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Die Retter der Ahnungslosen

Wenn alle Stricke reißen, ist auf das Netz Verlass. Es gibt Internetportale, bei denen Menschen nur eines im Sinn haben – sie wollen sich gegenseitig helfen. Einfach so.




• Salzkartoffeln sollten es werden, wie bei Mutti. Dazu Würstchen und Tiefkühlgemüse von Aldi. Das kann doch nicht so schwer sein, dachten sich Bernhard Finkbeiner, 20, und Hans-Jörg Brekle, 27, an jenem Mittag im Jahre 2003. Doch dann erlebten die beiden Junggesellen aus Ludwigshafen, wie schnell sie mit ihrem Koch-Latein am Ende waren. Im „Hotel Mama“ nämlich kamen die Salzkartoffeln immer schon fertig auf den Teller. In der eigenen Küche stellten sich nun einige Fragen. „Sicher“, sagt Finkbeiner heute, „das Wasser musste kochen, aber wie lange? Und mit wie viel Salz?“ Brekle rief seine Mutter an, sie wusste Rat. Und ganz nebenbei war die Idee zu einer Seite im Internet geboren, die Hilfestellungen bei den simplen Fragen des (Haushalts-)Lebens geben soll: www.frag-mutti.de.

Was tun bei Schimmel in der Wohnung? Wie wird das Brötchen vom Vortag wieder knusprig? Und wie bügle ich am besten ein Hemd?

Innerhalb von zwei Monaten hatte Finkbeiner die Seite konzipiert, die inzwischen rund 2700 Tipps in 138 Kategorien bereithält. Noch immer kommen von den Nutzem pro Tag fünf bis zehn neue Tipps hinzu. So eignet sich Cola dank der Phosphorsäure hervorragend als Putzmittel fürs Klo. Mit Haarspray lassen sich Kugelschreiberspuren von den Fingern entfernen. Und der Kalk aus Kaffeemaschinen löst sich besonders gut mit Corega-Tabs. „Wir sind aber keine Seite für Produktempfehlungen“, betont Finkbeiner. „Bei Frag-Mutti gibt es eher Hausmittelchen.“ Jeder Tipp eines Users, den Finkbeiner online stellt, kann von den anderen Besuchern der Website kommentiert, überprüft und bewertet werden. So lässt sich in vielen Fallen schon nach kurzer Zeit abschätzen, ob der Tipp was taugt. Inzwischen sind rund 21.800 Kommentare zusammengekommen – und all das ist kostenlos. Denn auch wenn Finkbeiner, der an der Universität Ulm Medieninformatik studiert, täglich ein bis zwei Stunden in die Betreuung der Seite investiert, will er die Sache nicht kommerzialisieren. „Ich denke, das macht auch ihren Charme aus.“ Charme hin, Charme her – ein Geschäft wäre die Sache allemal. 12.000 Klicks verzeichnet die Seite im Schnitt pro Tag, zum engsten Kern der Frag-Mutti-Community rechnet Finkbeiner rund 2000 Nutzer. Nicht schlecht. Jedenfalls sind es so viele, dass Finkbeiner und Brekle nun im Frühjahr kommenden Jahres das Buch „Frag Mutti – Das Handbuch nicht nur für Junggesellen“ herausbringen.

Auf die Hilfsbereitschaft der Internet-Gemeinde setzt auch Norbert Schuler, Mit-Geschäftsführer der Hamburger Internet-Agentur Epublica. Bei www.Wer-weiss-was.de. kann jeder jedem helfen. Egal, ob Hobby, Beruf oder Familie: ,Jeder ist schließlich auf irgendeinem Gebiet Experte“, sagt Schuler. Und demnach könne jeder helfen.

Das sehen inzwischen auch rund 200.000 registrierte Besucher so, die bei ihrer Anmeldung eine Art Steckbrief mit Interessen- und Fachgebieten anlegen mussten. Hat nun einer von ihnen eine Frage, kann er sich dem Themengebiet entsprechend bis zu zehn Experten aussuchen und sie über das Portal per Mail-Formular um Hilfe bitten. Oder er fragt direkt in die virtuelle Runde und hofft, unter denen, die gerade bei Wer-weiss-was.de online sind, einen Experten zu erwischen. Das Prinzip: „Es ist egal, wer du bist. Mich interessiert, was du weißt.“ Letztlich bleibt es den Experten überlassen, ob sie antworten oder nicht. Hilfe indes ist keine Pflicht. In 65 Prozent der Fälle gebe es jedoch eine Reaktion, so Schuler. In jedem zweiten Fall könne sogar konkret weitergeholfen werden. Seit dem Start der Seite 1996 wurden rund 1,8 Millionen Fachleute vermittelt, im Monat registriert der 32-jährige Diplom-Informatiker acht bis zehn Millionen Seitenabrufe.

Meist geht es laut Schuler um praktische Tipps, die nirgendwo aufgeschrieben seien. Auch deshalb stelle Wer-weiss-was mit inzwischen 630.000 Einträgen keine Konkurrenz zu der Internet-Enzyklopädie Wikipedia dar. Anders als ein Lexikon vermittelt Wer-weiss-was.de den Kontakt zu Menschen, die individuelle Fragen beantworten: „Wer kennt die Sängerin aus den Achtzigern, von der mir leider nur noch der Vorname einfällt: Jane?"; „Warum sind meine Fotos andauernd überbelichtet?"; „Ist es strafbar, barfuß Auto zu fahren?“ In den Fachforen übernehmen ausgewählte User die Moderation, darunter ein Apotheker, ein Unternehmensberater, aber auch ein 19-jähriger Schüler. Sie alle haben darauf zu achten, dass die Spielregeln eingehalten werden und beispielsweise nicht kommerziell geworben wird, ein Ehrenkodex, der für die Seite vereinbart wurde. Zu den derzeit 122 Moderatoren hält Schuler einen besonders engen Kontakt. „Ohne sie könnten wir es nicht schaffen“, sagt Schuler, der als Agentur-Chef durchaus ausgelastet ist.

Die Grenze von Wer-weiss-was.de sei allerdings erreicht, wenn es etwa um Rechtsberatung oder medizinische Fragen gehe. Sonst ist aber fast alles denkbar. Es soll sogar schon Eheschließungen samt Nachwuchs zwischen Mitgliedern der Community gegeben haben – eigentlich sei Wer-weiss-was.de „wie eine kleine Stadt“, sagt Schuler. Eine virtuelle Stadt, in der man sich wie selbstverständlich hilft. Eine bessere Welt?

Daran dachte man bereits 1968 in Amerika, als der Whole-Earth-Katalog auf den Markt kam. Er gilt als Bibel für jene Generation, die schließlich die aufkommende Computer- und Internetindustrie und ihre Anwendung beeinflusste. Rasch entwickelte sich der Katalog in den USA zum Branchenbuch einer aufgeklärten und unabhängigen Gegenkultur (die letzte Ausgabe des Katalogs erschien 1998).

Frag-mutti.de und Wer-weiss-was.de stehen mit ihrer Idee also in einer langen Tradition mit einem Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe. Bereits in den ersten Ausgaben des Whole-Earth-Katalogs wurden vor allem Ratgeber empfohlen, darunter das „Handbuch für elektrische Motoren“ oder auch das „Energiekrisen-Überlebens-Set“. Zudem gab es Tipps zum Beispiel für den Bau von Tipis inklusive entsprechender Hinweise, wo das Material hierfür zu bekommen sei.

Die Idee hatte der Autor Stewart Brand, der davon überzeugt war, dass, wenn die Menschen nicht nur einfach überleben, sondern auch Fortschritte machen wollten, über ihren Alltag und die Zusammenhänge in der Welt aufgeklärt sein müssten. Demnach wurde ein Artikel in den Katalog aufgenommen, wenn er als Werkzeug nützlich war und für mehr Unabhängigkeit sorgte. Der Artikel sollte darüber hinaus von hoher Qualität sein oder zumindest wenig kosten. Außerdem wurde darauf geachtet, dass er nicht schon ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen war und relativ leicht per Post verschickt werden konnte. Leitmotiv bei allen Hilfen und Hinweisen im Katalog war dabei stets die Idee einer sanften, aber eben auch technologischen Revolution.

Auch wenn Frag-mutti.de bzw. Wer-weiss-was.de nicht unbedingt gleich eine Revolution auslösen wollen, so zeigen sie doch, wie revolutionär einfach es ist, in der heutigen Zeit sein Wissen zu teilen. Und dass das vielen ein Bedürfnis ist: „Mich wundert es immer wieder“, sagt Schuler, „wie viele Menschen gern helfen.“ ---