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Am Anfang war kein Wort

Featuring: Die Wahrheit über den Kapitalismus




Der Kapitalismus starb auf einer Schnellstraße hinter einem Neubaugebiet in Chemnitz. "Es war ein Unfall", erklärte der geschockte Fahrer, der den Kapitalismus mit seinem Lkw erfasst und fast 90 Meter mitgeschleift hatte. Die Polizei rekonstruierte den vermutlichen Verlauf des Unglücks: Der Kapitalismus, der in den vergangenen Jahren immer hektischer geworden war und zur Selbstüberschätzung neigte, hatte wohl geglaubt, er wurde die Straße noch vor dem Lastkraftwagen überqueren können, war aber, wie ein Polizeisprecher mit solider DDR-Ausbildung sagte, "dem Materialismus, also dem Lkw, nicht gewachsen". Das plötzliche Ende des Kapitalismus wurde einige Tage diskutiert, ein Fanclub hielt eine Mahnwache an seinem Grab, in der Lokalzeitung erschien ein Nachruf. Ansonsten ging alles weiter wie bisher.

Mit Worten habe ich es nicht so. Also im Verbund gern, wenn sie schön zusammengesetzt sind. Aber einzelne Begriffe, hingehustet wie von aufgeregten Asthmatikern? Die nichts außer sich selbst bezeichnen? Und natürlich die Aufregung des Hustenden? Ohne mich. Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs behauptete vor einigen Jahrzehnten, Sprache sei ein Virus, und ich glaube, die Krankheit hat uns alle erfasst. Genau wie Marken Produkte ersetzt haben, sodass wir heute statt Sachen übergeschnappte Bedeutungs-Cluster kaufen, entziehen Worte den Dingen ihre Kraft und setzen sich an ihre Stelle, sodass wir über sie reden, statt zu ändern, was sie einst bezeichneten. Wie ein Virus saugt das Gerede unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit auf, wie ein Virus breitet sich Thema auf Thema aus, bis alle sich angesteckt haben. Und dabei halten wir die Krankheit für einen unverzichtbaren Teil unseres Lebens, denn bekanntlich heißt es: Am Anfang war das Wort. Aber das stimmt nicht.

Zwei Wochen nach dem Unfall kamen Gerüchte über private Probleme des Dahingeschiedenen auf: Der Kapitalismus hatte ein Kind bekommen und war anfangs darüber sehr glücklich gewesen. Bekannte erzählten, wie er stundenlang vor der Wiege gestanden hatte und dem Kleinen seinen Namen beibringen wollte, "sag Kapitalismus, komm, sag Kapitalismus", wie er auf Anraten der Freunde einfachere Begriffe versucht hatte, "sag Geld, na komm", und wie er irgendwann aufgegeben hatte, enttäuscht und erschöpft. Das erste Wort des Kleinen war unklar, aber der Kapitalismus glaubte, es lautete: "Attac." Ein Verdacht stand im Raum: Hatte sich der Kapitalismus umgebracht?

Babys machen Geräusche, doch das sind keine Worte, denn sie sind individuell - Sprache beginnt erst, wenn Menschen Worte austauschen, zur Sprache gehören also mindestens zwei. Eine Sprache lernt das Baby über Nachahmung und dabei manches auch über Bilderbücher. Bilderbücher umfassen oft nur wenige Worte, da zählt jedes einzelne, und deshalb können sie uns viel über Sprache lehren. In Peter Schössows "Gehört das so??!" machen bereits die Satzzeichen im Titel klar, dass es um eine Ausnahmesituation geht, die einen Ausbruch aus der Grammatik rechtfertigt: Ein kleines Mädchen zieht weitend durch einen sommerlichen Park, "Gehört das so??!" brüllend, und erklärt auf Nachfrage: "Elvis ist tot." Nein, nicht der Sänger, sondern ein kleiner gelber Vogel, den sie in ihrer großen roten Handtasche bei sich trägt. Das kleine Mädchen ist empört über den Tod. Einer der wenigen guten Gründe zum Brüllen.

Der Vorsitzende des Fanclubs des Kapitalismus tobte. Kritik an seinem Helden hatte er immer gehasst, aber dem Kapitalismus zu unterstellen, er sei zu schwach zum Leben gewesen, glich einer Grabschändung. In einem Leserbrief an die Lokalzeitung geißelte er die Kritiker und ihre Gerüchte, doch in der Folge spitzte sich die Lage weiter zu. In einem weiteren Leserbrief wurden die Attacken wiederholt, außerdem habe sich seine Frau scheiden lassen wollen - der Kapitalismus sei ein Tyrann gewiesen. Der Brief war unterschrieben mit "Die drei Fragezeichen???": Der Fanclub des Kapitalismus hatte eine Gegenbewegung ausgelöst.

Man kann aus guten Kinderbüchern vieles lernen, über Menschen und Tiere, Stadt und Land, Leben und Sterben. Vor allem aber kann man aus Kinderbüchern Sprache neu lernen: Wie viel Worte bedeuten. Und wie sie sorgfältig zusammengesetzt komplexe Zusammenhänge leicht verständlich darstellen können.

Die Schlacht auf der Leserbriefseite der Lokalzeitung zog sich einige Wochen hin. Es folgten Artikel in überregionalen Blättern, und schließlich kam sogar ein Fernsehteam in die Siedlung. Eine witzige Geschichte, hatte der Redakteur gesagt, da ist ein Typ gestorben, der nach der Wende eine Wurstbude eröffnet hatte und so erfolgreich war, dass ihn alle "der Kapitalismus" genannt haben. "Und jetzt streiten die sich dort, warum der Kapitalismus tot ist." Zwei junge Männer reisten mit einer Kamera an, sie sprachen mit dem Fanclub, fanden Die drei Fragezeichen??? und hatten auch sonst keine Probleme, bis sie die Frau des Toten besuchten. Es war ein gesichtsloser Block in einer halb verlassenen Neubausiedlung, das Licht im Flur flackerte. Eine kleine, zerbrochene Person öffnete die Tür und betrachtete sie schweigend, während sie ihr erklärten, dass sie dem Tod des Kapitalismus auf der Spur waren. Sie antwortete, anfangs leise, dann immer lauter.

"Ihr verdammten Dreckschweine. Ihr denkt wohl, das ist witzig. Mein Mann und sein bescheuerter Spitzname, darüber sollen alle lachen, ja? Ihr habt doch keine Ahnung, wie es ist. Mein Mann hieß Guido, das könnt ihr euch mal merken, und der hat unserer Tochter auch nie was anderes beigebracht als Mama oder Papa. Und jetzt ist er tot, seine Tochter ist acht Monate alt und hat keinen Vater, der Laden ist total verschuldet, und ich kriege keinen Job mehr mit 39. Wir haben uns so ein Kind gewünscht, es war unsere letzte Chance, wir waren glücklich, und jetzt ist er tot, und ihr redet über den Kapitalismus. Ihr seid doch überhaupt keine Menschen, ihr wisst doch nicht, wie es uns geht, wie wir leiden, wie wir jeden Tag aufstellen, ohne zu wissen, was wir tun sollen oder wie weitermachen. Von wegen Kapitalismus! Ihr seid solche Arschlöcher." Ich weiß nicht, was die Leute reden. Ich weiß nicht, was Worte sollen, die wie mit Luft gefüllt über den Köpfen der Menschen schweben, Kapitalismus, Globalisierung, Deutschland, und wie sie auf uns niederregnen, unausweichlich wie das Wetter. Niemand sollte ein Wort benutzen, das er einem Kind nicht erklären kann. Denn wer das nicht kann, hat das Wort nicht verstanden. Peter Schössow: Gehört das so??!. Hanser, 2005