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Der Pudding, die Wand und der Nagel

Der einzige Zweck von Kommunikation ist heute, was dabei hinten herauskommt. Halten wir uns das mal vor Augen und direkt unter die Nase. Und dann reden wir noch mal darüber.




Die Gegenwart erscheint wirr, die Zukunft vernebelt. In solchen Zeiten sehnt sich der Mensch nach ein bisschen Wahrheit. Ehrlich währt am längsten - so sagt man.

Ja, sicher: Du sollst nicht lügen, inklusive schönreden oder verschleiern. Nichts versprechen, was sich nicht halten lässt. Und war es nicht der Messias höchstpersönlich, der in der Bergpredigt, dem Smash-Hit des Neuen Testaments, erklärte: "Eure Rede aber sei Ja, Ja -Nein, Nein. Was darüber ist, das ist vom Übel"?

Das bedeutet so viel wie: Rede Klartext, labere nicht rum, entscheide dich gefälligst. Und wenn das nicht gehen sollte: Halt die Klappe. Ja, das findet jeder ehrlich und prima. Doch macht man's dann so, ist's keinem recht.

Nehmen wir mal, nur als Beispiel, die alte Hoechst AG und Josef Ackermann. Oder anders gesagt, den Unterschied zwischen mindergiftig und minderbemittelt.

I. Druck Die Suche nach ehrlicher Kommunikation beginnt im einen Fall am frühen Morgen des Rosenmontags im Jahre 1993. Um 4.14 Uhr morgens öffnet sich ein Sicherheitsventil in der Chemiefabrik Griesheim der Hoechst AG. Mit dem achtfachen Druck eines Autoreifens pressen sich rund zehn Tonnen eines Stoffes namens Ortho-Nitroanisol aus den Rohrleitungen. Der Druck bläht die Substanz in wenigen Sekunden zu einer mächtigen Wolke auf, die sich rasch auf mehr als 108 Hektar Land im Umkreis der Fabrik niederlegt.

Wenige Minuten nach dem Unfall rücken die ersten Sicherheitsteams aus, zeitgleich werden von der Werksleitung die Behörden informiert. Die Häuser und Gärten von rund 3000 Menschen sind von der niedergehenden Wolke betroffen.

Während die ersten Trupps mit den Sicherungsarbeiten beginnen, informiert das Unternehmen die Medien. Bereits in den Sieben-Uhr-Nachrichten ist das erste Radio-Interview zu hören. Der Werksleiter sagt, was er weiß, wann der Unfall geschehen und wo die Wolke niedergegangen ist. Übrigens, so fügt er hinzu, bestehe keine Gefahr, denn das Zeug sei gar nicht so arg, " ein mindergiftiger Stoff".

II. Netto Etwas mehr als zwölf Jahre später betritt ein kräftiger Mann ein Podium. Josef Ackermann spricht vor seiner Hauptversammlung. Er redet über einen enormen Gewinnsprung, den der Konzern, dem er vorsteht, die Deutsche Bank, geschafft hat: 81 Prozent mehr Gewinn nach Steuern wurden erwirtschaftet, netto 2,5 Milliarden Euro hat Deutschlands größte Bank im Jahr 2004 verdient. Und fast überall, erzählt Ackermann, zeige sich, dass dieser Trend sich fortsetzen würde.

Aber: Der Wettbewerb sei hart. Ackermann vergleicht ihn mit der Flucht vor einem Bären: "Wer überleben will, muss zwar nicht unbedingt so schnell laufen können wie der Bär, aber bitte doch schneller als die Mitläufer." Noch bevor jemand überlegen kann, was das krumme Bild eigentlich bedeutet, ist der Vorsitzende schon beim eigentlichen Thema: Um dem Bären zu entkommen, müssten nun mal Leute gekündigt werden - in Deutschland sind "netto 1920 Stellen betroffen". Er sagt das wirklich so: netto 1920 Stellen. Das ist, nicht nur nach den Regeln professioneller Kommunikation, schlicht minderbemittelt. Kündigungen, die formuliert werden wie ein Gewinn nach Steuern. Es ist verständlich, dass wütende Gewerkschafter und Kritiker ihm vorwerfen werden, er habe damit sein unsägliches Victory-Zeichen, das er ein Jahr zuvor breit grinsend im Mannesmann-Prozess zeigte, wiederholt. Doch Josef Ackermann, der Kaspar Hauser des Kapitals, versteht das nicht. Er habe doch nur auf der Hauptversammlung gesagt, was er zuvor schon den Fachleuten in der Analystenkonferenz gesagt habe. Er könne doch nicht hier das eine und dort etwas anderes sagen. "Wir sagen das, was wir denken", sagt Ackermann. Das ist ein Zitat eines seiner Vorgänger, Alfred Herrhausen, dem von der RAF ermordeten Vordenker der Deutschen Bank.

Kleiner kann man sich durch einen Vergleich nicht machen. Nun ist all das ungeschickt. Aber ist es falsch? Sagte Ackermann nicht, was er dachte? Zu sagen, was man denkt, war auch das Problem von Hoechst im Jahr 1993. Der Werksleiter von Griesheim sagte die Wahrheit, gab also alle Informationen punktgenau, sogar nach DIN-Norm: Er verlas im Radio nichts anderes als ein behördlich standardisiertes Sicherheitsdatenblatt, auf dem Ortho-Nitroanisol als "mindergiftig" gekennzeichnet worden war. Das entsprach übrigens, obwohl vielfach genau das Gegenteil behauptet wurde, den Tatsachen. Das klare Ja, Ja, Nein, Nein wurde aber in den Medien sofort als "Vertuschen durch Fachsprache" eingestuft. Die üblichen Verdächtigen, Umweltorganisationen, Redakteure der Sendung " Monitor" und alle anderen, die Interesse an einer Dramatisierung des Unfalls hatten, fiel es leicht, aus dem X ein U zu machen.

Nach sechs Wochen, das hat der ehemalige Hoechst-AG-Vorstand Karl Holoubek später dokumentiert, sah die Bilanz für das Unternehmen so aus: "Es gab allein in den elektronischen Medien 36 Stunden Sendezeit mit mehr als 1000 kritischen bis hochdramatischen Berichten. Unter Berücksichtigung der Einschaltquote ergibt sich, dass jeder Deutsche im Alter von mehr als sechs Jahren im Verlauf von sechs Wochen 12,5-mal ausschließlich mit negativen Meldungen und Kommentaren über Hoechst konfrontiert wurde, die zahllosen Beiträge in den Printmedien nicht mitgerechnet." Resigniert stellte Holoubek fest, dass ganz egal, wie sich damals die Kommunikationsstrategie der Hoechst AG auch dargestellt hätte, die Sache wohl nicht anders verlaufen wäre, als sie ist: Mit einem praktisch irreparablen Schaden für den Konzern. "Wir waren für das Fernsehen über Wochen hindurch viel zu interessant." Mehr brachten auch die unzähligen internen und externen Untersuchungskommissionen bei Hoechst nicht ans Licht. So oft der Konzern auch Ja, Ja sagte, die Antwort der Öffentlichkeit blieb Nein, Nein.

III. Echt gelogen Vergessen wir eine Sekunde lang alles, was wir über Bankdirektoren und Chemiekonzerne zu wissen glauben. Dann tritt zutage, dass sowohl Ackermann als auch Hoechst nichts anderes getan haben, als ehrlich und echt zu sein.

Nun: Der Direktor eines Chemiewerkes kennt keine höhere Ordnung als die der Vorschriften, der Normen und Standards seines Gewerbes. Werden die penibel eingehalten, dann läuft alles glatt. Nichts anderes ist das Evangelium eines Bankdirektors: Die Zahlen müssen stimmen. In Ackermanns Welt ist eine Bank dann global überlebensfähig, wenn sie 25 Prozent Profit erwirtschaftet. Ortho-Nitroanisol ist und bleibt ein "mindergiftiger Stoff", und wenn man die Personalneueinstellungen, die die Deutsche Bank vornimmt, mit der Zahl der zu kündigenden Mitarbeiter verrechnet, dann kommen eben "netto 1920 Stellen" raus. Die Ironie der Sache ist: Es gilt theoretisch als hochanständig, die Wahrheit auf den Tisch zu legen, ohne Schnörkel, a la nature. Wir alle lieben das Ehrliche. Die Frage ist nur: Halten wir das auch aus?

Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schrieb: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Gewiss. Leider hat die Dichterin uns nicht gesagt, was passiert, wenn Menschen diese Zumutung nicht ertragen wollen. Dass wir Hoechst und Ackermann unisono für eine Katastrophe halten, liegt so auch an jenen, die zuhören, und an ihren verworrenen Erwartungen. Die Fahrlässigkeit, mit der in den vergangenen Jahrzehnten Pseudo-Werte in die Welt gepustet wurden, um das Vakuum der Orientierungslosigkeit im Wandel irgendwie zu füllen, rächt sich nun. Kommunikation ist Sprache, und Sprache hat einen Zweck, und der kennt kein Pardon.

Legionen von Persönlichkeits- und Kommunikationstrainern, Beratern und Autoren aller Richtungen rieten Vorständen, Managern und Politikern jahrelang, in ihren Aussagen möglichst "authentisch" zu sein. Wann immer eine Person öffentlichen Interesses auf die Öffentlichkeit trifft, soll sie sich ganz natürlich, echt, ehrlich - eben authentisch - geben. Dann würden die Menschen gleich merken, dass hinter einem echten Kerl eine echte Botschaft steckt. Als höchstes Lob für einen öffentlichen Kommunikator gilt mittlerweile die Phrase: "Der ist echt" oder "authentisch". Und folgerichtig ist auch das, was der Mensch treibt, dem man so viel Gutes nachsagt, ehrlich, echt, vertrauenswürdig. Der authentische Kerl legt den Blick frei auf seine Organisation, sein Unternehmen, seine Arbeit. Es geht um Transparenz, zu Deutsch: den Durchblick.

Aber so ist das eben: Verordnete, inszenierte Authentizität und Transparenz sind bloße Konstruktionen. Wenn es einem sympathischen, hemdsärmeligen Burschen im Fernsehen gelingt, uns zu beeindrucken, dann sagen wir: "Der kommt echt gut rüber." Das ist der Unterschied zwischen echt sein und echt wirken.

Politiker und Manager sind darauf abgerichtet, dressiert, "echt rüberzukommen". Nicht nur, weil ihnen das so genannte Kommunikationsberater unablässig in ihr Pflichtenheft schreiben - und die tun das auch nur, weil es der Markt, also unsereins, so verlangt. Wir, die mit hoher Zuverlässigkeit immer die gut finden, die sich am besten "verkaufen". Muss man den erwachsenen Menschen immer wieder sagen, dass die Smartesten nicht die Besten sein müssen? Ist es wirklich nötig, über allem, was sich in Funk und Fernsehen bewegt, ein Schild zu halten: "Bitte auf den Inhalt achten?" Sieht so aus.

IV. Teilen Man kann nicht auf der einen Seite hohle Kommunikation beklagen und auf der anderen Seite nur hören und sehen wollen, was man will. Das treibt die, von denen wir Aufrichtigkeit verlangen, in ständige Notlügen.

Die Rechnung folgt. Und sie ist happig. Mit Gütern wie Ehrlichkeit und Echtheit treibt man nicht umsonst Schindluder. Jeder kriegt die Wahrheit, nach der er verlangt - er muss die Zumutungen, die das mit sich bringt, aber auch selbst verkraften. Das ist der Teil des Deals, von dem so selten die Rede ist.

Was Gurus und geschickte Verkäufer von Befindlichkeiten in den vergangenen Jahren daraus gemacht haben, hat mit dem realen Kern der Sache nichts zu tun. Kommunikation ist etwas ganz anderes. Communicare, der lateinische Stamm unseres Wortes Kommunikation, heißt teilen. Nur wissen viele offensichtlich nicht mehr, wie das geht - was sich schon daran zeigt, dass viele Teilen für gut halten. Teilen ist aber nicht schön, sondern ein notwendiger Kompromiss. Teilen wir, dann machen wir aus dem Ganzen, also dem Echten, wenigstens zwei neue Stücke. Es ist nicht das Original, das Wahre, Echte, für uns Reale, das Kommunikation vermittelt, sondern der Teil, den wir abgeben müssen, um mit anderen zurechtzukommen. Wer hundertprozentig ehrlich, echt - also ganz er selbst sein will - muss unter sich bleiben oder die Klappe halten. Kommunikation hat nämlich einen Zweck: sich mit anderen auf einen Punkt zu einigen, mit jemandem etwas zu teilen, das man für wichtig und richtig hält. Kommunikation funktioniert nur, wenn man sich auch einigen will - alles andere sind zwecklose Selbstgespräche. Der zweite Stamm von Kommunikation heißt communis. Das bedeutet: gemeinsam.

Das hat - nein, nein - nichts zu tun mit den heute üblichen Monologen, bei denen jemand einem anderen seine Meinung geigt. Das ist etwas anderes, nicht Kommunikation, sondern Autismus: sich auf nichts einlassen wollen als auf das, was man schon im Kopf hat. Das reicht gerade mal für einen.

Wer mehr will, muss was rausrücken. Widerreden und Widersprüche aushalten. Das Wichtige vom Nebensächlichen trennen. Auf die Haltung kommt es an.

Das gilt ganz besonders in Zeiten, in denen die externe wie interne Kommunikation zunehmend das halb gare Produkt von Theorien aller Art ist, die von schlauen Trainern, Agenturen und anderen Wunderheilern verbreitet werden. Strategische Gesprächsplanung und planvolle Manipulation gehören, so wird schon BWL-Studenten eingetrichtert, zum Handwerk. Die Absicht dieser Art von Kommunikation ist leicht zu durchschauen: Sie zielt darauf ab, nicht die Wahrheit zu sagen und dennoch die wahren Beweggründe mehr oder weniger kunstvoll zu verschleiern.

V. Ein komischer Geruch So gesehen kommt es schon lange nicht mehr darauf an, schlicht zu sagen, was man wahrgenommen hat - sondern auf das, was andere für wahr halten sollen. So werden auch Begriffe wie " Veröffentlichungspflicht" verstanden. Geschäftsberichte dienen selbstverständlich nicht wirklich der Darstellung dessen, was Unternehmen getan haben und beabsichtigen. Die allermeisten von ihnen sind hilflose Versuche, einer rechtlichen Verpflichtung nachzukommen - und was über das Zahlenwerk hinausgeht, unterliegt den üblichen Verdunkelungsvorschriften. Um das nicht auffallen zu lassen, wird mit Artwork, also mit reiner Form, geklotzt. Es kommt darauf an, es möglichst unverbindlich und hübsch zu sagen. Was dabei herauskommt, lässt sich mit einer Textzeile aus einem Frank-Zappa-Song auf den Punkt bringen: It's a little bit cheesy, but nicely displayed, sieht nett aus, riecht aber komisch. Im Deutschen gibt es für dieses Phänomen die Begriffe "Missverständnis" oder " Kommunikationsproblem". Übersetzt heißt das: Der Lack ist ab.

Doch Haltung ist keine Stilfrage. Das bedeutet auch: Es ist nicht alles richtig, und nicht alle haben Recht. Was Kommunikation wirklich sucht, ist ein Standpunkt, den Menschen teilen können. Hier arbeitet ein soziales Global Positioning System (GPS). Ein GPS-Satellit braucht, um einen beliebigen Punkt auf der Erde exakt bestimmen zu können, die Signale von mindestens drei Satelliten. Sonst torkelt das Ding planlos durch die Atmosphäre.

Der Sinn von Kommunikation ist das Teilen von Wissen, nicht das Anhäufen von Information. Der amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt hat das in seinem Buch "Megatrends 2000" so formuliert: "Wir dürsten nach Wissen, aber wir ertrinken in Informationen." Das ist ein ziemlich deutliches Bild, das allerdings die Antwort schuldig bleibt, warum das so ist.

Die üblichen Verdächtigen sind schnell gefunden: Computer, Internet, Fernsehen - die elektronischen Medien - sind schuld, dass sich die Informationsmenge in immer kürzeren Abständen verdoppelt. Das überfordert uns. Kaum jemand hat noch einen Überblick, ein anderes Wort für Standort. Die Maschinen und Systeme, keine Frage, belasten uns zunehmend. Aber auch hier ist es falsch, die Dinge verantwortlich zu machen für das, was Menschen verbocken.

VI. Entscheidungen Dass selbst die banalsten Produkte und Ideen heute zuweilen so verbogen daherkommen, liegt ebenfalls daran, wie Menschen miteinander reden, sich also austauschen. In vielen Unternehmen sind die kommunikativen Umgangsformen katastrophal. Viele Mitarbeiter trauen ihren Kollegen nicht mehr, weil sie davon ausgehen, dass sie ihnen ohnehin nur ein X für ein U vormachen wollen. Es ist bekannt, dass Produktentwickler, Marketingleute und Designer sich in der Regel schlecht verstehen. Die Lufthoheit in den Unternehmen gehört in aller Regel den Markeringleuten, von denen nicht wenige zur manipulativen Kommunikation erzogen wurden. In zähen verbalen Grabenkämpfen, unterstützt von einer Infanterie aus Powerpoint-Präsentationen, Gutachten und Memos, bekriegen sich die Abteilungen schon in der Entwicklungsphase eines neuen Produktes. Und so sehen die Ergebnisse, mit denen Kunden konfrontiert werden, dann auch aus. Es ist unübersehbar, dass niemand von denen, die an seiner Entstehung beteiligt waren, ein Interesse an einem gemeinsamen Standpunkt hatte. Die Dinge, die dabei herauskommen, sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind leere Versprechen oder, um es mal deutlich zu sagen: Lüge.

Die kauft ihnen vielleicht jemand ab. Aber auf lange Sicht stellt sich heraus, was wahr ist. An Naisbitts Diktum ist also mehr dran, als es scheint. Und dennoch ist es nur die halbe Wahrheit. Wer sich über die anschwellende Informationsflut und die gewaltigen Wellenberge an falschen Versprechungen in Werbung, Politik und Unterhaltung beschwert, deren einziger Zweck es ist, Mittel zu sein, vergisst: Man muss sich nicht in diese Brühe stürzen.

Eberhard Posner, Leiter der Unternehmenskommunikation der Siemens AG in München, findet das auch. Er mag die landläufige Erklärung all jener, die ständig von Überforderung durch zu viel Information reden, aber durch ihr Verhalten genau diesen Missstand erst ermöglichen, nicht mehr hören. Alles sei so kompliziert, unübersichtlich, ändere sich dauernd - und da könne man sich doch nicht festlegen. "Man muss sich festlegen. Das Problem besteht in erster Linie darin, dass so viele nicht den Mut haben, eine klare Entscheidung zu treffen. Entscheidungsschwäche, nicht Informationsüberfluss, ist die Grundlage schlechter Kommunikation." Für gute Führungskräfte sei das wirklich nichts Neues, sagt Posner: "Jeder weiß, dass ein guter Chef klare Ziele vorgibt, das ist seine wichtigste Aufgabe. Die Mitarbeiter erfahren durch eine klare Kommunikation; was ihre Ziele sind, was sie erreichen können und sollen. Das ist ein gutes Gefühl für alle, weil sie ihren Standort kennen. Das schafft eine gemeinsame Grundlage, ein Ziel eben." Schlechte Führungskräfte, und nicht nur die, zeichnen sich durch das krasse Gegenteil aus. Sie reden sich auf ständig wechselnde Bedingungen aus und halten das für Flexibilität. Schon wieder ein Missverständnis. Denn gemeint ist Entscheidungsschwäche. Sie führt erst dazu, dass die Flut an Informationen uns überrollen kann. Jeder stürzt sich selbst hinein, findet Posner: "Es gibt Leute, die sammeln jede Information und leiten alles weiter, was ihnen in die Finger kommt. Der Grund dafür ist nackte Angst, pure Unsicherheit. Denn niemand kann ihnen vorwerfen, etwas zurückgehalten zu haben. Sie haben schließlich ständig kommuniziert." Diese Ausrede ist ein erprobtes Gepäck beim langen Marsch durch die Institutionen. Die Sitzungs-, Kommissions- und Memowut in deutschen Betrieben und Institutionen ist weltweit berüchtigt.

Doch sie dient nicht dem Austausch. Sie dient der Ausrede.

VII. Abschalten Das glaubt nicht nur Posner. Das sieht auch Mathias Bucksteeg so. Er ist Direktor des Beratungsinstituts Prognos AG in Berlin. Von 1998 bis 2002 gehörte er dem Planungsstab im Bundeskanzleramt an. Die Politik, meint Bucksteeg, liefert die tägliche Vorgabe für schwammige Aussagen und die Fähigkeit, Informations-Fluten zu schaffen, in der jede Klarheit weggespült wird. "Statt den Bürgern klar zu machen, wohin die Reise geht, werden sie mit Details zugemüllt. Das ist eine deutsche Untugend, die von der Politik verschärft wurde. Der Vorteil für die Betreiber ist, dass sie den Eindruck erwecken, sie hätten die komplexe Materie als Fachleute im Griff. Der zweite Vorteil ist, dass die Details den Mangel an Vision und Perspektive gut vertuschen. Operative Hektik als Ausgleich geistiger Windstille." Das funktioniere lange gut, meint Bucksteeg - aber nicht auf Dauer. Die Bürger, so Bucksteegs Wahrnehmung, nehmen den Aktionismus der Politiker schon lange nicht mehr ernst. "Ein normaler Mensch steht im Halbschatten der Politik - der hat doch gar nicht die Zeit und die Kapazität, sich anzuhören, was auf allen Kanälen über ihn hereinbricht." Das eindrucksvollste Beispiel dafür sind für Bucksteeg die Hartz-Reformen. "Zunächst fing man taktisch richtig an: Irgendwann hat Schröder mal nebenbei fallen gelassen, dass er sich über die so genannten faulen Säcke ärgere, die den Sozialstaat als Hängematte benutzten." Das nahm man - mit Befremden zwar, aber immerhin - zur Kenntnis. Das sorgte für Aufmerksamkeit und stieß eine Debatte an. "Ein amerikanischer Politiker geht im Grunde immer so vor: ein Thema anreißen und dann den Leuten die Zeit lassen, dass es sich herumspricht. Es muss erst mal in die Köpfe sickern, was passiert und was notwendig ist." Stattdessen machten sich die Ausredner in Berlin sofort ans Werk, methodisch, versteht sich. Zuerst: die Reform unter fremdem Namen verkaufen, den des Beraters und Volkswagen-Personalvorstands Peter Hartz. Dann das Problem so zerreden, dass niemand mehr kapiert, was eigentlich los ist. Bucksteegs Resümee ist klar: " Wo Haltungen erwartet werden, aber bloß Geschwätz geliefert wird, drehen die Leute ab." Zuerst den Fernseher, dann die Schwätzer.

VIII. Irritationen Was man nicht sagen will, wird so lange gefälscht, bis es sich aussprechen lässt. Das tun alle, die sagen müssen, was sie nicht meinen. Damit erklären sich erstens viele Pseudo-Fachwörter im " modernen Management". Und zweitens eine uralte menschliche Verhaltensform. In früheren Zeiten glaubte man, dass es von größter Bedeutung wäre, das Böse, vielfach nichts weiter als das Unbekannte und Fremde, zu verschweigen, um es von der Welt fern zu halten. So sprach niemand den Namen des Teufels aus, sondern redete, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, bloß vom " Unaussprechlichen". Wer sich an diese Regel hielt, der hatte scheinbar nichts zu befürchten. Märchen, Sagen und Legenden sind voll von solchen Geschichten, in denen das Auftauchen des Fremden, des Unheimlichen, nur durch hartnäckiges Verschweigen verhindert werden kann.

Das kennt man auch von Kleinkindern. Wollen die nicht gesehen werden, drücken sie fest die Augen zu, und wenn sie nichts hören wollen, halten sie sich die Ohren 211.

Doch wir wissen: Wer nicht hören will, muss fühlen. Es scheint fast so, dass es die Politik darauf anlegt, dass allen das Hören und Sehen vergeht. Zu Recht weisen Menschen wie der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse darauf hin, dass derlei die Demokratie ausblutet. Das gilt fürs Ganze wie für seine wichtigsten Teile.

Die Unfähigkeit, einen klaren Sinn und Zweck zu vermitteln, also zu kommunizieren, ist kein Alleinstellungsmerkmal von Politik. Während sich immerhin noch der Großteil der Bürger über offensichtliche Wahlversprechen - ein Wort, das zum Synonym für Lüge geworden ist - erregt, lässt sie das Wesen, der Sinn und Zweck dessen, das ihr ganzes Leben noch viel mehr beeinflusst als ein Wahlergebnis, die Wirtschaft, weitgehend kalt.

IX. Echt wahr Josef Ackermann und Franz Müntefering haben gemein, dass sie, ohne es zu wollen, diesen Abstand deutlicher gemacht haben als jeder vor ihnen in diesem Land. Zwei Verhaltens-auffällige, ein Bankdirektor und ein Parteivorsitzender, erinnern uns daran, dass viele schon lange nicht mehr meinen, was sie sagen, und oft auch gar nicht wissen, wovon die Rede ist, die sie unaufhörlich führen. Was bedeutet Wirtschaft? Was ist ihr Sinn und Zweck? Welchen Standort haben wir zur treibenden Kraft des Gemeinwohls?

"Seltsam", sagt Eberhard Posner, "kaum spricht man das Wort Wirtschaft aus, schon reden die Leute über etwas, das mit ihnen scheinbar nichts zu tun hat. Die Wirtschaft sind immer die anderen, etwas Anonymes, über das man gut oder schlecht denken kann - aber immer etwas, womit man nichts zu tun hat." Wirtschaft als etwas zu verstehen, das mit dem eigenen Leben nichts zu tun habe, das nach eigenen Regeln funktioniere, auf die man keinen Einfluss habe, das überschreite gelegentlich die Grenze zum Wahnharten. Schizophrenie, sagt Posner, wäre wohl das passende Wort: "Ich kenne bei uns, aber auch in anderen Unternehmen Kollegen, die geben morgens beim Pförtner ihr Rückgrat ab, und dann reden sie den ganzen Tag über Dinge und entscheiden Dinge, von denen sie sich zu Hause, wenn sie abends beim Pförtner ihr Rückgrat wieder entgegengenommen haben, distanzieren." Für diesen Widerspruch gibt es zahlreiche Gründe. Einer der ersten und wichtigsten dafür, dass diese Haltung von so vielen gelebt werden kann, liegt in der hartnäckig weltfremden Sprache, in der über Wirtschaft berichtet wird. Ob über die Kursentwicklung der Deutschen Börse oder über die Heilkraft von Bergkristallen geredet wird, läuft für die meisten Menschen aufs Gleiche hinaus. Natürlich ist Fachsprache zuweilen nötig. Aber zweifelt wirklich jemand daran, was längst zu ihrem eigentlichen Zweck geworden ist?

Wirtschaftskommunikation handelt nach wie vor nach der Maxime: Wo kämen wir denn hin, wenn die Messe nicht mehr in Latein gelesen wird! Aber glauben soll das Volk! Diese Distanz wurde offensichtlich, als die Heuschreckendebatte einsetzte. Kaum ein Wirtschaftsfunktionär wollte (oder konnte) sein Latein übersetzen. Die Distanz "der Wirtschaft" zu ihren Betreibern wurde offensichtlich. Kein Durchblick, nirgends. Das ist der wahre Reformstau. Er baut auf dem beredten Schweigen jener, die nicht gelernt haben, sich mit anderen auszutauschen. Das Alltägliche braucht endlich einen alltäglichen, selbstverständlichen Umgang.

X. Was hinten herauskommt Leicht ist das nicht, nach allem, was war. Eberhard Posner hat mit dem Schriftsteller Burkhard Spinnen ein Buch zu dieser Standortsuche geschrieben, ein außergewöhnliches Buch. Es heißt "KlarsichtHüllen", im Untertitel "Ein Dialog über Sprache in der modernen Wirtschaft". Es hat sich damit das dringlichste Thema von Ökonomie überhaupt gewählt: Worüber reden wir wie, wenn von Wirtschaft die Rede ist? Dazu muss man nicht immer einer Meinung sein, wie die Beiträge der Autoren, in Rede und Gegenrede verfasst, zeigen. Aber das ist auch nicht der Punkt. Klar wird der Umriss des Selbstverständlichen. Wenn man es versucht, funktioniert das soziale GPS durchaus.

Burkhard Spinnen hat sich bereits als außergewöhnlicher Autor einen Namen gemacht, einfach dadurch, dass er mit dem Selbstverständlichen normal umgeht. In seinem 2003 erschienenen Buch "Der schwarze Grat" beschreibt er die Lebensgeschichte eines schwäbischen Unternehmers, der sich als normaler Mensch entpuppt. Das ist immer noch eine Überraschung! "Normalerweise liegen Unternehmer im Fernsehkrimi tot auf dem Boden" , sagt Spinnen. Klar finde er es eigenartig, dass die große Mehrzahl an Autoren eine massive Allergie gegen alles Unternehmerische hat, gleichsam also sich selbst nicht leiden kann: "Denn was wäre denn ein freier Autor anderes als ein selbstständiger Unternehmer?", fragt Spinnen. Doch das Bewusstsein, genauer: die Gesinnung bestimmt das Sein. Es geht um Ideologie, und wer nichts anderes kann, als diese Sprache zu sprechen, will auch nichts anderes hören. So wird Wirtschaft zur Ideologiefrage gemacht. Ideologie ist, was die Welt einfach erklärt. Ideologie ist geistige Gemütlichkeit. Damit gewann sie im Lauf der deutschen Geschichte fast jedes Streitgespräch mit der handfesten Wirtschaft, deren Wesen nun einmal komplex ist. Dagegen anzuschreiben, meint Spinnen, sei "wie einen Pudding an die Wand nageln zu wollen".

Unmöglich ist das nicht, denn die Zeiten ändern sich. Etwa an der Kapitalismusdebatte werde klar, meint der Autor, dass "das alte Schweigen nicht mehr genügt".

Die politisch Verantwortlichen sind so zerrissen wie ein Fußballtrainer, der am Samstag in der Sportschau seine Mannschaft in Schutz nehmen muss, obwohl die scheiße gespielt hat. Was Müntefering passiert, ist genau das, was Trapattoni mit seiner "Strunz"-Rede hingelegt hat: Es geht nicht mehr, es muss raus.

Das ist ein guter Anfang. Über das Selbstverständliche muss selbstverständlich geredet werden: Das Schweigen hat ein Ende, und damit wird der Pudding etwas fester. Die Alternative dazu, das Ding an die Wand zu nageln, ist die, die Giovanni Trapattoni am Ende seiner Stoßpredigt aussprach: "Ich habe fertig." Hat darauf jemand Lust?

Will noch jemand etwas sagen? Lesetipps: Eberhard Posner, Burkhard Spinnen: Klarsicht Hüllen - Ein Dialog über Sprache in der modernen Wirtschaft. Erscheint im August 2005 im Hanser Verlag.; 19,90 Euro Ein Meisterwerk moderner Kommunikation: Josef Ackermanns Rede vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank im Mai 2005, als PDF unter folgender Adresse verfügbar: www.deutsche-bank.de/hauptversammhmg/pdfs/2005_rede_de.pd f