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Auf der Suche nach der Begeisterung

Als Lehrerin hat Hertha Beuschel-Menze neue Ideen in die Schule gebracht. Dann erfand sie die Lernbox und wurde eine der erfolgreichsten Schulbuchverlegerinnen. Ihr Ziel aber ist geblieben: Kindern den Spaß am Lernen zurückzugeben.




Schule ist langweilig. Das hat Hertha Beuschel, wie fast jeder, schon als Kind gelernt. So sehr hatte sie sich auf den ersten Schultag gefreut, sie stürzte sich begeistert auf alles Neue. Doch sie lernte zu schnell. Und neues Futter für ihren Geist sah der Lehrplan nicht vor. Bald jedoch stellte sie fest, dass ihr von der Lernfreude, die fast alle Kinder mit in die Grundschule bringen, spätestens in der fünften Klasse kaum noch etwas übrig geblieben war. Wo war sie hin, die Begeisterung? Hertha Beuschel beschloss, Lehrerin zu werden: eine Lehrerin, die den Kindern diese Begeisterung erhält.

Heute, gut 40 Jahre später, sitzt sie beim Brezelessen in ihrem Garten in Lichtenau bei Baden-Baden. Hühner laufen auf dem Grundstück der 58-Jährigen herum. Sie besitzt ein großzügiges Haus. Und nur eine Straßenecke entfernt befindet sich in einem Fabrikgebäude ihr AOL Verlag. Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit sie aus der Initiative "Arbeitsgruppe Oberkircher Lehrmittel" das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Lehrer, gegründet hat. 50 Mitarbeiter hat der Verlag heute und einen Jahresumsatz von rund sechs Millionen Euro.

Ihr größter Coup und bis heute die Haupteinnahmequelle des Verlages: die Lernbox, eine rechteckige Schachtel mit fünf unterschiedlich großen Fächern, die auf den Ideen des Gehirnforschers Frederic Vester beruht. Vester hatte den Weg des Wissens vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis beobachtet und beschrieben - die Lernbox vollzieht diesen Weg über die unterschiedlichen Fächer nach. So wandert beispielsweise eine Vokabelkarte schrittweise vom täglich zu wiederholenden ersten (Kurzzeitgedächtnis) über die verschiedenen Stufen ins letzte Fach, das bereits gespeichertes Wissen enthält. Eine schlichte Idee, die hilft und mittlerweile von nahezu jedem sechsten Schüler in Deutschland genutzt wird. Rund 3,5 Millionen Lernboxen hat der Verlag in den vergangenen Jahren verkauft. Und doch ist der AOL-Verkaufshit für Beuschel-Menze nur einer von vielen Bausteinen, die sie zusammengetragen hat für eine Schule, in der Lernen Spaß macht.

Dieses Ziel hat sie getrieben, von Anfang an. Gleich nach dem Staatsexamen, begann sie, es umzusetzen. Wenn grundsätzlich jeder Schüler etwas lernen will, so ihre erste Überlegung, dann muss der Lehrstoff so aufbereitet sein, dass er diese Neigung unterstützt. Sie fing daher an, aufwändige Arbeitsblätter für ihren Unterricht zu entwerfen, beispielsweise die "Materialien zum Sexualkunde-Unterricht". Oder sie lieh sich beim Sportlehrer Seile und erklärte den springenden Schülern die Grundzüge der Mathematik. Die seltsamen Unterrichtsmethoden sprachen sich schnell herum, ebenso wie das gute Abschneiden ihrer Schuler. Bald liehen sich immer mehr Kollegen ihre Arbeitsblätter aus. Und sie gründete die Arbeitsgruppe Oberkircher Lehrmittel, über den sie ihr Unterrichtsmaterial als Kopiervorlagen verkaufte.

Wo führt das hin, wenn Schüler lernen, was sie wollen?

Doch schon nach wenigen Jahren stießen ihre pädagogischen Bemühungen an Grenzen. Immer wieder erlebte sie, dass Schüler trotz ihres aufwändigen Lernmaterials den Unterricht verweigerten, störten oder sich langweilten. Die Schlussfolgerung Beuschel-Menzes: Ihre Unterrichtmethoden passten sich noch nicht genügend an die jeweiligen Interessen, das Lerntempo, die Tageslaune und die Fähigkeiten der einzelnen Schüler an. Erst wenn es ihr gelänge, die Lerninhalte wie einen Maßanzug an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen, käme sie ihrem Ziel vom begeisterten Lernen näher. Am besten wäre es, die Schüler könnten selbst bestimmen, was sie lernen wollten.

In ihrer neuen Arbeitsstelle - nach Haupt- und Realschule hatte sie sich für eine Grundschule entschieden - startete sie daher ein Experiment. Sie löste sich vom Konzept des Frontalunterrichts und verwischte die Grenzen zwischen den Fächern. Stattdessen rührte sie Wochenpläne ein, in denen sie festlegte, was die Schüler in der kommenden Woche lernen sollten. Welche Mathe-Aufgabe, welche Schreibübungen, welchen Lesestoff. Wann oder in welcher Reihenfolge sie das tun wollten, blieb den Schülern überlassen. Gleichzeitig organisierte sie das Klassenzimmer neu. Sie richtete verschiedene Stationen ein: einen Experimentiertisch, an dem die Kinder beispielsweise lernen konnten, wie man einen Feuerlöscher aus Backpulver baut. Und einen Spieltisch, etwa um eigenständig Diktate zu üben. Dazu Bücherregale.

Sie, die Lehrerin, war von nun an nur noch Ansprechpartnerin oder kümmerte sich gezielt um einzelne Schüler. Die konnten nun selbst entscheiden, in welchem Tempo sie was lernen wollten: Schnell den Pflichtstoff erledigen und den Rest der Woche Zusatzaufgaben lösen? Oder bis Mittwoch ihre Zeit nur mit Mathe verbringen? Mit dieser Methode erreichte die Pädagogin, dass die langsamsten Schüler alles Notwendige schafften - und die schnelleren immer neue Anregungen bekommen konnten.

"Ich finde es richtig, Kinder in erster Linie an sich selbst zu messen", sagt Hertha Beuschel-Menze noch heute. Auf ihrem Gartentisch stapeln sich jede Menge Materialien, die sie für die damals von ihr erprobte Art des Lernens, der Freiarbeit, entwickelt hat. Inzwischen vertreibt sie diese Materialien im Freiarbeit-Verlag, einer Tochter des AOL Verlags.

Noten, egal, ob gute oder schlechte, hat sie immer in einen Text gepackt, der gleichzeitig eine Begründung für die Zensur bot. Und sie hat immer wieder unterschiedliche Arbeiten mit Schülern geschrieben. Ein leistungsstarker Schüler bekam beispielsweise ein Diktat nut 80 Wörtern, ein schwächerer Schüler schrieb in der gleichen Zeit eines mit nur 30 Wörtern. So hatten beide Kinder im Rahmen ihrer Fähigkeiten Erfolgserlebnisse. Für die Zeugnisnoten allerdings musste auch Beuschel-Menze normale, für alle Schuler gleiche Arbeiten, schreiben lassen und dabei auch Fünfen und Sechsen vergeben.

Vielen Eltern und Kollegen waren ihre Lehrmethoden allerdings suspekt. Brauchen Schüler nicht eine Autorität, die ihnen Anweisungen gibt und sie kontrolliert? Was soll das bringen, wenn jeder macht, was er will? Und was nützt ein Diktat, wenn die Schüler vorher genau diese Sätze geübt haben?

Die Unterstützung ihres damaligen Direktors und des Seminarschulrats halfen, auf diversen Elternabenden auch die Zweifler von ihrem Konzept zu überzeugen. Außerdem herrschte in der Regel viel mehr Freude, Konzentration und Leidenschaft in ihrem Klassenzimmer - Begleiterscheinungen, die kaum zu verhindern sind, wenn man Menschen lernen lässt, was sie interessiert. Und die Schüler schauten genauso wenig auf die Vorlagen für die Diktate, wie Erwachsene beim Lösen von Kreuzworträtseln auf die vorgedruckten Antworten sehen.

"Um für die Zukunft vorbereitet zu sein, müssen Menschen lernen, sich selbstständig Informationen zu beschaffen und sich selbst zu helfen", sagt Beuschel-Menze. "Und sie müssen Selbstwertgefühl entwickeln - das aber gelingt nur, wenn man sie in ihren Fähigkeiten unterstützt." Mittlerweile sind ihre Erkenntnisse in die Lehrpläne vieler Schulen eingeflossen. Außerdem wollen diverse Kultusminister in den Schulen mehr Freiarbeit und ein flexibles Schuleintrittsalter einführen.

Der Erfolg des AOL Verlags beruht allerdings auf einer Abkehr von ihrem angestrebten Ideal: der reinen Lehre des Freiarbeitsunterrichts, dem Unterricht ohne Vorgaben. Ursprünglich hatte Beuschel-Menze ihre Lernbox bewusst ohne Inhalte konzipiert. Doch weil immer mehr Lehrer klagten, ihre Schüler würden eigenständig keine Karteikarte beschreiben, fing Beuschel-Menze an, vorgefertigtes Wissen zu produzieren. Rund 400 verschiedene Versionen mit Lernkarten gibt es heute in ihrem Verlag - von englischen Vokabeln über Geschichtswissen bis zu Grundkenntnissen in Biologie. Ganz im Sinne vieler Pädagogen, die froh sind, dass sie jemand von der mühseligen Eigenarbeit befreit.

Und noch eine Schlappe hat sie einstecken müssen: Hertha und Frohmut Beuschel-Menze mussten als Lehrer kündigen - der Staat wollte sie nicht länger für den Zweitberuf als Verleger freistellen. Inzwischen haben sie 75,2 Prozent ihres Unternehmens an den Ernst Klett Verlag verkauft und arbeiten dort nur noch als Lektoratsleiter. Warum? "Wir hatten immer mehr mit Verwaltung zu tun, statt neue Ideen zu entwickeln." Und die sind Mangelware an der Schule.