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Freier Fall

Sie hatten keine Chance, aber sie haben sie genutzt. Die Schützes aus Zschopau gehören zu den ersten Ostdeutschen, die sich auf das Abenteuer Selbstständigkeit einließen. Eine Grenzerfahrung.




Das Städtchen Zschopau liegt in einem Tal, von den umliegenden Hügeln des Erzgebirges hat man einen guten Überblick. Da ist das Schloss Wildeck in der herausgeputzten Altstadt. Da ist die verfallene Baumwollspinnerei am Flussufer, da sind die verlassenen Hallen des einstigen ostdeutschen Vorzeigemotorradwerkes MZ, wo mal 3000 Leute arbeiteten und wo man heute Gewerberäume für zwei Euro den Quadratmeter mieten kann. Und da sind die Discounter am Stadtrand: Kaufland, Obi, Kik.

Jürgen, 62, und Karin Schütze, 56, haben fast ihr gesamtes Leben hier im mittleren Erzgebirge verbracht, beide sprechen den typischen weichen Singsang der Gegend. Ein älteres Ehepaar mit Hund, den beide vergöttern. Sie ist rot getönt, trägt eine Kurzhaarfrisur und viel Make-up. Er trägt die wenigen verbliebenen Haare raspelkurz und sieht mit seinen Augen, die immer in Bewegung sind, manchmal aus wie ein neugieriger, gerade geschlüpfter Vogel. Bereit für ein Abenteuer.

Das Abenteuer beginnt im Herbst 1989. Jürgen Schütze ist Leiter eines Obst- und Gemüseladens der staatlichen Handelsorganisation (HO) in Zschopau, mit sechs Angestellten, darunter seine Frau. In dem Geschäft mit der altmodischen Waage und den unansehnlichen Konserven scheint die Zeit seit Jahrzehnten stillzustehen. Draußen rennt sie. Die Grenze ist offen, das Ende der DDR nur noch eine Frage der Zeit. Die Welt ändert sich, und die Schützes wollen ihre Chance nutzen, sie träumen von einem eigenen Laden mit "total auf Marktwirtschaft" umgestelltem Sortiment. Bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit wird die Familie von dem Dokumentarfilmer Wolfgang Ettlich begleitet, der die Schützes zufällig kennen gelernt hat und sie in den kommenden zehn Jahren immer wieder mit seinem Team besuchen wird.

Die Schützes gehören zu den ersten Ostdeutschen überhaupt, die ein eigenes Geschäft aufmachen. Er fährt in den Westen und knüpft Kontakte zu einem Großhändler. Im Frühjahr 1990 beginnt er mit seiner Frau, die bereits bei der HO gekündigt hat, im Hausflur ihres Wohnhauses im Zentrum von Zschopau Westfrüchte gegen Westgeld zu verkaufen. An einem Wochenende machen die Schützes 6500 D-Mark Umsatz. "Was wir gemacht haben, hätte jeder machen können", sagt er heute. Das ist ihm wichtig, weil damals viele im Ort den Schützes ihren Erfolg neiden.

Andererseits ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Schütze sich selbstständig macht. Er hat ein für DDR-Verhältnisse ziemlich buntes Leben geführt. Der Sohn eines Gastwirtes lernte erst Landmaschinen- und Traktorenschlosser, arbeitete dann zwei Jahre bei MZ in der Endmontage. Weil er sich am Band angekettet fühlte, machte er seinen Schweißerpass und ging ein paar Jahre auf Montage. Später wechselte er in den Heizungsbau nach Chemnitz, weil sein Vater wollte, dass er abends in der Kneipe mithalf. Der 16-Stunden-Tage überdrüssig, wechselte Schütze junior zur staatlichen Handelsorganisation nach Chemnitz, wo er bald die zentrale Markthalle leitete. Mitte der siebziger Jahre bekam er einen begehrten Posten bei Intercontrol, einer Organisation, die vor Ort im Ostblock die Einfuhr von Obst und Gemüse in die DDR kontrollierte. Er reiste nach Polen, in die damalige Tschechoslowakei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn. "Das war eine schöne Zeit", sagt er, auch wenn seine erste Ehe seine dauernde Abwesenheit nicht überstand. Den Job als Reisender musste er Anfang der achtziger Jahre wegen eines verbotenen "Westkontakts" aufgeben. Zurück in der Heimat fing er wieder klein an als Leiter eines Obst- und Gemüseladens in einem Dorf in der Nähe von Zschopau, den er dank seiner guten Beziehungen zum Großmarkt "schnell hochschaukelte".

Zu dieser Zeit lernte er auch seine heutige Frau kennen, die im selben Ort in einer Drogerie arbeitete. Sie wollte Bananen, er Autolack, so kamen sie sich näher. Und wurden bald ein gutes Team in der ostdeutschen Mangelwirtschaft, in der Geld nichts bedeutete, Beziehungen alles. Bald arbeiteten sie im selben Laden in Zschopau. Weil es ihnen gegen den Strich ging, wenn die Kundschaft über leere Regale klagte, legten sie sich ins Zeug.

"Es gab alles", sagt er, "man musste sich nur kümmern." Die Schützes waren sich nicht zu schade, auch am Wochenende mit dem eigenen Auto eine Partie Erdbeeren zu holen, bevor die beim Gärtner verfaulte. Dank ihres Unternehmergeistes ging es ihnen gut im Sozialismus. Außerdem saßen sie an der Quelle: Wer drei Kisten Bananen im Kofferraum liegen hatte, musste nicht wochenlang auf die Reparatur seines Wartburgs warten.

Sie sind fix, sie packen an, sie trauen sich etwas. Ein ostdeutsches Vorzeigepaar, das auf Bananen setzt Es sieht so aus, als brächten Südfrüchte der Familie auch im neuen Deutschland Glück. Der Hausflur wird schnell zu klein für ihr expandierendes Geschäft. Sie eröffnen einen Stand auf dem neuen Marktplatz, der in Zschopau wie in vielen ostdeutschen Orten entsteht. Es herrscht große Freiheit; die Gesetze der DDR gelten nicht mehr wirklich, die der BRD noch nicht. Die Schützes arbeiten so viel wie selten zuvor.

Es ist die Zeit des Aufbruchs, eine gute Zeit für Gründer und Glücksritter. Alles scheint möglich, mit dem Erfolg wächst das Selbstbewusstsein der Schützes. Eine ostdeutsche Vorzeigefamilie, ganz nach dem Geschmack des Kanzlers der Einheit, Helmut Kohl. 1991 wird der erste Teil der Dokumentation über sie ausgestrahlt ("Ausgerechnet Bananen"). Mit dieser Erfolgsstory machen sie in der Nachbarschaft allerdings keine Punkte, denn Jürgen Schütze sagt vor laufender Kamera Dinge, die bei den Zschopauern nicht gut ankommen. Zum Beispiel, dass man nicht arbeiten kann wie im Osten und verdienen wie im Westen. Man sieht das Ehepaar Schütze bei einem Ausflug ins noble Rottach-Egern am Tegernsee, wo sie sich eine Pelzjacke kauft. Man sieht ihre kleine Tochter, die 200 Mark aus ihrer Sparbüchse vorzählt und von einem eigenen Pferd träumt. Man sieht Leute, die es geschafft haben.

Doch so weit sind die Schützes nicht, so weit werden sie nie kommen. "Wir waren so dumm", sagt Karin Schütze beim Kaffee in der Wohnung; bis auf den Fernseher stammt die Einrichtung noch aus DDR-Zeiten. "Wir wussten nicht, wie schwer der Kapitalismus ohne Kapital werden würde." Sie ist der vorsichtigere, stabilere Teil des Teams, er der optimistischere, unruhigere. Jammern tun beide nicht, und sie suchen auch keine Schuldigen, für das, was passiert ist. "Wir haben alle Fehler selbst gemacht", sagt sie bestimmt.

Anfang 1991 müssen die Schützes ihren Marktstand abreißen, die Stadt will die Fläche als Parkplatz nutzen. Stattdessen übernehmen sie ein ehemals staatliches Molkereigeschäft. Sie investieren viel Geld in den gemieteten Laden. Die Sparkasse ist großzügig, außerdem haben die beiden ein eigenes Wohnhaus als Sicherheit. "Uns wurde das wirklich schmackhaft gemacht", sagt er. "Und ich dachte mir: Vielleicht kann man noch einige Jahre richtig gutes Geld verdienen und die Kredite schnell abbezahlen." Im Oktober 1991, ein Jahr nach der deutschen Einheit, wird das Geschäft eröffnet, es ist ein großer Tag für die beiden, ihr Traum ist wahr geworden. Er sagt bei der Einweihungsfeier einen prophetischen Satz: "Wenn der Laden angenommen wird, können wir zufrieden sein. Wenn nicht, haben wir Pech gehabt und gehen mit der Marktwirtschaft unter." Dass das aber wirklich passieren könnte, daran glauben sie nicht. "Wir waren so euphorisch", erinnert sie sich. Damals gibt es noch keinen Supermarkt in Zschopau. Etwa zur gleichen Zeit ergibt sich noch etwas: Jürgen Schütze gewinnt Mercedes-Benz als Mieter für ein Verkaufsbüro in seinem Haus. Voraussetzung ist, dass er das Gebäude in kürzester Frist auf eigene Kosten saniert. Die beiden packen trotz der Doppelbelastung mit dem neuen Laden sofort an.

Noch ist Goldgräberstimmung, noch versuchen viele Geschäftsleute - die meisten kommen aus dem Westen - auch in Zschopau eine schnelle Mark zu machen. Doch die Stimmung schlägt rasch um. Die Wirtschaft im Osten bricht unter dem Schock der Währungsunion und dank tätiger Mithilfe der Treuhandanstalt zusammen, die Kaufkraft schwindet. Im Kreis Zschopau, zu DDR-Zeiten einer mit der größten Industriedichte, gehen tausende Jobs unwiederbringlich verloren.

Auch für die Schützes beginnt der freie Fall. Sie stürzt auf der Baustelle, verletzt sich schwer an der Wirbelsäule, muss vier Wochen ins Krankenhaus und fällt danach lange als Arbeitskraft aus. Der Laden läuft nicht gut, weil nun die großen Ketten aus dem Westen den Osten erobern und ein Supermarkt nach dem anderen auf der grünen Wiese eröffnet. Die Konkurrenz verkauft Waren zu Preisen, zu denen die Schützes sie beziehen.

Zwei Jahre nach der Eröffnung geben sie schweren Herzens auf. Sie verlieren viel Geld und einen Gutteil des frisch erworbenen Selbstbewusstseins. "Ich habe mich geschämt", sagt Karin Schütze. "Ich hätte heulen können." Es dauert lange, bis sie darüber hinweg ist, heute geht sie wieder in ihren ehemaligen Laden einkaufen, der mittlerweile von einem Vietnamesen geführt wird. Eines der wenigen Geschäfte im Zentrum der Stadt, die mehr schlecht als recht existieren.

Es ergeht vielen Gründern im Osten wie den Schützes. Was sie unterscheidet, ist ihr Durchhaltewille. Sie geben nicht auf, sie können nicht aufgeben. Sie sind zu alt, um noch einen festen Job zu finden oder wegzugehen und ganz neu anzufangen. Auch ihre Schulden fesseln sie - eine ganz neue Art von Unfreiheit. Nach der Pleite mit dem Molkereigeschäft hören die Schützes, dass der Konsum Filialen in Dörfern rund um Zschopau aufgeben will. Sie übernehmen sechs, zunächst auf Kommissionsbasis, später, als der Konsum vor der Pleite steht, ganz. Sie hoffen auf ältere Leute, die nicht in der Lage sind, zu den großen Supermärkten zu fahren. Die Hoffnung trügt.

"Das war ein Eigentor", sagt sie heute trocken.

Auch dieser Traum platzt, der Schuldenberg wächst. Mercedes-Benz gibt sein Büro in Zschopau auf, viele Wessies kehren nun dem Osten wieder den Rücken. Die Schützes bleiben, gründen eine Transportfirma und übernehmen als Subunternehmer Aufträge. "Manche Fuhren waren gut, aber es waren auch viele schlechte dabei." Jürgen Schütze hat immer noch Ideen, baut eigens einen Lkw nach den Vorgaben eines Auftraggebers um. Doch bald ist von Möbeltransporten keine Rede mehr. Wieder ein Tiefschlag.

Sie versucht alles Mögliche, um etwas dazuzuverdienen: arbeitet kurzzeitig bei einer Autovermietung, verkauft Anzeigen und Hundefutter. Als ihr Mann seinen Führerschein verliert, springt sie für ihn ein und fährt zum ersten Mal in ihrem Leben Lkw: "Ich habe mir gesagt: Du musst, und dann ging das." Die Schützes verkörpern die Tugenden, von denen heute viel die Rede ist: Sie packen an, sie sind risikobereit und sich für keinen Job zu schade. Und kommen doch auf keinen grünen Zweig. Ans Aufgeben denken sie nicht, sie haben sowieso wenig Zeit nachzudenken, eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Ein fabrikneuer Laster erweist sich als Montagsauto, das mehr in der Werkstatt steht als fährt. Ein neu gewonnener Mieter lässt das Büro in ihrem Haus abbrennen; er ist nicht versichert, sie bleiben auf einem Teil der Kosten sitzen.

Ohne die Unterstützung von Jürgen Schützes Mutter, die eine gute Rente bezieht, käme die Familie nicht durch. Der Druck ist gewaltig. Alles dreht sich um die Beschaffung von Geld, das so lange in ihrem Leben keine Rolle spielte. Sie haben keine Energie, sich um ihre pubertierende Tochter zu kümmern, die sich in einer Clique eine Ersatzfamilie sucht. Karin Schütze hat heute noch ein schlechtes Gewissen deswegen.

Jürgen Schütze wird mit der Zeit immer verschlossener und stiller. Der einstige Macher weiß nicht mehr ein noch aus. Im August 1999, die Langzeitbeobachtung des Filmemachers Ettlich ("Wir machen weiter") ist gerade abgeschlossen, verschwindet er. Sie findet einen Zettel: "Bitte nicht suchen, findest mich sowieso nicht." Er ist mit dem Lieferwagen weggefahren, sie hört vier Wochen nichts von ihm. Dann kommt ein Anruf von der französischen Polizei, sie könne ihren Mann in Marseille abholen ("Und ich mach' das auch noch!"). Was in Frankreich passiert ist, will er bis heute nicht erzählen, er sagt nur so viel: "Es war eine Kurzschlussreaktion, mir war alles egal." Sie schaut ihn an: "In der DDR ist er mit seiner Bauernschläue immer gut durchgekommen, das hat später nicht mehr funktioniert." Sie verzeiht ihm nicht, dass er desertiert ist, aber sie raufen sich zusammen und machen weiter. Was sollen sie auch sonst tun? Heinz Rebel sieht den Film über die Schützes und bietet ihm einen Job in seiner Firma in der Nähe von Eisenach an, die Einrichtung von Bäckereien reinigt. Knochenarbeit. Schütze nimmt sich ein Zimmer in der Nähe seines neuen Arbeitsplatzes und kniet sich auch in diese Aufgabe hinein. Rebel lobt ihn über den grünen Klee: "Ein patenter und einfallsreicher Mitarbeiter. Einer, der sich nicht in die Hängematte legt." Trotzdem entlässt er ihn nach einem schweren Arbeitsunfall. Schütze liegt fast ein Jahr lang flach. Er kann nicht mehr Auto fahren, weil sein Bein steif wird, wenn er es nicht bewegt.

Mittlerweile hat Jürgen Schütze mit Unterstützung eines Behindertenverbands seine Rente durchbekommen: 804 Euro im Monat - "die erste sichere Einnahme seit der Wende". Seine Frau hat im April eine Ich-AG gegründet, das Transportunternehmen haben sie bereits vor zwei Jahren aufgeben. Sie trägt gemeinsam mit ihrem Mann Post für einen privaten Anbieter aus, hilft außerdem in einer Pension mit; im Sommer machen beide Gartenarbeiten. Sie arbeiten gegen ihre Schulden an, die sie aber wohl nicht mehr loswerden.

Irgendwie ist es trotz allem immer weitergegangen, das ist auch eine Erfahrung der Schützes. Zwei Wohnungen in ihrem Haus konnten sie vermieten, seit kurzem auch die Büroräume im Parterre, wo eine Secondhand-Boutique (auch eine Ich-AG) eingezogen ist. Ein großes Glück angesichts des Leerstands in Zschopau. Die Tochter hat eine Lehre in der Gastronomie abgeschlossen und arbeitet in der Nähe von Dresden. Mit den Nachbarn verstehen sie sich wieder besser, wohl auch deshalb, weil viele im Ort es nicht ungern sehen, dass die Schützes, diese vermeintlichen Überflieger, nun unten angekommen sind.

Wir fahren an den Stadtrand zur Motorrad- und Zweiradwerk GmbH, das ist der MZ-Nachfolger. Jürgen Schütze besorgt beim Pförtner ein paar Prospekte. Mit rund 250 Mitarbeitern, eigenwillig designten Krädern und einer großen Tradition will der kleine Betrieb den Konkurrenzkampf mit der japanischen Konkurrenz aufnehmen. Es ist einer der wenigen Lichtblicke hier in der Gegend.

Die Schützes schauen auf ihre Stadt hinunter. Nein, selbstständig würden sie sich nicht noch einmal machen: "Wir waren 20 Jahre zu alt für die Wende." Wenn der Aufschwung Ost noch kommt, wird er zu spät kommen für die beiden.