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Space Center Bremen

Mit 650 Millionen Euro ist der Space Park Bremen eine der größten Baupleiten der Nachkriegsgeschichte. Wie konnte das passieren? Und wie hätte das verhindert werden können?




Läuft man spätabends mit hochgeschlagenem Kragen am Bremer Hafen entlang, 15 Autominuten vom Hauptbahnhof entfernt, kommt man an Speichern und allerlei alter Funktionsarchitektur vorbei, die heute kaum jemand mehr braucht. Mit etwas Glück reißt hinter den Silos der Himmel auf, und der Mond scheint auf eine silbrige, verschwenderisch gestaltete Gebäudelandschaft, deren segmentierte Fassaden an Science-Fiction-Raumschiffe erinnern. Eine richtige Rakete steht da auch. Daneben eine Abschussrampe. Es gibt gewölbte Glasfassaden, runde Dioden-Lampen, die in das nagelneue Pflaster eingearbeitet sind, und weiter hinten ein Hotel, dessen Lobby im selben Blau leuchtet wie der Warp-Antriebskern der Enterprise, Beam-Säulen und Traktorstrahlen. Rechts ragen vier riesige Rückwände in die Nacht, die rot leuchten, sie sehen aus wie auf der Seite liegende " Triebwerke" sagt Wolfgang Wilke, "das sollen die Triebwerke des Raumschiffes sein, das hier gelandet ist". Wolfgang Wilke ist der Mann, der sich das alles ausgedacht hat, und man fragt sich, während man so neben ihm herläuft, wie es ihm wohl gehen mag. Die Gebäude stehen leer, bis auf ein Multiplexkino und gelegentliche Technopartys geht hier nichts. Der Komplex ist weniger wert als die rostigen Förderbänder nebenan.

Schade, denkt man. Schade um das viele Geld. 650 Millionen Euro wurden hier verbaut. 200 Millionen kamen aus der Bremer Landeskasse. 450 Millionen hat die Dresdner Bank in den Hafensand gesetzt.

Schade um das Geld der Kleinanleger des Immobilienfonds Degi, einer Tochter der Dresdner Bank. Schade um den Geschäftsführer, der seinen Job verlor. Vielleicht auch schade um den Wiesbadener Projektentwickler Jürg Köllmann. Der hatte mal mehr als 600 Angestellte, der Space Park Bremen sollte sein Lebenswerk krönen. Stattdessen versickerte jede Menge Geld in Köllmanns undurchsichtigem Geflecht aus GmbHs & Co. KGs, irgendwann gingen die Firmen Pleite. Heute kümmert er sich wieder um seine Pferdezucht und um eine kleine Firma, in der er mit Verwandten hefebasierte Wellness-Food-Zusätze vertreibt. "Ich bin einer der einflussreichsten und innovativsten Entwickler der deutschen Nachkriegsgeschichte", sagt Jürg Köllmann über Jürg Köllmann. "Ein Ganove", sagen die Bremer Grünen.

Echtes Mitleid aber verdienen die Bremer Bürger. Die wenigsten von ihnen haben dieses Riesending gewollt. Und ihre Politiker, egal, ob sie Hartmut Perschau, Josef Hattig oder Henning Scherf heißen, ob sie SPD-Mitglied sind oder in der CDU zu Hause, weder die ehemaligen Wirtschaftssenatoren noch Deutschlands beliebtester Bürgermeister haben bis jetzt die Verantwortung übernommen für das, was sich als eine der peinlichsten Baupleiten nach der Wende erwiesen hat.

"Die Vorzeichen haben sich einfach zu schnell geändert", heißt es im Wirtschaftsressort des Bremer Senats. Damit sind die Konjunktur, der Arbeitsmarkt und das Freizeitverhalten der Deutschen gemeint. Mit anderen Worten: Pech. - "Kein Kommentar", ist der Kommentar der Dresdner Bank, die den größten Schaden davontrug. - "Mit dem Geld hätten Sie genauso gut ein Loch nach Australien bohren und ein Kassenhäuschen daneben aufstellen können", sagen die Grünen.

Aber der Bremer Space Park ist nicht aus Pech gescheitert. Hier wurde mit Großmannssucht und Kleinkariertheit (die beiden kommen stets im Dopppelpack), Fördergeldern und Gefälligkeitsgutachten, Lokalpatriotismus und Selbstüberschätzung eine kleine Idee zu einem europäischen Vorzeigeprojekt aufgeblasen. Aus einer witzigen, viel versprechenden Lösung für eine Industriebrache am Stadtrand sollte ein Tourismusmagnet werden, der massenweise Menschen aus Skandinavien, von der Nordseeküste und den Benelux-Ländern nach Bremen zieht: "Europas größtes integriertes Entertainment- und Shoppingcenter" sollte hier entstehen, eine "weltweit einzigartige Mischung themenbezogener Unterhaltung rund um das Abenteuer Weltraumforschung", tönte die Presseerklärung im Jahr 2001. Dienstleistung und Tourismus statt Werften und Containerschifffahrt. Strukturwandel vom Feinsten sollte das werden.

Stattdessen war der Vergnügungspark nur ein halbes Jahr geöffnet, nebenan stand ein Riesenblock mit 44 000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche leer, und bevor man eine Stippvisite planen konnte oder auch nur verstehen, was da überhaupt entstanden war, ging das Ding Pleite und wurde geschlossen. Deutschland wundert sich. Berlin geht auf Distanz. In Brüssel schüttelt man die Köpfe.

Bremen hat nun ein Problem. Nicht nur das Image des kleinsten Bundeslandes ist im Keller, die Finanzen sind es auch. Der Space Park reiht sich in eine lange Reihe von Fehlinvestitionen, die weitaus dramatischer ausfallen als der so genannte und viel kritisierte Aufbau Ost. Bereits 1992, mitten in der großen Werftenkrise, musste das Land Bremen schon mal den Haushaltsnotstand erklären. Die Bundesregierung griff ein und erklärte sich bereit, ab 1994 über eine Laufzeit von zehn Jahren insgesamt 8,5 Milliarden Euro in das kleinste Bundesland zu überweisen. Es verpflichtete sich im Gegenzug, mit dem Geld seine Schulden abzubauen. Ein Teil wurde in Universitäten, Technologieparks und Gründungswettbewerbe gesteckt. Der größte Teil der Investitionsbeihilfe aber verpuffte. Zehn Jahre später hat Bremen mit zehn Milliarden Euro mehr Schulden als je zuvor. Jeder Bremer Bürger ist mit mehr als 15 000 Euro verschuldet, das ist Deutschlandrekord.

"Noch nie hat ein Land in einer so langen Zeit so viel Geld ausgeben dürfen. Es war das größte Investitionsprogramm, das es je in der Republik gegeben hat", konstatiert Professor Wolfram Elsner, Leiter des Instituts für Institutionelle und Sozial-Ökonomie (iiso) an der Bremer Universität. "Wir haben über den gesamten Zeitraum seit 1993 den Schuldenstand gehalten. Wir wollten ihn abbauen, das stimmt, wir hatten uns dazu verpflichtet", sagt Henning Schert nach der Space-Park-Pleite in die TV-Kameras.

Strukturwandel ist immer schwierig. In Bremen ist er vorerst gescheitert. Der Space Park sollte ein Leuchtturm sein, ach was, ein Komet! Er wurde zum Wahrzeichen eines Scheiterns. So wie er da steht: ein trauriger, leerer und irgendwie auch überflüssiger Rummelplatz - der teuerste der Nation.

Aber, und das ist vielleicht die gute Seite dieser Geschichte: Vielleicht lässt sich in Bremen etwas lernen?

Die erste Idee war gut. Aber dann wurde sie immer größer

Wolfgang Wilke sitzt im Vorraum des Multiplexkinos im Space-Park-Gebäude, vor sich ein Tablett mit einem Hotdog und einer mittleren Cola. Er räumt gerade die Büros, ein paar Wochen noch, dann wird die Space Center Betriebs GmbH und Co. KG Insolvenz anmelden. Zum Zeitpunkt des Gespräches ist das aber noch nicht entschieden. "Immerhin", sagt Wolfgang Wilke und blickt auf das Tablett vor sich, wedelt mit der Hand eine Fruchtfliege fort, "irgendwie sind die hier überall", sagt er, "immerhin", Blick aufs Tablett, "was wollte ich sagen?", Blick nach vom: "Immerhin wird demnächst meine Ernährung besser." Er lächelt. "Executive Director Public Affairs & Business Development" steht auf der Visitenkarte, die neben dem Tablett liegt, Wilke tippt darauf, "was da nicht steht, ist: geistiger Vater".

Anfang der neunziger Jahre, damals war er noch Physiker und Ingenieur bei der Dasa (heute EADS), war er Mitglied einer Arbeitsgruppe, die sich für die Region und ihre Firma, die Dasa, fragte: Was kann man tun, damit sich die Raumfahrt am Standort besser repräsentiert? "Ende 1992 hatten wir 120 Ideen zusammen", erzählt Wilke. Eine davon war, ein Raumfahrterlebniszentrum aufzubauen, mit einem Space Camp, in dem Erwachsene und Jugendliche ein Astronautentraining machen können, mit Erlebniswelten und einem angeschlossenen Gewerbepark, in dem sich innovative, raumfahrtnahe Unternehmen ansiedeln sollen. Keine schlechte Idee eigentlich.

Das denkt auch der Bremer Senat. Er finanziert mehrere Machbarkeitsstudien, die 1994 dem Projekt " wirtschaftliche Tragfähigkeit" bescheinigen. Wenn sich alle Partner ordentlich beeilen, kann Bremen sogar deutlich vor der Expo 2000 um eine Attraktion reicher sein. Space Park, Space Camp und vielleicht noch ein Kino dazu: macht 122 Millionen Mark Investitionssumme. Die US-amerikanische Unternehmensberatung Harrison Price Company zirkelt einen Kreis mit 300 Kilometern Durchmesser um Bremen, zählt 30 Millionen potenzielle Tagesbesucher und fast noch einmal so viele Touristen. Das macht, "konservativ gerechnet", wie es die Freizeit- und Tourismusberatung Wenzel &: Partner BDU, heute Wenzel Consulting AG, ausdrückt, bei einem " Marktabschöpfungsgrad" von 2,2 Prozent: 1,3 Millionen Besucher im Jahr. Das wäre doch was.

1,3 Millionen Besucher im Jahr! In den neun Jahren Planungszeit, die bis zur tatsächlichen Eröffnung des Space Park ins Land ziehen, wird diese Zahl die große magische Konstante bleiben und höchstens mal um ein paar 100 000 nach oben oder unten korrigiert werden. Die Kosten des Bremer Space-Park-Projektes aber werden zum Zeitpunkt der Schließung zehn Jahre später zehnmal so hoch sein.

1994 weiß man also: Ein Space Park ist machbar, und Geld gibt es auch, Bremen ist zwar pleite, doch der Bund hat gerade seine Hilfe zugesagt. Es existiert sogar ein passendes Gelände, die alte Fläche der "AG Weser", nicht allzu weit vom Stadtkern entfernt. Im Jahr darauf wird eine Projektgesellschaft gegründet, sie bekommt einen kleinen Etat und den Auftrag, einen passenden privatwirtschaftlichen Partner zu suchen, der sich Ende des Jahres in der Gestalt des imposanten Wiesbadener Immobilien- und Projektentwicklers Jürg Köllmann findet. Der hatte bis dato zwar noch nichts mit Shopping oder Entertainment am Hut - aber er hatte nachweislich schon große Räder gedreht.

Bis hierher ist noch alles normal. Aus Ideen werden Projekte, die mit öffentlicher Moderation und Geld in private Trägerschaft überführt werden. Im Frühjahr 1995 aber ändern sich die Vorzeichen. Die Bremer Ampelkoalition platzt, nach Neuwahlen übernimmt im Sommer eine große Koalition aus SPD und CDU die Macht im Senat. Das Wirtschaftsressort fällt zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg an die CDU. Senator Hartmut Perschau sieht Handlungsbedarf und gibt seinem Staatsrat Frank Haller, der den Space Park bisher begleitet hat, grünes Licht für größere Gedanken. Nun legt sich etwas, das man in der Psychotherapie "einen fremden Auftrag" nennt, über das Projekt. In der Politik sagt man "Vision" dazu. Realistisch betrachtet wäre der Begriff Größenwahn angebracht.

Eines von Hallers Lieblingsthemen ist " Dienstleistung als regionaler Beschäftigungsmotor". Außerdem hatten die Bremer zuvor in einer Regionalanalyse feststellen müssen, "dass wir hinter vergleichbaren Metropolen wie Nürnberg oder Stuttgart zurücklagen, was den Städtetourismus betrifft", erklärt Heiner Heseler, Abteilungsleiter in der Senatskanzlei und Geschäftsführer der Bremer Investitionsgesellschaft (BIG).

Der Space Park wird Teil eines Masterplans für die gesamte Weser-Region. Tourismus und Freizeitindustrie sollen fortan die Rollen der alten Industrien übernehmen. Der Senat investiert parallel in Wissenschaft und Freizeit. Es wird eine internationale Universität gegründet und die Galopprennbahn ausgebaut, ein Musical-Haus entsteht, und für die Erlebniswelt Weltraum soll Bremerhaven mit ins Boot geholt werden: Dort soll ein "Ocean Park" entstehen, zwischen Innenstadt und Wesermündung sollen Ozeane, Tropen, die Erde, Häfen, also alles, was mit Wasser zu tun hat, spektakulär und atemberaubend inszeniert werden. In den kommenden Jahren vergessen die Bremer Lenker allerdings, dass Bildungseinrichtungen und Wissenschaft einer sehr großen Pflege und Verzahnung mit der vorhandenen Industrie bedürfen, um die Arbeitsplätze zu ersetzen, die auch in den nächsten Jahren in der Region wegbrechen werden.

Es wird geträumt, gehofft, und viele große Worte fallen

Anfang 1996 steigt die Dasa aus dem Projekt aus - Entertainment gehört nicht zur Kernkompetenz eines Luft- und Raumfahrtkonzerns. Köllmann und die Bremer Wirtschaftsförderung entwickeln den Space Park und den Ocean Park allein weiter, der Dasa-Mann Wilke wechselt nach Wiesbaden ins Büro des Immobilienplaners Köllmann. Investoren gibt es noch keine. Dafür stehen die Businesspläne. IMAX-Kinos, Space-Shot, Space Camp, Fahrgeschäfte, Boardwalk, Planet Neptun, Tropicum, Shopping, Wellness und Erlebniswelten: Für eine Milliardensumme sollen Bremen und Bremerhaven künftig Paris und Cape Canaveral Konkurrenz machen.

In Europa und den USA gibt es kein vergleichbares Projekt. Der landeseigene Bremer Ausschuss für Wirtschaftsförderung (BAW; danach: Bremer Institut für Wirtschaftsförderung) rechnet aus, dass die öffentliche Hand 50 Prozent der Investition zur Verfügung stellen könnte und dass sich diese Investition von 982,5 Millionen Mark in fünf Jahren amortisieren wird. Staatssekretär Heiner Haller wird später, im August 2000, die Leitung des BAW übernehmen und von dort aus weiterhin die Fantasie der Bremer mit Machbarkeitsstudien und so genannten Gutachten beflügeln. Zunächst aber muss Köllmann überhaupt mal private Investoren an Land ziehen. Und er muss die Bremer und Bremerhavener Öffentlichkeit überzeugen.

Am 2. September 1996 reist Jürg Köllmann nach Bremen. Seine Mitarbeiter haben 3D-Grafiken dabei, sie haben Videofilme produziert, Pappen aufgezogen und Modelle gebaut, denn heute wird die "Designphase II" für die beiden Parks eingeleitet.

Es gibt noch immer keinen Investor, dafür aber Unterschriften vom Senat, also frisches Geld für die Planer. Vor einer staunenden Bremer Elite präsentiert der Wiesbadener bunte Zeichnungen und feierliche Worte, dass sich die Manschettenknöpfe biegen: "Wir verbinden unsere Investitionsentscheidung mit der unausweichlichen Entschlossenheit der politisch Verantwortlichen, hier in Bremen und Bremerhaven mit Space und Ocean Park den Grundstein für die Entwicklung einer neuen europäischen Freizeitregion zu legen." In Bremen und Bremerhaven werde nicht "die Attraktion zur Attraktion, sondern die neue Philosophie des Standorts". Natürlich würden multimediale Technik, Design, Gestaltung und die Erlebniswelten, so Köllmann weiter, "für deutsche, ja für europäische Verhältnisse ungemein spektakulär". Damit das auch alles zügig verwirklicht werde und man keine Luftschlösser baue, versichert Köllmann, " dass in dem noch jungen Geschäftsbereich der European Leisure Corporation der Köllmann Gruppe gesellschaftliche Veränderungsprozesse und neue menschliche Bedürfnisse länger erforscht und intensiver überdacht werden, als viele andere das tun".

Dann verspricht Köllmann, am Ende der Planungsphase II, die exakten Kosten ermittelt zu haben und ein plausibles Finanzierungskonzept vorzulegen. Er beschließt seine Rede mit der Feststellung, dass auch die politischen Entscheidungsgremien der beiden Hafenstädte Vollgas geben "und die Menschen darauf warten, dass endlich was passiert".

Die Stimmung kippt. Keiner der Macher reagiert

"Große Jungs machen gern große Haufen", sagt Karoline Linnert. Die Fraktionsvorsitzende der Bremer Bündnis 90/Die Grünen sitzt in einem Sitzungszimmer der Partei. Sie macht ein angewidertes Gesicht, wie jedes Mal, wenn sie sich an eine der Meilensteinveranstaltungen der Millionenpleite erinnert. Bei Karoline Linnert sieht es aus, wie man das bei den Grünen erwartet: Ikea-Regale, Kaffeekannen, viel Papier, viele Akten, nichts, was teuer ist, WG-Atmosphäre, jeder, der vorbeikommt, steckt den Kopf kurz rein, grüßt neugierig. An der Wand in ihrem Büro hängt ein Plakat, "Konzern Bremen" steht darauf. Auf einem Schaubild sind 74 der insgesamt 230 Gesellschaften der Stadt und des Landes Bremen schematisch aufgezeichnet. Wer nur die leiseste Ahnung von Organisation und Verwaltung besitzt, sieht, dass ein solches Geflecht weder fiskalisch noch demokratisch zu kontrollieren ist. Die meisten GmbHs tummeln sich in einem Kasten in der Mitte. "Bremer Investitions-GmbH" steht darauf, das Kürzel: " BIG".

Karoline Linnert hat sie alle kommen und gehen sehen, die verschiedenen Phasen des Projektes. Noch heute werden Linnert und ihre damalige Kollegin Helga Trüpel, die jetzt im Brüsseler Europaparlament sitzt, von SPD-Politikern hinter vorgehaltener Hand als " Nestbeschmutzer" bezeichnet und ihre Kritik als " unbremisch" stigmatisiert. "Die objektiven Probleme in Bremen sind so groß, dass die Leute bis weit ins Grünen-Milieu ein Bedürfnis nach Orientierung haben", sagt Linnert. "Diese Aufbruchstimmung wurde geschaffen. So wie Henning Schert eben ist. Nachdenkliche Distanz zu den eigenen Wünschen zu entwickeln ist da einfach degoutant." Doch damals, nach der Präsentation im Rathaus, geht allgemein ein Rumoren durch die informierten Kreise. Noch immer ist kein Investor in Sicht, die Taktik des Wiesbadener Entwicklers, immer mehr Risiken auf die Bürgerschaft abzuschieben, stößt auf immer weniger Wohlgefallen. Die ersten Gutachten mahnen zur Vorsicht. In Bremerhaven formiert sich eine Bürgerinitiative. In einem offenen Brief nimmt die Bremer Sektion des Bundes Deutscher Architekten das komplette Projekt auseinander: "Die Tatsache, dass lediglich visuelle und vordergründige Informationen verteilt und veröffentlicht sind und damit nur eine völlig unzureichende Grundlage der Entscheidungen im politischen Raum vorhanden ist, unterstützt die These der unverantwortbaren Entscheidung und spricht allein schon für sich. Der gewaltige Maßstab, der Unterschied zwischen fünf und 500 Millionen scheint den Politikern nicht als ganz andere Kategorie mit ganz anderen Kriterien bewusst zu werden." Infrastruktur, Standort, staatliche Beteiligung, nichts sei ausreichend geprüft. Der BDA fordert die "sofortige Einsetzung eines unabhängigen Kontrollgremiums, das die Entscheidungsgrundlagen sichtet und bewertet und das mit wirklich unabhängigen Fachleuten und Bürgern besetzt ist und damit nicht Gefahr läuft, ein so genanntes Gefälligkeitsgutachten zu erstellen". Allein die angesetzten Planungskosten erscheinen dem Verband vier- bis fünffach überhöht.

Ende 1997 ist die mit dem Bund vereinbarte Schuldentilgungsrate von 400 Millionen Euro im Jahr auf null gesunken. Bremen gibt mehr als 25 Prozent seiner Steuereinnahmen für Zinsen aus. Zum Vergleich: Der Bundesdurchschnitt liegt in diesem Jahr bei elf Prozent. Noch ist nicht viel Geld in die Planung des Space Park geflossen. Intern streiten die Bremer Politiker mit Köllmann, der Frist um Frist ohne Investorenzusage verstreichen lässt. In der Öffentlichkeit aber verteidigen sie das Vorzeigeprojekt mit immer größerem Trotz.

Im Herbst übergibt Hartmut Perschau das Amt des Wirtschaftssenators an Josef Hattig, den damaligen Geschäftsführer der Bremer Brauerei Beck & Co. Hattig verordnet bis zum Frühjahr 1998 eine Denkpause. Er verlangt eine Änderung des Konzeptes - weniger Entertainment, mehr Shopping - und bringt im Sommer die Dresdner Bank, die West LB und die amerikanische Mills Corporation als Investoren ins Gespräch. Die beiden Letzten springen bis zum Oktober wieder ab. Sechs Tage vor der Bürgerschaftswahl gibt der Ex-Manager, dem die Politik zu gefallen scheint, das Datum für den Baubeginn der Infrastrukturmaßnahmen bekannt: Am 1. Juni 1999 soll es losgehen.

In Bremerhaven ist der Ocean Park - und damit ein wichtiger Teil des ursprünglichen Konzeptes - mittlerweile vom Tisch, eine Bürgerinitiative hat dort zu viel Staub aufgewirbelt. Taktisch klug, wie er ist, fordert Hattig einen völlig überzogenen Eigenanteil von der Stadt Bremerhaven, sodass die sich, ohne das Gesicht zu verlieren, aus dem Projekt verabschieden kann. In Bremen verzögert sich indes der Baubeginn um ein weiteres Jahr. Der Bremer Wirtschaftssenator, der Wiesbadener Entwickler und die Frankfurter Bank verhandeln das ganze nächste Jahr über Anteile und Konditionen. Das Ergebnis ist ein fragiles Baukastensystem, das dem Schaltplan eines russischen Atomkraftwerkes gleicht.

Der Baubeginn ist der Anfang vom Ende

Am 6. Juni 2000 stehen drei glückliche Männer im Schotter vor den Toren Bremens und stechen mit ihren Spaten in ein paar Quadratmeter Tonerde, die für diesen Zweck extra frei gelassen wurden: Martin Jochem, Geschäftsführer der Degi, dem Immobilienfonds der Dresdner Bank. Josef Hattig, Wirtschaftssenator der Freien Hansestadt Bremen, und Jürg Köllmann, Vorsitzender der Köllmann AG.

Eigentlich haben die drei gar keinen Grund zu lachen, denn das Projekt ist alles andere als in trockenen Tüchern. Zum Baubeginn ist ausgerechnet Jürg Köllmann, der Entwickler und spätere Betreiber, stark angeschlagen. Weder hat er Rücklagen für den späteren Betrieb des Vergnügungsparks gebildet, noch hat er Jahresabschlüsse für seine Beteiligungen vorgelegt. Laufende Kredite hat er auch nicht zurückgezahlt. Mieter für das Projekt gibt es keine. Keinen einzigen - für 44 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche, die in den Bauplänen eingezeichnet sind.

Nur zwei Jahre nach der Feier wird Köllmann Konkurs anmelden. Seinen alten Firmenmantel wird der Manager Christian Nicolai zusammen mit dem Schweizer Immobilienkaufmann Stephan Franzen übernehmen. Anschließend werden die beiden 15 Millionen Schweizer Franken (9,8 Millionen Euro) über die Wiesbadener Holding aus der konkursgehenden Schweizer Firma Distefora des Faltplan-Erben Alexander Falk fließen lassen. Drei Jahre später wird Josef Hattig aus dem Amt scheiden und den Aufsichtsratsvorsitz der Deutschen Post World Net übernehmen. Am Ende desselben Jahres, im Dezember 2003, wird auch der Degi-Geschäftsführer Martin Jochem, der dritte Mann am Spaten, seinen Job verlieren, denn die Dresdner Bank wird über vertragliche Bindungen in immer neue Verbindlichkeiten und Kredite hineingezogen. Nach Köllmanns Ausstieg wird die Bank ebenfalls keinen " Ankermieter" für den Space Park finden - so heißt der große Unbekannte, der die kleinen Shops und Einzelhändler in den Konsumtempel locken soll. Kaufhof, Wal-Mart und Mediamarkt ziehen nach und nach ihre Absichtserklärungen zurück.

Zwischendurch wird noch die Bremer Innenstadt mit Granit, Beleuchtung und hübschen Verweilinseln für 50 Millionen Euro saniert, weil die Einzelhändler auf die Barrikaden gegangen waren, nachdem sie von der Metamorphose des Space Park in ein Shopping Center erfahren hatten. Zu Recht stellt sich heraus, denn ihr Gegengutachten belegt, dass Bremen nicht nur zu wenig Stadttourismus besitzt, sondern auch noch im Bundesvergleich zu viel Einzelhandel hat, der außerdem unterdurchschnittlich wirtschaftlich arbeitet.

Es gibt Anfang 2003 eine halbherzige Einweihungsfeier für eine teure Science-Fiction-Kirmes, die technisch auf dem neuesten Stand, konzeptionell aber völlig veraltet ist - der Trend zu Wissens-Erlebniswelten wurde völlig verschlafen. Diese Kirmes wird nur einen Bruchteil der kalkulierten Besucher verzeichnen, denn sie wird von einer US-Firma betrieben, die mit keinem einzigen Cent ins Betreiberrisiko gehen muss. Kredite kommen auch hier wieder von der Dresdner Bank und dem Land Bremen. Für den Betriebsaufwand kassiert sie obendrein eine Entschädigung, die deutlich über Zinsen und Lohnkosten liegen. Im Herbst drehen Bank und Stadt endlich den Hahn zu. 450 Millionen Euro wird der Space Park die Bank bis zum Konkurs im November 2004 gekostet haben. Bremen wird 200 Millionen Euro verbraten haben, plus 50 Millionen für die Innenstadt. Immerhin, jetzt ist wenigstens da ordentlich was los.

Es war doch eine Bank dabei. Wie konnte das nur schief gehen?

Wie geht Strukturwandel? Die einen reden von der kritischen Masse, die bei solchen Projekten erreicht werden muss. Leuchttürme, die den Dienstleistungssektor in Schwung bringen - große Pflaster heilen große Wunden. Der Space Park Bremen aber bestand zu hundert Prozent aus Dienstleistung und Einzelhandel, und das in einer mit Dienstleistung und Einzelhandel übersättigten Zone. Außerdem gilt: Je fetter die Fördertöpfe, umso stärker grassiert das Spatenstich-Syndrom unter Stadtvätern und Landespolitikern. Große Projekte machen große Schlagzeilen. Wer baut, der handelt. Wer baut, der tut etwas für die Zukunft.

Doch in funktionierenden Systemen können falsch platzierte Großprojekte leicht Produktivität und Konsum abziehen. Um die erhofften Wachstumseffekte zu erzielen, müssen sie punktgenau in Wachstumsbranchen platziert sein. Dem Anschub des öffentlichen Fördergeldes muss ein entsprechend hohes privatwirtschaftliches Interesse gegenüberstehen. Als mit der Deutschen Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi) endlich ein potenter Investor eingestiegen war, glaubten alle, dieses Interesse im Boot zu haben. Von nun an würde die Degi das Ruder übernehmen und den Space Park in sichere Gefilde lotsen.

Aber auch die Bank erkannte nicht, dass sich die Vorzeichen geändert hatten. "Als das Projekt geplant wurde, gab es kaum Videospiele", sagt ein Mitarbeiter der Degi. "Das Modell war spannend und erschien uns zunächst plausibel. Damals galt: Die klassische Immobilie funktioniert nicht mehr. Heute ist es genau andersrum." Außerdem waren die Kassen der Fonds zum Jahrtausendwechsel gefüllt mit dem Geld von Anlegern, die ihre Gewinne aus den Neuen Märkten in Immobilien steckten. Als die ersten Börsenblasen platzten, spülte das noch mehr Geld in dieses Segment.

"Sie bauen zuerst, dann präsentieren sie die fertige Fläche. Je weiter sie im Bau sind, umso höher sind die Mieten, die sie hinterher nehmen können", sagt Jürg Köllmann. Aber wieso kamen die Mieter nicht? Andere Zeiten, schlechte Konjunktur, und vor allem lag es an der falschen, nämlich wirtschaftsfeindlichen Regierung in Berlin, schimpft Köllmann.

"Die Dresdner Bank hat bis heute Schwierigkeiten zu erklären, wie sie ein Gebäude ohne Mietverträge hinstellen konnte", sagt BIG-Geschäftsführer Heiner Heseler. "Köllmann wurde von der Bank nach Baufortschritt bezahlt", sagt Wolfgang Wilke. Dazu macht Wilke ein Verschwörungslächeln. Wie man eben so guckt, wenn man vom geistigen Vater zu jemandem wird, auf dessen Visitenkarte "Executive Director Public Affairs" steht.

Nach der Pleite geht es weiter - die Zukunft ist offen

"Vielleicht haben wir den Konkurs gebraucht, um die Betriebswirtschaftlichkeit des Projektes herzustellen", sagt Heiner Heseler. Diesen Gedanken zum Konkurs und dessen Notwendigkeit äußert er zweimal. Bei einem persönlichen Treffen und später am Telefon. Es handelt sich also um keine spontane Idee, sondern vielmehr um eine Meinung, die als offizielle der Bremer Wirtschaft gelten kann. "Das Geld hätte zur Sanierung des Geländes und der Infrastruktur ohnehin ausgegeben werden müssen", so Heseler. Das trifft zwar nur für die Hälfte des Bremer Geldes zu, wird aber ebenfalls immer und immer wieder wiederholt. So betrachtet, wäre die Space-Park-Pleite natürlich ein Husarenstück! Erst leiert ein rethorisch begabter Investor einer großen deutschen Bank 450 Millionen Euro aus der Kasse. Und dann kann das Bundesland in aller Ruhe überlegen, was es mit dem schlüsselfertigen Palast anstellt. Die Bank will das Ding loswerden - und wer da zugreift, kriegt ein paar Millionen obendrauf. Denn leer verschlingt eine solche Immobilie immer noch Unsummen an Unterhalts- und Betriebskosten.

Aber es gibt noch jemanden, der sich Gedanken gemacht hat. Carlo Petri heißt der Mann, und er betreibt am anderen Ende der Stadt bereits eine kleine, traumhaft schöne, poetische, wissenschaftliche und preiswerte Erlebniswelt, die aus allen Nähten platzt, weil die Besucher ihm die Bude einrennen. Petri hat dieses Universum Science Center zusammen mit der Bremer Universität und einem Bremer Bauunternehmer entwickelt. Gerade hat er seine Ideen für die weite Räche am Bremer Hafenrand vorgestellt. Vorher lud Petri alle wichtigen Beteiligten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zu Gesprächen ein. Denn was er am wenigsten gebrauchen konnte, sei Streit, sagt er.

Nun wird nachgedacht. Und gerechnet. Vielleicht ist das zur Abwechslung gar keine so schlechte Idee.