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Hollywood gibt Film auf

Filme werden in Zukunft immer häufiger digital gedreht und digital vorgeführt. Damit beginnt eine neue Ära für Filmemacher, Kinos und hoch dotierte Superstars.




Die von Paparazzi wimmelnde Oscar-Verleihung am 27. Februar kann man sich schenken. Die wichtigste Geschichte der Filmindustrie spielt sich im Jahr 2005 hinter den Kulissen ab, denn dann wird Hollywood den seit langem erwarteten Sprung vom empfindlichen 35-Millimeter-Filmmaterial in die computerisierte Welt von Bits und Bytes wagen. Und das ist ein Sprung, kein Übergang, der zudem sehr teuer wird. Es kostet mehr als 100 000 Dollar, ein einziges Kino auf digitale Projektion umzustellen. Deshalb wird es ein wenig dauern, bis die Lichtspieltheater flächendeckend auf die neue Technik umgerüstet werden.

Nach und nach allerdings werden immer mehr Kinos von Berlin bis Peking umsteigen, behaupten die Auguren. Wenn sie Recht haben, wird das Jahr 2005 zur Wende in der Filmproduktion. Gegenwärtig gibt es weltweit rund 300 digitale Projektionsanlagen in Kinos, bis Jahresende werden es voraussichtlich um die 2000 sein.

Der Wandel wird von drei Faktoren vorangetrieben. Zum einen zeigen eine Hand voll Hollywood-Größen erheblichen Enthusiasmus für die neue Technik, angefangen bei "Star Wars"-Regisseur George Lucas, der die digitale Verheißung seit Jahren predigt. Sein jüngster Film, die Science-Fiction-Saga "Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger" aus dem Jahr 2002, war der erste, der komplett digital aufgenommen wurde. Das Werk musste dann allerdings auf 35-Millimeter-Filmmaterial überspielt werden, damit ihn die meisten Kinos zeigen konnten. Michael Mann benutzte ebenfalls Digitalkameras für den Oscar-Kandidaten " Collateral" mit Tom Cruise. Andrew Adamson schließlich landete einen Riesenerfolg mit dem komplett digital produzierten Film "Shrek 2" aus dem Hause Dreamworks.

Die ersten Erfolge beflügeln die digitalen Pioniere. Unter den für 2005 angekündigten Neustarts wird die neueste "Star Wars"-Folge sein: "Episode III: Die Rache der Sith". Warner Brothers bringt rechtzeitig zum Jahreswechsel "Das Phantom der Oper" in die Kinos, und im Mai startet der Dreamworks-Streifen "Madagaskar" - wie " Shrek 2" ein computeranimierter Film.

Zweitens geht es um Geld, viel Geld. Mit Filmmaterial zu drehen kann ein paar hundert Mal teurer sein als das Digitalvideo. Jede neue Aufnahme einer Szene frisst kostbaren Film, der erst entwickelt werden muss, bevor der Regisseur ihn begutachten kann. Digitale Aufnahmen hingegen können sofort geschnitten und wieder überspielt werden. Die Produzenten von "Angriff der Klonkrieger" schätzen, dass sie für 220 Stunden digitalen Bandes rund 16000 Dollar ausgeben mussten. Hätten sie die gleiche Menge Rohmaterial konventionell aufgenommen, hätte das mit 1,8 Millionen Dollar zu Buche geschlagen.

Zudem kommen bei normalem Film weitere Kosten dazu. Jede Kopie kostet 1500 Dollar, und die Qualität verschlechtert sich mit jedem neuen Abspulen im Kinoprojektor durch Kratzer und Schmutz. Angesichts der inzwischen auf 90 Millionen Dollar gestiegenen durchschnittlichen Kosten für einen Spielfilm ist es kein Wunder, dass Hollywood risikoscheu geworden ist und Serien oder abgekupferte Erfolgsformeln bevorzugt, statt sich an originelle Drehbücher zu wagen.

Ob die niedrigeren Kosten digitaler Herstellung die Studios zu mehr Kreativität ermutigen, ist allerdings offen. Schließlich sind sie Teil industrieller Konglomerate, in denen Gewinne mehr zählen als künstlerische Genialität. Sicher ist hingegen, dass sich unabhängigen Filmemachern mehr Chancen bieten werden. Mike Figgis, dessen Film "Leaving Las Vegas" 1995 für einen Oscar nominiert war, brachte das bei den jüngsten Filmfestspielen von Venedig auf den Punkt: "Die Zukunft ist ohne jeden Zweifel digital, da verwette ich meinen Arsch drauf, denn wenn die wirtschaftlichen Aspekte einer Filmproduktion nicht mehr in den Händen der Künstler liegen, habe ich am Kino kein Interesse mehr." Der dritte Faktor hat mit Torschlusspanik zu tun. In der digitalen Welt jener Unterhaltungsmultis, die das Filmgeschäft dominieren, ist 35-Millimeter-Material ein Überbleibsel aus anderen Zeiten. Wer sein unternehmerisches Risiko streuen will, startet einen Film nicht nur im Kino, sondern auch im Fernsehen, auf DVD und als Videospiel - und in nicht allzu ferner Zukunft auf Videohandys oder Organizern. All diese Vertriebschancen lassen sich bedeutend einfacher nutzen, wenn das Ausgangsprodukt bereits in digitalem Format vorliegt.

Was nicht heißen soll, dass es beim digitalen Kino keine Probleme gibt. Zum einen erinnert die Auseinandersetzung zwischen Marktführer Texas Instruments und Sony um konkurrierende Projektionstechnologien an die Schlacht zwischen VHS und Betamax um das richtige Videorekorderformat. Einige Puristen warnen außerdem davor, dass Digitalmaterial seinem Filmvorgänger nie im Nuancenreichtum gleichkommen wird. Das größte Problem indes ist das Risiko illegaler Raubkopien, da im digitalen Zeitalter jede Kopie immer noch genauso gut ist wie das Original. Selbst beim guten alten Zelluloid verliert die amerikanische Filmindustrie durch unerlaubte, wenn auch oft minderwertige Kopien angeblich fünf Milliarden Dollar im Jahr. Deswegen drängt die Zeit für den neuen Präsidenten und CEO der Motion Picture Association of America, Dan Glickman, die Filmindustrie beim digitalen Wandel vor dem Schicksal der Musikindustrie zu bewahren.

In der Zwischenzeit sollten sich die Megastars ein paar Gedanken machen. Kaum ein Schauspieler wird noch in der Lage sein, 25 Millionen Dollar pro Film aus den Studios zu pressen. Solche Gagen ließen sich für Filme mit einem Budget von 100 Millionen Dollar rechtfertigen. Das Engagement von Stars war eine, wenn auch teure Methode, um das Risiko eines desaströsen Flops zu vermeiden. Aber mit digitalen Filmen wird auch jeder Flop weniger kostspielig. Arnold Schwarzenegger, einst der bestbezahlte Schauspieler Hollywoods, scheint genau zum richtigen Zeitpunkt in die Politik gewechselt zu sein.