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Hinterm Horizont geht's weiter

Ein neues Filmformat erfinden. Mit Straßenmusik berühmt werden. Schüler von Künstlern unterrichten lassen. Hoffnungslose Angelegenheiten? Ach was!




Der Anfang ist aufregend, aber schwierig, also wie immer. Wir stehen in Norberts Bus, den der gelernte Schreiner zu einem Wohnmobil umgebaut hat und in dem er lebt, wenn er unterwegs ist, und Norbert sagt, er müsse mir unbedingt noch etwas zeigen. Zügig verbindet er Kabel und Stecker zu einem Netz, in dessen Mitte sich die Nipkow-Maschine befindet, eine Mischung aus Kamera und Projektor, die er selbst gebaut hat. Sie basiert auf einem Bildaufzeichnungssystem, das der deutsche Ingenieur Paul Nipkow 1884 vor der Erfindung des Zelluloids entwickelte: Es wandelt Licht in Klänge um, sodass sich Bilder wie Musik auf Schallplatten oder, wie es zu Beginn der Tonaufzeichnung üblich war, Wachswalzen speichern lassen. Das System kam allerdings nie über das Experimentierstadium hinaus, und nun soll ich mir einen damit gedrehten Film ansehen, auf einem Bildschirm, der wenig größer ist als eine Streichholzschachtel. Norbert sucht eine Platte heraus, die er erst vor wenigen Tagen bespielt hat, einen der vielen Tests, mit denen er die Möglichkeiten der Maschine erkundet. Diese Experimente betreibt er sehr gründlich, er lässt parallel eine Videokamera mitlaufen und spricht gleichzeitig eine Beschreibung des Gefilmten auf Minidisc.

Ich stehe also in diesem Bus, starte auf den Quadratzentimeter großen Bildschirm einer Erfindung, mit der sich seit mehr als einhundert Jahren niemand mehr beschäftigt hat, höre von einem seit nicht mal zehn Jahren existierenden Speichermedium, was ich eigentlich erkennen sollte, und sehe: oben einen schwarzen Streifen, unten einen schwarzen Streifen und dazwischen verwischte Flächen und Linien in Grün und Rot, wie zerlaufenes Öl in einer Pfütze. Norbert steht neben mir und sagt: " Hier stehe ich vor der Hauswand", und "Jetzt halte ich den Regenschirm hoch", und "Ist das nicht fantastisch?", während ich das amorphe Gerinnsel betrachte und mir wünsche, ich wäre weit weg: Norbert hat offensichtlich ein Problem, aber das geht mich nichts an, ich bin nicht sein Therapeut. Von der Minidisc höre ich, wie Norbert mit einer Passantin spricht, er sagt: "Gehen Sie ruhig durch, das stört mich nicht." Dann durchzieht ein Schatten von rechts nach links das Bild, es ist das Erste, was ich klar erkennen kann, und als er verschwunden ist, steht da Norbert vor einer Hauswand, ich schaue aus dem Fenster, es ist das Haus, vor dem der Wagen immer noch parkt, Norbert dreht einen geöffneten Schirm herum, und es ist unglaublich: Ich kann alles sehen.

Nichts ist schwerer, als sich verständlich zu machen, wenn man etwas Ungewöhnliches tut. Es ist wie bei einer Kippfigur in einem Vexierbild des Barocks: Wer es einmal gesehen hat, wird in dem vermeintlichen wirren Busch immer das gesuchte Mädchen finden, doch bis zu diesem Moment ist die Zeichnung unbegreiflich. Die Bilder von Norberts Maschine sind wie Norberts Leben oder Ricos, Guidos, eines jeden, der die eingetretenen Pfade verlässt und eine Welt findet, von der niemand etwas geahnt hat. "Ich kann mir hundert bessere Arten vorstellen, wie ich leben könnte, warum also sollte ich als Angestellter leben", hat Rico gesagt, doch er weiß auch, wie es geht: Etwas Neues zu machen ist nicht zuletzt eine Gewohnheitsfrage, und er hat schon viel gemacht. Der Anfang ist das Schwierigste. Aber aufregend. Ich bitte Norbert, mir den Film noch einmal zu zeigen, und diesmal sehe ich alles, ein Schalter in meinem Kopf hat sich umgelegt. Der Lichtillusionist und Filmemacher mag Probleme haben, wer hat die nicht, aber der Spinner, den ich in ihm vermutete, war ein Produkt meiner Ahnungslosigkeit. Ich weiß nichts. Später erzählt mir Norbert aus seinem Leben, ernst und nachdenklich rollt sein langsamer, überlegter Wortfluss dahin.

Norbert Schliewe, 1959 in Frankfurt am Main geboren, geht ohne Abitur von der Schule ab. Er lernt Schreiner und Dekorateur, bevor er dank einer Sonderregelung für Hochbegabte mit 24 Trickfilmstudent an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach wird. Dort trifft er Christoph Schlingensief, dreht einen Film, den er nicht zeigen will, denn "der ist leider frauenfeindlich" und entdeckt ungeahnte Freiräume. "Ich hatte sieben Jahre Maloche hinter mir, das siehst du natürlich alles anders, als wenn du direkt aus der Schule kommst." Norbert beginnt zu experimentieren, unter anderem baut er eine Filmentwicklungsmaschine. "In der HfG konntest du zu den Produktgestaltern gehen und dem Meister sagen, ich will was machen, dann hat der dir gezeigt, wie die Maschinen funktionieren, und plötzlich stehst du an einer Drehbank, als Filmstudent - das ist doch fantastisch!" Noch fantastischer war es allerdings, Zeit zu haben: "Das war toll. Das ist ein ungeheurer Wert, frei zu sein und Zeit zu haben, das geht heute gar nicht mehr mit der Regelstudienzeit. Meinst du, ich würde hier stehen mit meinem Bus, wenn ich nicht Zeit gehabt hätte?" Zeit. Die kostbarste Ressource jedes Menschen, unwiderruflich begrenzt und durch nichts zu ersetzen. Wer das begriffen hat, ist für Fernsehen, Shopping, Events, den gesamten organisierten Zeitraub verloren. Was aber nicht zwangsläufig zur Eile führen muss. Norbert geht den üblichen Weg eines Filmemachers, dreht drei Kurzfilme mit einer Freundin, schließt sein Studium ab und bekommt für seinen Langfilm "Now what" den Hessischen Filmpreis, 150 000 Mark. In einem Interview wird er gefragt, was er als Nächstes machen wird. "Und ich antworte ganz euphorisch: natürlich meinen nächsten Film. Über diesen Satz lache ich noch heute. Und freue mich, dass ich dem entkommen bin." Aber immerhin hat er das Geld, "und weißt du, Geld kann einen frei machen, das habe ich gelernt". Also zieht er ein halbes Jahr mit einem tragbaren Rekorder für Grammophonplatten durch die USA, fragt auf der Straße Passanten nach Geschichten, die er aufnimmt und archiviert, und begegnet dabei einem 23-jährigen Deutsch-Kroaten: Bruno.

Bruno will Schauspieler werden, hat auf einer Party den Regisseur Jim Jarmusch getroffen und möchte nun in einem seiner Filme mitspielen. Norbert schlägt vor, für Jarmusch eine Schallplatte zu besprechen, als originelle Bewerbung, und Bruno erzählt bei den Aufnahmen von seinen Erlebnissen während des Krieges auf dem Balkan. Jeder kennt diese Geschichten, es sind immer dieselben, und trotzdem ist jede unfassbar gigantisch, vielleicht weil sie jenseits aller Rahmen stattfinden, jenseits jedes Maßstabs. Norbert spürt, dass Brunos Geschichte viel zu groß ist für eine kleine Schallplatte, und beschließt, über den jungen Mann einen Film zu machen. Ein letztes Mal geht alles seinen geregelten Gang: Norbert macht Probeaufnahmen, findet einen Produzenten, erhält eine Förderung und beginnt zu drehen. Doch Bruno fühlt sich von der ihn verfolgenden Kamera überfordert, und Norbert beginnt zu zweifeln: an seinem Film, das heißt eigentlich an dem Medium Film an sich.

Norbert hat zehn Jahre gearbeitet, um sein Versprechen zu halten. Nebenher erschuf er sich ein neues Leben Das ist jetzt kompliziert, und man muss schließlich nicht jeden Beweggrund verstehen, den einer hat, um sein Leben umzuwerfen, aber kurz gesagt ist es so: Norbert meint. Film sei eine Lüge, durch seine Sprache, seine Grenzen, was auch immer. Ich habe es nur halb verstanden, Norbert hat darüber lange nachgedacht, während ich es an einem Nachmittag gehört habe, es wäre ein Wunder, hätte ich es komplett begriffen, doch darum geht es auch nicht. Wichtig ist: Der Begriff der Lüge impliziert die Idee einer Wahrheit, und die sucht Norbert, auch wenn er das so nicht sagt. Jedenfalls erklärt er Bruno in New York, er werde für ihn ein neues Filmformat entwickeln, und tut dann genau das: Er baut die Nipkow-Maschine, führt sie in Großbritannien und Norwegen vor, reist und arbeitet, verdient Geld mit Auftritten als, wie er sich jetzt nennt, Lichtillusionist, aber auch als Schreiner. Derweil vergehen zehn Jahre. Bruno lebt inzwischen in Berlin, also fährt Norbert schließlich dorthin, um ihn zu treffen. Er ist nervös, sagt er, sie hätten sich seit damals nicht mehr gesprochen.

Das ist die Lage, an diesem Herbstnachmittag im Jahr 2004, in einem Café in Berlin. In einem Buch oder Film käme nun der große Moment, das Zusammentreffen nach langer Zeit, Tränen würden fließen - und Ende. Doch das Ende ist die größte Lüge überhaupt, keine Geschichte endet, bevor alle beteiligten Personen tot sind und vergessen. Außerdem ist Norbert für einen glaubhaft dramatischen Moment schon viel zu weit gegangen, der einst angestrebte Schluss ist bloß noch Teil einer neuen Erzählung, oder um es prosaischer auszudrücken: Die Eigendynamik hat längst eingesetzt. "Du kannst irgendwann nicht mehr zurück, letztlich ist das Projekt inzwischen ein Selbstläufer. Freunde haben gesagt, du bist auf der falschen Route, vor zwei Jahren war ich selbst bereit, alles kaputtzuhauen. Aber ich habe viel Geld und Zeit in die Sache gesteckt. Dazu kommt das Ego, du willst es irgendwann wissen. Außerdem bin ich immer noch entertained: Es ist fantastisch, sich mit dem Apparat in eine Fußgängerzone zu stellen. Als Filmemacher kannst du nichts mehr tun, sobald ein Film fertig ist. Aber auf einer Bühne vor Publikum ist das anders." So habe ich Norbert kennen gelernt, auf der Bühne. Es war ein bunter Abend in einer zum Veranstaltungsort umgebauten Fabrikhalle, in der im Zehn-Minuten-Takt Maler, Fotografen, Musiker und Designer vorgestellt wurden. Es war fürchterlich, alles war dilettantisch zusammengehauen und völlig beliebig, Zeitraub auf niedrigstem Niveau. Ich wartete auf den Auftritt von Rico, aber der kam zum Schluss, und so ließ ich mir von der Berliner Underground-Szene langsam das Hirn rauslöffeln. Bis ein Mann auftrat, der dem lärmenden Publikum erklärte, dies hier sei ernst gemeint. Da wurde ich wach. Es war Norbert, der als Erstes ein Gerät vorführte, mit dem man Töne auf Plastikflaschen speichern kann. Auf so eine Flasche passen drei Minuten, und die sollte nun das Publikum bespielen. Norbert sagte: Ihr habt eine bestimmte Zeit, macht was draus. Es war zum ersten Mal an diesem Abend total still im Raum. Schließlich meldete sich Rico.

Rico redet wie ein Wasserfall, und genauso macht er Musik. Hindernisse scheint es da keine zu geben, schon gar nicht mangelndes Selbstbewusstsein. In den folgenden drei Minuten improvisierte er, wie er es immer tut, schnalzte und klickte einen Rhythmus, sang und heulte, hatte sogar einen Text parat, und wäre die Flasche sechs Minuten lang gewesen, wäre es auch kein Problem gewesen. Später, bei seinem offiziellen Auftritt, improvisierte er ebenfalls, da aber mit seiner Loop Station. Das ist ein kleines Stück Elektronik, das live gespielte oder gesungene Melodie- und Rhythmus-Sequenzen speichert und als Schleife wiederholt, sodass man andere Teile der Musik darüber legen kann. Ein einzelner Musiker ist damit in der Lage, wie eine Band zu klingen. Außerdem, sagt Rico, ermöglicht ihm die Loop Station, mit sich selbst zu kommunizieren. Das klingt komisch, aber vermutlich geht es ihm mit der Musik wie mit der Sprache - Rico gehört zu den Leuten, die ihre Gedanken beim Reden entwickeln.

Als Rico und ein Freund 5000 Dollar zusammen hatten, fuhren sie nach China. Das Geld reichte für ein ganzes Jahr "Der erste Schritt, bevor man etwas Neues anfängt, ist die Neugierde. Man muss wissen wollen, wie etwas ist, man darf nichts ausschließen und durchaus auch in Erwägung ziehen, dass alles, was man gern hätte, möglich ist. Man darf nicht von vornherein sagen, nee, das mache ich nicht, so kann ich nicht leben. Gewohnheiten blockieren, weil sie Erfahrungen verhindern, die einen eventuell bereichern könnten. Natürlich braucht es manchmal bestimmte Voraussetzungen, ich musste mir damals auch erst das Geld erarbeiten, aber dann habe ich mir die Auszeit genommen und gesagt: Jetzt mach' ich's. Wenn du nicht losgehst und etwas probierst, wirst du nie etwas erfahren. Man muss sich immer vor Augen halten, dass es ganz viel gibt, was man nicht weiß. Das vergessen die Menschen, gerade wenn sie älter werden." Wir sprechen von Ricos erster Weltreise, als er 20 war. Zu dieser Zeit hatte er exakt jeweils die Hälfte seines Lebens in Ost- und Westberlin verbracht: Rico Diessner wurde 1968 in der DDR geboren. Sein Vater war Bassist in der Band von Frank Schöbel, einem der Popstars des Landes, der häufig ins Ausland geschickt wurde. Von unterwegs brachte Papa allerlei mit, bis er 1978 Arger wegen Schmuggels bekam und in den Westen ging. Nun sah die Familie die Mauer also von der anderen Seite und den Funkturm am Alex nur noch von weitem, aber nach der Schule konnte Rico immerhin die neue Reisefreiheit nutzen: Als er und ein Freund 5000 Dollar beisammen hatten, fuhren sie mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking und von dort per Anhalter durch China, Indien, Nepal - insgesamt dauerte die Tour ein Jahr. Die beiden lebten in den billigsten Absteigen, aßen das billigste Essen, und natürlich bekam Rico jede Krankheit, die man in Asien bekommen kann - dafür wurde er dort später nie wieder krank. Doch das Schwierigste war die Rückkehr.

Im Frühjahr auf die Farm nach Kanada, im Herbst zum Arbeiten nach Japan, im Winter zur Familie nach Deutschland "Das war schlimm. Du kommst zurück, hast irre viel erfahren und kannst es nicht vermitteln. Außerdem war da dieser Druck, alle fragten: Was willst du jetzt tun? Da habe ich mich wahnsinnig klein und schlecht gefühlt, weil ich dachte, ich bin ein Nichts, ich bin schon 21 und habe noch keine Ausbildung." Nach diversen Jobs entdeckte Rico die Straßenmusik. Die lief so einigermaßen, bis er hörte, dass man in Japan damit viel Geld verdienen kann. 1994 fuhr er zum ersten Mal hin, stellte fest, dass er neben der Musik auch eine gute Show brauchte, und als er die hatte, begann die Sache zu rollen: 100 Dollar pro Show, fünf Shows pro Tag - da kommt ein kleines Manager-Gehalt zusammen. 1996 zog Rico mit seiner Freundin nach Kanada auf eine Farm. " Wir hatten ein super Leben, die Luft, der Platz, unser Garten - das waren wahnsinnige Geschenke." Bis zum Herbst blieben sie dort, führen dann zum Geldverdienen nach Japan, und anschließend nach Deutschland, die Familie besuchen. Im Frühjahr ging es zurück nach Kanada. Drei Jahre lief es so, bis ihr gemietetes Grundstück verkauft werden sollte und es für sie zu teuer war. "Plus, ich war damals bereits zehn Jahre unterwegs und wollte nach Berlin zurück. Ich wollte was anderes machen. Ich bin eben neugierig." Daheim konzentrierte sich Rico auf die Straßenmusik. " Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass man als Straßenmusiker überhaupt leben kann, auch weil ihnen das als die unterste soziale Stufe erscheint. Aber für mich ist das einer der schönsten Jobs, ich habe durch ihn eine unglaubliche Freiheit." Allerdings hat er dafür auch viel getan. Rico war, wie viele Kreative, früher eher schüchtern und musste erst mal lernen, mit fremden Menschen zu sprechen. "Ich bin in die U-Bahn rein, habe Leute angequatscht und dabei gemerkt, dass es umso einfacher ist, je mehr ich mich traue. Das ist wie bei der Musik: Je weniger du darüber nachdenkst, desto mehr kommst du in einen Fluss, in dem alles funktioniert." Heute ist das Gespräch mit den Zuhörern für ihn selbstverständlich. "Wenn ich in die Tram komme oder die U-Bahn, sage ich: ,Hallo, ich bin Rico, ich hoffe, ich störe euch nicht, und wenn ich euch auf die Nerven gehe, sagt mir das bitte.' Da habe ich schon die Aufmerksamkeit der Leute. Und wenn dann wirklich einer nicht will, spiele ich auch nicht. Aber meistens verdiene ich dadurch viel mehr Geld." Man kann eben alles besser machen, auch Straßenmusik. Im vergangenen Jahr entdeckte Rico während einer Theaterproduktion die Loop Station als seinen perfekten Helfer, und so tritt er jetzt als ein Ein-Mann-Orchester auf. "Das ist nicht nur Unterhaltung, es ist für die Leute auch interessant zu sehen, wie so ein Stück entsteht, wie sich die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen." In den Wochen vor Weihnachten spielt er in Zürich, weil dort die Geschäfte besser laufen, und in den folgenden Monaten schreibt er neue Songs, denn dann ist es zu kalt, um draußen zu arbeiten. Natürlich hat er eine Website, auf der er seine Auftritte ankündigt, inzwischen stehen dort auch einige Konzerte als Downloads bereit. Irgendwann soll es möglich sein, jedes Konzert einige Tage später von der Website runterzuladen, vielleicht für etwas Geld. Aber das wird noch dauern, schließlich will Rico auch sein Leben genießen. "Ich mache ziemlich viel, aber Arbeit für Geld ist nicht alles." Zweifel? Hat er. Aber nicht viele. So ein Lebensstil prägt den Charakter. "Mit der Zeit hat sich in mir eine Art Vertrauen entwickelt, sodass ich eigentlich vor nichts mehr richtig Angst habe. Außer vor meiner eigenen Courage und vor meinem eigenen Selbstzweifeln natürlich. Die stehen mir immer mal wieder im Weg, wie jedem anderen Menschen auch." Gerade hat er noch einen neuen Job dazubekommen: Er geht in Schulen und zeigt Kindern, was er so tut. Das basiert auf dem Prinzip der so genannten Dritten: "Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die ihre Kenntnisse und inneren Reichtümer einer Schule zur Verfügung stellen", wie es der Verein Now&Next in der Beschreibung seines Projektes "Resonanz" formuliert. Now&Next will in Berlin Künstler an Schulen vermitteln, Rico ist der erste Kandidat. Guido Holtkamp, der das Projekt mit gestartet hat, hat ihn am Boxhagener Platz kennen gelernt, wo Rico in den Sommermonaten jeden Sonntag während des Flohmarktes aufgetreten ist. Die Kinder seien total fasziniert gewesen, sagt Guido. Er sitzt an diesem Tag mit Rico in dem Cafe, in dem wir uns zum Frühstück verabredet haben. Eigentlich will er gleich gehen, aber er kennt Ricos Geschichte nur teilweise, und so bleibt er und hört zu. Rico redet, die Gedanken sprudeln, während vor ihm sein Frühstück langsam dem Nachmittag entgegentrocknet, und so fragt Guido irgendwann, ob er sich einen Toast schmieren dürfte. Einer bleibt ungern allein, das Messer arbeitet gemächlich, aber regelmäßig, und als Ricos Geschichte beendet ist, ist sein Teller fast leer. Aber kein Problem. Rico sagt: "Ich mache einfach, was ich mache." Das gesteht er anscheinend auch anderen zu. Und Guido? Könnte antworten: "Man muss tun, was getan werden muss." So begründet er jedenfalls sein Engagement bei Now&Next. "Wenn ich an einem brennenden Haus vorbeilaufe und Leute um Hilfe rufen, sag' ich doch auch nicht: Ich bin kein Feuerwehrmann, tut mir Leid, ich hab' noch einen Termin. Die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe ist heute, dass wir die nächste Generation auf das Leben vorbereiten, dass es denen Spaß macht und sie motiviert sind. Deshalb darf das Schulsystem in der derzeitigen Form nicht weiter existieren." Dazu möchte Guido beitragen, und das kann er auch gut begründen, aber das lasse ich weg, die Pisa-Debatte ist oft genug breitgetreten worden - und hat irgendwer das Gefühl, außer Beileidsbekundungen und Sonntagsreden hat das irgendwas gebracht? Jenseits der bekannten Daten basiert Guidos Haltung allerdings auch auf persönlichen Erfahrungen. "Ich fand schon als Kind, dass die Schule absurd ist, ich habe sie gehasst. Dabei war ich nie ein Null-Bock-Typ. Ich habe zum Beispiel mit 15 ein Motorrad komplett zerlegt, da fehlte es mir nicht an Lust und Elan. Aber das Abitur habe ich erst im zweiten Anlauf geschafft. Alle haben gesagt, ,der Junge ist falsch', nur ich war schon damals sicher: Die Schule ist falsch." Guido sah ein Bild in einer Zeitung, rief den Mann an, hatte kurz darauf einen neuen Job und drehte schließlich Filme Nach dem Abi hatte Guido ein klares Ziel: Er wollte Filme machen. Einerseits. Andererseits schien ihm das aber auch zu groß, und so begann er erst mal zu malen. Eine ganz schlechte Idee, eine schwierige, aber echte Passion gegen eine bequemere Passion einzutauschen. Und natürlich funktionierte es nicht. Nach einer abgelehnten Bewerbung an einer Kunsthochschule arbeitete Guido einige Zeit bei einem großen Autokonzern. "Im Nachhinein bestätigt diese Zeit meine Philosophie, dass das Leben ein Trainingsparcour ist. Ich wurde protegiert, lernte den Vorstand kennen und merkte, wie die miteinander umgehen. Das war ein archaisches Imponiergehabe, wie in der Tierwelt. Ich wusste nach einem halben Jahr: Dies ist nicht meine Welt." Schließlich sah er in der Zeitung das Foto eines TV-Produzenten, "der gefiel mir irgendwie", und so rief er ihn an und fragte, ob er einen Praktikanten brauche. Da war Guido bereits 29, aber was bringt falscher Stolz? Alfred Bayer, Chef von BSB-Film, nahm den jungen Mann ohne Ausbildung und Vorkenntnisse, und als sich zeigte, dass er tatsächlich recht geschickt war, durfte er mehr tun. Bis er irgendwann kurze Fernsehbeiträge produzierte.

So lernte Guido die Branche kennen und gründete schließlich eine eigene Firma für Sound-Arbeiten, Spezialeffekte und DVD-Produktion. Das Grundkapital bekam er problemlos von einer Bank, denn es war Ende der Neunziger, die Zeit der neuen Wirtschaft, aus der er seine Kunden beziehen wollte. Als die kurz darauf reihenweise Pleite gingen, ging er mit und hatte anschließend Zeit, sich wieder seinem ursprünglichen Ziel zu widmen: einen Kinofilm zu drehen. Er fand sogar eine Produktionsfirma, die interessiert war, doch die ging ebenfalls Pleite - eigentlich kein Wunder, dass Guido das Leben für einen Trainingsparcour hält. Seinen Traum hat er trotzdem nicht begraben, er wartet ab und will bei Gelegenheit zuerst einen kleinen, selbst finanzierten Film drehen, dann einen größeren, ebenfalls selbst finanzierten und so weiter, "aber eben alles auf eine etwas demütigere Art".

Nach dem Flop startete Guido die Initiative "The Message": Das Arbeitsfeld war Medienpädagogik, also Kindern die Wirkung und Nutzung von Medien erklären sowie die Förderung der Medienkompetenz von Lehrern. Die Arbeit war auch erfolgreich, sie wurde überall gelobt, doch leider war sie aus Bundes- und EU-Töpfen finanziert, und als die leer waren, war Schluss.

Etwas Neues zu tun ist nicht zuletzt eine Gewohnheitsfrage, und so heißt das neue Projekt nun "Resonanz". Es soll direkt von den Schulen finanziert werden, die für die besuchenden Künstler Stundenlöhne zahlen. Eine schwieriger Plan angesichts leerer Kassen, oder? "Das ist nicht teuer. Und es hat sich in vielen Modellschulen gezeigt, dass die Arbeit mit Dritten gut funktioniert. In der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule in Kreuzberg praktizieren die das seit fast zehn Jahren. Die Schulleiterin, Hildburg Kagerer, propagiert das Prinzip, aber es wird nicht auf reguläre Schulen übertragen. Es werden lieber neue Modelle initiiert, statt Modelle, die sich als gut erwiesen haben, zu nutzen." Man kann sich das Problem vorstellen: Modelle bringen Karrierechancen, Prestige und Förderung, erprobte Methoden zu übernehmen ist dagegen schlicht Arbeit. Und die ist nicht beliebt in einer Gesellschaft, die wichtige Dinge vergessen hat. Guido versucht es natürlich trotzdem. Weil es getan werden muss. Das ist das Leben.

Wir wurden geboren, und wir werden sterben. Dazwischen findet das Leben statt. Du hast drei Minuten, mach was draus. Jeder, der jemals neue Wege beschreitet, begreift etwas, das man nur begreifen kann, wenn man neue Wege beschreitet. Rico sagt: "Wenn ein Mensch einen Traum, eine Vision oder einen Wunsch hat, sollte er nie sagen, das sei unrealistisch. Und er sollte keine Kompromisse machen wegen Geld, denn dann kann er das Geld auch nicht genießen." Natürlich ist es nicht einfach, wie Norbert völlig zu Recht zu bedenken gibt: "Wenn du die Welt neu erfinden willst, werden dir das viele neiden. Aber ich glaube auch, weil sie dabei hilflos sind." Doch gibt es eine Alternative? Norbert, der langsamste Macher, den ich jemals getroffen habe, erklärte am Schluss unseres Gespräches: "Wenn du eine Sache nicht durchdringen kannst, verharte, dann durchdringt die Sache dich." Das gilt auch für das Leben. Nur ist es so verdammt kurz. Und es wäre blöd, wenn man erst auf dem letzten Meter begreift, was Rico perfekt formuliert hat: "Das Leben ist so schön. Manchmal wache ich auf und denke, es ist toll, dass ich das alles erleben darf. Es reicht völlig, dass ich atmen darf. Und die Farben, der Geschmack ... Ich meine, das ist doch Lebenssinn genug. Und da frage ich mich dann: Warum erwarten manche so viel?"