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Wir sind die Guten

Und wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir selbst dafür sorgen.




Nein! Ich will nichts mehr hören von Globalisierung, Märkten, Bilanzen oder dem fucking Shareholder Value. Es gibt keine Strukturen, die etwas tun, keine Mechanismen und schon gar nicht logische Entwicklungen. Was geschieht, bestimmen Menschen. Die einen freien Willen haben. Frei entscheiden können. Und das auch tun. Der Aktienbesitzer entscheidet, dass er eine höhere Dividende will. Der Manager entscheidet, mit Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung für niedrigere Kosten und höhere Gewinne zu sorgen. Und die Konsumenten kaufen die Produkte dieser Firmen, weil ein Logo draufklebt oder weil sie billig sind, denn niemand interessiert es, dass die Schnäppchenjagd Teil einer irren Spirale ist, die eine winzige Minderheit immer reicher und eine gigantische Mehrheit immer ärmer macht. Hinzu kommt, dass die einzige Alternative zu diesem wirtschaftlichen Fundamentalismus der religiöse Fundamentalismus zu sein scheint: Gib mir G.O.T.T! Was ist passiert? Ist das menschliche Gehirn geschrumpft, sodass nichts übrig ist außer dem Zahlenverständnis und dem blinden Glauben und sich deshalb das menschliche Streben auf drei unerreichbare Ziele reduziert: null (Kosten), unendlich (Gewinn) oder Gott (alles)? Wenn das so ist, müssen wir auf die Apokalypse nicht warten - dann hat sie bereits stattgefunden.

Es war ein guter Tag, als John Kerry die Wahl zur US-Präsidentschaft verlor. Kerry war einer der Erlöser, von denen alle glauben, sie würden die Welt wieder heil machen, und sein Scheitern zeigt vor allem eines: Niemand wird uns retten. Keine Partei und keine Institution, kein Gesetz und kein Mensch - wir müssen uns selbst helfen. Wobei ich nicht meine, jeder soll fortan allein für sich kämpfen. Im Gegenteil: Wir leben alle in einem Land, auf einem Planeten, und wenn es dem einen schlecht geht, wird das auch für die anderen Folgen haben. Solidarität ist kein Ideal für schöne Zeiten, sondern eine Basis des Überlebens. Die These, mit dem Untergang des so genannten Sozialismus endete das Zeitalter der Utopien, weil es nur noch persönliche Ideen von Glück gebe, ist eben bloß zur Hälfte richtig: Menschen leben nicht auf einsamen Inseln, alle persönlichen Ziele brauchen eine gemeinsame Basis. Und wie es jetzt ist, wird langfristig niemand glücklich. Nicht mal die vermeintlichen Sieger.

Auf der Frankfurter Buchmesse traf ich Axel Brauns (siehe brand eins 02/2004). Brauns ist ein Autist, der sich mit viel Willen und noch mehr Disziplin ein eigenes Leben erkämpft hat, er war ein Behinderter mit begrenzter Lebensperspektive und ist heute ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit einem strahlenden Lächeln seine Mitmenschen überragt. Brauns bewarb seinen neuen Roman "Kraniche und Klopfer", ein Buch über Messies, also Leute, die im Müll leben. Dafür hatte er einen alten Pullover dabei, einen Fetzen Stoff, der, wie er sagte, "sehr visuell" sei. Und darum ginge es , er sei zwar kein Messie, aber der Pulli passe zum Thema, und fürs Fernsehen brauche es etwas Plakatives. Er erklärte lächelnd: "Ich will jetzt nämlich in Talkshows." Ein Wille. Ein Ziel. Und tun, was nötig ist, um es zu erreichen. Axel Brauns hat es geschafft, als Autist zum Gestalter seines Lebens und nun auch seiner Karriere zu werden. Wenn das geht, geht alles. Sein Motto ist mein Satz des Jahres: "Was man nicht kann, muss man üben." Wie weit man damit kommen kann, konnten wir in "Kill Bill" sehen: Um ihr Ziel zu erreichen, prügelt sich Uma Thurman in Quentin Tarantinos Film mit Banden boshafter Büttel. So unbeugsam und unbesiegbar wollten hinterher alle sein, bloß an den Teil, in dem die Heldin von ihrem Lehrer geschunden wird, schien sich niemand zu erinnern - ich habe jedenfalls nicht gehört, dass irgendwer gesagt hätte: "Ich möchte auch so trainieren wie Uma Thurman in ,Kill Bill'." Doch ohne geht es nicht: Vor dem Kampf mit anderen steht der Kampf mit sich selbst. Wille und Disziplin muss man üben, egal, welches Ziel man verfolgt. Und noch etwas ist notwendig, um zu bestehen: die Bereitschaft zu kämpfen.

Unsere Freiheit wurde verschenkt, lange bevor wir geboren wurden, an ein politisches System, das darauf basiert, dass Repräsentanten den Willen derer umsetzen, die sie repräsentieren. Wir alle wissen, dass das nicht geschieht, aber wir haben noch nicht begriffen, was das bedeutet: Wir müssen selbst kämpfen. Und ich meine nicht Demonstrationen, Unterschriftenlisten oder Parteibeitritte - die Ausweitung der Kampfzone muss den gesamten Alltag umfassen, vom richtigen Einkaufen über gegenseitige Hilfe bis zum echten Streit. Ja, ich weiß, wir kennen die Macht der Konsumenten, und helfen tun wir alle gem. Aber streiten?

Wir sind zurückhaltend, bescheiden und leise, weil wir zweifeln, denn wir sind klug genug, die Relativität unserer Ansichten zu erkennen. Wir beweisen täglich den Satz: Der Klügere gibt nach - und deshalb regieren Idioten die Welt. Denn die meisten Menschen sind unentschlossen, sie orientieren sich an dem, was andere sagen - und die Idioten brüllen immer am lautesten. Ich habe noch nie einen Idioten mit Zweifeln gesehen, das ist ihre große Stärke, mit der sie alles dominieren, jede Firma, jede Partei, jeden Verein, jede größere Menschenmenge. Dagegen müssen wir antreten, denn sie machen alles kaputt. Und ebenso müssen wir uns um ihre Opfer kümmern, die Mehrheit der Mitmacher, die im Kern sind wie wir, bloß im Chaos verloren. Es heißt, jeder Mensch ist Künstler - das bedeutet auch, jeder Mensch kann die Welt verändern. Und ich will keine fucking Zweifel hören, ob das geht und wir wirklich Recht haben. Wir sind die Guten!

Wir berühren uns und sehen uns an. Wir schweigen und hören zu, wenn ein anderer spricht. Wir versuchen zu verstehen, und wenn es nötig ist, zu helfen. Wir sind manchmal gestresst, und dann werden wir ungerecht und hässlich, aber wir erkennen unseren Irrtum und lernen dazu. Wir versuchen, keinen Fehler dreimal zu machen. Wir kaufen Kram und argem uns, wir kaufen gute Schokolade und geben etwas ab, wir kaufen schöne Dinge und verschenken sie, denn man kann nicht den ganzen Tag "Ich liebe dich" sagen. Wir tanzen laut und singen falsch, wir bewegen uns vorsichtig und sprechen leise, wir sind ehrlich, oder wir halten den Mund. Wir behandeln die Menschen mit Respekt, wir bemühen uns, alles richtig zu machen, und wenn der Hund oder die Katze oder der Nachbar vor der Tür steht, streichen wir ihnen über den Kopf oder sagen: "Nein, die Musik ist nicht zu laut, die Wände sind zu dünn." Wir sind die Guten. Und wir können etwas ändern. Denn wir sind viele.