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ANATOMIE EINER BLASE

Wer dem Kapitalismus übel will, ist schnell bei den Spekulanten. Wie sie arbeiten und wo sie tatsächlich gefährlich werden können - das zeigt nahezu idealtypisch die Asienkrise von 1997.




Mittlerweile haben wir uns damit abgefunden: Die Globalisierung ist eine unübersichtliche Angelegenheit. Besonders vertrackt erscheinen globale Finanzbewegungen, bei denen tagtäglich Billionen Dollar und andere Währungen um die Erde schießen. Da macht es die Sache nicht leichter, dass niemand genau weiß, um wie viel Geld es dabei wirklich geht.

Dass das Weltfinanzsystem heute so wirr erscheint, ist kein Zufall: Zu Beginn der achtziger Jahre forcierten die G7-Staaten unter der marktergebenen Führung von Margaret Thatcher und Ronald Reagan den freien Fluss der Weltfinanz. Die vollständige Deregulierung der Finanzmärkte begann 1987 in der Londoner City. Der so genannte Big Bang war gleichsam der Startschuss für eine neue Ära der finanziellen Globalisierung. Beinahe zeitgleich brach die New Yorker Börse zusammen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hat das System etwas diffus Anarchisches.

Die Akteure operieren anonym aus den großen Finanzzentren von New York, London und Tokio. Und es gibt nicht einen Herzschlag, der den Puls der Ströme am Leben erhält, sondern viele: Ein komplexer Mix aus unterschiedlichsten Marktstrategien, spekulativen Manövern, Massenpsychologie und Informationsturbulenzen beeinflusst die Entwicklungen.

So kann das globale Finanzsystem ein gigantischer Wirtschaftsmotor sein, aber wie die Erfahrung eben auch zeigt, einer mit gewaltiger Explosionsgefahr - der von nichts und niemandem kontrolliert oder auch nur überblickt werden kann. Die Kapitalströme sind eine Quelle steter Instabilität. Gerade der Devisenmarkt war im vergangenen Jahrzehnt immer wieder anfällig für leidvolle Krisen. Zu deren Opfern gehörten Mexiko, Argentinien, Chile und - als prominentestes Beispiel -Ostasien: Taiwan, Südkorea, Singapur, Malaysia, Indonesien und Thailand - alles Staaten, deren wirtschaftliche Entwicklung bis Mitte der neunziger Jahre rasant verlief, so rasant, dass sie den Namen Tigerstaaten erhielten.

Politiker und Ökonomen gerieten ins Schwärmen, wenn die Sprache auf das ostasiatische Wirtschaftswunder kam. Mit durchschnittlich acht Prozent Wachstum ließen die aufstrebenden Märkte die etablierten Volkswirtschaften des Westens alt aussehen. Das weckte Begehrlichkeiten: Um an dem Aufschwung mit zu verdienen, drängte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Tiger, ihre Kapitalmärkte für ausländisches Kapital zu öffnen. Zwar waren die wegen ihrer hohen Ersparnisse darauf nicht angewiesen, fügten sich als Exportnationen aber. Mit der Liberalisierung floß jede Menge Kapital in die Region. Das ohnehin hohe Wachstum beschleunigte sich weiter. Ein aberwitziger Immobilien-Boom setzte ein. Bürohochhäuser, Luxuswohnungen und Spielkasinos schossen wie Pilze aus dem Boden. Alles schien möglich.

Wie entsteht das Treibgas, das eine Spekulationsblase füllt?

Doch die schnelle Entwicklung hatte einen Haken: Die Tigerstaaten erlagen der Verlockung des günstigen Geldes aus dem Ausland und häuften so eine immense Auslandsverschuldung an, meist in Form kurzfristiger Kredite. Zudem belasteten unrealistisch fixierte Wechselkurse das System. Diese Faktoren allein hätten genügt, um den Boom ins Gegenteil zu verkehren. Aber sie spielten vor dem Hintergrund nahezu klassischen Politikversagens: Der Zweckoptimismus der Regierungen, die angesichts der Entwicklungen keine Vorsicht mehr kannten, ließ die Verschuldung ungehindert weiterwachsen.

Die Faktoren verstärkten sich gegenseitig. Im Laufe des Jahres 1997 überholten die Schulden das thailändische Bruttosozialprodukt um mehr als ein Drittel. Weil die Wechselkurse fixiert waren, entstand ein dramatisches Missverhältnis zwischen der realen Wirtschaftssituation und dem Nennwert der Währung. Eine Situation, in der die Politik hätte reagieren müssen. Da sich aber die Finanzinstitutionen selbst unsolide verhielten - sie waren an der Auslandsverschuldung maßgeblich beteiligt, und die Bankenaufsicht versagte -, griff niemand ein, und die Krise spitzte sich weiter zu.

Das war die Voraussetzung für die Spekulationsblase im ostasiatischen Raum. Denn genau diese Diskrepanz zwischen nominalem und realem Wert einer Währung ist eine Verlockung, der kein Spekulant widerstehen kann. Wenn sich andeutet, dass der überbewertete Kurs in absehbarer Zeit wieder auf ein realistisches, niedrigeres Niveau sinkt, verschuldet sich der Spekulant in dieser Währung: Mit einer Abwertung reduzieren sich auch seine Schulden - und diese Differenz kann er als Gewinn verbuchen. Wenn genug Akteure diese Diskrepanz erkennen und auf eine Abwertung der überbewerteten Währung spekulieren, steigt der Druck in der Blase weiter. Manche Ökonomen sehen darin ein sinnvolles Regulativ - ja, sogar die eigentliche Funktion der Spekulation: Sie sei von Nutzen, weil sie volkswirtschaftliche Ungleichgewichte korrigiere.

Die Blase bläht sich auf - alles läuft in eine Richtung. Es gibt kein Entrinnen In der Praxis sah die Korrektur dann so aus: Spekulanten nahmen bei thailändischen Banken Baht-Kredite in Milliardenhöhe auf - allein der Quantum Fonds des amerikanischen Finanzjongleurs George Soros soll sich mit einigen hundert Millionen Baht verschuldet haben, was Soros bis heute bestreitet.

Dann tauschten sie bei der thailändischen Zentralbank Baht zum garantierten Wechselkurs wieder in Dollar zurück. Und warteten. Sie spekulierten auf den so genannten Herdentrieb: nämlich darauf, dass andere Anleger ihrer Investitionsstrategie folgen würden. Die meisten kopieren einfach die Entscheidungen der Branchengrößen, weil sie darauf vertrauen, dass diese über exklusive Informationen verfügen. So wurden massenhaft Dollars gegen Baht getauscht. Innerhalb von Minuten warfen Spekulanten im Mai 1997 hunderte Millionen Baht auf den Markt und forderten dafür harte US-Dollar. Um die eigene Währung zu stützen, verkaufte die Bank of Thailand massenhaft Dollar, um den Kurs der US-Währung zu drücken.

Rund 30 Milliarden US-Dollar kostete dieser verzweifelte Abwehrkampf die Nationalbank. Sie hatte keine Wahl. Ihre Währungsreserven waren zu klein, um gegen die Flucht aus dem Baht anzukommen. Am 2. Juli 19,97 musste sie den Wechselkurs freigeben. In den folgenden Tagen fiel der Baht um 15 Prozent. Und das war noch nicht das Ende. Die Blase blähte sich weiter auf. Auch die anderen Tiger-Währungen gerieten in den Sog des Bahts. Gleich einem Flächenbrand fielen der philippinische Peso, Malaysias Ringgit, der als extrem hart geltende Singapur-Dollar und die indonesische Rupie.

Das war die Reaktion, auf die die Spekulanten gewartet hatten. Jetzt konnten sie Kasse machen. Zu gefallenen Kursen tauschten sie ihre Dollar wieder in Baht, um ihre Kredite, die nach dem Kurssturz entsprechend im Dollar-Wert gemindert waren, günstig zu tilgen. Die milliardenschwere Differenz war Spekulationsgewinn. Wer damals wie viel verdiente, ist weitgehend unklar. Und auch wenn später niemand etwas von diesen Tagen wissen wollte - fast alle machten mit, auch deutsche Banken, dem Vernehmen nach auch staatseigene Landesbanken.

Schließlich riefen die geschröpften Tiger den IWF zu Hilfe und baten um finanzielle Unterstützung. Dessen Währungsspezialisten koppelten ihre Kredite an eine restriktive Sparpolitik, die die Nachfrage der ohnehin schwer angeschlagenen Volkswirtschaften zusätzlich dämpfte und die Lage weiter verschlimmerte. Erst Jahre später gestanden sie ihre Fehler ein - und gaben jenen Recht, die als Kur für die asiatischen Patienten kreditfinanzierte staatliche Mehrausgaben gefordert hatten. Die hätten die Nachfrage angekurbelt.

Mittlerweile sind die Tiger unter Mühen wieder auf die Beine gekommen und haben an den Rahmenbedingungen ihrer Finanzmärkte gearbeitet. So haben die Banken gelernt, sich gegen Währungs- und Rendite-Risiken besser abzusichern. Die Finanzmarkt-Aufsichtsbehörden haben Standards eingeführt, die die Bilanzierungspraxis der Unternehmen verbessern. Nicht zuletzt aber sorgt die Angst vor einer neuen Blase für mehr Vorsicht und Risikobewusstsein. Doch die Architektur der Finanzmärkte wurde nicht entscheidend geändert. Wie sehr die Krise noch immer das Verhalten der Tigerstaaten bestimmt, zeigt sich in den hohen Währungsreserven ihrer Volkswirtschaften, die auch im vergangenen Jahr verstärkt aufgestockt wurden.

Ein Sündenbock wird zum Grübler - George Soros und die Moral Was war der entscheidende Grund für die Krise? Bis heute gibt es auf diese elementare Frage keine klare Antwort. Politikversagen und Gier sind die einzigen Erklärungsmuster, die allerdings zu wenig mehr führen als zu Sündenböcken. Eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der scheinbar größte Sündenbock von allen, George Soros, über die Sache stark ins Grübeln geraten ist.

Soros gibt sich heute als engagierter Gegner eines Marktfundamentalismus, der jede Form staatlicher Intervention ablehnt. Denn seine Grenzen zeigten sich gerade bei den Finanzmärkten: Diese pendelten sich eben nicht in einem Gleichgewicht ein, das dann für die optimale Zuordnung der Ressourcen sorge. "Märkte sind tatsächlich komplett amoralisch, und zwar in dem Sinne, dass moralische Erwägungen sich nicht in den Preisen niederschlagen." Soros plädiert daher für gesetzliche Regelungen, vor allem aber für ethische und moralische Standards: "Die Menschen müssen ein allgemeines öffentliches Interesse erkennen, das über ihr egoistisches Bestreben hinausgeht." Wie genau das zu bewerkstelligen ist, sagt er nicht - das herauszufinden bleibt Aufgabe für die Zukunft.