auftrag der katholischen Kirche in den Kongo kam, bevor er vier Jahre später bei Pharmakina anheuerte - unter Beweis gestellt, dass ein Unternehmen auch gegen den ökonomischen Trend und ohne die Sonnenscheinbedingungen der Ersten Welt geführt werden kann. "Ein junger, erfolgreicher Manager aus Europa hätte unsere Firma wahrscheinlich in zwei Monaten in den Ruin getrieben", ist Gebbers Partner Erny überzeugt.

Eine asiatische Pharmakologin produziert im afrikanischen Dschungel illegale Aids-Medikamente Die Pharmakina-Kapitäne setzen ihren Expansionskurs ungebrochen fort. Als der 63-jährige Gebbers in einem deutschen Nachrichtenmagazin von der thailändischen Pharma-Rebellin Krisana Kraisintu las, die den internationalen Pharmakonzernen mit unerhört billigen Anti-Aids-Cocktails den Kampf angesagt hat, wusste er, was zu tun war: die Pharmakologin in den Kongo holen und dort die mit Abstand preiswertesten antiretroviralen Medikamente der Welt herstellen - schließlich kann nur so gewährleistet werden, dass sich mehr als nur eine verschwindend geringe Elite der rund 25 Millionen aidsinfizierten Afrikaner die lebensrettende Medizin leisten kann.

"Wie ist das Wetter draußen?", fragt Krisana Kraisintu lachend, als wir sie in dem neu errichteten Gebäude auf dem Pharmakina-Gelände überraschen. Die rundliche, kaum 1,50 Meter große Frau befindet sich seit sechs Tagen zur Installation der antiretroviralen Medikamentenproduktion in Bukavu und hat ihren weißen Arbeitskittel seitdem nur zum Schlafen abgelegt. " Die waren wohl zu lange kolonialisiert und haben mit ihrem Selbstbewusstsein auch ihre Arbeitsmoral verloren", urteilt Kraisintu etwas ruppig über die Bewohner ihres Gastlandes: Ihre kongolesischen Kollegen schütteln angesichts des Tatendrangs der Pharmakologin ungläubig den Kopf. Glücklicherweise hat die Thailänderin in Gebbers einen Partner gefunden, der sowohl über " einen Sinn für Qualität" wie "europäische Tugenden" verfüge. "Denn selbst wenn wir uns hier im Dschungel befinden", sagt Kraisintu lachend, "so müssen wir doch tadellose Ware produzieren." Die Pharmakologin will in Bukavu einen neuen Weltrekord aufstellen: Nur noch zehn US-Dollar werden die bei Pharmakina hergestellten antiretroviralen Pillen einen Aidspatienten im Monat kosten. Noch vor wenigen Jahren verlangten die Konzerne für praktisch dasselbe Produkt mehr als 1000 Dollar. Der sagenhafte Sparpreis kommt unter anderem zu Stande, weil die Demokratische Republik Kongo zwar Mitglied der Welthandelsorganisation WTO ist, sich aber in diesem Fall trotzdem niemand um Patentrechte schert. Gebbers musste seiner thailändischen Geschäftspartnerin versprechen, keinen Profit aus der Produktion der Afri-Vir getauften Aidscocktails zu ziehen. Doch weil er einen Teil seiner Verwaltungskosten über die Herstellung der antiretroviralen Medikamente abrechnen kann und außerdem internationale Aufmerksamkeit gewinne, ergebe der neue Produktionszweig durchaus auch wirtschaftlich Sinn, kalkuliert er.

Eine ähnliche Mischung aus Wohlwollen und Eigennutz prägt auch die engste Beziehung des Unternehmers zu einem Kongolesen: seine Freundschaft mit Chimanye II., dem König von Kaziba. Seine Hoheit herrscht als traditioneller Führer über gut 70 000 Personen, arbeitet aber die meiste Zeit als Senator in der Hauptstadt Kinshasa und ist dort als Gebbers' Verbindungsmann zur Regierung hervortagend platziert. Der 45-jährige Monarch setzt sich unter anderem dafür ein, dass der illegale Chinarinden-Export durch Pharmakina-Konkurrenten unterbunden wird, und hält seinen bukavischen Freund über die Vorgänge in der Regierungsstadt auf dem Laufenden. Im Gegenzug kümmert sich Gebbers nebenberuflich um das Wohl des Königreichs, gewissermaßen als Hobby-Entwicklungsprojekt.

Kaziba liegt kaum 50 Kilometer südlich von Bukavu. Da jedoch keine Teerstraße dorthin führt - im gesamten Ostkongo ist Asphalt inzwischen schwerer zu linden als Gold - dauert die Fahrt mit dem Jeep mehr als drei Stunden, zwei Reifenpannen eingeschlossen. Bei unserer Ankunft in Begleitung des Monarchen werden wir von in Tierfellen gekleideten Tänzern und wilden Trommlern begrüßt, ein ergrauter Herr wirft sich vor Chimanye II. in den Staub. In Kaziba ist die Welt fast noch, wie sie sich dem Entdecker Henry Stanley präsentierte.

Das in mehr als 2000 Metern Höhe gelegene idyllische Bergkönigreich gilt als Hort der Stabilität: Eine von Chimanye II. initiierte 300-köpfige Bürgermiliz sorgt dafür, dass das königliche Hoheitsgebiet nicht von marodierenden Rebellen heimgesucht wird. In den Augen Gebbers könnte die Bonsai-Monarchie sogar als Keimzelle für die Erneuerung der ganzen Nation dienen. "Die traditionellen Strukturen sind vielleicht die einzige Grundlage, auf der wieder eine funktionierende Gesellschaft errichtet werden kann." Deshalb legt sich der Pharmakina-Chef für Kaziba gewaltig ins Zeug. Das dortige Krankenhaus, aus dem sich eine norwegische Hilfsorganisation bei Kriegsbeginn fluchtartig zurückgezogen hat, wird auf Gebbers' Initiative hin inzwischen vom Malteser Hilfsdienst unterstützt, die Gesellschaft für Technische Zusammarbeit (GTZ) schafft Medikamente heran. Die Landwirtschaftsschule von Witzenhausen schickt Praktikanten in die Kongoberge, um der Bevölkerung den Kartoffelanbau oder die Hühnerzucht nahe zu bringen. Und das sauerländische Dörfchen Schalksmühle schloss mit Kaziba eine vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit kofinanzierte Partnerschaft, in deren Rahmen bereits Wasserleitungen verlegt und Straßen gebaut worden sind. Aus eigener Tasche ließ Gebbers Fischteiche anlegen, und er kümmert sich um das Waisenhaus.

Statt Kommunalsteuern gibt es Schmiergelder., die direkt an die Verantwortlichen gezahlt werden Bei einer Versammlung des Ältestenrates wird kübelweise Lob über den Mentor der Bergregion geschüttet: "Gebbers ist unser Freund und Helfer", sagt der Ratsvorsitzende. "Wir hoffen, dass er noch viele Deutsche zu uns führt." König Chimanye schätzt an seinem " väterlichen Ratgeber und Freund", dass er "mit den Mächtigen genauso wie mit den normalen Leuten redet". Und dass man gar nicht mehr sagen könne, ob er "eigentlich Kongolese oder Deutscher ist".

Womöglich ist das Geheimnis des unerwarteten Erfolgs des Firmenchefs, dass er nicht allein von dem Land lebt, in dem sich sein Unternehmens befindet, sondern auch mit ihm, und zwar mit allen Konsequenzen. "Nur gegenüber Journalisten behaupte ich immer, dass wir völlig sauber sind und keine Schmiergelder bezahlen", räumt Gebbers ein. "In Wahrheit müssen wir natürlich mit den Leuten hier leben." Das bedeutet beispielsweise, dass sich der Gouverneur wie selbstverständlich an das einzige funktionierende Unternehmen in Bukavu wendet, wenn seine Residenz zu renovieren ist, oder dass der Polizeichef gelegentlich vorbeischaut, um sich eine Belohnung für die reibungslose Zusammenarbeit abzuholen. Und wenn der Pharmakina-Chef möchte, dass die an der Firma vorbeiführende Hauptverkehrsstraße der Stadt nicht vollständig unpassierbar wird, sollte er dem Bürgermeister besser 2000 Liter Benzin zukommen lassen: Erst dann werden mal wieder ein paar Lastwagenladungen Dreck in die teichgroßen Schlaglöcher geschüttet.

Ein Drink am frühen Abend im Sportclub von Bukavu. Mit diesem Ort verbindet Horst Gebbers' 36-jähriger Sohn Michael die schönsten Kindheitserinnerungen: In der am Seeufer gelegenen Anlage gingen in den noch friedlichen siebziger Jahren hunderte von europäischen Aussiedlerfamilien ihrem kolonialen Dolce Vita nach, an Weihnachten pflegte hier der Nikolaus mit dem Boot anzulegen. Heute ist der Club nur noch ein Schatten seiner selbst. Und hätte der jüngere Gebbers-Sohn Dirk nicht die Renovierung der Tennisplätze in Angriff genommen, bliebe als einzig mögliche Sportart im Cercle sportif das Darts-Spiel in der versifften Lounge.

Horst Gebbers Hoffnung ruht auf seinen Söhnen, die beide in der Firma beschäftigt sind: Michael kam gerade erst aus Brüssel nach Bukavu zurück, um den 63-jährigen Vater zu entlasten. Der aber schmiedet zum Leidwesen seiner Gattin immer weitere Pläne: Neben der Malaria und der Immunschwächekrankheit Aids soll sich Pharmakina künftig auch um die "dritte Geißel der Afrikaner", die Tuberkulose, kümmern. Als Fachmann für Pflanzenheilkunde konzentriert sich Sohn Dirk außerdem auf die Kultivierung des Prunus Africana, eines einheimischen, vom Aussterben bedrohten Baumes, dessen Rinde offenbar gute Dienste bei Prostata-Beschwerden leistet.

Gegenwärtig hat Dirk allerdings andere Sorgen. " Selbst wenn der Krieg tatsächlich vorüber sein sollte, was ich zu bezweifeln wage, wird es hier nicht besser werden", brummt der Landwirtschaftschef der Firma missgelaunt. "Ehrlich gesagt, sehe ich hier keine Zukunft." Wie die Geier machten sich die kongolesischen Politiker über die wenigen erfolgreichen Unternehmer her, während skrupellose indische Geschäftsleute den Markt mit minderwertigen Produkten überschwemmten. Für verarbeitende Industrie sei das Land schlicht die falsche Adresse.

Horst Gebbers hört sich den Wutausbruch seines Sohnes, der vor vier Jahren vom Studium aus Deutschland begeistert zurückgekehrt ist, mit der ihm eigenen Ruhe an. "Ach, das ist ganz normal", sagt der Wahlkongolese schließlich trocken, der 87 Pharmakina-Mitarbeiter aus Europa kommen und gehen gesehen hat: "Die ersten zwei Jahre ist man total begeistert. Dann kommt eine Phase, in der man alles hasst. Und wenn man da durch ist, dann bleibt man hier."