Partner von
Partner von

Flugübungen

Herbst 2002: Ingeborg Trampe bekommt den entscheidenden Stoß, springt ab und macht sich mit der Trampe Communication selbstständig. Herbst 2004: Ingeborg Trampe unterschreibt wieder einen Angestelltenvertrag. Dazwischen: die Erkenntnis, dass Freiheit und Selbstständigkeit nichts miteinander zu tun haben müssen.




Die Einsicht, dass eine gerade Karriere für sie nicht mehr der Weg zu einem lebenslangen Gefühl von Sicherheit sein kann, kam der Beamtentochter Ingeborg Trampe im Spätsommer 2002. Bis dahin war die Karriere der 43-Jährigen problemlos verlaufen: Sie war sechseinhalb Jahre bei dem Frankfurter Medienmagazin " Horizont", zum Schluss als stellvertretende Chefredakteurin, danach Geschäftsführerin bei der Werbeagentur Young & Rubicam Deutschland und ab April 2001 Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Neue Sentimental Film AG, einer jungen Filmproduktionsgesellschaft, die zu einer internationale Marke aufgebaut werden sollte.

"Eine herausfordernde Aufgabe", dachte sich Ingeborg Trampe bei ihrer Einstellung. Doch im Herbst 2002, als die Euphorie der New Economy schon längst Geschichte war, strich das Unternehmen ihre Stelle.

"Manchmal braucht es einen brutalen Schlag, damit man Dinge versteht", sagt Trampe heute in ihrem Büro in den Räumen der Werbeagentur BBDO, sechs Stockwerke über der Düsseldorfer Kö. Sie trägt eine Designerbrille mit breitem schwarzem Gestell, kurze braune Haare und ein grün-schwarz gestreiftes Oberteil. Ihre Fingernägel sind schwarz lackiert. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Weihnachtsbaum aus grünem Filz, daneben liegen Magazine, Zeitungen und Artikelausrisse. Seit Oktober ist sie als Director Corporate Communications Angestellte der BBDO Germany, und damit hauptverantwortlich für die deutschlandweite interne wie externe Kommunikation des Unternehmens mit 3600 Mitarbeitern. Kennen gelernt hat sie auf ihrem Weg, der sie innerhalb von zwei Jahren von Frankfurt über Hamburg bis nach Düsseldorf geführt hat, wohl vor allem eins: sich selbst.

Gleich am Tag nach der Kündigung setzte sie sich an den Computer. Schon vor dem Einstieg in die Produktionsfirma hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen, doch ihre eigene Angst und die Bedenken Dritter hatten sie zurückschrecken lassen. Die Kündigung wirkte wie ein Beweis, dass auch ein Angestelltenverhältnis kein Garant für Sicherheit ist. Ingeborg Trampe entwickelte den bisher fehlenden Mut und binnen weniger Tage ihr Geschäftsmodell - eine Rundum-PR-Betreuung vor allem für mittelständische Unternehmen. Sie suchte sich einen Steuerberater, der ihr bei der Gründung von Trampe Communication half, schrieb an alle Geschäftsfreunde und verkündete den Start ihrer Firma. Ihre Mutter reagierte schockiert, alle anderen hingegen zeigten sich begeistert. Weil sich schnell herausstellte, dass die meisten Aufträge aus Hamburg kamen, zog Trampe im April 2003 an die Elbe.

Sie war selbstständig. Aber machte sie, was sie wollte?

Trotz der Belastungen des Neuanfangs - Umzug, Kundenakquise, Steuerrecht für Selbstständige - war es ein Gefühl der Befreiung, das sie in diesen ersten Monaten überkam. Sie genoss es, nur für sich selbst verantwortlich und einer großen Organisation entkommen zu sein. Und sie schätzte es, nicht mehr im Konsens mit anderen Entscheidungen fällen zu müssen, hinter denen sie seit einiger Zeit immer weniger gestanden hatte. "Die Frage ist immer, wie kongruent man selbst mit der Marke und der Kultur der Firma ist, zu der man gehört", sagt Trampe und denkt dabei auch an ihre Zeit bei "Horizont", in der sie sich voll mit ihrer Aufgabe identifizieren konnte, bis ihr irgendwann die Ziele fehlten, "nach denen ich mich strecken musste". In Hamburg waren Person und Firma endlich wieder eins.

Doch der euphorische Zustand währte nicht lange, nach einigen Monaten schlich sich Unsicherheit in ihr neues Leben als Unternehmerin ein. Erst nur leise, in den kleinen Pausen ihrer mit Arbeit prall gefüllten Tage, dann immer häufiger, immer lauter. Nicht, weil die Umsätze nicht stimmten: Sie arbeitete allein, hatte sich ein Büro in der Hamburger Innenstadt angemietet und die Geschäfte liefen sehr gut. Doch jene strategischen oder internationalen Projekte, die Trampe inhaltlich interessierten, wollten die Kunden ihr als Einzelkämpferin nicht geben.

Machte sie tatsächlich das, was sie wollte?

Jeden Tag ging sie früh in ihre Agentur, machte keinen Urlaub, und selbst in Phasen, in denen sie es hätte entspannter angehen lassen können, fand sie nicht die innere Ruhe, um mal länger zu schlafen, am Nachmittag eine Kaffeepause zu machen oder gar ein Museum zu besuchen. Stattdessen suchte sie neue Geschäftsfelder oder fragte erfahrene Selbstständige: "Nach wie vielen Jahren kommt endlich ein Gefühl der Entspannung?" Mitarbeiter einzustellen, auch für die spannenderen, für sie interessanteren Projekte, dazu konnte sie sich nicht durchringen. Sie wollte doch unabhängig sein, gleichzeitig aber auch etwas erreichen. Langsam fragte sie sich: "Was eigentlich genau?" "Hätte mir nicht in dieser Phase ein Bekannter einen Coach empfohlen, säße ich heute wahrscheinlich nicht hier", sagt Trampe in ihrem Düsseldorfer Büro. Der Coach, eine Frau, die bereits einige Klienten aus der Agentur- und Medienszene beraten hatte, bat sie, auf einem weißen Blatt ihre privaten wie beruflichen Wünsche zu notieren. Über Monate streckte sich in wöchentlichen Einzelsitzungen der Prozess der Bewusstwerdung über die eigenen Ziele hin, und auch als im Juli 2004 BBDO-Deutschlandchef Olaf Göttgens bei ihr anrief und sie fragte, ob sie sich nicht einmal kennen lernen wollten, war das Coaching noch nicht beendet. Dennoch fuhr sie aus Neugierde nach Düsseldorf. Geplant war ein Gespräch über Kommunikation, vielleicht kam auch ein Auftrag dabei raus. Auf der Rückfahrt nach Hamburg hatte sie ein Jobangebot in der Tasche.

Sechs Wochen Bedenkzeit hatte man ihr gegeben. Das weiße Blatt mit den Wünschen immer vor Augen, trat Trampe in einen inneren Dialog. Mindestens drei Jahre dauere es, bis ein eigenes Unternehmen funktioniert, hatten ihr Freunde gesagt. Und würde sie als Angestellte der BBDO nicht genau das machen könnte, was sie eigentlich wollte? Vorerst akquirierte sie weiter neue Kunden, gleichzeitig holte sie Informationen über die Werbeagentur ein. Sie wollte möglichst sichergehen, dass deren Firmenkultur zu ihr passte. Die Überlegungen, das gedankliche Hin und Her - es war eine schreckliche Zeit, sagt sie.

Schließlich, kurz vor Ablauf der sechs Wochen, hatte sie sich dazu durchgerungen, Trampe Communication aufzulösen, wollte aber zuvor noch mit ihrem Coach über das Thema reden. In Gruppengesprächen hatte sie mitbekommen, wie ihr Coach reagieren konnte, wenn Klienten aus Angst die Selbstständigkeit mieden: "Wenn Sie Sicherheit wollen, machen Sie sich selbstständig", hatte sie in solchen Momenten gesagt, "denn nur da haben Sie die volle Kontrolle über Ihr Handeln." Vielleicht, so befürchtete Trampe, würde sie denken, ihr Entschluss für Düsseldorf sei eine Flucht? Es geschah das Gegenteil: Ihr Coach hörte ihr zu, schaute sich noch einmal die niedergeschriebenen Ziele an, dann sagte sie: "Das alles passt sehr gut zu Ihnen. Nehmen Sie den Job." Vor kurzem hat Trampe bereits den New Yorker CEO der BBDO Worldwide auf einer Reise durch Deutschland begleitet. Sie genießt es wieder, morgens an einen Ort zu kommen, an dem sie gemeinsam mit anderen Menschen arbeitet. Und sie stellt sich manchmal vor, dass sie noch immer selbstständig sei, nur eben jetzt mit nur noch einem großen Kunden. Sie fühlt keinen Widerspruch zwischen ihrer Person und ihrem jetzigen Job, das gibt ihr Sicherheit, deshalb fühlt sie sich frei. "Es ist nicht auszuschließen, dass ich mich in meinem Leben noch einmal selbstständig mache", sagte sie und schaut dabei aus dem Fenster Richtung Kö, "aber im Moment bin ich mit meinen Aufgaben sehr glücklich." Ingeborg Trampes Zukunft steht auf einem weißen Blatt.