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Der Kunde ist wenig

Ob Suppen, Cocktails oder Filme - besessen von ihrer Mission verstoßen Geschäftsleute in New York gegen die eiserne Regel: Der Kunde hat immer Recht. Weil sie es besser wissen.





The Lemon Ice King of Corona 5202, 108th Street, New York 11368

We do not mix.

Alles ist, wie es vor mehr als einem halben Jahrhundert war: Die Kacheln auf dem Boden. Die Glasschüsseln mit den Pistazien in den Regalen. Die Bratäpfel in den Vitrinen. Das Klappfenster, durch das die Verkäufer den Kunden das Eis reichen. Der Kühlraum im Hinterzimmer mit der riesigen Metalltür. Gestrichen hat Peter Benfaremo seinen Eisladen auch noch nie. "Alle paar Wochen schrubben wir mit Seifenlauge - das reicht", sagt der Mann mit der riesigen Nase und dem speckigen Pullover.

Den ganzen Tag sitzt Peter Benfaremo vor seinem großen Holzschild, auf das er mit roter und blauer Farbe sein Gesetz gepinselt hat: "We do not mix" - kein gemischtes Eis. Der 82-Jährige wird böse, wenn man ihn fragt, warum man nicht Erdbeere zusammen mit Banane haben könne. "Banane-Erdbeere? Das ist Wahnsinn. Man schmeckt weder das eine noch das andere", donnert Benfaremo. "Es ist mir schnurzegal, was die Kunden wollen. Manche Sachen bekommt man, manche Sachen eben nicht."

Das entspricht nicht unbedingt den Marketingstrategien aus BWL-Büchern. Verliert er wegen dieser Regel Umsatz? „Ich würde Zeit, Kraft und Geld verlieren, wenn ich es anders machen würde.“ Benfaremo besteht darauf, dass er durch seine Eigen- sinnigkeit keinen Kunden vergrault hat. „Auf Qualität kommt es an, nicht auf Quantität – wenn man da Kompromisse macht, ist man verloren.“

1944 hat Benfaremo mit zwei Geschmacksrichtungen ange- fangen: Zitrone und Ananas. Fast jedes Jahr führte er eine neue Sorte ein, heute bietet er 35 an. Das Eis war so gut, dass er bald einen Spitznamen weg hatte: Der Zitroneneiskönig von Corona – Corona ist die Gegend in Queens, in der sein Eckladen steht. Seit Ende der siebziger Jahre nennt Benfaremo sein Geschäft auch so: „The Lemon Ice King of Corona“. 

Außer Wassereis verkauft er Bratäpfel und Nüsse. Das Angebot auf Milchshakes, Kaffee oder andere Getränke auszudehnen wäre ihm ein Graus. "Ich bin dafür zu beschäftigt", sagt Benfaremo, obwohl er gerade noch über das lahme Geschäft im Winter lamentierte. Kunden dürfen den Laden nicht betreten, sie müssen draußen vor dem Klappfenster warten. An heißen Tagen stehen die Leute um den Block, um das in ganz New York berühmte Eis zu kriegen: ein Dollar der kleine Becher, zwei Dollar der große.

Der Vorschlag, drinnen oder draußen kleine Tische oder Stühle für die Kunden hinzustellen, bringt Benfaremo ein wenig aus der Fassung. "Wollen Sie mich verarschen? Ich will hier niemanden drin haben, auch keine Tische, noch nicht einmal für mich - wie soll ich denn hier durchkommen?" Dann streckt er sich auf seinem Stuhl aus, auf dem er jeden Tag hockt - im Winter neun Stunden, im Sommer 14.

Geboren in einem kleinen italienischen Dorf in der Nähe von Rimini, siedelte Peter Benfaremo als kleiner Junge mit seinen Eltern nach New York über. Im Krieg nahm er am Italien-Feldzug der US-Armee teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er arbeitslos und übernahm den 1944 vom Vater eröffneten Eisladen. Vom Eismachen hatte er keine Ahnung, aber das sei, wie einen Nagel und einen Hammer in der Hand zu haben: "Schon lernt man, wie ein Zimmermann zu arbeiten." Seine Rezepte verrät er natürlich nicht, er teilt sie nur mit seinen Geschäftspartnern Vincent Barbaccia und Michael Zampino.

Am wichtigsten sind die frischen Zutaten. Wenn eine Lieferung Zitronen, Orangen oder Erdbeeren ankommt, pressen sie die Früchte mit einer Maschine aus und füllen den Saft in Plastikflaschen ab. Im Kühlraum stehen bis zu tausend Fünf-Liter-Behälter herum. " Es ist viel Liebe, Enthusiasmus und Wärme in dem Eis. Niemand stellt es so her wie ich", sagt Benfaremo, der im Apartment über dem Laden wohnt.

Während der US Open im nahe liegenden Tennisstadion Flushing Meadows schicken die Spieler ihre Fahrer hierher. Auch Richard Grasso, der ehemalige Chef der New York Stock Exchange, kommt bei warmem Wetter einmal die Woche auf dem Weg zu seinem Sommerhaus in den Hamptons vorbei und kauft eine Fünf-Liter-Packung Zitroneneis für 24 Dollar. Im Übrigen kann man beim Zitroneneiskönig aus den ganzen Vereinigten Staaten die Großbehälter Eis per Post bestellen. "Warum sollte ich neue Läden aufmachen?", fragt Benfaremo.

Bleibt noch eine Frage: Warum kann man sich ein Regenbogeneis mit Zitrone, Kirsche und Blaubeere kaufen, aber sonst keine Sorten mischen? Benfaremo lässt sich auf Schlaumeiereien nicht ein: "Das Eis wurde im Container und nicht im Becher gemischt - das ist eine völlig andere Sache." Wer unbedingt die Sorten durcheinander bringen wolle, müsse das zu Hause tun. "Meinetwegen können die Leute darin baden, wenn sie wollen." Zum Abschied ist ihm eine Sache wichtig: "Wir behaupten nicht, dass wir das beste Eis haben, die Leute tun es. Und darauf kommt es mir an. Das sind Menschen, die seit 20 Jahren mein Eis essen und denen es immer noch genauso gut schmeckt."


Links: Die Bar Milk & Honey. Die Adresse verraten wir nicht.
Rechts: Beim Lemon Ice King müssen Kinder draußen bleiben – und Erwachsene ebenso.

Milk & Honey www.mlkhny.com

No name dropping. No star fucking. No hooting, hollering, shouting or other loud behaviour. No fighting, play-fighting, no talking about fighting. Gentlemen will remove their hats. Hat hooks are provided. Gentlemen will not introduce themselves to ladies. Ladies, feel free to start a conversation or ask the bartender to introduce you. If a man you don't know speaks to you, please lift your chin slightly and ignore him. Do not bring anyone here unless you would leave that person alone in your home. You are responsible for the behaviour of your guests.

Abends ist die Straße zwischen Lower East und China Town mausetot. Das Neonlicht färbt den leeren Bürgersteig grün und gelb. Alle Läden sind vergittert und verriegelt. In einem verstaubten Schaufenster hängt ein altmodischer Anzug auf einer Schneiderpuppe. Auf der Glasscheibe steht "Änderung", der Rest ist unleserlich. Die Tür ist grau, die Klingel kaum zu sehen, ein kleiner weißer Knopf. Auch die Kamera ist gut versteckt.

Der Schneider ist Tarnung, die auf alt gemachte Dekoration wurde erst vor ein paar Jahren installiert. Hier kommt man nur auf Einladung oder mit einer Reservierung rein. Dafür muss man die Telefonnummer kennen und einen Tag zuvor anrufen. Doch keine Auskunft weiß die zehn Zahlen von der Cocktail-Bar "Milk & Honey". Auch auf den Visitenkarten ist sie nicht abgedruckt, und auf einschlägigen Webseiten stehen nur alte oder falsche Rufnummern - sobald die richtige veröffentlicht wird, meldet sie Sasha Petraske ab. Überhaupt darf man mit dem Besitzer nur reden, wenn man verspricht, das Geheimnis nicht auszuplaudern, und dann auch nur über Cocktails. "Sasha ist ein seltsamer, seltsamer Mensch", steht auf der Webseite Worldsbestbars.com.

Beim Eintreten durch den schwarzen Vorhang überkommt einen Ehrfurcht: Ist das schön! Gedämpftes Licht füllt den schmalen langen Raum aus. Links sitzen die Gäste vor einer Wand mit Ziegelsteinen und Wellblechbeschlägen. Daneben steht der Tresen. Frische Früchte ruhen auf einem kleinen, von unten beleuchteten Eishaufen. Die beiden Barkeeperinnen kann man nur mit Vergleichen aus Kinofilmen beschreiben: Die Schwarzhaarige ist die chinesische Agentin Wai Lin aus dem James-Bond-Film " Der Morgen stirbt nie". Sie trägt ein schwarzes, ungeheuer gut sitzendes Abendkleid. Die Blonde spricht mit hinreißendem italienischem Akzent. Obwohl ihr kurzes Haar offensichtlich blondiert ist, ist das so passend wie die Perücke von Brigitte Lin in "Chungking Express". Und wenn wir schon bei Wong-Kar-Wai-Filmen sind: Die Bar hätte unbedingt in der Retro-Romanze " In the Mood for Love" vorkommen müssen.

Heute sind Brombeeren die Frucht des Abends. Die Schwarzhaarige schlägt vor, den frischen Saft mit Zitrone und Wodka zu mischen. Es schmeckt göttlich. Sasha versucht, zu der "Reinheit und Einfachheit der Cocktails der zwanziger Jahre" zurückzukehren. "Damals wurden großartige Drinks wie Mojito oder Martini erfunden", sagt der 31-Jährige, "für die drei bis vier Zutaten ausreichten." Dazu passt die Bar, die in der Prohibitionszeit ein Speakeasy war, eine der vielen vor der Polizei versteckten Kneipen mit verbotenem Alkoholausschank.

Sashas Ziel ist, einen ausgewogenen Drink zu schaffen. "Ein Mojito soll nicht nach Minze oder Zucker schmecken, sondern seine Balance finden", sagt er. Täglich kauft er in China Town Zitronen, Orangen, Ananas oder Äpfel, um sie in mühevoller Kleinarbeit auszupressen. Exotisches Obst wie die Sternfrucht ist ihm verhasst. Wie auch der in New Yorker Bars übliche Markenwahn beim Alkohol: "Das ist lächerlich", sagt Sasha, der nur zwei Gin- und Wodka-Marken führt, "und unwichtig für einen guten Cocktail." Anders sei die Sache bei Rum: "Jede karibische Insel stellt einen anderen her." Im Barregal stehen 14 verschiedene Sorten. Wichtig ist auch das Eis, das von Hand vom Eisblock abgebrochen wird. "In Eismaschinen schmilzt es zu rasch", sagt Sasha.

Sasha führt ein strenges Regiment im Milk &: Honey. In der Toilette hängen die acht Regeln, die vor allem auf Männer abzielen: Mütze und Hut sind abzunehmen, Haken sind vorhanden. Das Ansprechen von Frauen ist streng verboten. Umgekehrt können sich weibliche Gäste jederzeit durch den Barkeeper anderen Besuchern vorstellen lassen. Berühmte Personen haben es besonders schwer: Jegliches Angeben wird geahndet. Kultregisseur Quentin Tarantino nahm die Regeln vor einigen Jahren nicht sonderlich ernst, baggerte eine Frau vom Nachbartisch an - und flog in hohem Bogen raus. Hausverbot.

Auf solche Geschichten geht Sasha mit keinem Wort ein. Die Ansprechregel rechtfertigt er mit: "Es soll ein Ort sein, den man gemeinsam mit Freunden besucht", und die Star-Regel mit: "Wer um berühmte Menschen buhlt, gehört zu der niedrigsten Sorte von Leuten." Gute Cocktails sind ihm wichtig, aber seine Leidenschaft ist es grundsätzlich, eine kleine Sache gut zu machen. "Mit 16 Jahren habe ich in meinem ersten Restaurant-Job Cappuccino gebrüht", erzählt Sasha. "Das ist dem Mixen von Cocktails sehr ähnlich: eine einfache Sache, die man immer und immer wieder hinbekommen muss."

Als Barista, also als Spezialist an der Espressomaschine, war Sasha glücklich. "Ich hätte für den Rest meines Lebens Cappuccinos gemacht", sagt er, "wenn ich anständig bezahlt und der Laden ordentlich gerührt worden wäre. Aber weder das eine noch das andere war der Fall!" Sasha wurde Barkeeper und sparte sich das Gründungskapital für Milk & Honey, das er Anfang 2000 eröffnete, vom Trinkgeld zusammen. Aus den Jahren hinter der Theke stammt auch seine strikte Einstellung: "Leute verhalten sich in Bars wie Kinder, das ist frustrierend und machte mich immer weniger tolerant."

Wer zu Milk & Honey will, muss jemanden kennen, der einen mitnimmt. Das Gleiche gilt für die Schwester-Bar in London, die sich mit gleichem Namen ebenfalls in einem Speakeasy versteckt. In die obere Etage im roten Raum dürfen dort sogar nur Mitglieder (Jahresgebühr 260 Euro). Aber nicht verzweifeln: Ab Mitte Januar öffnet Sasha in New York zwei neue Läden: die Bars "Little Branch" und "East Side Company". Reservierungen sind nicht vorgesehen, "die treiben mich sowieso in den Wahnsinn", sagt Sasha und klagt über Verspätungen oder dass Leute nicht auftauchen. Immerhin darf man die Adressen nennen: 20 Seventh Avenue und 49 Essex Street.

Kim's Video
6 St. Marks Place, 10003 New York
144 Bleecker Street, 10012 New York
2906 Broadway, 10025 New York

Auf seiner blauen Hemdtasche prangt sein eingesticktes Monogramm: Yongman Kim. Der Schlips ist fein geknotet. Der Schreibtisch ist für das Zimmer viel zu groß und sehr aufgeräumt. Auf dem Schrank fahren Holzfiguren von Laurel und Hardy Fahrrad. Daneben stehen Langspielplatten und eine alte Stereoanlage. Hinter Kim hängen Filmstreifen wie eine Wäscheleine von der Wand, daran baumeln eine Rose und ein Schlips. Das ist die Installation "Geheimer Garten", die Kim vor Jahren gebastelt hat. " Jeder kann sie deuten, wie er will", sagt Kim.

Draußen herrscht Chaos: In der Chefetage des kleinen Alternativ-Imperiums "Kim's Video" im East Village von New York schlängeln sich junge Leute in Jeans und Sweatshirts durch Türme aufgestapelter Videos, Filmposter oder Fernseher. Hier wirkt der 50-jährige vierfache Familienvater mit seinem Anzug wie ein verirrter Handelsvertreter. In seinen drei New Yorker Geschäften arbeiten 180 (Teilzeit-)Angestellte, 200000 Kunden sind in der Kartei. Kims Archiv, rund 25 000 Filme, ist legendär: Dort finden Cineasten Zelluloidstreifen aus Indien, Ecuador oder Ungarn.

Für Hollywood hat Kim nichts übrig. "Der Müll macht einen krank und gewalttätig", sagt Kim. Den Einwand, dass Hongkong-Karatefilme auch nicht von schlechten Eltern seien, lässt Kim nicht gelten. " Bei aller Gewalt geht es letztlich um Vertrauen und Freundschaft." In amerikanischen Filmen würde der gewinnen, der zuletzt das Geld habe, auch wenn er dafür über Leichen gehe. "Das macht mich traurig", sagt Kim, "kein Wunder, dass die Kriminalitätsrate in den USA so hoch ist."

Wenig Gnade zeigt Kim auch für die Kundschaft. "Es ist wie eine Sadomaso-Beziehung", sagt Michael Robinson, der seit 14 Jahren im East Village wohnt. Als er einmal eine Komödie à la "Pretty Woman" verlangte, kommentierte das der Kassierer so abschätzig, dass Robinson sein "ganzes Selbstvertrauen" aufbringen musste, um die Kassette zurückzubringen. Kims erster Laden, den er 1985 in einer Wäscherei an der Avenue A aufmachte, war besonders berüchtigt für die Unfreundlichkeit der Belegschaft. "In ihren trostlosen Gesichtern stehen unerklärlicher Elitismus und gleichgültige Kundenbehandlung geschrieben", regte sich die Stadtzeitung "Village Voice" 2002 auf und erklärte Kim's Video zum besten Grund für Filmstudenten, das Fach zu wechseln.

Kim stört das. Aber nicht wirklich. "Ich suche Mitarbeiter vor allem nach ihrem Filmwissen aus", sagt er und lacht verlegen. "Deswegen wirken sie oft arrogant." Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Beschwerden von Kunden. "Manchmal schreibe ich zurück." Gefeuert wegen einer Beschwerde hat Kim bislang noch keinen Mitarbeiter. Wenn es ganz schlimm kommt, versetzt er jemanden in eine andere Filiale, damit er nicht mehr mit einem bestimmten Kunden aneinander gerät. "Mir ging es nie ums Geldverdienen", sagt Kim, "aber wenn man etwas macht, das einem Spaß macht, dann kommt das Geld von ganz allein."

Ob die Filmlehrer von der nahe liegenden New York University oder berühmte Schauspieler und Regisseure - trotz mieser Behandlung pilgern sie zu Kim's Video. Kim will keine Namen nennen. Irgendwann gibt er zu, dass Regisseur Ang Lee ("Eat Drink Man Woman", " Tiger & Dragon") ein Freund sei. "Selbst wenn man den Laden boykottiert", sagt Kunde Michael Bentley, "geht man trotzdem hin, um die neuen Filme auszuchecken."

Derzeit sucht Kim nach einem Nachfolger für die Geschäftsleitung. Er will zurück zum Filmemachen - deshalb ist er 1975 aus Südkorea nach New York gekommen. Als Filmstudent konnte er damals keine ausländischen Filme auftreiben und eröffnete deswegen den ersten Videoverleih. Kim produzierte die 1996 erschienene Komödie "Farewell, my Darling", die beim Montrealer Filmfestival den Preis für die beste künstlerische Leistung erhielt. Im Mai 2005 sollen die Dreharbeiten zu einem neuen Film beginnen, der Auftakt für eine Trilogie nach dem Vorbild von Dantes " Inferno" sei und die "höllische Gesellschaft in Amerika" beschreiben soll.

Im Grunde seines Herzens ist Kim nicht Geschäftsmann oder Filmemacher, sondern Weltverbesserer. 2005 will er einen 1000 Quadratmeter großen Laden in Jersey City aufmachen, gleich auf der anderen Seite des Hudson River, wo sich in einer Hand voll Hochhäuser eine Mini-Wall-Street herausbildete - dorthin lagern Goldman Sachs oder Morgan Stanley wegen niedriger Steuern und günstiger Immobilienpreise ganze Abteilungen aus. Den Yuppies will er "beibringen, gute Filme wertzuschätzen", sagt Kim. "Schließlich trägt jeder humanistische Werte in sich."


Links: Die Pizzeria Totonno's. Hier gibt es Pizza. Und die wir aufgegessen, sonst gibt's zum Nachtisch Probleme.
Rechts: Videothekenbesitzer Yongman Kim: Kennst du Wong Kar-Wai? Nein? Kannst du gleich wieder gehen.

Totonno's
1544 Second Avenue, 10028 New York 462 2nd Avenue, 10016 New York
125 Tuckahoe Road, 10710 New York

No Slices

Am Eingang klebt ein riesiges Schild: keine Pizzastücke. Darunter druckte Louise Ciminieri eine Viertel Pizza mit einem Strich durch. Über der Theke hängt die Speisekarte: Pizza. Darunter sind eine Hand voll verschiedener Beläge wie Salami oder Pilze aufgelistet. Sonst gibt es nur noch Getränke. Die Pizzabeläge führten sie widerwillig ein, um "den Leuten einen Gefallen zu tun", so Louise. Auf keinen Fall kann man zwei verschiedene Beläge auf eine Pizza bekommen. Serviert wird auf Papptellern. Kunden, die keine ganze Pizza schaffen oder Ananas draufhaben wollen, können gleich wieder gehen. "Die sind es nicht wert", sagt Louises Sohn Vincent Ciminieri und schwingt in aller Seelenruhe einen perfekten Kreis aus dem avocadogroßen Teigklumpen.

Über die freundliche Art von Louise und Vincent hätte Onkel Pero den Kopf geschüttelt. Mehr als 40 Jahre terrorisierte Jerry Pero die Kunden auf kunstvolle Weise. Den Laden öffnete er manchmal nur für vier Stunden am Tag oder nur am Wochenende - Louise und Vincent haben fünf Tage in der Woche geöffnet. War der Teig zu Ende, schloss Jerry zu - auch wenn Leute Stunden in der Warteschlange ausgeharrt hatten. Aufmucken war gefährlich, erinnert sich Louise: "Sind Sie in Eile? Raus", brüllte er zappelnde Kunden an. Schreiende Kinder waren dem ewigen Junggesellen genauso verhasst. "Es ging zu wie im Zoo", sagt Louise.

Trotzdem arbeitete Jerry hart. In den vier Tagen, an dem Totonno's geschlossen war, hockte der Onkel die ganze Zeit im Geschäft, bereitete den Teig vor oder putzte den Boden. "Er ist einmal nach Atlantic City gefahren, sonst hat er nie Urlaub gemacht", erzählt Louise. Auf die Frage, warum die Pizzeria nicht länger offen wäre, pflegte Jerry zu antworten: "Ich bin nicht verheiratet." Jerry starb Anfang der Neunziger an Nierenversagen. "Er war der Liebste, wenn keine Kunden da waren", sagt Louise. Unter ihrer Regentschaft veränderte sich Totonno's, seit 1997 gibt es drei Ableger, davon zwei in Manhattan. Obwohl Louise harsche Auflagen machte - exakt gleiche Kohleöfen, Ausbildung der Pizziolos bei Totonno's -, schmeckt die Pizza im Originalladen immer noch am besten.

Gegründet wurde Totonno's von Anthony Pero. Der Bäcker aus Neapel sprach kein Wort Englisch, als er um die Jahrhundertwende im Lebensmittelladen von Gennaro Lombardi anfing. Lombardi verkaufte seit 1897 als Erster in den USA Pizza. 1924 machte sich Anthony in Coney Island, dem alten Vergnügungsviertel mit Holzachterbahn und Kirmesbuden, selbstständig und benannte den Laden seinem Spitznamen entsprechend "Totonno's". Weil Lombardi's 1984 zumachte, ist das Geschäft in drei Jahren die am längsten familienbetriebene Pizzeria der USA.

Das Rezept hütet Louise. Es wird nur reines Olivenöl verwendet, und die Tomaten kommen aus Italien, sie sind "sehr teuer", die Marke verrät sie nicht. Den schwach gesalzenen Mozzarellakäse stellt ein Italiener in Brooklyn her.

Entscheidend aber ist der Kohleofen aus Ziegelsteinen und Metallverkleidung. Auf keinen Fall darf es ein Gasofen sein, bei dem die Hitze nur von oben kommt. In dem kann man keinen Mozzarella verwenden, sondern nur " diesen Pizza-Müll-Käse, aus dem beim Erhitzen das gelbe Zeug herausläuft - das sind Öl und Konservierungsstoffe") sagt Louise und schüttelt sich. Anders als ein Gasofen, in dem man die Wärme konstant einstellen kann, variiert der Kohleofen je nach Beanspruchung. "Mal haben wir viel zu tun, und er wird zu kalt, mal haben wir wenig zu tun, und er wird zu heiß. Das ist eine schwierige Sache." Daher stammen übrigens die typischen schwarzen Punkte unter einer Pizza - wer sich darüber beschwerte, hatte bei Jerry gleich Hausverbot.

Das Resultat ist phänomenal: dünner, knuspriger Pizzateig mit herrlich frischem Tomatengeschmack und köstlich zarten Mozzarellafäden. Die Gourmetgruppe Tastingmenu.com aus Seattle testete im März 2003 die wichtigsten Pizzerien in New York und benotete sie nach Kruste, Soße, Käse und Faltbarkeit. Totonno's siegte mit 19 von 25 Punkten deutlich vor John's mit 15 und Lombardi's mit knapp 13 Punkten. Das Kriterium " Faltbarkeit" wurde nachträglich von der Gruppe als irrelevant kritisiert, aber auch ohne es siegt Totonno's mit noch größerem Abstand. Doch solche Rankings braucht Louise nicht zu lesen: "Natürlich machen wir die beste Pizza in New York", und weil die typisch dicke Pizza aus Chicago sowieso mehr einer Lasagne gleiche, "machen wir natürlich auch die beste Pizza der USA".


Soup Kitchen: Benimm dich. Und quatsch den Chef nicht an.

Soup Kitchen International
259 West, 55th Street, 10019 New York

Pick the soup you want! Have your money ready! Move to the extreme left after ordering!

Der Laden ist zu, kein Schild hängt draußen und erklärt, warum die Suppenküche mittags um halb eins geschlossen ist. Ist es etwa der falsche Monat? Alles stimmt, Jahreszeit, Uhrzeit, Adresse, aber man kann nichts machen. Die Kunden gehen in den nicht ganz so berühmten Carnegie Deli um die Ecke.

Wieder hat der "Suppen-Nazi" zugeschlagen. Mit schwarzem Haar, steinernem Gesicht und Küchenkittel mit hochgeschlagenem Kragen sieht Yeganeh Furcht einflößend aus. Geldverdienen ist für ihn zweitrangig: Die Soup Kitchen International auf der 55. Straße in New York ist nur von November bis Mai von 12 bis 18 Uhr geöffnet - nur dann gibt es Suppe mit Meeresfrüchten, Truthahn-Chili oder Pilzen und Gerste.

Der harsche Ton des Chefs hält Touristen wie Geschäftsleute nicht ab. Im Gegenteil: Oft reicht die Warteschlange um den Block herum. Um einen " effizienten und schnellen Service" zu gewährleisten, hängte Yeganeh ein Schild mit drei Regeln auf: Schnell Suppe aussuchen, das Geld abgezählt bereit haben und rasch in die äußerste linke Ecke treten. Dazu gilt das ungeschriebene Gesetz: um keinen Preis Smalltalk mit Yeganeh halten.

Die Behandlung ist so absurd und ruppig, dass Yeganeh in "Seinfeld", der in den USA erfolgreichsten TV-Comedy aller Zeiten, 1995 als "Suppen-Nazi" unsterblich wurde. Drehbuchautor Spike Fereslen wohnte in der Nähe und schrieb seine Erlebnisse mit Yeganeh ins Drehbuch - vielleicht ein bisschen übertrieben. So steht George, einer der vier Hauptfiguren, stundenlang in der Schlange, vergisst aber beim Bestellen das Brot: " Brot, zwei Dollar extra", sagt der Schauspieler, der den Suppen-Nazi spielt und dafür für den Emmy-Award vorgeschlagen wurde. "Aber jeder vor mir hat es umsonst bekommen." "Du willst Brot?" - ,Ja, bitte." - "Drei Dollar." - "Wie bitte?" - "Jetzt gibt es auch keine Suppe mehr", schreit der Maestro und reißt George die Tüte weg.

Auf den Suppen-Nazi darf man Yeganeh nicht ansprechen. Eine der "Medien-Regeln" auf seiner Website lautet: "Kein N-Wort" (wie er auch nie über seine Herkunft oder persönliche Dinge spricht). Den Hauptdarsteller von Seinfeld nennt er "Jerry, den Clown" und besteht darauf, dass er die Sendung berühmt gemacht hätte und nicht umgekehrt. "Ich bin reich", sagt Yeganeh, "und war bereits vor Seinfeld." Lange Zeit begnügte er sich mit seinem kleinen Laden, obwohl seit Seinfeld zahlreiche Geschäftsleute die Soup Kitchen International als landesweite Kette aufziehen wollten. Doch alle machten den gleichen Fehler. Sie sagten: Gib uns den Namen, den Rest erledigen wir. Yeganeh winkte ab.

John Bello war klüger und bot Yeganeh zusammen mit 15 Investoren eine Partnerschaft an. Bello kennt sich aus. Vorjahren gründete er den Erfrischungsgetränke-Hersteller South Beach Beverage, heute ist er Chairman und CEO von Soup Kitchen International. Yeganeh hält 20 Prozent am Franchise-Unternehmen und kassiert fünf Millionen Dollar im Jahr an Lizenzgebühren - falls bestimmte Wachstumsvorgaben eingehalten werden. Das Wichtigste aber: Er kontrolliert die Suppenherstellung. In der Suppenfabrik in New Jersey drillt er derzeit seine Mitarbeiter. Als er dort zum ersten Mal auftauchte, hörten die Aushilfsköche Radio. Wutentbrannt schnitt Yeganeh die Lautsprecherkabel durch. Anrufe auf dem Handy sind streng verboten. Überhaupt wird jede Ablenkung vom Suppenkochen geahndet.

Yeganeh hängte ein Plakat in seinen Laden mit dem knappen Hinweis:, Jetzt Franchising". Sonst gab es keine Werbung. Trotzdem erhielt das Unternehmen hunderte E-Mails von Interessenten aus den gesamten USA. Die Bedingungen: 30 000 Dollar sind für den Namen zu zahlen. Fünf Prozent des Umsatzes muss man jährlich abführen. Natürlich muss der Bewerber die Tauglichkeitsprüfung von Yeganeh überstehen. Der sucht nach Gründungswilligen, die sich mit Lebensmitteln und Hygiene auskennen und "eine Leidenschaft für Suppenqualität" besitzen.

Auch in den Geschäftsalltag mischt sich Yeganeh ein. Jede Werbung mit Seinfeld ist untersagt. Aus dem Entwurf für das Anschreiben an potenzielle Franchise-Nehmer strich Yeganeh drei Satzwendungen: "Lieber", "Wir warten auf Ihre Antwort" und "Danke schön". Was einen an die Stelle bei Seinfeld erinnert, in der Elaine versucht, mit dem Suppen-Nazi zu schäkern: "Hat Ihnen jemand gesagt, dass Sie genauso aussehen wie Al Pacino in ,Duft der Frauen'?" "Sehr gut, sehr gut", sagt der Suppen-Nazi und verengt seine Augen zu Schlitzen. "Nun, ich..." - "Wissen Sie was?" - "Hm?" - " Keine Suppe für Sie!" - "Was?" - " Kommen Sie in einem Jahr wieder. Nächster!"