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Freie Wahl

Jeder hat sich wohl schon einmal ungerecht behandelt gefühlt. Und kennt jenen bitteren Geschmack der Ohnmacht, die aufsteigende Wut und jenes tiefe Bedürfnis, gegen dieses Unrecht vorzugehen, es öffentlich zu machen. Koste es an Energie, was es wolle.




Zurzeit fühlen sich eine Menge Menschen ungerecht behandelt. Die Arbeiter bei Opel und die Bezieher von Hartz IV, ledige Mütter und geschiedene Väter, Arbeitnehmer, die kaum mehr verdienen als Arbeitslose, und Besserverdiener, die sich als Parias behandelt fühlen. Sicher auch Annette Schavan, Angela Merkel, Friedrich Merz, Horst Seehofer. Hans Eichel vermutlich. Und viele mehr.

Die entscheidende Frage: Was tun sie alle mit der energetischen Mischung aus Ohnmacht und Wut? Verschwenden sie sie in einem wie auch immer gearteten Kampf um Gerechtigkeit? Oder schaffen sie es, einen Strich zu ziehen und die Energie für einen Neuanfang zu nutzen?

In dieser Übung hat sich kaum jemand so oft bewiesen wie die Schützes, eine Familie aus dem ostdeutschen Zschopau, die alle Chancen der Wiedervereinigung nutzen wollte und am Ende tief gefallen ist (S. 54). Ihre Geschichte ist bedrückend und anrührend zugleich. Wie sie es geschafft haben, doch immer wieder aufzustehen? "Wir haben alle Fehler selbst gemacht", sagt Karin Schütze. Ein großer Satz, fast eine Philosophie. Denn diese Haltung macht den Unterschied, hier beginnt Freiheit: Ich kann mich niederdrücken lassen von den Umständen, den anderen, der Welt. Oder ich kann mich frei machen von den großen und kleinen Gefängnissen, in die wir uns meist selbst sperren.

Rico zum Beispiel, Kindheit im Osten, Schulzeit im Westen und mit 20 endlich in der Lage, die Reisefreiheit zu nutzen. Ein Jahr lang fährt er fast ohne Geld durch die Welt. Dann, mit 21, landete er in der Wirklichkeit: ohne Ausbildung, ohne Job, ohne Perspektive. Doch, er hätte sicher irgendjemanden gefunden, den er dafür hätte verantwortlich machen können. Er hat ihn gar nicht erst gesucht. Heute ist er ein aufstrebender Star der Fußgängerzonen, hat in Japan viel Geld verdient, auf einer Farm in Kanada gelebt. Und freut sich noch immer, dass er das alles erleben darf. Energie pur (S. 120).

Es ist nur ein kleiner Schalter, auf dem " Blockade" steht. Doch dem, der ihn umlegt, eröffnet sich eine neue Welt: So hatten die Mitarbeiter der Dielektra allen Grund, ihr Schicksal und die Insolvenz ihrer Firma dem amerikanischen Käufer anzulasten. Und niemand nähme es ihnen übel, hätten sie daraufhin nur ihre Wunden geleckt (S. 62). Oder Michael Kölmel, gefeierter Held des Neuen Marktes, dann mit seiner Kinowelt pleite: Bis heute hadert er mit den Banken, denen im entscheidenden Moment der Mut ausging. Aber was soll's? Er hat neu angefangen, unter gleichem, für ihn noch immer gutem Namen: Kinowelt. Jetzt steckt er seine Energie in den Beweis, dass er am Ende doch der bessere Filmhändler ist (S. 72). Selbst Andreas Dornbracht, solider Mittelständler im Sanitär-Geschäft, legt immer wieder den Schalter um: Wir hatten Erfolg? Okay, machen wir etwas Neues (S. 86).

Es sind die Denkblockaden, die unsere Energie fressen, die uns unfrei machen und erstarrt. Wenn es eine gute Nachricht gibt, zum neuen Jahr: Wir haben die Freiheit, den Schalter umzulegen.