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Was ist eigentlich - RFID?

Für die einen ist es das Big-Brother-Szenario schlechthin. Für die anderen ist RFID - Radio Frequency Identification - die Vision vom allgegenwärtigen, nützlichen Computer. Zwischen beide Extreme passen praktische Ideen.




Hunde müssen in Wien nicht mehr an die Leine, sie sind sozusagen wireless. Seit dem 1. Februar 2004 werden den Vierbeinern Funkchips eingeimpft, per Injektion vom Tierarzt. Darauf ist eine Nummer verzeichnet, die den Hund eindeutig seinem Besitzer zuordnet. Big Herrchen is watching you: Falls der Liebling verloren geht oder - was gar nicht so selten vorkommt - geklaut wird, kann durch ein Lesegerät jederzeit festgestellt werden, wem das Hündchen rechtmäßig gehört und - natürlich - ob alle Impfungen erledigt und alle Steuern bezahlt sind. Das klappt so gut, dass die Österreicher vom Februar 2005 an jedem Hund den digitalen Floh unter die Haut spritzen. Das finden sogar Tierschützer gut. Die Technologie dahinter heißt RFID, Radio Frequenz Identifikation.

Sie basiert auf zwei Komponenten, dem RFID-Tag (Etikett), einem Mikrochip mit Mini-Antenne, auf dem eine ID-Nummer gespeichert wird, und einem Gerät, dem so genannten RFID-Scanner, der die Informationen vom RFID-Tag via Funk auslesen kann. Der Lesevorgang setzt berührungslos, ohne Sichtkontakt und - vor allem - automatisch immer dann ein, wenn ein Chip in die Nähe eines Scanners kommt. Wegen ihrer geringen Größe können RFID-Tags nahezu überall angebracht werden. Die winzigen Tags brauchen so wenig Energie, dass das elektromagnetische Feld des Scanners reicht, um sie zu aktivieren. Kein Akku, keine Batterie. Die Flöhe funktionieren immer und überall. Nicht nur bei Hunden. Datenschützer finden das problematisch.

RFID funktioniert immer und überall, und das finden nicht alle gut RFID-Tags auf Kleideretiketten oder Schuhsohlen zum Beispiel. Die könnten - vordergründig - dazu genutzt werden, um dem Käufer jederzeit wertvolle Informationen zu seinem Kleidungsstück zu übermitteln oder ihn rechtzeitig darauf hinzuweisen, dass die Sohlen erneuert werden müssen. Es könnte aber auch sein, dass Marketingexperten das RFID-Tag dazu missbrauchen, das Konsumverhalten des Trägers auszuspionieren. Der würde dann mit Spam aller Art zugeballert werden - wie heute schon über Briefpost, Fax und E-Mail. Und, schlimmer: Die sensiblen Daten könnten an Dritte, durchaus dubiose Institute weiterverkauft werden. Und so weiter.

Es gibt bereits Verbraucherschutzorganisationen, die sich auf die RFID-Angst spezialisiert haben: Caspian, StopRFID und Spychips heißen sie. Ihr Lieblingsfeind ist die Metro Group. Die Handelskette experimentiert seit Anfang 2004 in ihren Extra Future Store genannten Läden mit RFID. Dort liefern große Markenartikler wie Gilette, Kraft Foods oder Procter & Gamble längst ihre Produkte mit RFID-Tags an. Wer in einem Supermarkt einkauft, wo das System läuft, kann detaillierte Produktinformationen abrufen und muss an der Kasse die Einkäufe nicht mehr auf das Rollband legen.

Eine Scanner-Kasse liest den Inhalt des Warenkorbs automatisch und kann dabei auch gleich den Rechnungsbetrag vom Konto oder der Kreditkarte abbuchen. Für Eilige ist RFID ein Segen - Vertrauen vorausgesetzt. Den Komfort-Argumenten können sich die Gegner nicht ganz verschließen, sie fordern allerdings, dass spätestens beim Verlassen des Geschäftes die Daten auf dem RFID-Tag automatisch gelöscht werden. Genau das wiederum wollen die Anbieter nicht - sie argumentieren damit, dass die kontinuierliche Aufzeichnung der Einkaufsgewohnheiten der Kunden ein entscheidender Vorteil des Systems ist. Schnell können Ladenhüter ausgemacht und Sonderaktionen gestartet werden. Die große Ersparnis für die Handelsketten liegt außerdem im geschlossenen Informationssystem, wenn die Warenlogistik mit den RFID-Tags an den Produkten im Supermarkt verbunden ist.

Wirklich aufhalten können die Proteste den Einzug von RFID nicht. In den USA wird Wal-Mart zu Beginn des nächsten Jahres sukzessive auf RFID umstellen, denn dass Funkfrequenztechnologie in Logistik- und Lagermanagement unendlich viel effizienter ist als die bisher üblichen Barcodes, die mit der Hand gescannt werden mussten, leuchtet nicht nur Experten ein. Die gesamte Branche scheint mitzuziehen: Hewlett-Packard wird in den kommenden fünf Jahren 150 Millionen Dollar in RFID-Lösungen für Handelsketten investieren, IBM im selben Zeitraum sogar 250 Millionen Dollar. Auch SAP wird in seine Unternehmens-Software RFID-Anbindungen integrieren, SAP-Vorstand Claus Heinrich spricht bereits heute von einem "Milliardengeschäft".

Wenn alle Daten offen herumliegen - werden sie dann noch geklaut?

Den Siegeszug regelt dann ein altes Marktprinzip: die Nachfrage. Die könnte RFID-Tags immer billiger werden lassen. Der Sprung vom Experiment zum Standard wäre nicht mehr weit. Bereits jetzt bewegt sich RFID-Tag-Hersteller Philips auf die Fünf-Cent-Marke pro Chip zu, die branchenweit als Grenzlinie vom Nischen- zum Massenprodukt gilt.

"Wir arbeiten seit langem an einer Informatisierung der Dinge", sagt Alois Ferscha, Vorstand des Instituts für Pervasive Computing in Linz. Pervasive Computing bedeutet so viel wie versteckte, allgegenwärtige Erfassung und Verknüpfung aller möglichen Informationen via PC.

Für Ferscha ist die Vision, dass alle möglichen Dinge aufeinander Bezug nehmen können, überaus faszinierend. Das könnte etwa so aussehen: Wenn ein rotes Hemd aus Versehen in die weiße Kochwäsche gerät, könnte die Waschmaschine den wäschetechnischen GAU melden. Oder: Die Mikrowelle wüsste plötzlich quasi von selbst, wie lange die Tiefkühl-Lasagne braucht, bis sie fertig ist. Ferschas liebstes Szenario: ein Koffer, der selbstständig meldet, dass die Zahnbürste noch nicht eingepackt ist.

Wer sich nach so etwas sehnt, kann den Vorbehalten der Datenschützer naturgemäß wenig abgewinnen: Jeder Mensch, so Ferschas Argumentation, habe ohnehin mit jeder Menge persönlicher digitaler Daten zu tun. Kreditkarte, PC, Internet, Mobiltelefon hinterlassen digitale Spuren, die potenzielle Bösewichter für ihre Zwecke ausnutzen könnten. Die bestehenden Probleme würden sich in einer RFID-Welt zwar enorm vergrößern, aber genau das sei ein recht sicherer Schutz. Wenn zu den verfügbaren Datenspuren auch noch die schier unglaublichen Mengen an Informationen aus der RFID-vernetzten Welt kämen, wer könnte da noch wirklich nach Spuren suchen? Die Menge macht's.

Wo derart mit Daten geklotzt wird, ließen sich gezielt verwertbare Informationen zu kriminellen Zwecken nicht mehr wirtschaftlich herausfiltern. Die Suche wäre teurer als der Ertrag.

Anderswo hat man das erkannt. In Japan gibt es kaum noch Zutritt zu öffentlichen Verkehrsmitteln ohne RFID-Chip, in Hongkong und Singapur ist der Umbau in vollem Gang. Wer im Winter in die Alpen zum Skifahren reist, kennt die obligatorische Skidata-Karte, die längst den Skipass aus Papier ersetzt hat. Die funkt durch dicke Kleidung an den Scanner am Skilift, ob der Urlauber ein Guthaben hat.

Die niederländische Firma Championship hat ein RFID-Tag in Sportschuhe eingebaut. Damit kann - etwa bei Marathon-Läufen - der Zieleinlauf auf 60 Millisekunden genau gemessen werden. Selbst Lego, das pädagogisch wertvolle Bauklotz-Spielzeug aus Dänemark, ist auf dem Funkweg: Im Legoland wird jedem Kind ein Funk-Tag verpasst, damit es nicht im Gewusel verloren geht.

Der Chip, der den Alten hilft. Für die einen Horror, für andere eine Chance Selbstverständlich ist RFID auch ein prima Diebstahlschutz für Warenhäuser und ein zuverlässiges Medium, um Nachahmungen und Fälschungen zu enttarnen. Die amerikanische Food and Drug Administration will bis 2007 Medikamente mit Funk-Etiketten versehen, um wirksam gegen Fälschungen vorzugehen - eine ebenso florierende wie riskante Branche des organisierten Verbrechens. Bei der Gelegenheit wird auch gleich Patienten ein Etikett verpasst, ein so genannter Surgi-Chip ist die preiswerteste Art, Kranke in Hospitälern einwandfrei zu identifizieren. Das soll helfen, falsche Operationen zu verhindern.

Der Halbleitergigant Intel geht einen Schritt weiter. In seinen Labors wird der RFID-Chip auf seine Tauglichkeit als allgegenwärtiger Begleiter - auch in der Wohnung - getestet.

Das mag Datenschützern nun endgültig die Zornesröte ins Gesicht treiben. Was aber, fragt Intel zurück, ist mit alten Menschen, die lieber in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben wollen, statt in einem Altenheim zu leben?

Die brauchen - nicht nur, aber auch -Unterstützung durch Technik. RFID-Chips in Bett, Küche oder Bad sollen für ein Datenumfeld sorgen, das Angehörigen und Pflegern den Gesundheitsstatus ihrer Lieben übermittelt. Das ist Big Brother, sicher, aber eine sinnvolle Variante. Technik ist eben weder gut noch schlecht. Wir entscheiden.