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Ohropax

Ein kleiner Familienbetrieb verkauft seit fast hundert Jahren Ruhe.
Und zeigt, wie man sich mit ganz einfachen Dingen einen großen Namen machen kann: Ohropax.




• Eigentlich erstaunlich, dass sein Großvater der Erste gewesen sein soll, der Odysseus' berühmten Trick auf Praxistauglichkeit hin überprüft hat. Michael Negwer, 48, zweifelt ein bisschen daran, obwohl ihm bis jetzt noch kein anders lautender Hinweis untergekommen ist. Der feingliedrige Geschäftsführer der Ohropax GmbH im Taunusstädtchen Wehrheim ist ein zurückhaltender, fast schüchterner Mensch, dem jede Übertreibung fern liegt.

Halten wir uns also an die Fakten: Maximilian Negwer, Apotheker und Drogist, lässt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der griechischen Mythologie inspirieren. Und begründet eine Marke, die nicht nur fast so bekannt werden wird wie Nivea, sondern auch zum Synonym für eine Produktgattung wie Tempo-Taschentücher. Die sagenhafte Idee stammt von Homer. Der schrieb, dass Odysseus sich bei seiner Irrfahrt zum Schutz vor dem betörenden Gesang der Sirenen am Mast seines Schiffes festbinden und seiner Mannschaft die Ohren mit Bienenwachs verschließen ließ. Negwer probiert rund 2700 Jahre später in Berlin aus, ob das funktioniert. Er beginnt mit Ohrstöpseln aus Bienenwachs und Watte zu experimentieren, die aber nicht zusammenhalten und die Haut reizen. 1907 kommt er auf die richtige, bis heute im Wesentlichen unveränderte Mischung aus Watte, Paraffinwachs, Vaseline und den viel versprechenden Namen Ohropax (deutsch-lateinisch für Ohr-Frieden).

„Ein genialer Name und das richtige Produkt zur richtigen Zeit“, sagt der Enkel. Damals ist es laut in den aufstrebenden Großstädten: Fabriken, Verkehr, die beengten Wohnverhältnisse der Arbeiter und die in bürgerlichen Kreisen beliebte Hausmusik erzeugen bei Lärmgeplagten das dringende Bedürfnis nach Stille. Ohropax wird nach Anlaufschwierigkeiten zum Erfolg und besonders von sensiblen Gemütern hoch geschätzt. „Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht“, schreibt Franz Kafka.

Negwer, selbst sein bester Handelsvertreter, verbreitet die „Geräuschschützer“ unermüdlich; dabei hilft ihm schließlich das Militär: Es ordert 1916 auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs in großem Stil Ohropax gegen den Kanonendonner. In den zwanziger Jahren erobert der Erfinder dank einer Werbeoffensive gegen etliche Nachahmer die Marktführerschaft: „Hast du Ohropax im Ohr, kommt dir Lärm wie Stille vor.“ Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zieht die Firma nach Westdeutschland; seit 1991 produziert sie in Wehrheim. Michael Negwer, der Pharmazie studiert und eine Weile beim Gesundheitskonzern Fresenius gearbeitet hat, tritt 1986 in das väterliche Unternehmen ein, weil das „irgendwie nahe liegend“ ist. Er automatisiert mit einer eigens entwickelten Maschine die Produktion – bis 1990 werden die Wachskugeln noch per Hand geformt -und modernisiert das Sortiment behutsam. Mittlerweile verkauft er auch zugelieferte Silikon- oder Schaumstoff-Ohropaxe, wahlweise in poppigen Farben für die Disko-Jugend. Hauptumsatzträger sind aber nach wie vor die in rosa Watte eingewickelten Wachskugeln, von denen mehr als 25 Millionen Stück im Jahr produziert werden. Negwer findet, dass die Idee der alten Griechen prima in eine Zeit passe, in der Ruhe der wahre Luxus sei.

Dem kleinen Betrieb hat sie jedenfalls eine dankbare Kundschaft beschert – und wohl auch manche Ehe gerettet. So wirft eine Dame aus Villingen-Schwenningen anlässlich ihrer silbernen Hochzeit in einem Dankesschreiben die Frage auf: „Wenn ich nicht auf die von mir hoch geschätzten Ohropax-Ohrstöpsel hätte zurückgreifen können, um auch noch zu meinem Grundrecht auf gesunden Schlaf zu kommen, wer weiß, ob diese störenden nächtlichen Geräusche meines Gatten nicht ein Trennungsgrund hätten sein können?“ ---